Erschienen am: 30.10.2017, Ausgabe SPS-MAGAZIN 11 2017

Besser binär bilden?

Der 18. Christiani Ausbildertag in Singen stand klar im Zeichen der Digitalisierung. Wie stellt man Nachwuchs, Mitarbeiter und Führungskräfte auf den bereits stattfindenden Wandel in der Industrie ein? Welche Spielräume gibt es in der Qualifizierung? Welche Rolle kommt der Berufsschule zu? Ist digital automatisch besser? Die zweitägige Veranstaltung, ausgerichtet in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), führte mit insgesamt zwölf Foren Bildungsexperten und Ausbildungspersonal zusammen.


Digitales Lehren und Lernen: Der Christiani Ausbildertags gewährte in zwölf Foren und diversen Expertenvorträgen Einblicke in die Veränderungen im Bildungswesen.
Bild: Dr.-Ing. Paul Christiani GmbH & Co. KG

Die Arbeitswelt ist im Umbruch. Politik, Wissenschaft und Wirtschaft müssen sich fragen, welchen Einfluss die Digitalisierung auf die berufliche Aus- und Weiterbildung hat. Die fortschreitenden Prozesse der Digitalisierung der Arbeit verändern Berufsbilder und schaffen neue Anforderungen und Qualifikationsprofile. Ist die berufliche Qualifizierung, ist die duale Berufsausbildung dafür gerüstet?

Im didaktischen Brennpunkt

Rund um das Thema 'Digitales Lehren und Lernen' eröffneten sich den Teilnehmern des Christiani Ausbildertags in zwölf Foren und etlichen Expertenvorträgen Einblicke in die Veränderungen im Bildungswesen, flankiert durch eine Fachausstellung mit aktuellen Lehr- und Lernmaterialien zur Digitalisierung und Industrie 4.0. Im Workshop Social Virtual Learning wurde VR/AR-Technik gezeigt und diskutiert, wie sich Instandhaltungsstrategien (Condition Monitoring) und damit die genutzten Arbeitsmittel sowie notwendigen Tätigkeiten und Problemlösestrategien verändern. Die Fragestellung, welche Vorteile Virtual und Augmented Reality für die Ausbildung bringen und wie sich Systemverständnis, Problemlösefähigkeit, Fehlersuche und Diagnose mit Datenbrillen besser lehren lassen, stand zur Diskussion mit den Referenten Thomas Hagenhofer (ZFA) und Christian Fehling (SIKoM). Den Teilnehmern wurde dabei ein dreidimensionaler Einblick des Potenzials von Digitalisierung im Bereich Engineering und der Mehrwert von Simulation vermittelt.

Mal ganz anders

Professor Dr. Manfred Künzel (Universität Bern) verfolgt mit 'Flemo' einen gänzlich anderen Ansatz. Das in der Schweiz flächendeckend angewandte didaktische Konzept ermöglicht Auszubildenden selbständig komplexe Zusammenhänge zu erarbeiten, diese konkret darzustellen und ihre Erkenntnisse am eigenen Modell zu erläutern. Ohne bits and bytes - dafür mit unterschiedlichem, begreifbarem Material, welches selbstorganisiertes und kooperatives Lernen fördert und Auszubildenden unterschiedlichster Herkunft und Qualifikation intuitiv ermöglicht zu partizipieren. So sollen die Zusammenhänge der Digitalisierung oder von informationstechnischen Prozessen effektiv nachvollziehbar sein, beispielsweise im Rahmen der Softwareentwicklung.

Simulation für die Industrie

Fischertechnik geht den spielerischen Weg, um die komplexen Zusammenhänge von Industrie 4.0 begreifbar zu machen. Für viele Konzerne, z.B. SAP, Deutsche Telekom oder IBM ist die Marke gesetzt, um die Vorgänge der digitalen Transformation augenscheinlich aufzuzeigen. Hochregallager, Fertigungsstraßen und Sortierer führen einem in der Smart Factory von Fischertechnik zukünftige Produktionsprozesse vor Augen. SAP nutzt das System weltweit in neun Digital Studios, um Ideen zu entwickeln, Kunden zu beraten und auch zu inspirieren. Den Workshop-Teilnehmern auf dem Ausbildertag wurde über die per SAP-Cloudplattform gesteuerte Fischertechnik-Fabrik vor Augen geführt, welche Chancen das Internet of Things für die Industrie bietet. Eine exakt abgestimmte Softwarearchitektur ermöglicht es, von überall her nachzuvollziehen, an welcher Station in der Fertigungsstraße sich ein Produkt gerade befindet. Einzelne Produktionsschritte können analysiert, Bestellungen rechtzeitig ausgelöst und bearbeitet sowie eventuelle Instandhaltungsmaßnahmen vorausschauend geplant werden.

Prinzipien des Maschinenbaus

Mit Lego Education lassen sich auch die Prinzipien des Maschinenbaus und der Wirtschaftsinformatik zugänglich machen. Der Einsatz von solchen Konstruktionssystemen für Ausbildung und Studium, aber auch für Forschung und Entwicklung ist gemäß den Ausführungen des DFKI eine anschauliche Analogie, die Geschäftsprozesse transparent macht und zugleich die Datenszenarien einer Industrie-4.0-Umgebung vorstellbar gestaltet. Bei der Smart-Lego-Factory des DFKI dienen intelligente Lego-Fertigungsmodule der dynamischen Planung, Steuerung und Risikobewertung von Produktionsprozessen unter Verwendung von Prozessausführungsdaten. In der präsentierten Anlage werden Lego-Traktoren in konfigurierbaren Varianten produziert. Der flexible, jederzeit anpassbare Fertigungsprozess basiert auf einem deskriptiven Produktions- und Produktmodell, wobei auch menschliche Akteure, beispielsweise in der Teilezuführung und der Montage, integriert sind. Unter Einsatz eines am DFKI entwickelten Forschungsprototyp zur Analyse von Geschäftsprozessen und Entwicklung von Referenzmodellen wird die gesamte Wertschöpfung in Echtzeit am Modell visualisiert und analysiert. Fehler lassen sich im Vorfeld vermeiden und die Reaktionen der Workshop-Teilnehmer beweisen, dass die praxisorientierten Konzepte mit Lego Education die Digitalisierung flankieren und auch gemäß der Philosophie von Christiani, Wissen attraktiv und motivierend zu vermitteln, über Generationen hinweg trägt.

Nachhaltige Bildung

Als Fazit der Veranstaltung lässt sich festhalten, dass die für viele immer noch sehr abstrakten Themen rund um die digitale Transformation im Sinne einer nachhaltigen Aus- und Weiterbildung mehr Ansätze und Konzepte brauchen, um die Inhalte erfahrbar zu machen - sowohl für Lehrende als auch für Lernende. Christiani nutzt dazu Veranstaltungen wie den Ausbildertag, um Ansätze, Lösungen und deren Mittel in einer Arbeitswelt 4.0 zu konsolidieren und auch zu katalysieren.

Digitalisierung in die Betriebe tragen

"Das sich Technologie verändert, entwickelt, ist keine Erfindung der Neuzeit - technologische Entwicklung ist seit jeher Bestandteil eines jeglichen Wirtschafts- und Arbeitsprozesses", betont Friedhelm Rennhak, Mitglied der Geschäftsleitung bei Christiani. "Und seit jeher finden technische und technologische Veränderungen Einzug in berufliche Qualifizierung, in betriebliche Aus- und Weiterbildung. Die duale Berufsbildung qualifiziert Fachkräfte für die Bewältigung zukünftiger Herausforderungen - und jede berufliche Qualifizierung hat und hatte immer einen gemeinsamen Nenner: gut ausgebildete Ausbilder." Mit EMPA (Experte/-in für Medienpädagogik in der Ausbildung) setzt Christiani genau hier an, um das Thema Digitalisierung in die Betriebe zu tragen. Die Experten der Ausbildung müssen qualifiziert werden, über Sinn und Mehrwert von Digitalisierung in der Aus- und Weiterbildung zu entscheiden. "Nicht die Digitalisierung an sich ist der Mehrwert, sondern die Nutzung von Digitalisierung als Mittel zur Schaffung von Mehrwerten", so Rennhak weiter. Der Ausbildertag biete die Möglichkeit, Ansätze und erste Erfolge zu diskutieren - und verhelfe Ausbildern damit auch zur erforderlichen Souveränität und Gelassenheit, die die duale Berufsbildung traditionell auszeichnet.