Erschienen am: 28.03.2018, Ausgabe SPS-MAGAZIN 4 2018

Interview mit Jack Lee und Ron Salerno, Red Lion

"Grenzenlose Offenheit"

Die Vernetzung von neuen und bestehenden Maschinen und Anlagen - untereinander, mit der Produktions-IT sowie mit der Cloud - gilt als zentraler Aspekt für die smarte Fabrik. Wie sich das US-amerikanische Unternehmen Red Lion in dieser Hinsicht an den deutschen bzw. europäischen Markt wendet und welches Lösungsspektrum dafür bereitsteht, erklären CEO Jack Lee und Marketingleiter Ron Salerno im Gespräch mit dem SPS-MAGAZIN.


Herr Lee, seit rund einem Jahr sind Sie CEO von Red Lion. Wie schätzen Sie das Marktpotenzial in Europa für Ihr Unternehmen ein? Jack Lee: Ganz klar: Die Möglichkeiten für uns im europäischen Markt sind gewaltig - vor allem in Ländern wie Deutschland, Italien, Großbritannien oder Frankreich. Bisher ist Red Lion hier noch nicht so stark vertreten, wie wir uns das wünschen. Das hängt mit unserer Herkunft zusammen, denn das Hauptaugenmerk lag historisch bedingt einfach auf dem US-amerikanischen Markt. Um diese Situation zu ändern, fokussieren wir jetzt auch immer stärker die Anwender hierzulande. Das heißt, Sie wollen Ihre hiesige Marktposition ausbauen?

Unsere Lösungen bringen erfasste Daten an die richtige Stelle in der Anlage. Jack Lee, Red Lion
Bild: TeDo Verlag

Lee: Richtig. Hier gibt es noch üppige Wachstumsmöglichkeiten für Red Lion. Deswegen investieren wir viel, um den hiesigen Markt und die Bedürfnisse der Anwender besser zu verstehen. Schließlich unterscheiden sich die Anforderungen in Europa deutlich von denen in den USA, z.B. in Hinsicht auf Standards, Normen oder Formfaktoren. Wir wollen aber beide Märkte passgenau adressieren.

Ron Salerno: Dafür muss man die historischen Hintergründe kennen, schließlich haben sich die jeweiligen Standards aus bestimmten Anforderungen heraus entwickelt. Es gibt also meist gute Gründe, warum Anwender in Europa eine Aufgabe anders lösen als in Amerika.

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Ist es nicht so, dass sich die Märkte weltweit immer stärker angleichen?

Lee: Nachdem es zunehmend Normen bzw. Standards gibt, die weltweit Akzeptanz finden, werden die internationalen Märkte schon ähnlicher. Aber auch neue Produkte verschiedener Hersteller sind heute mitnichten voll kompatibel. Zudem darf man den riesengroßen Anlagenbestand nicht vergessen.

Salerno: Und das werden sie auch auf absehbare Zeit nicht sein. So lange es unterschiedliche Automatisierungsplatzhirsche in den verschiedenen Regionen der Welt gibt, so lange wird es Unterschiede in den verwendeten Schnittstellen geben. Deswegen legen wir großen Wert darauf, dass die Produkte von Red Lion mit allen etablierten Standards und Kommunikationsprotokollen kompatibel sind.

Lee: Mit dieser Philosophie unterscheiden wir uns vom Wettbewerb und können z.B. für international tätige Maschinenbauer einen spürbaren Mehrwert generieren.

Ihre Produkte und Lösungen sollen also in jeder Region, unabhängig von den dort führenden Protokollen passen?

Lee: Ja, und mit diesem Ansatz werden wir das Geschäft von Red Lion nun verstärkt global ausrichten.

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Welche Märkte liegen denn aktuell im Fokus Ihrer globalen Strategie?

Salerno: Wenn es um die industrielle Automatisierung geht, dann kommt man an Europa genauso wenig vorbei wie an Nordamerika. Darüber hinaus erachten wir asiatische Märkte wie China, Japan oder Indien als sehr interessant. Auf diese Regionen konzentrieren wir uns im ersten Schritt, denn trotz einer globalen Strategie kann man natürlich nicht alle Märkte der Welt auf einmal angehen.

Haben Sie dabei spezielle Branchen und Applikationen im Blick?

Lee: Für Red Lion werden Einsatzbereiche immer dann spannend, wenn sie hohe Anforderungen an Vernetzung und Kommunikation stellen bzw. wenn sich darüber zusätzlicher Nutzen generieren lässt. Unsere Lösungen bringen erfasste Daten an die richtige Stelle in der Anlage und tragen dazu bei, sie in nützliche Informationen zu wandeln. Hier liegt unsere Kernkompetenz.

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Damit treffen sie aktuell einen wichtigen Nerv der Anwender im Maschinen- und Anlagenbau.

Salerno: Ja, der aktuelle Trend hin zu smart Factories, smart Transportation oder smart Cities spielt uns in die Hände. Wir sehen hier bedeutende Möglichkeiten und viele neue Einsatzfelder für Red-Lion-Produkte.

Lee: So ist es: In Sachen Connectivity positionieren wir uns als marktführender Anbieter. Dafür hat Red Lion in der Vergangenheit die nötigen Weichen gestellt und entsprechend attraktiv können wir uns bei Kunden und auf Messen präsentieren. Mit Lösungen, die sich heute schon eins zu eins in die Praxis übertragen lassen.

Wo liegen die konkreten Vorteile für den Anwender?

Lee: Wir verfolgen unterschiedliche Stoßrichtungen: Zum einen soll der Anwender die Möglichkeiten der modernen Vernetzung möglichst unkompliziert und ohne großen Aufwand nutzen können. Zum anderen bietet Red Lion einen Strauß an Security-Optionen, das heißt der Anwender muss sich um die Datensicherheit keine Sorgen machen.

Salerno: Der dritte und ganz zentrale Aspekt ist grenzenlose Offenheit. Wir haben keinen eigenen proprietären Kommunikationsstandard - es gibt kein Red-Lion-Protokoll. Stattdessen ist es unsere Spezialität, die verschiedensten Protokolle und Standards miteinander zu verbinden. In diese Richtung geht es auch beim Thema Cloud: Wir können die Fertigungswelt heute schon an eine Vielzahl von Cloud-Lösungen anbinden - an die der großen Konzerne wie SAP oder Microsoft genauso, wie an die Systeme kleinerer Maschinenbauer oder Automatisierungsanbieter. Lee: Wir bei Red Lion wollen dem Kunden ein Ökosystem an die Hand geben, mit dem er seine Fertigung ohne großen Aufwand und ohne spezielle Expertise durchgängig vernetzen kann. Und dieser Anspruch endet nicht an Standort- oder Cloud-Grenzen.

Salerno: Die neuen Möglichkeiten der Vernetzung - von Sensorik und Aktorik, quer durch alle Kommunikationsebenen bis hoch in die Cloud - sind nicht nur bei neuen Fabriken zu berücksichtigen, sondern genauso in Millionen bereits bestehender industrieller Anlagen und deren gewachsenen Strukturen. Auch hier kann der Anwender große Vorteile aus erfassten Daten ableiten - eine smarte und durchgängige Vernetzung ist im Bestand aber oft eine echte Herausforderung.

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Gibt es entsprechende Referenzprojekte, auf die Sie an dieser Stelle verweisen können?

Lee: Azure Power, ein in Indien ansässiges Solarkraftwerk, erzeugt und vertreibt für die indische Regierung als auch für unabhängige Industrie- und Gewerbekunden kosteneffiziente Solarenergie. Ein Wetterstations-Tool für Solarstromanlagen musste unterstützt werden um die installierten Systeme auf Basis der Umgebungsbedingungen effizient auf ihren Energieverbrauch hin analysieren zu können. Dazu musste unser Kunde Azure Power die Wetterdetails von den entfernt gelegenen Feldgeräten überwachen. Die Modular Controller von Red Lion waren eine sehr gute Lösung für die Anforderungen von Azure Power - einschließlich der Integration verschiedener Geräte, der Fähigkeit, rauen Umgebungsbedingungen standzuhalten, der Datenprotokollierung und des Potenzials für zukünftiges Wachstum.

Wie wird sich der Markt weiterentwickeln und wo sehen Sie Red Lion in den nächsten Jahren?

Lee: Die Automatisierung hat unsere Gesellschaft im vergangenen Jahrhundert unglaublich stark verändert und geprägt - vor allem durch den Einsatz neuer Technologien. Diese Reise wird sich auch in Zukunft fortsetzen. Eine Voraussetzung dafür ist es, heute schon in der Produktion erfasste Daten besser zu nutzen. Bei dieser Entwicklung stehen wir gerade am Anfang, aber mehr und mehr Anwender werden merken, welches Potenzial in Produktionsdaten schlummert.

Salerno: Maschinen sowie Anlagen zu vernetzen und deren Daten zu erfassen sind nur erste Schritte. Darauf aufbauend gilt es, in den generierten Informationen zu lesen und darauf aufbauend die Produktionsprozesse zu optimieren. Dann ist der Mehrwert durch Vernetzung und Datenanalyse aber nicht auf die industrielle Fertigung beschränkt ...

Lee: ... sondern lässt sich auf weitere Branchen adaptieren. Historisch gesehen kommt die Automatisierungstechnik zwar aus der Fabrik, sie hält aber heute Einzug in viele andere Bereiche. Für uns als Automatisierungsanbieter ist das wirklich aufregend: Es vergeht quasi keine Woche, in der man nicht von neuen Applikationen abseits der klassischen Industrie hört, die von unserer Technik profitieren können.

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Ist der Maschinen- und Anlagenbau denn überhaupt schon bereit?

Salerno: Der Anwender muss heute damit beginnen, Vorteile zu identifizieren. Nur dann kann er mithalten, wenn die Entwicklung richtig an Fahrt aufnimmt. In vielen Fällen ist es sicherlich sinnvoll, vorerst mit einer Maschine oder Anlage zu starten und erste Erfahrungen zu sammeln. Später lassen sich diese dann Stück für Stück auf andere Anwendungen übertragen.

Lee: Bei diesem Prozess stehen wir dem Kunden mit unserem Know-how und unserer Erfahrung gerne partnerschaftlich zur Seite. Für uns geht es letztendlich darum, eine passende Lösung für seine speziellen Anforderungen zu liefern.

Sind sie auf diese Aufgabe gut vorbereitet?

Lee: Ja, wir können Anwender bei der Umsetzung der neuen Möglichkeiten mit unserem Produkt- und Lösungsangebot wirksam unterstützen. Durch unsere Wurzeln im Bereich von Kommunikation und Connectivity sitzen wir sogar im Herz der Entwicklung. Und wir wissen: Vernetzung ist keine Zukunftsmusik: Bereits heute bringt sie in vielen Anwendungen spürbaren Mehrwert. Dass sich Aufwand und Invest lohnen, und dass sich heutige Anstrengungen schnell auszahlen werden, das können wir unseren Kunden eindrucksvoll aufzeigen.

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