17.12.2015

Rechtzeitige Prüfung der Risiken

Der deutsche Großanlagenbau hat das Potential von Industrie 4.0 erkannt, sieht bei dessen Umsetzung aber noch großen Handlungsbedarf, so das Ergebnis einer Umfrage unter Top-Managern des deutschen Großanlagenbaus, welche die Unternehmensberatung Maexpartners und die VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) durchgeführt haben.


Der Wettbewerbsdruck im Großanlagenbau hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Vor allem Anbieter aus Asien heizen den Kampf um Marktanteile an. Um unter diesen Randbedingungen auch weiterhin weltweit erfolgreich agieren zu können, sieht der Großanlagenbau im Einsatz von Industrie 4.0 einen wichtigen Hebel, um die Effizienz seiner Prozesse zu steigern. Dr. Sven Haverkamp, Industrie-4.0-Experte bei Maexpartners erklärt: "2/3 der Befragten erwarten in den kommenden fünf Jahren spürbare Kostensenkungen durch den Einsatz von Industrie-4.0-Technologien im Engineering." Noch höher seien die Potenziale im Logistik- und Baustellenmanagement, wo sich jeweils rund 90 Prozent der Studienteilnehmer eine größere Effizienz erhoffen. Allerdings erwarten nur 2 Prozent der Befragten, dass neue Geschäftsmodelle in bestehenden Anlagen ohne Weiteres funktionieren. Auch sehen nur 10 Prozent den Analgenbau derzeit gut auf Industrie 4.0 vorbereitet.

Viele Herausforderungen zu meistern

Um diese gewünschten Ziele zu erreichen, wird die Einführung von Industrie 4.0 auch Anpassungen in der Organisation der Unternehmen sowie in den Geschäftsprozessen erfordern. Die Studie zeigt, dass vor allem im Engineering-Prozess sowie in der Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten Änderungen erwartet werden. Der Datenaustausch zwischen Anlagenbauern, Lieferanten und Betreibern wird sich in den kommenden Jahren deutlich intensivieren. Damit werden neben der Datensicherheit auch Haftungsfragen sowie die Frage der Eigentums- und Nutzungsrechte an den Daten stärker in den Blickpunkt rücken. Ferner wird die digitale Integration der Lieferanten nach Ansicht der Befragten weiter voranschreiten. 60 Prozent der Befragten glauben, dass Big Data Management und 46 Prozent IT-basiertes Business Process Management im Engineering an Bedeutung gewinnen wird. 90 Prozent aller Teilnehmer sehen, dass sich das Engineering insgesamt hin zu einem multidisziplinären System-Engineering entwickelt. Aus der Sicht der Studienteilnehmer wird allerdings die Mehrheit der globalen Lieferanten bis 2020 für eine digitale Zusammenarbeit noch nicht ausreichend qualifiziert sein. Dies könnte ein Wettbewerbsvorteil für Zulieferer aus Industrieländern werden, die mit ihrer technologischen Vorreiterrolle besser auf die anstehenden Veränderungen eingestellt sind als Lieferanten aus Schwellenländern. Mittelfristig könnte dadurch das heute im Großanlagenbau vorherrschende Best-Cost-Country-Sourcing von einem Leading-Technology-Country-Sourcing abgelöst werden. Neben den genannten Handlungsfeldern fordern die Studienteilnehmer insbesondere, dass der Großanlagenbau die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften für die Erfordernisse von Industrie 4.0 im Blick haben müsse.

Studie warnt vor Risiken

Zwar bietet Industrie 4.0 dem Großanlagenbau Potenzial zur Steigerung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, zugleich warnen die Verfasser jedoch davor, die Risiken, die Industrie 4.0 für traditionelle Anlagenbauer mit sich bringen kann, zu unterschätzen. Neue Wettbewerber und Geschäftsmodelle aus Branchen mit deutlich schnelleren Innovationszyklen könnten den Großanlagenbau schon bald vor so nicht erwartete Herausforderungen stellen. 95 Prozent der Befragten geht zwar davon aus, dass aufgrund von Industrie 4.0 weitere Dienstleistungen angeboten und nachgefragt werden. Allerdings sehen 90 Prozent die neuen digitalen Geschäftsmodelle als Chance für neue Dienstleister und nicht als Ergänzung des eigenen Portfolios. 61 Prozent nehmen die neuen Dienstleister als nicht bedeutend für das eigene Geschäft wahr. "Die eingehende und rechtzeitige Prüfung und Bewertung der Chancen und Risiken aus Industrie 4.0 ist für jedes Anlagenbauunternehmen das Gebot der Stunde", warnt Haverkamp.

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