Erschienen am: 03.03.2017, Ausgabe SPS-MAGAZIN 3 2017

Stuttgarter Innovationstage 2017

Die Zukunft, die Steuerung und die Cloud

Wie kommt die Steuerung in die Cloud? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Forschungsprojekt Picasso über die vergangenen drei Jahre. Ende Januar lud das Institut für Steuerungstechnik der Uni Stuttgart zur Abschlussveranstaltung, den Stuttgarter Innovationstagen. Dort wurden zum einen die Ergebnisse und Erfahrungen des Projektes vorgestellt. Zum anderen ließ sich aus den hochkarätig besetzten Vorträgen eindrucksvoll ableiten, wie weit die Cloud bereits Einzug in industrielle Anwendungen und Prozesse gehalten hat.


Bilder: Universität Stuttgart, ISW

Kaum waren die ersten Stuttgarter Innovationstage vorüber, da stand bereits der Termin für die zweite Ausgabe des Kongresses fest. Entsprechend zufrieden waren die Veranstalter mit dem Abschluss des Forschungsprojektes Picasso. "Unsere Erwartungen in die Stuttgarter Innovationstage haben sich mehr als erfüllt", unterstreicht Felix Kretschmer, ISW-Gruppenleiter und Organisator der Veranstaltung. "Die Stimmung war durchweg ausgezeichnet, die Referenten hochkarätig, genauso wie ihre Themen, und die Besucher interessiert und auf aktiven Dialog aus." Dementsprechend sei die Entscheidung für eine Folgeveranstaltung nicht schwer gefallen (30. und 31. Januar 2018).

Erfolgreiche Premiere der Stuttgarter Innovationstage

Zur Premiere der Stuttgarter Innovationstage waren rund 200 Teilnehmer am 24. und 25. Januar ins Stuttgarter Maritim Hotel gekommen. Der Kongress, organisiert als gemeinsame Veranstaltung von ISW und Fraunhofer IPK in Kooperation mit dem SPS-MAGAZIN, und gleichzeitig Abschlussveranstaltung des Forschungsprojektes Picasso verfolgte zwei Stoßrichtungen: Ein Teil der Vorträge ging konkret auf die während der Projektlaufzeit gesammelten Ergebnisse des Projektes ein, das sich seit 2013 mit der Maschinensteuerung aus Cloud-Umgebungen beschäftigte. Den zweiten Teil des Kongresses gestalteten Referenten aus Industrie und Forschung mit Vorträgen zu eigenen Lösungen, Leuchtturmprojekten und Erfahrungen aus dem Umfeld industrieller Cloud-Anwendungen. Darunter befanden sich Projektpartner wie Bosch oder Kuka, Automatisierungsspezialisten wie Beckhoff oder Phoenix Contact sowie Maschinenbauer wie Trumpf oder Homag.

Von technischen Voraussetzungen bis zu Mehrwertdiensten

Angetrieben von der hohen Skalierbarkeit und dem Ressourcenreichtum von Cloud-Plattformen, stand es im Fokus von Picasso, Vorteile auch für die industrielle Steuerungstechnik nutzbar zu machen. Deshalb drehte sich der erste Tag der Veranstaltung sehr eng um die Cloud, deren technische Voraussetzungen sowie bereits verfügbare Konzepte und Ansätze. Der zweite Kongresstag ging vorrrangig auf die Peripherie, auf verschiedene Möglichkeiten von cloudbasierten Mehrwertdiensten sowie auf passende Geschäftsmodelle ein. An beiden Tagen hatten Teilnehmer die Möglichkeit, die während der Laufzeit des Picasso-Projektes entstandenen Demonstratoren im ISW - nur wenige hundert Meter entfernt vom Veranstaltungsort - live zu erleben.

Das Picasso-Projekt und seine Initiatoren

Prof. Alexander Verl, Leiter des ISW, übernahm die Begrüßung der Kongressteilnehmer und startete mit einer Anekdote aus dem Jahr 2013. Damals wurde der Projektvorschlag zu Picasso von der DFG nämlich zunächst einmal abgelehnt - mit der Begründung, das Projekt sei nicht von Bedeutung und nicht realisierbar. Erst im zweiten Anlauf, quasi weil die Initiatoren nicht locker ließen, war der Vollantrag zu Picasso beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erfolgreich. Bei seiner Einleitung ging Prof. Verl auch auf die weiteren Forschungsprojekte und Technologietrends ein, mit denen sich das ISW aktuell beschäftigt. Anschließend stellte Prof. Jörg Krüger die Schwerpunkte der Forschungsarbeiten seiner Mitarbeiter vom Fraunhofer IPK und der TU-Berlin im Projekt Picasso und ebenfalls weitere Initativen, Projekte und Tätigkeiten in Richtung Industrie 4.0 vor.

Technischer und gesellschaftlicher Wandel

Den Leitvortrag am ersten Kongresstag hielt der Bosch-Vorstandsvorsitzende Rolf Najork. Unter dem Titel 'Connected World' erörterte er bedeutende Veränderungen der vergangenen Jahre - technisch wie gesellschaftlich - sowie die rasant wachsende Vernetzung. Die daraus resultierenden Potenziale für die Automatisierung stellte Najork dann dem bereits heute erschlossenen Stand gegenüber. Industrie 4.0 ist seiner Ansicht nach noch zu stark vom Ungefähren getrieben. Man müsse sich mehr auf die Frage konzentrieren: Was bringt Industrie 4.0 dem Kunden? In diesem Zusammenhang skizzierte Najork die eigene Lösung der IoT-Cloud und IoT-Suite. "Wir sind nicht nur Anbieter, sondern mit 270 eigenen Werken rund um den Globus auch Anwender." Najork rechnet mit dramatischen Kosteneinsparungen sowie bis zu 25 Prozent Produktivitätssteigerung und zieht dementsprechend Bilanz: "Industrie 4.0 ist kein Hype - Industrie 4.0 liefert!"

Erfahrungen aus dem Projekt Picasso

Anschließend ging es ganz konkret um den Picasso-Ansatz der Steuerungstechnik aus der Cloud. Dr. Jan Schlechtendahl und Felix Kretschmer zeigten im Rahmen ihres Beitrages die heutigen Grenzen von cloudbasierter Steuerungstechnik auf. Die beiden Projektkoordinatoren gingen auf die Motivation des Projektes ein, sprachen über Handlungsfelder, Strategien sowie Herausforderungen - hier sind vor allem drei Punkte zu nennen:

  • • Herausforderung 1: Wie findet die Steuerung ihre Anlage?
  • • Herausforderung 2: Physikalische Grenzen der Übertragung
  • • Herausforderung 3: Instabilität der Netze

Im Vortrag wurden natürlich auch die Strategien und Lösungswege aufgezeigt, mit denen das ISW diesen Herausforderungen begegnet ist, z.B. der Ansatz 'Gelbe Seiten für Industrie 4.0' oder die Verwendung von Edge-Clouds. Zusammenfassend stellten Schlechtendahl und Kretschmer fest: Cloud-Technologien gewinnen zunehmend an Bedeutung für die Steuerungstechnik. Picasso hat - unter Berücksichtigung physikalischer Grenzen und Co. - erste Möglichkeiten aufgezeigt und in Form von Demonstratoren realisiert. Dennoch sind verschiedene kommunikationstechnische Herausforderungen zu lösen. Das SPS-MAGAZIN hat die Schlussphase von Picasso mit einer Artikelserie begleitet (SPS-MAGAZIN 6/2016 bis 12/2016).

Breites Themenspektrum rund um die Cloud

Die folgenden Vorträge behandelten die industrielle Cloud hinsichtlich Robotik as a Service, Apps und Mehrwertdiensten, Servicekonzepten sowie integrierten SPSen. Zudem gingen die Referenten am Nachmittag auf die Themen Virtualisierung in Echtzeit, Echtzeit in Weitverkehrsnetzen oder virtuelle Robotersteuerung ein. Den offiziellen Abschluss des ersten Programmes am ersten Tag bildete eine Podiumsdiskussion, die unterschiedliche Blickwinkel auf die Steuerung aus der Cloud beleuchtete: Als Experten auf dem Podium vertreten waren Prof. Oliver Riedel (ISW), Ernst Esslinger (Homag), Heinrich Munz (Kuka), Dr. Dieter Scheifele (ISG) und Dr. Andreas Gladisch (Telekom Innovation Labs).

Geschäftsmodelle des Maschinenbaus im Wandel

Den Auftakt am zweiten Tag übernahm Dr. Stephan Fischer mit dem Vortrag 'Neue Geschäftsmodelle durch Industrie 4.0'. Dabei zeigte der Leiter der Software-Entwicklung bei Trumpf auf, in welchem Wandel sich der Maschinenbauer aktuell befindet. Als Early Adopter der industriellen Cloud kann Trumpf mit dem Tochterunternehmen Axoom bereits auf einen marktfähiges Cloud-Konzept verweisen. Fischer beschrieb in seinem Beitrag anschaulich, welche Herausforderungen dafür zu stemmen waren und welche Vorteile sein Unternehmen, aber auch andere Firmen heute schon aus der Cloud-Lösung ziehen können. "Wenn man erfolgreich sein will, muss man komplett offen sein", resümiert Fischer die neuen Möglichkeiten der industriellen Cloud und daraus resultierende Geschäftsmodelle. Es sei im Wandel jedoch unerlässlich, trotz aller neuen Möglichkeiten und Technologien den Blick auf das Einfache nicht zu verlieren.

Cloud-Mehrwerte und daraus resultierende Dienstleistungen

Ein weiteres Highlight am zweiten Kongresstag war das Thema der Mehrwertdienste und deren Verwaltung aus der Cloud. Der gleichnamige Vortrag von Axel Vick (TU-Berlin) und Moritz Chemnitz (Fraunhofer IPK) orientierte sich an den Aufgabenstellungen und Erfahrungen des Picasso-Projektes. Zentrale Aspekte waren die Transformation der Automatisierungspyramide und damit der Fabriksteuerung, Mehrwert durch unbegrenzte Rechenleistung und Speicher sowie die Verwaltung von Software und Versionsmanagement in der Datenwolke. Die weiteren Themen am zweiten Kongresstag gingen auf die Siemens-Cloud Mindsphere ein sowie auf cloudbasiertes CAM oder Security. Auch ein Blick über den technischen Tellerrand in die Welt von Recht und Haftung in industriellen Cloud-Anwendungen war Teil des Programmes. (mby)