Erschienen am: 14.11.2017, Ausgabe SPS-MAGAZIN SPS-Special 2017

Interview mit Renate Pilz

"Werte und Erfolg kommen nicht von alleine"

Über 40 Jahre lenkte Renate Pilz die Geschicke des gleichnamigen Spezialisten für sichere Automatisierung. Zum Jahreswechsel will sie sich aus der Geschäftsführung zurückziehen - dann übernimmt mit Thomas Pilz und Susanne Kunschert die nachfolgende Generation das Steuer des Familienunternehmens. Im Gespräch mit dem SPS-MAGAZIN erklärt Renate Pilz, warum Firmenwerte und Erfolg eng miteinander verknüpft sind, sie blickt zurück auf den Wandel der Branche, aber auch voraus auf die kommenden Herausforderungen von Digitalisierung und Co.


Wir sehen Kundenbindungen, wie wir sie teils seit Jahrzehnten pflegen, als großen Wert. Renate Pilz, Pilz GmbH & Co. KG
Bild: Pilz GmbH & Co. KG

Liebe Frau Pilz, während in der Philosophie vieler Firmen Profit oder Erfolg an erster Stelle stehen, sind dem Unternehmensmotto nach bei Pilz die Werte ganz oben aufgehängt. Woher kommt es, dass Sie diesem Attribut so viel Bedeutung beimessen?

Renate Pilz: Ich bin der Überzeugung, dass man ein Unternehmen nur auf diesem Fundament langfristig erfolgreich aufbauen kann. Das beginnt schon damit, dass wir innerhalb der Firma miteinander entsprechend respekt- und vertrauensvoll umgehen. Wenn ich Mitarbeiter und Kollegen nicht wertschätze, wie kann ich dann die Kunden wertschätzen? Andersherum sehen wir Kundenbindungen, wie wir sie teils seit Jahrzehnten pflegen, als großen Wert. Insofern leben wir unseren Claim 'Werte. Schaffen. Zukunft.' , der diese Haltung auf den Punkt bringt.

Woran machen Sie das fest?

Pilz: Den dahinter stehenden Anspruch kann man nicht einfach verordnen. Man muss ihn als Charaktereigenschaft ausbilden und tagtäglich leben. Und dabei muss man sich mächtig anstrengen und tüchtig arbeiten - das ist der Doppelsinn des Wortes 'Schaffen' in unserem Claim. Werte und Erfolg kommen eben nicht von alleine. Als Belohnung für die Anstrengung wartet dann aber der Dreiklang für langfristigen Erfolg: eine gute Mannschaft als Fundament, kreative Kunden, die innovative Produkte erkennen und nutzen, sowie zuverlässige Zulieferer und Partner. Hier die Balance zu halten, bedeutet einiges an Arbeit - aber ohne dieses Zusammenspiel geht es einfach nicht.

Es gibt ja einige erfolgreiche Unternehmen hier in der Region, die mittelständisch geprägt sind. Ist das beschriebene Werteverständnis auch ein Teil des hiesigen Gemütes?

Pilz: Die Atmosphäre hier in der Region ist schon eine besondere. Aber der Zusammenhang zwischen gelebten Werten und unternehmerischem Erfolg ist nicht ortsabhängig. Ich bin ja viel im Ausland unterwegs gewesen und habe viele unterschiedliche Kulturen kennengelernt. Ein Punkt ist allen gemein: Wenn man anderen Menschen zugewandt ist, sie persönlich wertschätzt und auch ihre Kultur, dann kann man sich überall in der Welt eine gute Grundlage für erfolgreiche Partnerschaften aufbauen. So haben wir unsere Werte über die Pilz-Niederlassungen in die Welt getragen. Das ist, was mir an meiner Arbeit besonders viel Freude gemacht hat.

Sie haben angekündigt, sich zum Jahresende aus der Geschäftsleitung von Pilz zurückzuziehen - nach über 40 Jahren. Bitte blicken Sie nochmal an die Anfänge zurück. Wie ist aus dem Unternehmen Pilz das geworden, was es heute ist?

Pilz: Als Pilz in den 1970er-Jahren anfing, sich mit Elektronik zu beschäftigen, steckte diese - aus der Automatisierungsperspektive betrachtet - in den Kinderschuhen. Die Mechanik war noch die vorherrschende technologische Disziplin. Pilz hat aber schon damals das Potenzial der elektronischen Steuerungstechnik erkannt und schnell auch den steigenden Stellenwert von Sicherheit in der Industrie. Heute ist Safety eine Selbstverständlichkeit. Das Vertrauen in die sichere Automatisierungstechnik musste aber erst aufgebaut werden. Pilz hat es sozusagen als Auftrag empfunden, die Sicherheit zu den Menschen in die Fabrik zu bringen. Dafür war einiges an Überzeugungsarbeit notwendig: Schließlich musste man aufzeigen, dass die Sicherheitstechnik auch mehr Produktivität bedeutet - beim Arbeiter im Sinne der körperlichen Unversehrtheit und beim Unternehmer durch hohe Verfügbarkeit. In der Folge haben wir unsere Produkte mit der Safety als integralem Bestandteil konzipiert - auf technisch sehr hohem Niveau, was das Ganze nicht einfacher gemacht hat.

Wie ist das zu verstehen?

Pilz: Ein gutes Beispiel liefert unsere freiprogrammierbare Sicherheitssteuerung PSS 3000. Deren Technik war damals komplettes Neuland - schon für die Zertifizierungsstellen. Um die Zulassung durch die BG zu erhalten, haben wir sogar dem damaligen Bundesminister Norbert Blüm geschrieben und ihn um Unterstützung gebeten. Heute ist das Geschichte.

Wie kam es dazu, dass Sie als Steuerungshersteller auch die Sensorik mit ins Portfolio aufgenommen haben?

Pilz: Ausschlaggebend waren zwei Punkte. Zum einen die Erkenntnis, dass durch eigene Sensorik auch bei unserer Automatisierungstechnik weitere Verbesserungen möglich sind. Zum anderen kam vermehrt der Kundenwunsch auf, möglichst viel der Sicherheits- und Automatisierungstechnik aus einer Hand zu beziehen. Dieser Ansatz hat wiederum gut zum Selbstverständnis von Pilz gepasst.

Ist der One-Stop-Shop-Gedanke heute immer noch ein wichtiger Aspekt für die Maschinen- und Anlagenbauer?

Pilz: Das ist von Kunde zu Kunde ganz unterschiedlich und an dieser Stelle versuchen wir nicht, den Kunden zu beeinflussen. Natürlich erklären wir die Vorzüge einer Komplettlösung von Pilz, aber wichtiger als der Umfang eines einzelnen Auftrags ist, dass der Kunde wiederkommt.

Die Sensorik ist heute ein festes Standbein des Unternehmens.

Pilz: Ohne Zweifel. Welchen Stellenwert die Sensorik heute bei Pilz hat, lässt sich gut an Lösungen ablesen, die man nur bei Pilz erhält, z.B. das dreidimensionale sichere SafetyEye oder unsere neuen Messgeräte für die Mensch/Roboter-Kollaboration. Eine weitere solche Neuheit zeigen wir auf der SPS IPC Drives: Wir haben die gute alte Trittmatte sozusagen neu erfunden und smart gemacht. Jetzt kann der Anwender seine Maschinen und Anlagen direkt über die Trittmatte steuern und bedienen. Mehr will ich noch nicht verraten, die Details gibt es live auf der Messe in Nürnberg zu sehen.

Welche weiteren Automatisierungsmeilensteine gab es in der Historie von Pilz?

Pilz: Nicht nur unser PNOZmulti, die damals erste konfigurierbare sichere Kleinsteuerung, war ein Meilenstein: Vom Safetybus p als erstem sicheren Kommunikationssystem über ganz neue Eigenschaften bei Diagnose oder Visualisierung bis hin zur aktuellen Steuerungsgeneration PSS 4000 ist eine Vielzahl an Entwicklungen zu nennen. Letztere trug schon bei der Vorstellung das Thema Industrie 4.0 in sich: Denn konzipiert als dezentrale Steuerung bietet sie auch alle Vorteile einer zentralen Steuerung. So kann der Anwender sequenziell sowie parallel entwickeln und doch das Engineering für das gesamte Safety-System durchgängig und in einem Schwung realisieren. Er behält stets den zentralen Überblick.

Wenn man von Industrie 4.0 spricht, ist auch immer von neuen Geschäftsmodellen die Rede, die nicht mehr auf dem Verkauf von Hardware basieren, sondern auf Software und Services. Ist dieser Wandel auch im Hause Pilz spürbar?

Pilz: Services und Beratung sind ein fester Bestandteil im Angebot von Pilz. Nicht, weil wir dieses Geschäftsfeld neu entdeckt hätten, sondern weil uns diese Unterstützung für Kunden schon immer am Herzen lag. Dadurch ist unser Serviceangebot selbstverständlich und organisch gewachsen und neben der Steuerungstechnik und Sensorik zu einer dritten Säule für unser Unternehmen geworden.

Was wird sich denn zukünftig noch alles ändern? Welchen Herausforderungen müssen sich Pilz und die Branche stellen?

Pilz: Was kommen wird, das weiß keiner ganz genau. Aber der Transformationsprozess, der heute bereits überall sichtbar ist, lässt sich nicht aufhalten und wird sicherlich weiter an Dynamik zunehmen. Deshalb werden Offenheit und Wandelbarkeit für Unternehmen zu zentralen Eigenschaften, um die Herausforderungen von Industrie 4.0 und Co. zu meistern.

Werden Unternehmen also scheitern, die eine solche Wandlungsfähigkeit nicht leisten können?

Pilz: Die Gefahr besteht. Deswegen muss man aktuellen Entwicklungen unvoreingenommen begegnen, aber auch kritisch. Es gilt stets sorgfältig zu prüfen, was wirklich einen neuen Nutzen bringt. Pilz hat einen entsprechend drastischen Wandel bereits gemacht: Denn die Wurzeln des Unternehmens liegen ja eigentlich im Glasapparatebau für medizinisch-technische Zwecke. In diesem Bereich kam mit dem Plastik jedoch ein neuer Werkstoff auf, der das Glas mehr und mehr ablöste. Gleichzeitig startete die Elektronik ihren Siegeszug in der Industrie. Pilz hat sich damals komplett umgestellt und damit den Grundstein für den heutigen Erfolg in der Automatisierungstechnik gelegt. Sich diese Fähigkeit zur Wandlung auch weiterhin zu erhalten, das will ich unserem Unternehmen wirklich ins Stammbuch schreiben.

Welche weiteren Empfehlungen oder Wünsche - basierend auf Ihrer langen Erfahrung als Unternehmenslenkerin - wollen Sie der nachfolgenden Generation in der Pilz-Geschäftsführung mit auf den Weg geben?

Pilz: Ich habe in der Geschäftsleitung ja schon zehn Jahre mit meinen Kindern zusammengearbeitet und jeder hatte einen Bereich, den es eigenverantwortlich zu führen galt. Es ist nicht so, dass ich als Mutter automatisch das letzte Wort hatte. Stattdessen hat jeder die Verantwortung für seine Entscheidungen übernommen und getragen. Was nicht heißt, dass wir anstehende Punkte nicht auch oft gemeinsam diskutiert haben. Diese Kombination aus Verantwortungsbewusstsein und der Bereitschaft zum Dialog hat die Führungsmannschaft bei Pilz bisher ausgezeichnet und das wird sie auch weiterhin. Davon bin ich überzeugt. Und darauf aufbauend wird auch das Vertrauensverhältnis zum Kunden bestehen bleiben.

Liebe Frau Pilz, vielen Dank für Ihre Zeit und alles Gute.

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