Erschienen am: 28.03.2018, Ausgabe SPS-MAGAZIN 4 2018

2. Fachkonferenz Losgröße 1 und Mass Customization

Lösungen für individualisierte Produkte

Auch die zweite Fachkonferenz Losgröße 1 war ein voller Erfolg. Das Programm an den zwei Veranstaltungstagen zeigte zukunftsweisende Lösungen und Werkzeuge auf und erlaubte authentische Einblicke in die Erfahrungen, die marktführende Maschinenbauer und OEMs in Sachen Mass Customization und Variantenmanagement bereits gesammelt haben. Insgesamt bot sich den Teilnehmern ein hochspannendes Themenspektrum, das in Bezug auf die individualisierte Massenfertigung weit über die Automatisierungstechnik hinaus reichte.


Bild: Süddeutscher Verlag

Rund 80 Teilnehmer waren zum 2. Fachkongress Losgröße 1 und Mass Customization ins ostwestfälische Marienfeld gekommen, um sich einen aktuellen Überblick zu Möglichkeiten und Methoden der industriellen aber auch gleichzeitig individualisierten Produktion zu verschaffen. Die Moderation der Veranstaltung übernahm, wie bei der Premiere im vergangenen Jahr Prof. Roman Dumitrescu, Direktor des Fraunhofer IEM und Geschäftsführer im it´s OWL Clustermanagement. Er startete seinen einleitenden Vortrag mit der oft etwas unterschätzten Industrieregion Ostwestfalen und zeigte deren Stärken eindrucksvoll auf: "75 Prozent der weltweit verbauten Verbindungstechnik werden hier in der Region gefertigt." Es folgte ein Überblick über die Tätigkeiten und Ziele des Clusters, Referenzprojekte mit großen OEMs der Region wie Miele, DMG Mori oder Claas sowie aktuelle Trends. Seine These zur aktuellen Position auf der Roadmap - intelligente technische Systeme werden zunehmend Realität - untermauerte er mit Anwendungsbeispielen aus dem Bereich Landwirtschaft 4.0.

Ganzheitliche Unternehmensstrategie

Die Keynote des Kongresses übernahm Dr. Hans Schumacher mit einem Vortrag zum ganzheitlichen Komplexitätsmanagement für Lackierroboter. Der Vorstand der Dürr Systems AG veranschaulichte die Strategie im Unternehmen u.a. am modularen Farbwechselsystem MCC, das es - integriert im Roboterarm oder auch als Stand-alone-Lösung - theoretisch in 22.000 möglichen Varianten gibt. Bei Dürr sind alle Aspekte des Komplexitätsmanagements in einem Baukasten als Teil der Produktentwicklung zusammengefasst. Zentrale Botschaft aus der Keynote: Losgröße 1 muss vom Management gefordert, gefördert und gelebt werden, damit sie im Unternehmen ihre Wirkung entfalten kann.

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Komplexität beherrschbar machen

Als nächster Referent stellte Dr. Jochen Müller die Abteilung Complexity Management bei John Deere vor. Dabei erlaubte der Manager tiefe Einblicke und zeigte auf, welchen Herausforderungen sich der Landmaschinenhersteller durch die steigende Komplexität im weltweiten Konzernverbund stellen muss. Sein Credo: Das richtige Gleichgewicht zwischen Innovation und Standardisierung spielt für eine erfolgreiche Produktentwicklung die entscheidende Rolle. Wie sein Vorredner auch, betonte er zudem die Relevanz eines komplett strukturierten und modularen Systembaukasten, um die Variantenvielfalt und das dahinter stehende Teileuniversum überhaupt beherrschbar zu machen. "Im Schnitt bauen wir nur alle sieben Jahre die gleiche Maschine", verdeutlichte Müller die Herausforderung.

Maßanfertigung auf Knopfdruck

Jörg Paulus, Geschäftsführer bei Fraba, gab Einblick in die außergewöhnliche Produktionsphilosophie des Unternehmens, das in seiner polnischen Fabrik ausschließlich kundenspezifisch ausgelegte Drehgeber und Neigungssensoren herstellt. Kernelement ist eine umfangreiche Cloud-basierte Softwareumgebung, die über einen Produktkonfigurator rund eine Million realisierbarer Drehgebervarianten anbietet. Dabei werden dem Anwender in Echtzeit auch Lieferzeit und Preis angezeigt. Aufträge gehen von dort direkt in die Fertigung, wo angelernte Produktionsmitarbeiter die Encoder dann per Tablet und visueller Anleitung Schritt für Schritt zusammenbauen - als einzige manuelle Tätigkeit in einem ansonsten vollständig automatisierten Prozess.

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Insights aus dem Trailer-Bau

Zum Variantenmanagement im Auftragserfüllungsprozess referierte anschließend Dr. Stefan Deutschle, Werksleiter Technik bei Schmitz Cargobull. Der Trailer-Markt ist heute geprägt von Individualität und Varianz - bei typischen Losgrößen von einem (oft) bis 500 Stück (selten). Mit einem standardisierten Ansatz kommt das Unternehmen heute dennoch auf eine manuelle Bearbeitungszeit von unter einer halben Minute pro Auftrag und Taktzeiten von 7,5min. Schmitz Cargobull kann Fahrzeuge im Extremfall - von der Auftragserteilung bis zur Auslieferung - sogar in 18h produzieren. "Marktführerschaft ist nur ein Nebenprodukt guter Prozesse", zog Deutschle Resümee.

Losgröße 1 ist Chefsache

Im Leitvortrag, mit dem die Nachmittags-Session startete, griff Prof. Frank Piller, Institutsleiter an der RWTH und Koryphäe auf dem Gebiet der Mass Cutomization, die Steilvorlage aus dem Keynote-Vortrag vom Dürr-Vorstand auf und schilderte eindrucksvoll, warum Losgröße 1 Chefsache im Unternehmen sein muss. Dabei ging er u.a. auf prominente Beispiele ein, die mit Ansätzen der individualisierten Massenproduktion scheiterten, weil das Vorhaben nicht aus der Unternehmensleitung bzw. von entscheidenden Schlüsselstellen mitgetragen wurde. Dem gegenüber stellte er die Herangehensweisen von gelungenen Unternehmungen. "Die Erfolgsfaktoren für Losgröße 1 sind eigentlich ganz einfache unternehmerische Tugenden", so Piller. "Vor allem muss man konsequent sein und alle Seiten mitnehmen - Management wie Mitarbeiter."

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Workshops machen aktiv

Im Anschluss konnten sich die Kongressteilnehmer in zwei Workshops aktiv einbringen. Im ersten Arbeitskreis ging es um die dos und don´ts im Konfiguratorbau. Hier zeigte Prof. Piller Fallstricke auf und nahm die Anwesenden anhand von Beispielen aus der Praxis und Ergebnissen aus 12.000 untersuchten Produktkonfiguratoren im Sinne einer Customer Journey mit zu einem Ausflug in die B2C-Welt. Das Fazit: Ein moderner Konfigurator ist oft die bessere Produktsuchmaschine. Der zweite Workshop, moderiert von Daniel Stengel, Manager bei A.T. Kearney, drehte sich um den Status quo: Wo stehen wir heute mit dem Variantenmanagement? Wie weit sind die unterschiedliche Regionen der Welt? Wie schafft man es, extern Varianten anzubieten, ohne dass intern Produktivität oder Profitabilität leiden? Neben aktuellen Fragestellungen wurden auch zukünftige Herausforderungen offen diskutiert, mit denen sich Industrieanbieter schon heute beschäftigen sollten.

Elektroauto als Referenz

Den Abschluss des ersten Veranstaltungstags bildete ein Vortrag aus dem Bereich der Elektromobilität. Dr. Stephan Krumm, CEO der e.GO.mobile AG, referierte über das Konzept eines deutschen Elektrokleinwagens, den es ab Ende des Jahres geben soll. Herausgegangen aus dem Streetscooter-Projekt für die deutsche Post, sind die e.GO-Autos auf den Ansatz 'just good enough' reduziert. Auf diese Weise will man den großen Automobilisten zeigen, wie sich 30.000 Elektroautos pro Jahr in Deutschland wirtschaftlich bauen lassen. Voraussetzung für den Erfolg ist dabei eine exakt passende Produkt- und Produktionsarchitektur. Über ein durchdachtes Baukastensystem können alle späteren Varianten und Use Cases schon von Anfang an berücksichtigt werden.

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Landmaschinenproduktion live

Auftakt und Highlight des zweiten Kongresstags war der Besuch und die Werksführung beim Landmaschinenbauer Claas. Am Stammsitz in Harsewinkel fertigt der Mittelständler sowohl Mähdrescher, als auch Feldhäcksler und Traktoren - und muss sich dabei dem Trend von steigender Komplexität bei gleichzeitig sinkenden Losgrößen stellen, wie Christian Köbke, Leiter Produktionssysteme, berichtete. Die Fertigungs- und Logistikketten müssen sich kontinuierlich darauf einstellen und anpassen lassen: In der Folge sind in der Blechfertigung z.B. starre Stanzen und Pressen überwiegend durch automatisierte Schneid- und Biegezellen ersetzt worden. Dennoch bleibt auch zukünftig der Mensch durch Qualifizierung und Training wichtigster Faktor in der Claas-Produktion.

Start-ups auf dem Weg zum Erfolg

Am Nachmittag des zweiten Tages zeigten die Vorträge von zwei Start-ups wie Individualisierung zum erfolgreichen Geschäftsmodell führen kann. Die Firma Combeenation richtet sich als Anbieter von Produktkonfiguratoren an die Industrie. Am Beispiel eines Terrassenkonfigurators für Handwerker und Endkunden, verdeutlichte Geschäftsführer Klaus Pilsl, die Möglichkeiten moderner Tools. Das zweite Jungunternehmen, die Firma Corpus.e, konzentriert sich auf die Digitalisierung des Schuhhandels, und bietet dafür eine 3D-Scanner-Lösung an. Mit ihr lassen Kunden ihren Fuß direkt im Geschäft vermessen und gelangen dadurch zu dem am besten passenden Wanderstiefel oder zum komplett individuellen Laufschuh. Den Abschluss der Veranstaltung machten zwei Vorträge, die auf zukünftig erforderliche produktionstechnische Ausrüstung abzielten. Während Klaus Petersen, Marketingleiter Factory Automation für Europa bei Mitsubishi Electric, die Auswirkungen von Mass Customization auf Logistik- und Transportsysteme in der Produktion beschrieb, referierte Lucian Dold, Marketingmanager bei Omon, über den steigenden Einfluss von künstlicher Intelligenz auf die Fertigungstechnik.

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Losgröße 1 ist reif für die Praxis

"Mass Customization ist Chefsache, und man muss genau wissen, was man macht", zog Prof. Dumitrescu ein übergreifendes Fazit aus den zwei abwechslungsreichen Kongresstagen. "Man muss aber auch genau wissen, was man nicht machen darf." Insgesamt hätten die Vorträge gezeigt: Immer mehr Losgröße 1-Anwendungen sind heute bereits praxisreif, oftmals müsse man für den Erfolg aber neue Denkrichtungen in den Unternehmen zulassen. "Drei Aspekte sind aber unabdingbar", führte der Moderator fort: "Der Mut, Dinge anders zu machen. Die nötige Begeisterung, um alle auf die Reise mitzunehmen. Sowie der Spaß, um das Thema voranzutreiben und am Laufen zu halten."

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