22.05.2017

Interview mit Dr. Omar Sadi, Nord Drivesystems

"Wo etwas bewegt wird, dort sind wir präsent"

Der Antriebsspezialist Nord hat seine Wurzeln ursprünglich in der Mechanik, positioniert sich heute aber durch ein breites Portfolio immer mehr zum Systemanbieter. Das SPS-MAGAZIN hat sich mit dem technischen Geschäftsführer Dr. Omar Sadi über die weitere Entwicklung, den Einzug neuer Technologien und daraus resultierenden Mehrwert für den Anwender unterhalten.


Vom Komponentenhersteller zum Systemanbieter: In der Branche wird man kaum ein Unternehmen finden, das sich noch nicht auf diese Reise gemacht hat. Woran machen Sie den Wandel bei Nord fest, Herr Dr. Sadi?

Dr. Omar Sadi: Der Markt verändert sich. Zwar machen wir nach wie vor auch ein gutes Geschäft mit Komponenten, aber immer mehr Kunden sehen keinen Sinn mehr darin, einzelne Bestandteile der Antriebslösung bei unterschiedlichen Herstellern zu beziehen. Wenn man sieht, welchen Weg Industrie 4.0 vorzeichnet, dann wird der Systemgedanke auch weiterhin immer wichtiger werden. Diesem Verständnis entsprechend will der Kunde immer öfter ein ganzheitliches System aus einer Hand. Als zukunftsorientiertes Unternehmen beschäftigt sich Nord hiermit und Know-how und Kompetenz werden aufgebaut. In diesem Zuge erhält der Kunde deutliche Vorteile: Die Komponenten in einem Komplettsystem von Nord sind bestmöglich aufeinander abgestimmt, nicht nur was Effizienz und Wirkungsgrad angeht, sondern auch hinsichtlich Verbindungstechnik, Funktionsumfang und Engineering. Es bedeutet also spürbar weniger Aufwand für den Anwender.

Wie weit reicht denn die Lösungskompetenz im Hause Nord heute?

Sadi: Wir bieten dem Kunden ein Gesamtsystem je nach seinem Bedarf - zentral oder dezentral - vom Getriebe und Motor über Leistungs- und Steuerungselektronik bis hin zur passenden Kommunikationsschnittstelle. In diesem Bereich liegt unsere Kernkompetenz und hier können wir dem Kunden echte Plug&Perform-Lösungen liefern. Dadurch dass er so die Konfiguration und Parametrierung der einzelnen Antriebskomponenten vermeiden kann, liegt hier ein nicht unerheblicher Mehrwert.

Sie sprachen gerade die Frage nach zentralen und dezentralen Lösungen an. Wie bewerten Sie hier die aktuelle Entwicklung auf dem Markt?

Sadi: Diese Frage begleitet uns schon eine lange Zeit und es gibt noch immer keine pauschale Antwort. Doch gerade in diesen Zeiten muss man sich der Frage stellen. Denn während die Automatisierung in den letzten Jahren eher zentral getrieben war, deutet Industrie 4.0 mehr in die dezentrale Richtung. Wir haben unser Elektronikportfolio so aufgebaut, dass wir beide Bereiche gut bedienen können. Das heißt wir bieten z.B. Umrichter sowohl für den Einsatz im Schaltschrank, als auch motornahe oder integrierte Lösungen.

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Wird die Königsfrage durch Industrie 4.0 also letztendlich zugunsten dezentraler Lösungen entschieden?

Sadi: Dezentrale Ansätze bieten einige Vorteile: Weniger Verkabelung, weniger EMV-Probleme, einfache Vorortdiagnose - um nur einige zu nennen. Deshalb geht der Markt zurzeit in der Tat stark in diese Richtung und das merken wir auch in unserem Geschäft. Aber: Auch zentrale Technik wird nach wie vor nachgefragt und der Veränderungsprozess der Digitalisierung bedarf Zeit. Diese Frage ist noch nicht endgültig entschieden.

Auch Wettbewerber bieten mehr und mehr dezentrale Lösungen an. Wie unterscheidet sich Nord hier?

Sadi: Einige Marktbegleiter verstehen das Geschäft mit dezentralen Lösungen, das muss man fairerweise sagen. Aber wir können uns in den allermeisten Fällen durch die tiefe und passende Integration unserer Lösungen abheben sowie dadurch, dass wir abgestimmte Lösungen für spezielle Applikationen und Branchen anbieten. In solchen maßgeschneiderten Lösungen und der entsprechenden Branchenkompetenz bei Nord liegt ein offensichtlicher Wettbewerbsvorteil.

In wie weit wird hohe Branchenkompetenz denn heute von Kunden eingefordert?

Sadi: Die Kunden wünschen sich tatsächlich zunehmend Know-how auf der Seite des Antriebsanbieters und entsprechende Unterstützung. Sie wollen mit dem Lieferanten eben auf Augenhöhe reden. Es wird in vielen Fällen vorausgesetzt, dass wir die individuellen Anforderungen kennen und exakt passende Lösungen im Programm haben. Auf diesen wachsenden Anspruch sind wir gut vorbereitet und gehen aktiv auf Kunden zu: Nord setzt seit Jahren auf ein entsprechendes Branchenmanagement, ist auf vielen vertikalen Fachmessen vertreten und engagiert sich stark in den jeweiligen Verbänden und Normungsgremien. Dennoch lässt sich ein leistungsstarkes und passendes Produkt nicht so einfach aus dem Ärmel zaubern. Die Entwicklung und Marktreife einer neuen Produktgeneration dauert einfach seine Zeit - und dabei ist es von Vorteil, wenn man von Anfang an nah am Kunden ist und in die richtige Richtung loszieht.

Das heißt Sie müssen Neuentwicklungen heute anders angehen als früher?

Sadi: Richtig. Statt ein Produkt im stillen Kämmerlein zu entwickeln und es erst nach Fertigstellung dem Kunden zu präsentieren, stehen wir heute sehr früh im Dialog mit dem Anwender. Trotzdem ist nach wie vor auch eine hohe Innovationskraft im eigenen Hause und großes Know-how gefragt in Bereichen wie Werkstoffe, Fertigungstechnik oder Software. Ergänzend hinzu kommt dann das Wissen um die konkreten Bedürfnisse des Anwenders. Auch den Trends der Branche und der Grundlagenforschung darf man sich natürlich nicht verschließen.

Welche Branchen und Anwendungen geht Nord denn auf diese Weise an?

Sadi: Kurz gefasst: Überall dort, wo etwas bewegt wird, dort sind wir präsent. Anwendungsseitig liegt der Schwerpunkt also auf Förderanwendungen und der Intralogistik. Das Branchenspektrum reicht dabei von der Lebensmittelindustrie über die Zement- und Stahlherstellung bis hin zur Flughafentechnik. Unsere Lösungen müssen dabei oft spezielle Anforderungen erfüllen - z.B. in der Lebensmittelproduktion bezüglich der Hygiene oder in der Stahlindustrie in Puncto Temperatur und Robustheit. In diesen Zielbranchen begleiten wir den Anwender sehr eng - von der Projektierung bis zur Inbetriebnahme. Unser Serviceangebot beginnt bei Auslegungsfragen und Prototypen; dann folgt eine stimmige Anpassung der einzelnen Komponenten im System - inklusive des gewünschten Kommunikationsprotokolls. Auch um die benötigten Sicherheitsfunktionen kümmern wir uns. Zusammenfassend bieten wir dem Kunden also eine durchgängige Anstriebslösungen samt Beratung und Unterstützung.

Der Kunde will heute also nicht nur eine technische Systemlösung, sondern auch ergänzenden Service und Support?

Sadi: Ja, deshalb umfasst das Paket, das wir dem Kunden liefern, nicht nur Hard- und Software, sondern auch entsprechenden Servicemehrwert. Auch an dieser Stelle hebt sich Nord von vielen Marktbegleitern ab. Wir kümmern uns von Beginn an intensiv um den Kunden und seine Bedürfnisse. Im Gegenzug profitieren wir von der daraus resultierenden sehr engen Kundenbindung.

Wie sieht es mit der regionalen Aufstellung von Nord aus? Können Sie den Anwender bei Bedarf global begleiten?

Sadi: Ja. Nord ist ein international agierendes Unternehmen mit eigenen Tochtergesellschaften in 36 Ländern und Vertragspartner und Distributoren in weiteren 60 Ländern ist es insgesamt in 89 Ländern weltweit aktiv. Das heißt unsere Projektierungsingenieure begleiten den Kunden weltweit - egal, ob es um eine Anlage in Europa, China , Australien, USA oder Brasilien geht.

Wie sieht es denn aus globaler Perspektive beim Stichwort funktionale Sicherheit aus? Muss die Safety immer und überall mit an Bord sein?

Sadi: In Europa sind integrierte Sicherheitsfunktionen wie STO längst Standard. Andere Märkte ziehen nach: Manche mögen noch in der Anfangs- bzw. Orientierungsphase sein, aber der Sicherheitsanspruch hält überall auf der Welt Einzug. Weitere Eigenschaften, die immer stärker nachgefragt werden, sind Vernetzbarkeit, Skalierbarkeit und vor allem hohe Effizienz.

Wirken die niedrigen Energiepreise den Bemühungen bezüglich der Effizienz nicht entgegen?

Sadi: Prinzipiell schon, aber es geht nicht nur um die reinen Stromkosten. Auch Image-Aspekte wie Umweltschutz oder Nachhaltigkeit spielen hier mit rein. Zudem werden die Energiepreise oft künstlich niedrig gehalten, was dauerhaft nicht machbar sein wird. Besonders Deutschland als ressourcenarmes Land, das der Kernenergie abgeschworen hat, muss auf reduzierten Stromverbrauch setzen. Kombiniert mit den Vorgaben der Gesetzgeber, wird sich der Effizienztrend nicht aufhalten lassen. Zudem ist er in den Köpfen der Anwender bereits fest verankert und so müssen sich unsere Motoren mit denen des Wettbewerbs messen lassen. Um die steigenden Ansprüche zu erfüllen, sind wir aktuell schon dabei, Produkte in Richtung IE5 zu entwickeln.

Lassen Sie uns nochmal auf das Thema Alleinstellungsmerkmale zurückkommen. Spüren Sie hier eine Verschiebung von der Hardware hin zu Software und Services?

Sadi: Ja, diesen Trend gibt es in der Tat. Bei einigen Hardwareantriebskomponenten kann man sich auf dem Markt heute kaum noch unterscheiden. Sie sind quasi zum Standard geworden. Bei Software, Engineering und Servicespektrum sieht es hingegen anders aus. Deswegen bauen wir unserer Softwareentwicklung kontinuierlich aus und verlagern bei unseren Antrieben immer mehr Funktionalität von der Hardware auf die Software. Ein gutes Beispiel für diesen Trend ist die Nord-App, die wir demnächst vorstellen. Damit geben wir dem Kunden ein Plug&Perform-Werkzeug an die Hand, das es ermöglicht, Parametrierung komfortabel und intuitiv über mobile Geräte wie Smartphone oder Tablet zu erledigen.

Wird das wirklich vom Markt gefordert?

Sadi: Ja und je größer die Anlage desto größer der Mehrwert, den die Nord-App bietet. In großen Anlagen und Verteilzentren sind 1.000 Antriebe und mehr keine Seltenheit. Der Wunsch vom Anwender ist deshalb, dass der Servicetechniker in Zukunft ohne Umwege Zugriff auf die Anlage und die Parameter der einzelnen Antriebe erhält. Solche Tools werden zu einer Voraussetzung für zeitgemäße Fernwartungs- und Predictive-Maintenance-Konzepte oder IoT- und Cloudlösungen.

Wie schätzen Sie die Bedeutung der neuen technologischen Möglichkeiten für die Produktion ein und welche Strategie verfolgt Nord beim Stichwort Industrie 4.0?

Sadi: Wir beschäftigen uns schon sehr lange damit, z.B. im Rahmen unserer hauseigenen Testförderstrecke. In diesem 2016 umgesetzten Pilotprojekt kommen viele der neuen Technologien zum Einsatz, z.B. um den Status oder die erfassten Daten der intelligenten Antriebe über das Internet zugänglich zu machen. Das führen wir dem Kunden bei unseren Messeauftritten live vor. Wo auch immer die Messe stattfindet, kann sich der Besucher online auf unsere Musteranlage schalten und Parameter oder Daten abrufen. Dabei verfolgen wird sozusagen ein Zweiwegemodell: zum einen klassisch über das Kommunikationsprotokoll und die SPS, zum anderen direkt über ein IoT-Gateway. Der Kunde hat also die Wahl und muss mit der Gateway-Lösung niemanden an seine Steuerung heranlassen. Wäre der Zugriff auf die Antriebe ausschließlich über die SPS möglich, würde das Szenario aufgrund der zunehmenden Aufmerksamkeit für Datensicherheit in vielen Fällen umgehend scheitern.

Nord ist also Industrie-4.0-ready?

Sadi: Das kann man so sagen. Dadurch, dass wir uns entsprechend mit dem Thema beschäftigen und die technische Umsetzung ausgearbeitet haben, können wir dem Kunden heute eine praxistaugliche Lösung anbieten, die neben Hard- und Software eben auch die Anbindung an eine Cloud umfasst.

Werden Sie dann auch eine eigene Nord-Cloud anbieten?

Sadi: Eine solche gibt es bislang noch nicht und ob es sie in Zukunft geben wird, werden wir vom aufkommenden Kundenbedarf abhängig machen. Um heute schon ein Gefühl dafür zu bekommen, führen wir viele Gespräche mit Kunden und OEMs, laden zu Workshops ein oder spielen verschiedene Geschäfts- und Lizenzmodelle durch. Stand heute ist es entscheidend, dass man dem Anwender einen Weg in die Cloud ermöglicht, ihm dabei aber möglichst viel Freiheit lässt und ihn nicht einengt.

Schließt sich hier der Kreis wieder bezüglich der bereits besprochenen Systemkompetenz von Nord?

Sadi: Bestimmt. Um in Zukunft ein passendes und durchgängiges Gesamtpaket anbieten zu können, reicht Hard- und Software allein nicht mehr aus. Hinzu werden immer mehr Services aber auch ergänzende Geschäftsmodelle gefragt sein. Die Technik wird also zunehmend nur ein Mittel zum Zweck. Aber das ist noch ein langer Weg, der Schritt für Schritt zu gehen sein wird. Und Nord ist für diesen Weg bereit.

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