17.12.2015

"Da kommt etwas Großes auf uns zu"

Ist es tatsächlich die vierte industrielle Revolution oder doch nur ein Etikett für eine eher unspektakuläre evolutionäre Entwicklung? Bei der Bewertung des Begriffs Industrie 4.0 scheiden sich nach wie vor die Geister. Jochen Bihl, Geschäftsführer von Bihl+Wiedemann hat seine Meinung dazu zwischenzeitig überdacht, wie er im Gespräch mit dem SPS-MAGAZIN erklärt.


Herr Bihl, wenn wir vor einem Jahr gefragt hätten, was Sie von der Initiative Industrie 4.0 halten, wie wäre Ihre Antwort ausgefallen?

Jochen Bihl: Vermutlich hätte ich mich in Allgemeinplätze geflüchtet und mich grundsätzlich anerkennend dazu geäußert, dass die deutsche Bundesregierung die Industrie auf ihrem Weg in die Zukunft so tatkräftig unterstützt. Damals war ich mir über die Tragweite der Entwicklungen, die sich im Rahmen der Initiative abzeichnen, noch nicht wirklich im Klaren.

Das heißt: Heute lautet Ihre Antwort anders?

Bihl: Auf jeden Fall. Inzwischen habe ich mir die Zeit genommen, die mir vorher in der Alltagshektik einfach gefehlt hat, um mich intensiv mit den Herausforderungen und Chancen des Zukunftsprojekts auseinanderzusetzen. Seitdem bin ich fest davon überzeugt, dass die durch das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 forcierte Verzahnung von Informations- und Produktionstechnologien auch die Welt der Automatisierung grundlegend verändern wird. Auch wenn derzeit noch niemand ganz konkret definieren kann, wie diese Entwicklungen aussehen werden - eines steht für mich völlig außer Frage: Da kommt etwas Großes auf uns zu.

Ziel ist eine intelligente Fabrik, deren Effizienz sich durch Vernetzung und Datenerfassung immer weiter steigern lässt. Ist das nicht ein Aspekt, den moderne Systeme wie AS-Interface heute schon bieten?

Bihl: Ungefähr so habe ich das bis vor kurzem auch noch gesehen. Denn unsere AS-i-Module liefern in der Tat permanent Diagnoseinformationen, um sich anbahnende Probleme zu erkennen, bevor sie zum Ausfall einer Anlage führen. Sie bieten also eine passende Basis für eine vorausschauende Instandhaltung. Außerdem arbeitet AS-Interface so gut mit Ethernet-Systemen zusammen, dass es möglich ist, eine durchgängige Informationskette aufzubauen: von der Office-Kommunikation bis hinunter zum Sensor. Bei Industrie 4.0 sprechen wir aber von ganz anderen Datenmengen. Wir sprechen unter anderem vom Internet der Dinge und von einem Big-Data-Ansatz, der es erlaubt, Informationen herauszufiltern, an die man sonst nie gelangen würde.

So wie die Geschichte über Kreditkartenunternehmen, die aufgrund des Kaufverhaltens ihrer Kunden vorhersagen können, ob sich ein Ehepaar innerhalb der nächsten Jahre scheiden lässt?

Bihl: Ja. Diese Geschichte wirkt erst einmal unheimlich, verdeutlicht aber im Groben, was mit dem Big-Data-Ansatz möglich ist. Uns Automatisierungsanbietern geht es natürlich nicht um den gläsernen Menschen, sondern um das verbesserte Zusammenspiel von Technik und innerbetrieblichen Abläufen. Deshalb sehe ich in unserem Fall keinen Grund für Bedenken, sondern nur Vorteile: Mit dem Internet der Dinge beispielsweise können wir eine Brücke vom Modul in die Cloud schlagen und damit die Kommunikation vereinfachen und beschleunigen.

Welche Rolle spielt der Schutz der rasant wachsenden Datenmengen angesichts der zunehmenden Vernetzung von Kommunikationssystemen?

Bihl: Eine ganz entscheidende. Selbstverständlich muss man alle Informationen, die etwa über das Internet der Dinge ausgetauscht werden, vor unbefugtem Zugriff und damit vor Spionage- oder Manipulationsversuchen schützen. Deshalb zeichnet sich parallel zu Safety bereits jetzt ein Megatrend im Bereich Security ab.

Skeptiker befürchten ein internationales Rennen um die Fabrik der Zukunft, und dass die Plattform Industrie 4.0 dabei gegen das US-amerikanische Industrial Internet Consortium verlieren könnte. Sehen Sie das auch so?

Bihl: Nein. Die drei relevanten deutschen Branchenverbände Bitkom, VDMA und ZVEI haben bereits zur Hannover Messe 2013 die Plattform Industrie 4.0 gestartet. Und die Liste der Unternehmen und Organisationen, die gemeinsam an dem Projekt arbeiten, liest sich wie ein Who is Who innovativer Technologie. Allein schon deshalb bin ich der Meinung, dass deutsche Unternehmen gute Chancen haben, eine Vorreiterrolle auf diesem Zukunftsfeld zu übernehmen.

Was bedeutet Industrie 4.0 denn für Ihr Unternehmen? Inwieweit fließen damit verbundene Veränderungen bereits konkret in Ihre Produkte ein?

Bihl: De facto handelt es sich dabei um ein extrem komplexes, strategisches Thema, das uns über Jahre hinweg beschäftigen wird. Ein Aspekt ist dabei sicherlich, die ohnehin schon gute Erreichbarkeit unserer Geräte über unterschiedliche Schnittstellen noch weiter zu verbessern - gerade auch im Hinblick auf den Einsatz moderner Medien. Aber ich glaube, es wäre falsch, an dieser Stelle ganz konkrete Produkte zu nennen, sonst könnte leicht der Eindruck entstehen: Wir haben dies oder das gemacht, und jetzt sind wir fertig mit Industrie 4.0.

Herr Bihl, wir danken Ihnen für das Gespräch. (mby)n

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