12.12.2016

Interview mit Klaus Keck, Promicon

"Antriebstechnik bestmöglich einsetzen"

Als Anbieter hochperformanter Antriebstechnik geht das Unternehmen Promicon an vielen Stellen seinen eigenen Weg. Ganz zu Gunsten des Anwenders, betont Klaus Keck. Das SPS-MAGAZIN hat mit dem Geschäftsführer über heutige Anforderungen in diesem Marktsegment, zukunftsfähige Technik und Lösungen sowie das Leistungsspektrum des Unternehmens gesprochen.


Das Unternehmen Promicon positioniert sich als Automatisierungsanbieter am oberen Rand der Leistungsskala. Welche Strategie steht dahinter, Herr Keck?

Klaus Keck: Wir unterscheiden uns in unserem Selbstverständnis deutlich von den etablierten Anbietern, denn wir verstehen uns nicht als klassischer Steuerungshersteller. Was von uns an Steuerungskomponenten angeboten wird, dient dazu, die Antriebstechnik möglichst eng mit dem Anwenderprozess zu koppeln und unsere Antriebstechnik in vorhandene Topologien zu integrieren.

Ist die Antriebsintegration denn nicht längst eine Routineangelegenheit?

Keck: Sofern es um elektrische Antriebstechnik geht, widerspreche ich an dieser Stelle. Ein Motor ist etwas ganz anderes als ein Pneumatikzylinder und viel schwieriger zu beherrschen - zumindest dann, wenn man eine Achse nicht nur zwischen A und B hin und her fahren lässt. Unser Anspruch bei Promicon lautet: Dem Anwender die Möglichkeit eröffnen, Antriebstechnik in bestmöglicher Form einzusetzen. Das beginnt schon bei der Frage, welchen Motorentyp man überhaupt einsetzt, und geht dann zur Art und Weise, wie man diesen ansteuert. Dabei soll der Kunde die Freiheit erhalten, alle Automatisierungskomponenten optimal miteinander zu verbinden. Im Umkehrschluss betrachten wir den Kunden nicht nur als Abnehmer von Produkten, sondern als Partner. Denn so fördern wir die langfristige Kundenbindung und bekommen genau mit, wo den Kunden der Schuh drückt.

Und mit diesem Wissen können Sie Applikationen entsprechend gut lösen?

Keck: Richtig. So haben wir z.B. einen Kunden, der seine Maschinen für manche Disziplinen ohne Steuerung kauft. Dann nimmt er unsere Technik und im Endeffekt laufen die Maschinen teilweise über 50 Prozent schneller.

Im Bereich welcher Branchen und Applikationen bewegen Sie sich dabei typischerweise?

Keck: Hier gibt es keine bevorzugte Linie. Anwendungen, die in Bezug auf die Antriebstechnik besondere Anforderungen stellen, finden sich in jeder Branche. Andererseits gibt es auch Kunden, die einfachere Aufgaben mit der Technik von Promicon lösen, weil sie unseren Support sowie die Langzeitverfügbarkeit und Robustheit unserer Produkte zu schätzen wissen. Ein ebenfalls sehr geschätzter Aspekt sind die offenen Wege hinsichtlich Kommunikation.

Welches Produktportfolio bieten Sie Ihren Kunden denn an?

Keck: Einfach gesagt bildet die Kommunikationsschnittstelle die Grenzlinie in unserem Angebot. Oberhalb auf Steuerungs- und HMI-Ebene laufen heute in der Maschine die klassischen Feldbusse oder Industrial-Ethernet-Standards. Und unterhalb dieser Linie stecken wir. Hier stellt unsere intelligente Peripherie Rechenleistung bereit und arbeitet Programme ab, denn nur so lassen sich mehrere Achsen hochgenau koordinieren. Dabei können wir Reaktionszeiten sicherstellen, die sich über die Steuerungsebene überhaupt nicht erreichen lassen. Nach oben hin weitergereicht werden nur die Informationen, die für den Prozess, die Diagnostik und die Visualisierung erforderlich sind. Und zwar steuerungsunabhängig und so abgestimmt, wie der Anwender sie benötigt.

Promicon liefert also Antriebstechnik für spezielle Fälle?

Keck: Genau das ist der Punkt. Der Anwender benötigt dann auch keine spezielle Implementierung. Letztendlich wird bei der Realisierung eines neuen Maschinenkonzeptes in der Praxis viel ausprobiert und optimiert. Dabei benötigt der Anwender die eine oder andere Hilfestellung, technischen Support oder genauere Informationen zu einem Produkt. Das kann dann mit Mainstream-Anbietern unter Umständen aufwendig und langwierig werden. Nicht so bei Promicon: Wir verbinden den Kunden bei entsprechenden Fragen direkt mit dem richtigen Spezialisten. Durch den engen Dialog lernen wir die Anwendungen und Anforderungen des Kunden ganz genau kennen und können mit unserer Erfahrung oft schnell einen Tipp geben, wie die Aufgabe am besten zu lösen ist.

Nimmt das Thema Wartung in der Automatisierung immer mehr Raum ein?

Keck: Ja. Der Großteil der Geräte ist heutzutage softwaregetrieben. Wenn man eine Komponente austauscht, ist also das gesamte System softwareseitig zu prüfen und auf den richtigen Stand zu bringen. Das bedeutet im Regelfall eine Menge Arbeit für den Maschinenbauer. Bei unserem Ansatz übernimmt dies das Kopfmodul - also die Schnittstelle nach oben hin. Wird eine Komponente, z.B. ein Servoregler oder ein I/O-Modul, ausgewechselt, spielt das Kopfmodul beim Hochlaufen die richtige Firmware samt aller Parameter auf. An der Hardware gibt es keinerlei Einstellungsmöglichkeiten. Man braucht also keinen Spezialisten vor Ort und damit hat sich eine große Herausforderung für den Service erledigt. Entsprechende Erleichterungen gibt es auch schon beim Aufbau des Systems und der Montage der Maschinen.

Der Anwender steckt einfach die jeweiligen Module zusammen und der Rest wird über Software eingestellt?

Keck: Ja, und das geht bis zur Anbindung der Motoren. Bei uns kann der Kunde einen Motor zu 100 Prozent über einen Parametersatz definieren. Der Motor wird automatisch konfiguriert und der Anwender benötigt keine herstellerspezifische Software mehr. Auch das Motor-Feedback am 15-poligen Stecker lässt sich parametrieren, egal ob EnDat mit oder ohne Analogspur, Hiperface, Sinus/Cosinus, SSI, BiSS etc. Das nennen wir easy to use.

Wie offen ist Ihr Angebot denn auf Seite der Motorenanbindung?

Keck: Obwohl wir standardmäßig die Motoren von Kollmorgen verkaufen, gehen wir bei Promicon hier nicht zwingend herstellerorientiert vor. Unserem Anspruch nach sind wir bei der Anwendungsberatung neutral und objektiv - wir klammern keinen Hersteller pauschal aus. Wenn sich also der Motor eines anderen Herstellers aufgrund bestimmter Eigenschaften besser für eine Applikation eignet, dann darf man das im Sinne des Kunden nicht ignorieren.

Der Vorteil für den Kunden steht also im Vordergrund?

Keck: Immer. Wenn wir ein Produkt konzipieren, dann liegt die Priorität immer auf dem Anwendernutzen. Erst danach wird darüber diskutiert, wie sich dieses kaufmännisch darstellen lässt. Das ist bei uns eine Art Reflex und wir sind an dieser Stelle Pragmatiker.

Um wieder auf das Promicon-Portfolio zurückzukommen: Neben der Antriebstechnik haben Sie auch die Sicherheitstechnik im Programm. Was bieten Sie dem Anwender in diesem Bereich?

Keck: Beim Thema funktionale Sicherheit gibt es bei uns keine faulen Kompromisse, denn wir setzen auf ein ausgereiftes und komplettes Paket für bewegungsbasierende Safety. In unseren Reglern ist grundsätzlich Safe Torque Off integriert. Für alle darüber hinaus gehenden Anforderungen gibt es die Schnittstelle Safe Motion Extension, kurz SME. So lässt sich jeder Regler per vorkonfektioniertem Kabel und Safety-Zusatzgerät um die benötigte Funktionalität erweitern. Der Anwender muss folglich nicht jede Achse mit Sicherheitsfunktionen ausrüsten, sondern nur dort, wo nötig. Einen hohen Stellenwert messen wir auch der Reaktionsgeschwindigkeit bei. Ein Aspekt der häufig nicht im Fokus der Betrachtung liegt. Doch bei der heutigen Dynamik von High-End-Antrieben tut jede Millisekunde weh - im wahrsten Sinne des Wortes. Was nützt da eine Geschwindigkeitsüberwachung, die erst nach vielen Millisekunden reagiert, wenn der Antrieb bereits eine hohe Geschwindigkeit erreicht hat. Deshalb sind unsere Safety-Lösungen in der Lage, die Verletzung einer Bewegung innerhalb von zwei Millisekunden zu erkennen.

Welche Kommunikationsschnittstellen für die Anbindung an die Steuerungsebene decken Sie denn ab?

Keck: Hier haben wir Profinet, Profibus, CANopen, Ethernet TCP/IP sowie RS232 und RS485 im Programm. Ethercat steht in Kürze zur Verfügung.

Auf der Antriebsebene setzt Promicon auf eine eigene Kommunikationslösung namens vNET. Warum dieser Weg?

Keck: Wir haben uns lange mit der Frage auseinandergesetzt: Nutzen wir einen existierenden Industriestandard oder machen wir es selber? Natürlich ist es auf den ersten Blick verlockend, etwas zu nehmen, das es schon gibt und das bereits erprobt ist. Man muss dem aber einen hohen Implementierungsaufwand gegenüberstellen. Zudem bindet man sich - salopp gesagt - einen Klotz ans Bein, weil man eine Menge an Funktionen und Eigenschaften mitnehmen muss, die man nicht unbedingt braucht. Auch ist es nicht leicht, mehr als das Übliche aus den Standards herauszuholen, und man erreicht unter dem Strich kaum die gewünschte Performance. Unsere Entscheidung für die eigene vNET-Lösung hat sich als absolut richtig erwiesen und die Performance entspricht voll unseren Zielsetzungen.

Muss sich der Anwender auch mit vNET auskennen?

Keck: Nein, er schließt die Regler über das Kopfmodul mit seinem gewohnten Kommunikationsprotokoll an. Das unterhalb davon laufende vNET ist für den Anwender also gar nicht sichtbar. Entsprechend muss er sich auch nicht darum kümmern. Wir geben die Gewähr, dass das System stabil läuft.

Will Promicon damit vom Komponenten- hin zum Lösungsanbieter werden?

Keck: Nun, diese Trennlinie ist schwer zu bestimmen. Mit unserem Angebot gehen wir schon in diese Richtung und das Unternehmen als reinen Komponentenhersteller zu bezeichnen, wäre wohl zu tief gegriffen. Aber wir sehen uns auch nicht als Anbieter von speziellen Prozess- und Branchenpaketen. Denn das bringt wiederum Einschränkungen hinsichtlich Flexibilität und Passfähigkeit mit sich. Zudem wollen wir Abhängigkeiten auf beiden Seiten vermeiden: Sowohl der Kunde als auch Promicon sollen ihre Kernkompetenz behalten und entsprechend handlungsfähig sein. Nichtsdestotrotz verschiebt sich die Grenze heute in manchen Fällen und dann steigen wir sehr tief in die jeweilige Applikation ein.

Das heißt, Service und Support sind sehr wichtig für Ihr Geschäft?

Keck: Natürlich. Eine unserer großen Stärken sind die sehr kurzen Kommunikationswege. Wenn sich ein Kunde bei uns meldet, dann bekommt er umgehend jemanden an die Hand, der ihm helfen kann. Wenn es hart auf hart kommt, dann sind wir auch schnell vor Ort. Zudem ist es sehr wichtig, dass der Kunde mit unserem System gut umgehen kann. Um dies zu unterstützen, bieten wir auch Dienstleistungen an und vermitteln dem Kunden das nötige Wissen für anspruchsvolle Aufgaben.

Herr Keck, lassen Sie uns doch abschließend einen Blick in Richtung Zukunft werfen. Wie beeinflusst der Trendbegriff Industrie 4.0 Ihr Kompetenzfeld und wo geht die Reise von Promicon hin?

Keck: Wir sind schon längst bei Industrie 4.0 angekommen. Das mag überheblich klingen, aber genau genommen geht es um Prozesse, die für einen Ingenieur ganz logisch sind. Die Zielsetzung dahinter ist es letztendlich, verschiedene Einheiten so zu vernetzen und mit Software zu koppeln, dass Losgröße 1 möglich wird. Unsere Systeme tragen ihren Teil dafür schon heute bei. Aber dennoch ist die Diskussion um Industrie 4.0 meiner Ansicht nach der Sache dienlich. Denn sie hilft dabei, das Bewusstsein beim Anwender für moderne Technik und Lösungen zu wecken und zu fördern. Industrie 4.0 steht also für eine zukunftsgerichtete Denkweise und aus diesem Aspekt heraus begrüße ich den Trend sehr.

Vielen Dank für das Gespräch.

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