15.05.2018

Interview mit Bachmann-CEO Bernhard Zangerl

"Die Zeichen der Zeit deuten"

Auch wenn der Weg in die industrielle Zukunft noch nicht im Detail vorherzusagen sei, lasse sich aus heutiger Perspektive schon relativ klar ablesen, mit welchen grundsätzlichen Herausforderungen Maschinenbauer und Automatisierer im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung künftig konfrontiert werden, sagt Bernhard Zangerl. Im Interview mit dem SPS-MAGAZIN zählt der Geschäftsführer von Bachmann Electronic die neuen Technologien genauso dazu, wie Veränderungen im Portfolio, steigende Anforderungen, neue Geschäftsmodelle oder geografische Verschiebungen.


Die aufstrebende Digitalisierung bestimmt die aktuellen Diskussionen in der Industrie. Was kommt hier genau auf produzierende Unternehmen in Europa zu, Herr Zangerl?

Bild: Bachmann Electronic GmbH

Bernhard Zangerl: Technologisch geht es vor allem um Innovationen, mit denen man als Konsument heute zum Teil schon längst konfrontiert ist. Denn diese Seite hat sich schneller entwickelt als der professionelle Bereich - was sicherlich auf die speziellen Ansprüche in der Industrie zurückzuführen ist, z.B. in Bezug auf Zuverlässigkeit, Verfügbarkeit oder Sicherheit. Welche Standards und Technologien sich im Maschinenbau letztendlich durchsetzen werden, lässt sich nicht genau abschätzen, aber es werden zukünftig sicher viele neuartige Funktionen und Möglichkeiten die Automatisierungslösungen und Anwendungen prägen.

Sehen Sie hier Parallelen zum Smartphone, bei dem man auch erst mit der Zeit herausgefunden hat, was alles damit möglich ist?

Zangerl: Ja. Ursprünglich steht hinter Schlagwörtern wie Industrie 4.0 oder IoT die Intention, eine ganze Branche zu lenken und zukünftige Chancen wie Risiken möglichst früh zu erkennen. Was die Digitalisierung aber konkret bedeutet und wie sie sich auf die Prozesse der Industrie in fünf oder zehn Jahren auswirken wird, ist aus heutiger Sicht aber noch sehr schwierig bzw. fast unmöglich zu prognostizieren. Fest steht: Es sind mehr und mehr disruptive Effekte zu erwarten, denn nicht nur bei der Technik, auch bei den Geschäftsmodellen werden sich neue Ansätze durchsetzen, an die wir heute vielleicht noch gar nicht denken.

Was bedeutet das für Maschinenbauer und die Anbieter von Automatisierungstechnik?

Zangerl: Durch den steigenden Einfluss der Digitalisierung und die technologischen Möglichkeiten ändern sich die Märkte immer schneller und bieten dabei viele neue Möglichkeiten. Deswegen werden diejenigen Unternehmen erfolgreich sein, die agil aufgestellt sind und denen es gelingt, vorausschauend neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Es liegt also an den Automatisierern und Maschinenbauern, die Zeichen der Zeit möglichst früh zu deuten.

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Aber ist die Geschwindigkeit in der Industrie nicht erfahrungsgemäß eine ganz andere als im Consumer-Umfeld?

Zangerl: Generell ist die Mentalität der Industriebranchen schon konservativer, aber das war nicht immer so: Als ich vor drei Jahrzehnten ins Berufsleben startete, war die industrielle Seite in vielen Bereichen der Vorreiter und hat verschiedene Entwicklungen zu den Endkonsumenten getragen. Stand heute sind hingegen die Innovationszyklen im Consumer-Bereich ungleich dynamischer.

Die Lebenserwartung von Maschinen ist ja auch deutlich länger als die von Consumer-Elektronik und Co.

Zangerl: Pauschal betrachtet ist das so, aber bei genauerem Hinsehen gibt es schon Unterschiede. So haben sich in manchen Bereichen kurze Innovationszyklen von wenigen Jahren etabliert. In vielen anderen Fällen müssen Maschinen und Anlagen hingegen nach wie vor mehrere Jahrzehnte funktionieren. Insgesamt ist es wohl auch eine Generationsfrage: Die heutigen Entscheider sind vielleicht eher noch Bewahrer mit gewissen Berührungsängsten gegenüber den neuartigen Möglichkeiten welche die Digitalisierung bietet. Die nachfolgenden Generationen, die heute im digitalisierten Umfeld schon ganz selbstverständlich agieren, werden jedoch kürzere Innovationszyklen mit in die Industrie bringen.

Liegt in einer zunehmenden Schnelllebigkeit nicht eine Gefahr für die Stabilität der europäischen Industrie?

Zangerl: Hier gibt es ganz unterschiedliche Meinungen. Unterm Strich müssen Unternehmer immer wieder das passende Mittelmaß zwischen langfristiger Stabilität und dem Raum für neue Innovationen finden. Nur dann kann es gelingen, die Vorteile beider Welten zu verheiraten. Sich dem Trend von Industrie 4.0 hingegen komplett zu verschließen, wird niemand langfristig durchhalten. Gewisse Dinge im Markt entwickeln sich eben einfach. Und dann muss man mitmachen, ob man will oder nicht. Obwohl der Mittelstand normalerweise von Haus aus agil ist und schnell reagieren kann, sehe ich hier durchaus eine große Herausforderung.

Die nötige Flexibilität ist also eine zentrale Eigenschaft, um zukünftig im Wettbewerb bestehen zu können.

Zangerl: Richtig, aber es werden noch einige weitere Herausforderungen zu stemmen sein: Eine davon ist die Sicherheit, der sich niemand entziehen kann. Durch die zunehmende Vernetzung aller Komponenten und Maschinen werden die Systeme angreifbarer und verletzlicher. Die jüngsten Hacker-Angriffe - egal ob auf Fertigungsunternehmen, Energieversorger und Infrastrukturbetreiber - belegen das sehr eindrucksvoll. Sie sind ein Vorgeschmack auf die Schattenseiten neuer Technologien, mit denen sich die Industrie in den kommenden Jahren ebenfalls intensiv auseinandersetzen wird müssen.

Wiegen die Vorteile der Vernetzung die Risiken in der Praxis denn wirklich auf?

Zangerl: Stand heute mag das noch zu diskutieren sein, aber auch hier zeichnet die Consumer-Welt den Weg vor. Durch maßgeschneiderte Angebote, die auf die individuellen Nutzergewohnheiten der Anwender abgestimmt sind, wird auch in der Industrie echter Mehrwert entstehen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Condition Monitoring. Wenn sich über die erfassten Maschinendaten eine Zustandsbewertung realisieren lässt und frühzeitig Verschleiß oder Ausfälle erkennbar werden - dann steckt darin doch bedeutender Nutzen. Voraussetzung ist aber, dass sich riesige Datenmengen applikationsspezifisch und punktgenau auswerten lassen. Das geht wiederum nur automatisiert mit den richtigen Algorithmen.

Big Data, Analytics und Machine Learning sind für die meisten Maschinenbauer noch Neuland. Wie gehen Sie hier vor?

Zangerl: Wie man neue Themenfelder am besten besetzt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Als Mittelständler haben wir bei Bachmann zudem in der Regel viel mehr Ideen als Möglichkeiten: Wir können nicht auf allen Hochzeiten tanzen, versuchen es aber auf den richtigen zu tun. Im Bereich Condition Monitoring ist Bachmann dies u.a. durch die Akquisitionen von µ-Sen (Condition Monitoring Systeme) und Certec (Web Technologien, Visualisierung) ziemlich gut gelungen.

Das Beispiel Condition Monitoring zeigt gut, wie stark die Bedeutung der Software in der Automatisierung wächst. Kann man die Steuerungs-Hardware in Zukunft getrost vernachlässigen?

Zangerl: Die Verschiebung der Funktionalität zu Lasten der Hardware lässt sich nicht ausblenden. Die Geräte selbst bieten immer seltener Differenzierungsmerkmale per se, sind aber dennoch der Enabler um USPs auf Softwareseite zu schaffen. In der Folge muss die Hardware auch künftig noch genauso zuverlässig funktionieren wie bisher, doch insgesamt rückt sie zunehmend in den Hintergrund.

Die Industrie sieht also spannenden Zeiten des Wandels entgegen. Aber welcher Anteil davon findet überhaupt technologisch statt und in wie weit muss sich die Denke der Anwender verändern?

Zangerl: In den Köpfen muss auf jeden Fall einiges passieren, denn mit dem klassischen Verkauf von Hardware wird man in Zukunft nicht mehr all zu weit kommen. Längst gibt es hier einen generellen Trend hin zu Lösungen statt einzelner Komponenten. Darauf aufsetzend wird in Zukunft von Maschinenbauern vermehrt Hilfestellung in Form von Dienstleistung und Beratung eingefordert. Denn sie wollen sich in der Entwicklung auf ihre Kernkompetenz konzentrieren. Für die Automatisierung des Prozesses sind dann Partner gefragt, die die Steuerungstechnik in eine exakt passende Lösung gießen.

Sie haben ja bereits die Daten- bzw. IT-Sicherheit angesprochen. Wie lässt sich diese in Zeiten zunehmender Vernetzung überhaupt sicherstellen?

Zangerl: Hier bedarf es unterschiedlicher Stoßrichtungen: Die technische Basis für die Sicherheit bieten moderne Produkte, wie wir sie als Teil unseres Lösungsportfolios anbieten. Der ausschlaggebende Punkt sind aber die Menschen, die diese Technik einsetzen. Wir schulen unsere Mitarbeiter und Kunden bei Bedarf proaktiv, damit Bewusstsein und Verständnis dafür entwickelt wird, wie und wo Risiken entstehen. Dabei kommt uns zu Hilfe, dass das Thema immer öfter in Fachzeitschriften und Publikumsmedien präsent ist. Egal ob es um die Deutsche Bahn geht, um Prozessanlagen im Nahen Osten oder um Krankenhäuser in England - wenn Computer im Industrieumfeld gehackt und ganze Infrastrukturen lahmgelegt werden, dann steigt das Bewusstsein automatisch. Zusammenfassend lässt sich sagen: Sicherheit ist weniger eine Frage der Technologie, als eine der Anwendung.

Wie wird sich das globale Wettbewerbsumfeld in Bezug auf die Automatisierung und den Maschinenbau verändern?

Zangerl: Hier ist in erster Linie China zu nennen, ein Wachstumsmarkt, der aus heutiger Sicht großes Potenzial verspricht. Dennoch ist die Entwicklung in gewisser Weise Fluch und Segen zugleich. Denn der chinesische Markt fertigt schon heute nicht mehr nur High-End-Elektroartikel wie Smartphones im Auftrag ausländischer Firmen, sondern bringt auch eigene Entwicklungen auf Top-Level hervor. Eine analoge Entwicklung werden wir vermutlich auch im Maschinen- und Anlagenbau erleben. Das Siegel Made in China steht dann nicht mehr nur für die Produktionsstätte der Welt, sondern auch für Hightech.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Zangerl: Damit der hiesige Mittelstand eine bedeutende Stütze für die Wirtschaft in Europa bleiben kann, muss er ein Stück von seinem hohen Ross absteigen. Wir bei Bachmann wollen - ähnlich wie der chinesische Markt auch - wieder langfristiger denken. In diesem Sinne versuchen wir neue Themenfelder abzuleiten, die das Unternehmen weiterbringen - nicht nur die kommenden ein oder zwei sondern die nächsten zehn bis 20 Jahre.

Bachmann ist als Automatisierungsanbieter recht spitz auf bestimmte Anwendungsbereiche fokussiert. Wird sich das durch Digitalisierung und Co. wieder ändern?

Zangerl: Diese Frage wird für einen Mittelständler wie Bachmann schnell zur Gratwanderung. Denn wir müssen im Rahmen unserer Ressourcen stets abwägen, was wir alles leisten können, ohne den technischen Tiefgang und unser Applikations-Know-how zu verlieren. Aus heutiger Perspektive sind wir mit den vier Branchen Wind, Marine und Offshore, Maschinenbau und Erneuerbare sehr gut aufgestellt. Dennoch verschließen wir uns keinem Themenfeld pauschal, sondern beschäftigen uns im Rahmen unserer strategische Überlegungen ausgiebig damit, welche Weichen vorausschauend zu stellen sind. Dabei halten wir nicht stoisch an den heute adressierten Anwendungen fest. Unsere Visualisierungsprodukte wie Atvise sind hier ein gutes Beispiel: Sie sind so vielseitig verwendbar, dass es unklug wäre, nicht auch neue Einsatzfelder zu adressieren - gegebenenfalls mithilfe zusätzlicher Vertriebskanäle und Partnern, die mit unserer Branchensegmentierung eigentlich nichts zu tun haben.

Die Vision von Industrie 4.0 hält Industrieausrüster ja dazu an, verstärkt in Kooperationen zu denken. Ist es dieser Ansatz, dem Sie hier folgen?

Zangerl: Prinzipiell ist es nichts Neues, dass wir in gewissen Bereichen mit Partnern arbeiten. Das hat sich seit Jahren sehr gut bewährt. Doch wenn man sich im steigenden globalen Wettbewerb behaupten will, sollte man noch engmaschiger zusammenarbeiten - selbst mit Unternehmen, denen wir in manchen Themenfeldern als Konkurrenten begegnen. Um künftig noch ein Stück des Kuchens abzubekommen, muss man den ausschlaggebenden USP eben oft gemeinsam anbieten.

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