Erschienen am: 11.08.2017, Ausgabe SPS-MAGAZIN 8 2017

Expertenforum zum Thema Digitalisierung

"Nicht auf den Schmerz warten"

Am 20. und 21. Juni 2017 ging es bei der Veranstaltung 'Quo Vadis Automation' um Herausforderungen und Potenziale, die sich durch die Digitalisierung in der Fertigungsindustrie ergeben. In den Räumlichkeiten der Firma Fastems Systems im niederrheinischen Issum erhielten die Besucher anhand zahlreicher Vorträge, aber auch ganz praktisch auf der gleichzeitig stattgefundenen Fachausstellung Anregungen, wie sie ihre individuelle digitale Strategie entwickeln können.


Karl-Heinz Land, Gründer der Strategieberatung Neuland: "Die Neuverteilung der Welt findet bereits statt."
Bild: TeDo Verlag GmbH

Die gesamtgesellschaftliche Dimension dieser Entwicklung umriss zunächst Karl-Heinz Land, Gründer und Geschäftsführer der Kölner Strategieberatung Neuland, in seinem Vortrag 'Dematerialisierung - Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus'. Land schilderte dabei die Transformation der Wertschöpfungskette von physisch vorhandenen Dingen wie Autos, Geld oder Maschinen hin zu Software, Plattformen und Dienstleistungen. "Bereits heute befinden sich unter den Top 10 der weltweit erfolgreichsten börsennotierten Unternehmen sechs Softwarefirmen. Das heißt die Neuverteilung findet bereits statt", gab Land zu bedenken. Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung seien in vollem Gange und würden künftig Gesellschaft und Wirtschaft gleichermaßen prägen. Unternehmen, die auch künftig erfolgreich sein möchten, benötigen eine digitale Vision, so Lands These: "Wenn ich heute Verantwortung für ein Unternehmen trage, das Autoschlüssel herstellt, aber weiß, dass morgen diese Autoschlüssel durch eine App ersetzt werden, muss ich mich umgehend fragen, wie ich meine Firma künftig ausrichten will. Brauche ich wirklich noch Arbeitskräfte zum Drehen, Fräsen oder Spritzgießen, oder sollte ich mich nicht eher nach Webentwicklern oder Security-Spezialisten umsehen?" Digitaler Darwinismus entstehe dann, wenn sich Gesellschaft und Technologien schneller veränderten, als Unternehmen und Organisationen sich anpassten.

Auf Strategiesuche

Wie aber entwickele ich die richtige digitale Strategie? Viel wichtiger als die Nutzung neuer Technologien, so Tomas Hedenborg, CEO von Fastems, sei beispielsweise das Hinterfragen, ob eine Firmenkultur noch zeitgemäß sei oder der digitalen Strategie vielleicht im Wege stehe. Hierbei dürfe man auch vor grundlegenden Veränderungen, wie etwa der Abschaffung von innerbetrieblichen Hierarchiestufen, nicht zurückschrecken. Ein maßgeblicher Faktor sei es, als Unternehmer die Ziele seiner Kunden zu kennen und sich darüber klar zu werden, wie man diesen bei der Erreichung ihrer Ziele helfen kann. "Ein gutes Beispiel hierfür ist die Web-Plattform Airbnb. Die Gründer haben erkannt, dass es eine große ungenutzte Ressource, nämlich Wohnraum, gibt, die auf einen Bedarf nach bezahlbaren Übernachtungsmöglichkeiten trifft. Daraufhin wurde eine Plattform geschaffen, die Angebot und Nachfrage auf einfache Weise zusammenführt", so Hedenborg. Karl-Heinz Land stößt in das gleiche Horn: "Zukünftig wird es in jedem Wirtschaftsbereich einen Uber oder Airbnb geben. Unternehmensverantwortliche müssen sich also drei Grundfragen stellen: 1. Wie steht es um die digitale Reife meiner Firma? 2. Wohin wollen wir uns entwickeln? 3. Wie komme ich in diesem Zusammenhang zu neuen Geschäftsmodellen? Hierzu benötige ich einen klaren Fahrplan." In Bezug auf den Maschinen- und Anlagenbereich erwähnt Tomas Hedenborg Untersuchungen, wonach weltweit die kumulierten installierten Fertigungskapazitäten zu lediglich 10 Prozent ausgelastet seien. Aus dieser Tatsache heraus ließen sich zum Beispiel möglicherweise neue Geschäftsmodelle entwickeln. Im Gespräch mit dem SPS-MAGAZIN zeigt sich der Fastems-CEO davon überzeugt, dass die Schaffung einer Stabsstelle des Chief Digital Officer ein erster wichtiger Schritt sein könne. "Die Aufgabe dieses CDO muss es sein, sich bei seiner Tätigkeit innerhalb von drei bis fünf Jahren selber überflüssig zu machen", so Hedenborg. Leider sei es häufig so, dass es bei der Revision von gegenwärtig noch gut funktionierenden, profitablen Geschäftsmodellen im Hinblick auf ihre Zukunftstauglichkeit erst zu schmerzvollen Erfahrungen kommen muss. "Dabei muss dann der Schmerz groß genug sein, um den Handlungsbedarf zu erkennen. Wenn ich mir aber als Unternehmer einen Vorsprung gegenüber meinen Marktbegleitern sichern möchte, darf ich nicht auf den Schmerz warten", resümiert Hedenborg. Wie es auch anders geht und digitale Strategien in Fertigungsunternehmen erfolgreich implementiert werden können, schilderten Vertreter der Firmen Wila, MTU Aero Engines, Kempf CNC-Technik sowie Daimler in ihren Vorträgen. (jwz)