09.07.2015

"Längst kein Exot mehr"

Alles für die Automatisierung. Mit diesem Anspruch wendet sich Panasonic Electric Works an den deutschen Markt. Welche Geräte und Disziplinen darunter fallen, welche Vorteile das Unternehmen dabei für den Kunden bieten kann und welche Aufstellung dahinter steht, darüber hat das SPS-MAGAZIN mit dem Vertriebsleiter Deutschland Ralf Wohlschläger gesprochen.


Bild: Panasonic Electric Works Europe AG

Herr Wohlschläger, viele kennen den Namen Panasonic primär aus der Unterhaltungselektronik. Steht das Industriegeschäft bei Ihnen hinten an?

Ralf Wohlschläger: Mitnichten. Den Firmennamen Panasonic gibt es ja erst seit 2005. Davor war Panasonic nur eine von vielen Marken des Unternehmens Matsushita. Der Bereich der Unterhaltungselektronik macht aber nur 19% des Konzernumsatzes von rund 60Mrd.Euro Umsatz - und da sind die Entertainmentsysteme für Flugzeuge schon mitberechnet. Der Bereich Automotive und Industrial, zu dem auch Panasonic Electric Works gehört, ist fast doppelt so stark und macht rund ein Drittel des Konzerngeschäfts aus.

Viele Anbieter von Automatisierungstechnik haben sich in den vergangenen Jahren vom Komponentenhersteller zum Systemanbieter gewandelt. Wie bewerten Sie diesen Trend? Ist das in vielen Fällen zu hoch gegriffen?

Wohlschläger: Ich sehe zwei Tendenzen: Auf der einen Seite entwickeln sich klassische Klemmenhersteller von der Elektrotechnik hin zur SPS. Sie subventionieren die Automatisierungstechnik allerdings meist mit dem Klemmengeschäft und so kann man in diesem Fall nicht wirklich von Komplettanbietern sprechen. Deshalb sehen wir hier wenig Konkurrenzpotenzial. Ganz im Gegenteil: Diese Unternehmen sind in der Regel wiederum gute Kunden, was unsere Relais und Komponenten angeht. Auf der anderen Seite gehen viele Sensorhersteller in Richtung Bussysteme oder Bildverarbeitung. Es gibt also verschiedene Stoßrichtungen.

Wie sehen Sie diesen Aspekt in Bezug auf das eigene Unternehmen?

Wohlschläger: Panasonic hat mehr als 170 Fabriken weltweit und aus diesen eigenen Produktionen ist unser Know-how für Automatisierungstechnik gewachsen. So hat sich das Unternehmen durch Grundlagenforschung und langjähriger Produkterfahrung entwickelt. In den Bereichen SPS, Komponenten, Sensoren oder Servotechnik sind wir seit über 30 Jahren auf dem Markt tätig und haben die entsprechenden Marktentwicklungen der Vergangenheit mitgemacht. Darauf aufbauend wissen wir, was der Kunde heute braucht - diese Erfahrung muss wachsen und sie fehlt, wenn man erst seit fünf Jahren in der Automatisierungstechnik tätig ist. Dann kratzt man höchstens an der Oberfläche. Ein weiterer wichtiger Punkt für das richtige und durchgängige Portfolio ist die internationale Zusammenarbeit im Panasonic-Verbund. Meiner Meinung nach baut man in Japan die beste Hardware, was am außergewöhnlichen Qualitätsbewusstsein und den daraus resultierenden Produkttests liegt. Bei der Panasonic-Software hingegen ist Deutschland führend, z.B. unsere SPS-Programmier-Software FPWINPro gemäß IEC 61131-3 wurde hier entwickelt. Bereits 1995 zur Hannover Messe konnten wir durch eine Partnerschaft mit dem Unternehmen Softing die erste funktionsfähige IEC61131-3-Software präsentieren. Dadurch haben wir beim Thema SPS einen Schwerpunkt gesetzt. Ergänzend bieten wir unseren Kunden ausgereifte und getestete Funktionsbausteine, z.B. für Servotechnik, Fernwartung oder Temperaturkontrolle. Das erspart Programmierzeit und Programmierfehler.

Ihr Unternehmen präsentiert sich also als One-Stop-Shop für die Automatisierungstechnik. Wie breit ist das Portfolio und wo liegen Stärken im Vergleich zu anderen Anbietern?

Wohlschläger: Unser Automatisierungsspektrum reicht von Steuerungen und Visualisierungsgeräten über Servoantriebe bis hin zu Zählern, Relais und Schaltern. Ein besonderes vielseitiges Angebot haben wir im Bereich der Sensorik. Das gesamte Portfolio ist also sehr groß und dazu haben wir Alleinstellungsmerkmale und spezifische Stärken in jedem Bereich. Generell lässt sich für alle Produkte die sehr kleine Baugröße, der niedrige Energieverbrauch und die hohe Produktqualität nennen. Auf SPS-Seite haben wir mit der FP0R die kleinste Steuerung am Markt und mit der FP7 eine der schnellsten SPSen mit 11ns/Grundbefehl. Auch funktional sehen wir uns weit vorne: Panasonic war 1993 der erste Anbieter einer SPS unter 1.000DM, die telefonieren konnte. Heute sind wir führend beim Thema Telecontrol - egal ob Maschinenbau oder Wasserwirtschaft.

Wie sieht es bei der Antriebstechnik aus?

Wohlschläger: Bei den Servoantrieben hat Panasonic einen Anspruch auf Nullfehlertoleranz. Wir haben mit die kleinsten Servoantriebe ab 50W im Programm und bedienen den Markt bis 15kW. Im Bereich unter 1kW verkaufen wir die größten Stückzahlen. Die Produkte zeichnen sich durch eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit aus mit einer Bandbreite von 2kHz und Pulseingängen bis zu 4Mio. Pulse/s. Eine Auflösung von 20Bit beim Motor erlaubt Präzision bei der Positionierung mit höchstmöglicher Geschwindigkeit. Unsere LIQI-Serie geht in den Bereich der Schrittmotoren, mit dem Ziel in der gleichen Preiskategorie wesentlich bessere Positioniereigenschaften zu gewährleisten.

Sie betonten eben das Sensorik-Portfolio ihres Hauses.

Wohlschläger: Ja, denn in diesem Segment haben wir die meisten unterschiedlichen Produkte. Die Triangulationsmethode gibt es bei Panasonic schon länger als 30 Jahre. Mit einer Weite von 2,5m bieten wir hier einen größeren Erkennungsbereich als der Wettbewerb. Weiterhin hat Panasonic ein umfangreiches Lichtwellenleiter-Sensorportfolio und bietet eine Reihe von Sicherheitssensoren und Lichtgittern mit speziellen Bauformen und besonderen Funktionen an. Zum Beispiel blindbereichsfreie Sicherheitslichtgitter oder eine Funktion, die Schutz vor Auslösen durch Fremdlichteinwirkung bei Schweißfunken oder Stroboskoplampen gewährleistet. Auch auf Lasermessensoren, die auf den µm genau messen, haben wir uns spezialisiert. Standardsensoren im induktiven Bereich sind für uns hingegen nicht wirklich interessant - das ist nicht unser Markt. Weiterhin liegen unsere Stärke auch bei Lasermarkiersystemen und Ionisatoren. Das Expertenwissen in jedem einzelnen dieser Bereiche, verbunden mit der weltweiten Verfügbarkeit unserer Produkte ist für viele Kunden ein wesentlicher Vorteil.

Wie sieht es auf Seite der Kommunikationsprotokolle aus, die Sie im Rahmen Ihres Portfolios mit Ihren Produkten abdecken?

Wohlschläger: Unser Hauptaugenmerk in der Zukunft liegt auf Ethercat. Hier bieten wir eine Vielzahl an Geräten mit entsprechender Schnittstelle an. Aber wir haben auch Profinet, Profibus, CAN Bus und DeviceNet im Portfolio, z.B. bei unserer SPS FP7.

Welche Branchen und Anwendungen bedienen Sie? Gibt es bestimmte Bereiche, die bevorzugt auf Automatisierungstechnik von Panasonic setzen?

Wohlschläger: Aufgrund unserer langjährigen Historie sind in sehr vielen Branchen unterwegs, setzten aber schon einen Fokus auf bestimmte Bereiche, um uns nicht zu verlieren. Einer davon, und der wichtigste aus unserer Sicht, ist der Maschinenbau. Hier gibt es kein Segment, in dem wir nicht tätig sind - von Werkzeugmaschinen und der Blechbearbeitung über den Spritzguss bis hin zur Verpackungstechnik. Wir konzentrieren uns aber auf kleine und mittelgroße Maschinen und sind kein Hersteller, der große Fertigungsstraßen programmiert und liefert. In der Gebäudeautomatisierung beliefern wir Firmen und Modulhersteller, die Systeme oder Anlagen bauen, vom automatischen Türsystemen bis hin zu Aufzügen, Heizungsanlagen sowie Überwachungssystemen. Diese Firmen legen einen besonderen Wert auf gut funktionierende Technik, die nicht ausfällt. Ein weiterer großer Bereich, der bei uns unter Fernwirktechnik läuft, setzt sich zusammen aus Wasser- und Abwasseranlagen, Energieerzeugung und -verteilung sowie intelligenter Müllentsorgung. Der Bereich Automotive steht für uns an erster Stelle, wenn es um die Beschriftung mit Lasermarkiersystemen oder oder den Einsatz von Sicherheitslichtgittern geht. Aber wir liefern hier auch Systeme für die papierlose Kommissionierung, das sogenannte pick by light oder japanisch Poka Yoke.

Welche Bedeutung hat Panasonic Electric Works im globalen Unternehmensverbund und welche Rolle spielt der deutsche Markt?

Wohlschläger: Unsere Wurzeln liegen in der deutschen Firma SDS Relais, die 1989 vom japanischen Konzern übernommen wurde. Wir haben nach wie vor einen deutschen Vorstand, was für japanische Strategien sehr ungewöhnlich ist. Das bedeutet für uns, dass wir nach wie vor eigenständig entscheiden und entwickeln und auch das Mutterhaus weiß diese regionale Kompetenz zu schätzen. Aber unsere Grundausrichtung ist natürlich längst global geworden. In Europa ist Deutschland der größte Markt für uns und mit unserer Mannschaft in Holzkirchen bei München können wir diesen auch so bedienen wie es für uns sinnvoll ist. Unser Vertrieb ist in den meisten europäischen Ländern und auch dort oft in verschiedenen Regionen vertreten. Weil die Techniktrends jedoch größtenteils aus Deutschland kommen, ergibt sich mit unserer Aufstellung genau die richtige Konstellation. Unserer langen Historie entsprechend sind wir hierzulande auch akzeptiert und längst kein Exot mehr unter den Anbietern.

Ist es denn überhaupt möglich, alle Regionen der Welt mit der gleichen Technik zu beliefern oder unterscheiden sich die Ansprüche der Anwender dafür zu stark?

Wohlschläger: Deutschland hat in Europa den höchsten Stand der Technik. Einige Produkte der Mitanbieter sind aber so kompliziert, dass sie für manche anderen Länder schwer zu verstehen sind. Auch der Grad der Vernetzung und die Komplexität der Systeme ist in vielen Ländern sehr gering. Deshalb geht unsere Grundausrichtung hin zu verständlicher Technik, die möglichst einfach zu bedienen ist - weltweit. In vielen Ländern verkaufen wir dennoch nur unsere Kleinsteuerungen, da für große SPSen nahezu kein Markt existiert. Essenziell ist natürlich, dass die Produkte alle nötigen globalen Zulassungen haben: In Europa das CE-Zeichen, in den USA dieUL-Kennzeichnung. Panasonic hat alle Zulassungen und liefert auch Produkte für alle Betriebsspannungen weltweit. Entweder mit einem variablen Spannungseingang von 100 bis 230VAC oder, wenn das technisch keinen Sinn macht, mit unterschiedlichen Versorgungsspannungen. So kann eine Maschine, die bei uns mit einem 230VAC-Servoantrieb läuft auch mit einem Panasonic-Antrieb mit 100VAC für USA gebaut werden.

Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesteckt und welche Herausforderungen müssen sie dafür lösen? Bitte wagen Sie einen Ausblick, Herr Wohlschläger.

Wohlschläger: Als Organisation können und wollen wir in Deutschland immer noch wachsen. Dazu stellen wir regelmäßig neue Vertriebsingenieure ein und erweitern unsere lokale Präsenz. Wir sehen aber auch immer noch Potential mit neuen Partnern und Händlern, die unsere Produkte in ihr Programm mit aufnehmen. Auf Seite der Produkte sehe ich auf absehbare Zeit auch keine Grenzen, die dafür sorgen, dass man nichts Neues mehr entwickeln kann. Im Bereich der Sensoren werden unsere Geräte entweder immer kleiner oder intelligenter. Bei den Steuerungen spielen neue Ansprüche an die Kommunikation oder das Datenmanagement eine wichtige Rolle. Hier geht es also in Richtung verbesserter und vereinheitlichter Schnittstellen, selbstständiger Parametrierung und Konfigurierung während des Betriebes und um das Handling von Daten. Bei diesen Ansprüchen sind wir längst aktiv und können zum Teil heute schon die entsprechenden Produkte anbieten. Das Schlagwort Industrie 4.0, das derzeit in aller Munde ist, muss technikseitig sicherlich noch genauer definiert werden, wir bei Panasonic werden dabei aber nicht auf unlösbare Aufgaben stoßen.

Herr Wohlschläger, danke für das Gespräch. n

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