Erschienen am: 27.03.2017, Ausgabe SPS-MAGAZIN 4 2017

Interview mit Trendforscher Torsten Rehder

"Berufsbilder und Qualifikationen können sich komplett verändern"

Wie gehen Unternehmen das Thema Industrie 4.0 an? Und welche Fähigkeiten benötigen Mitarbeiter, um diese Entwicklung zu begleiten? Antworten auf diese Fragen gibt Trendforscher Torsten Rehder im Gespräch mit dem SPS-MAGAZIN.


Zur Person

Der studierte Betriebswirt Torsten Rehder ist Trend Supervisor beim Unternehmen Trendone. Zudem ist der 38-Jährige Herausgeber und Autor der Trendbooks 2010, 2012 und 2015 sowie des Survival Guide for Innovators. Ausserdem ist er als Dozent für Trendforschung tätig.

Wo bleibt der Mensch in der digitalisierten Welt? Ist er zukünftig nur noch Konsument und erübrigt sich für ihn die Arbeitswelt?

Torsten Rehder: Es gibt verschiedene Studien und Prognosen, die uns schmerzhafte Veränderungen vorhersagen. Aber unterm Strich wird es auch in Zukunft noch ausreichend Arbeit für uns alle geben - und diese wird sogar angenehmer, besser und produktiver als heute sein. Damit das jedoch gelingt, müssen Bildung und Ausbildung an die Anforderungen der neuen Arbeitswelt angepasst werden. Daher ist vor allem die Politik gefordert, da sie bereits heute die dafür notwendigen Maßnahmen initiieren muss.

Demnach sollte sich die Politik mehr Gedanken über die Qualifikation der Menschen als über ein bedingungsloses Grundeinkommen machen?

Rehder: Die Politik muss sich überlegen, wie diese Rendite, die durch die Automatisierung entsteht, umzuverteilen ist. Sie sollte teilweise den Menschen zugutekommen, welche die Qualifizierungslücke nicht mehr schließen können. Vor allem aber muss ein sehr großer Anteil der Automatisierungsrendite in die Bildung, Forschung und Entwicklung fließen und darf nicht komplett in den Unternehmen verbleiben. Auf diese Art und Weise kann es in Zukunft funktionieren. Ausserdem: Es ist ja nicht die erste große Veränderung, die wir in der jüngeren Vergangenheit erleben. In den vergangenen 200 Jahren haben wir das schon ein paar Mal durchgemacht und auch dieses Mal wird vieles ähnlich sein.

Obwohl viele Prozesse in der Industrie längst automatisiert wurden, gibt es so viele Beschäftigte wie noch nie in Deutschland.

Rehder: Ja, und diese weggefallenen Tätigkeiten sind keine, nach denen die nächste Generation strebt. Sie übt den Job nicht primär zum Geldverdienen aus, sondern weil sie zumindest ein Stück weit etwas Sinnhaftes machen möchte. Das mag sehr romantisch klingen, aber wir haben jetzt die Chance, zu definieren, was wir in Zukunft tun und was wir eben nicht tun wollen. Nehmen Sie zum Beispiel den Gesundheitsbereich. Dort wird es keine Pflegeroboter geben, die den Menschen aus dem Bett holen und unter die Dusche stellen. Es wird aber ganz bestimmt Pflegekräfte geben, die Exoskelette tragen und mit deren Hilfe sie schwere Personen leichter anheben und so Rückenschäden vorbeugen können. Das sind ja alles gute und positive Aspekte, die uns der Wandel bringen kann.

Zeichnet sich denn bereits ein Trend ab, welches die idealen Fähigkeiten von morgen sein werden?

Rehder: Das Gemeine ist, dass sich Berufsbilder und Qualifikationen innerhalb weniger Jahre komplett verändern können. Ein gutes Beispiel dafür sind Programmiersprachen. Wer eine solche lernt und nun glaubt, er habe jetzt einen sicheren Job bis zur Rente, irrt sich gewaltig. Zukünftig wird uns das lebenslange Lernen permanent begleiten. Die Generation, die jetzt in den Arbeitsmarkt kommt, hat das bereits verstanden. Diese weiss, dass sie ihre Qualifikation permanent wie ein Computerprogramm updaten muss.

Führt dieser Zwang zum permanenten Update aber nicht über kurz oder lang zu einem Systemausfall oder Burnout?

Rehder: Es geht nicht darum, der beste Programmierer zu werden. Es geht auch nicht darum, der beste Autor zu werden, nur weil ich lesen und schreiben kann. Es geht vielmehr darum, die Mystifizierung ad acta zu legen und Dinge und Entwicklungen selber zu verstehen und aus diesem Grundverständnis heraus zu handeln. Wenn ich das nicht habe, fällt es mir eben schwer, gewisse Sachen zu verstehen und daraus richtige Handlungsweisen abzuleiten.

Durch die Digitalisierung werden Produkte günstiger und die Margen kleiner. Doch gerade die Marge benötigen Unternehmen, um die Kosten der Digitalisierung zu bezahlen. Wie soll das gehen?

Rehder: Es gibt einen guten Spruch, der lautet: Was kostet es mich, wenn ich jetzt nicht investiere? Sicherlich lässt sich diese Frage nicht final beantworten, aber von einem bin ich überzeugt: Die Entscheidung für oder wider digitale Transformation sollte nicht alleine beim CFO liegen. Sonst könnte in manchen Unternehmen die Gefahr bestehen, dass es in zehn Jahren überhaupt nichts mehr zu investieren gibt.

Und wie lautet nun Ihre Empfehlung für Unternehmen, die sich bislang nur am Rande mit Industrie 4.0 befasst haben? Wo sollten Sie Ihrer Meinung nach investieren?

Rehder: Es gibt leider keine Zauberformel, die sich pauschal anwenden lässt. Digitalisierung bedeutet für jedes Unternehmen etwas anderes. Wichtig ist zunächst einmal eine Bestandsaufnahme, um zu wissen, wie dieser erste Schritt, dieser erste Gehversuch aussehen könnte. Daraus leitet sich dann ein Pilotprojekt ab, das auch dazu dient, hinzuzulernen und Erfahrungen zu sammeln. Es ist ja nicht so, dass es genügt, einen Schalter umzulegen, damit aus meiner Industrie, die vorher 3.0 war, plötzlich 4.0 wird.

Demnach ist der Schritt hin zu Industrie 4.0 nicht zwingend eine Frage des Geldes?

Rehder: Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Dieser kann sein, dass sich ein kleines Team Gedanken macht, wie sich Prozesse vereinfachen oder verbessern lassen - und sei es nur im Bereich Maintenance, wo man sagt, man will weg vom Papier. Jetzt wird mancher denken, in den Unternehmen sei das längst umgesetzt, aber das ist längst nicht so. Selbst bei großen Airlines stehen die immer noch mit einem Klemmbrett und übertragen später ihre handschriftlichen Notizen in ein digitales System. Das ist doch Wahnsinn. Wer sich anfangs eher an solch kleine Prozesse wagt, kann aus diesen sehr viel lernen und danach grössere Projekte selbstbewusster angehen.

Sie sind Trendforscher, tragen aber eine Armbanduhr, bei der Sie noch analog von Sommer auf Winterzeit umstellen müssen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Rehder: Ich hänge an dieser Uhr, weil sie mich an meine Kindheit erinnert. Und das ist ja genau das, was uns Menschen von Maschinen unterscheidet. Bei uns lösen ganz gewöhnliche Dinge Erinnerungen und Gefühle aus, zu denen Maschinen überhaupt nicht in der Lage sind. Und trotz aller Technik, die da kommen wird, sitzen wir auch in Zukunft abends mit unserem Partner oder unserer Familie zusammen und tauschen uns aus. Dies gilt auch fürs Geschäftsleben. Sicher nehmen virtuelle Konferenzen zu, aber die persönlichen Gespräche wird es weiterhin geben, da ein Handschlag und das sich gegenüber Sitzen irgendwas in unseren Synapsen auslöst, was sonst nicht passieren würde.

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