Erschienen am: 28.03.2018, Ausgabe SPS-MAGAZIN 4 2018

Kundenspezifisch anpassbare HMIs für die Steuerung von Seilbahnen

Sichere Bergfahrt

Moderne HMIs liefern die richtigen Informationen, Daten oder Aufforderungen, zur richtigen Zeit und an den richtigen Ort. Gute Usability und User Experience schaffen dabei Sicherheit und Prozessstabilität. Die Kombination von moderner Software-Oberfläche mit Hardware-Bedienelementen erweist sich dabei als besonders kundenspezifisch anpassbar.


Die Seilbahnbauer von Doppelmayr aus Vorarlberg haben die Steuerung und damit auch die Bedienelemente für die Anwender modernisiert.
Bild: Doppelmayr / Waidoffen

Lange mussten Skifahrer und Einheimische am Arlberg auf ihren Lückenschluss zwischen den Gemeinden Zürs und Stuben warten und dann spielte das Wetter bei der feierlichen Eröffnung auch nicht mit - immer wieder wurde sie verschoben. Dann der große Tag: Musikkapelle, Honoratioren und zahlreiche Schifahrer freuten sich - die Flexenbahn, ein Millioneninvest für die Zukunft des Skigebiets, sorgt für Spaß und ist für die Vorarlberger Gastgeber ökonomisch wichtig. Wenn die Seilbahn zuverlässig fährt, verdienen sie Geld. Moderne Seilbahnen transportieren pro Stunde bis zu 5.000 Menschen auf den Berg - Ausfälle verursachen Frust im Urlaub - das wünscht sich kein Skigebiet. Sicherheit und Prozessstabilität sind deshalb sowohl für Bergbahnbetreiber als auch Maschinenbauer entscheidend. Die Seilbahnbauer von Doppelmayr aus Vorarlberg haben deshalb ihre Steuerung Doppelmayr Connect und damit auch die Bedienelemente an den Bergstationen für die Anwender revolutioniert und im Mai der Öffentlichkeit präsentiert. Doch was macht moderne Bedienelemente aus? "Gute Usability alleine wird es schwer haben. Aber die richtige Mischung aus Kultur, Usability, User Experience und Technik ermöglicht einen stabilen Prozess", erklärt Philipp Maul von Schindler Creations. Das Unternehmen unterstützte die Ingenieure von Doppelmayr bei ihrem Projekt für die sichere, schnelle Bergfahrt. Das Team beobachtete von Beginn an die Bergbahnmitarbeiter in ihrem Arbeitsalltag, analysierte ihre Prozesse, ihre Kommunikation, ihre Befehle und führte mit ihnen zahlreiche Interviews, um ihre Arbeit besser kennenzulernen und herauszufinden, was sie von einer Bedienung erwarten, nämlich dass sie möglichst einfach ist wie ein Smartphone.

Usability und User Experience gehören zusammen

Denn der Anspruch guter Usability und User Experience ist hoch: Dem Bediener sollen individuell die richtigen Informationen, Daten oder Aufforderungen zur richtigen Zeit und am richtigen Ort zur Verfügung gestellt werden, damit er dann die richtige Entscheidung für die aktuelle Situation treffen kann und dieses ihm auch noch nach mehreren Monaten oder Jahren Spaß macht. "Ein Unterschied zwischen Usability und User Experience liegt vor allem darin, dass man eine gute Usability, also Gebrauchstauglichkeit, auch ohne gutes visuelles Design erzielen kann. Darunter leidet aber dann natürlich das Nutzererlebnis, bei dem das emotionale Erleben im Mittelpunkt steht. Die Begriffe hängen also eng zusammen und bedingen sich gegenseitig", meint Tom Cadera, Industriedesigner und Usability-Fachmann. Die Experten sind sich sicher: Gutes Nutzererlebnis ist messbar in höherer Produktivität, verbesserter Bediensicherheit und mehr Prozessstabilität. Denn wenn der Bediener schnell ein Problem am Bedienfeld erfasst oder im Betrieb oder bei der Wartung nicht unabsichtlich durch das Drücken falscher Knöpfe Einstellungen verändert, dann ist der Produktionsprozess sicherer. "In der Vergangenheit gab es eine Oberfläche für alle. Heute fordern Maschinenkäufer individuelle Benutzertypen in der Oberfläche von der Inbetriebnahme, über die Wartung bis zum täglichen Betrieb. Dem Anwender sollten nur Informationen für seine definierte Rolle angezeigt werden", erklärt Cadera. Und: Im Idealfall dokumentieren HMI-Anwendungen Prozesse und Abläufe automatisch, holen Feedback vom Bediener ein, lernen selbst aus den Ergebnissen und unterstützen den Bediener sowie stellen kontextabhängige Informationen zur Verfügung.

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Flat oder Almost-Flat?

Dazu kommt: In Zukunft arbeiten weniger Mitarbeiter mit mehreren, unterschiedlichen Maschinentypen und eine Einarbeitung an jeder einzelnen Maschine ist teuer. Deshalb müssen moderne Oberflächen noch mehr selbsterklärend sein - eine Aufgabe für Maul und Cadera. Und: Die Bediener sind von den Smartphoneherstellern verwöhnt. "Heute erwarten viele, dass sie Produkte so intuitiv wie ihr Telefon bedienen können und das vollkommen zu Recht", meint Maul und ergänzt: "Nur, weil es sich bei dem Produkt, mit dem ich arbeite, um ein notwendiges Element meiner Arbeit handelt, hat es keine Berechtigung, mir alte Methoden und unlogische Prozessabläufe aufzubürden, auch wenn es komplexer als meine Heimanwendungen sein mag. Vielmehr sollte genau das Gegenteil Ansporn und Anspruch sein."

Der Druckknopf lebt weiter

"In der Industrie ist man in der Regel sehr auf industrietaugliche elektronische Standardkomponenten angewiesen. Und diese hinken dem aktuellen technischen Stand im Consumer-Bereich immer ein bisschen hinterher, sind größer und langsamer", behauptet Cadera und Maul kann das belegen: "2003 haben Studien z.B. ergeben, dass der Einsatz von Augmented-Reality-Anleitungen bei der Montage die Fehlerrate im Vergleich zu gedruckten oder digitalen Anleitungen um 82 Prozent reduziert. Aber sehen sie heute, 14 Jahre später, AR-Anwendungen in Produktionsstraßen? Erst langsam ergeben sich Szenarien, in denen alle Bereiche zusammenspielen und der Einsatz solcher Lösungen möglich ist." Auch der Druckknopf hat immer noch seine Berechtigung, denn nicht in allen Situationen können Bediener wischen oder Displays nutzen. Die Industriedesigner kombinieren moderne Software-Oberflächen mit Hardware-Bedienelementen, auch wenn 3D-Touch und Haptic-Feedback wichtige Impulsgeber für die Bediengenerationen der nächsten Jahre sind. Auch Doppelmayr nutzt beides: Touchscreen oder mehrere haptische Bedienelemente.

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Flexibles HMI

Doppelmayr entschied sich letztendlich für das HMI-Produkt Atvise Scada, da es die höchste Produktreife aufwies. Heute wird ein wesentlicher Teil der Anlagenbedienung sowie die Visualisierung und das Monitoring aller Einzelfunktionen über das HMI realisiert - die offene Kommunikation über OPC UA ermöglicht die Kommunikation zu den verschiedenen Datenquellen. Das Scada-System läuft auf einem kundenspezifischen Terminal der OT1300-Serie, ein 21,5" TFT mit Full-HD-Auflösung und kapazitivem Touchscreen. Besonderheiten dieser Ausführung sind das kundenspezifische Branding, die individuelle Standfußmontage und ein innovatives Verpackungskonzept, das speziell für die widrigen Bedingungen während der Inbetriebnahme ausgelegt wurde.

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