12.06.2018

Interview mit Andreas Baumüller

"Digitalisierung in greifbaren Nutzen transformieren"

Die allermeisten Anbieter von Antriebs- und Automatisierungstechnik haben sich auf den Weg vom Komponenten- zum Lösungsanbieter gemacht. Diese Ausrichtung erhält nun aber durch Industrie 4.0 und den weiteren Einzug der Digitalisierung eine ganz neue Dimension. Andreas Baumüller, Geschäftsführernder Gesellschafter des gleichnamigen Traditionshauses, erklärt im SPS-MAGAZIN, welche Veränderungen damit für das Unternehmen einhergehen, mit welchem Mehrwert die zusätzliche softwarebasierte Funktionalität lockt und warum man die klassische Hardware dennoch nicht vernachlässigen darf.


Herr Baumüller, alles spricht heute von Industrie 4.0 und Co. Wie stark prägt der dahinter stehende technologische Wandel bereits Ihr Unternehmen und dessen Angebot? Andreas Baumüller: Schon der Weg vom Komponenten- zum Systemanbieter hat unser Portfolio seit den 1990er Jahren fortlaufend verändert. Längst wird vom Kunden erwartet, dass unsere Motoren, Umrichter und Steuerungen aufeinander abgestimmt in der Anwendung zusammenspielen. Der Ansatz von Industrie 4.0 geht jetzt noch mal einen Schritt dahingehend weiter, dem Nutzer eine intelligentere und nutzbringendere Wertschöpfung zu erlauben. Dieser Trend betrifft aber nicht mehr nur die Technik, sondern wird sich auch deutlich auf der Serviceseite und hinsichtlich der Geschäftsmodelle niederschlagen - als ebenfalls ständiger Wandel, dem wir uns als Automatisierer stellen müssen. Ist das komplettes Neuland, das hier beschritten

werden muss?

Bild: Baumüller Nürnberg GmbH

Baumüller: Nicht nur. Einige Elemente kennen wir seit vielen Jahren von großen Anlagen - z.B. die Verfügbarkeit betreffend. Hier liegen neben den verbauten Komponenten und deren Funktionen vor allem smarte Wartungs- und Servicekonzepte im Fokus, die die Anlagen effizient und hochverfügbar am Laufen halten. Solche Ansätze halten jetzt zunehmend auch im klassischen Maschinenbau Einzug. Smarte Effizienz und Verfügbarkeit spielen neben der Funktionalität eine immer wesentlichere Rolle.

Das heißt entsprechend smarte Instandhaltungs- und Servicekonzepte müssen massenkompatibel werden?

Baumüller: Richtig. Dabei kommen z.B. moderne digitale Auswertemethoden zum Tragen. Und wie überall gibt es im Maschinenbau Unternehmen, die solche Technik bereits implementiert haben und anwenden. Andere sind wiederum mitten in der Implementierung und ein Teil fängt gerade erst an, sich überhaupt ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir bei Baumüller können Kunden in allen Phasen unterstützen, denn wir haben in Sachen Mehrwert durch Digitalisierung bereits einiges an Erfahrung gesammelt. Schließlich setzen wir als produzierendes Unternehmen auch in unseren Werken selbst auf diese modernen Werkzeuge zur Effizienzsteigerung. Wir sind also praktisch Hersteller und Nutzer in einem und können so großen Kundennutzen generieren.

Empfehlungen der Redaktion

Kommen dabei auch Themen auf Sie zu, mit denen Sie sich bisher nicht beschäftigen mussten?

Baumüller: Durchaus, denn mit IT und Produktionstechnik treffen ja zwei Welten mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen aufeinander. Und die gilt es jetzt miteinander zu verheiraten. Dabei sind digitale Werkzeuge von großer Bedeutung, sei es im Produkt, im Engineering und der Simulation. Das betrifft das gesamte Life Cycle Management.

Das klingt, als müssten Sie in diesem Zug einige neue Kompetenzfelder besetzen, um den heutigen und zukünftigen Anforderungen gerecht zu werden?

Baumüller: Im Softwarebereich müssen Automatisierer wie Baumüller sicherlich einige Kompetenzfelder weiter aus- und aufbauen. Aber nicht nur dort. Denn die neuen Anforderungen hinsichtlich Simulation, Daten-Handling oder Vernetzung wirken sich durchaus auch auf die Hardware aus, z.B. in Form von neuen Schnittstellen. Zudem verändert die Digitalisierung natürlich den Prozess, wie Hardware effektiv und schnell entwickelt werden kann.

Baumüller hat mit Baudis IoT oder Ubiquity bereits Produkte für die angesprochenen Stoßrichtungen im Programm. Bilden diese in Zukunft die ausschließliche Grundlage für Alleinstellungsmerkmale, oder lassen sich USPs auch nach wie vor auf Hardwareseite generieren?

Baumüller: Sicherlich generieren die genannten Produkte für unsere Kunden Lösungen mit Alleinstellungsmerkmalen, da damit z.B. industrietaugliche IoT-Lösungen realisiert werden können. Gleichwohl bin ich überzeugt, dass man die Hardware-Komponenten nicht vernachlässigen darf. Denn die Funktionalität bildet die Basis der Anwendung und ist somit die Daseinsberechtigung für uns als Antriebs- und Automatisierungsanbieter. Bei allen Möglichkeiten durch die Digitalisierung bleibt für den Anwender immer der konkrete Nutzen im Vordergrund, das gilt bei Retrofit-Projekten genauso wie im Greenfield-Bereich.

Dennoch gehen manche Ihrer Marktbegleiter so weit, zu sagen: Der Wettstreit wird zukünftig komplett auf digitaler Seite entschieden. Wie sehen Sie das?

Baumüller: Wir nehmen den technologischen Wandel sehr ernst und setzen uns damit stark auseinander. Deshalb haben wir z.B. für neu entstehende software- und servicebezogenene Geschäftsmodelle eine eigene Tochterfirma namens IEMTEC gegründet. Sie agiert als schlagkräftige Digitalisierungseinheit mit viel Know-how im gesamten Digitalisierungsprozess. Inhouse bei Baumüller arbeitet die IEMTEC mit verschiedenen Abteilungen eng zusammen, extern bedient sie eigene Kunden.

Das heißt auch in diesem Bereich ist Baumüller Anbieter und Anwender zugleich?

Baumüller: Richtig und mit den Erfahrungen aus dem eigenen Haus verbessert sich wiederum das Angebot für unsere Kunden. So pushen wir die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung schon seit über zwei Jahren - direkt am Markt mit der Prozesserfahrung von Baumüller und gebündelt mit der Dynamik eines Start-ups. Die Zielstellung lautet aber auch hier wieder unmissverständlich, die fortschreitende Digitalisierung in greifbaren Nutzen für den Anwender zu transformieren - und das mit bleibendem Fokus auf unsere Automatisierungsausrichtung.

Können Sie für die Kombination von bekannten und neuen Methoden ein Beispiel geben?

Baumüller: Natürlich. Einer unserer Kunden aus der Textilindustrie zum Beispiel hat in seiner Steppmaschine beides erfolgreich kombiniert. Er hat schon früh auf die Nutzung von Smart Data und die Anbindung an die Cloud gesetzt. So können seine Kunden die Produktions- und Anlagendaten der Maschinen und die Machbarkeit von Steppmustern weltweit problemlos und in Echtzeit prüfen. Das bietet die Flexibilität, die der Markt heute fordert und steigert die Verfügbarkeit. Gleichzeitig schafft das neue Geschäftsmodelle für unseren Kunden - beispielsweise kann ein Online-Shop mit angeboten werden, in dem die Muster direkt eingegeben und die Produkte bestellt werden können - bis zu Losgröße 1.

Das heißt an der Stelle kommt auch das Thema Big Data ins Spiel.

Baumüller: Ja, es geht aber weniger um Big Data als vielmehr um Smart Data. Nur durch großes Applikations-Know-how und lange Erfahrung lassen sich erfasste Daten in nützliche Informationen wandeln - darin liegt die große Kunst, mit der man wirklich die Verfügbarkeit, Effizienz oder Laufzeit einer Maschine sinnvoll optimieren kann.

Die Frage nach Software und Hardware ist also kein entweder oder, sondern ein sowohl als auch.

Baumüller: Mit Sicherheit. Der Software-Anteil von Lösungen für den Maschinenbau ist zwar in den letzten Jahren stetig gestiegen und wird es auch weiterhin tun. Für uns als Lösungsanbieter in der Automatisierungs- und Antriebstechnik sind Software und Hardware seit vielen Jahren Kernkompetenzen, die wir stetig weiterentwickeln. Damit stellen wir die effiziente Funktionalität von Maschinen und Anlagen sicher.

Das klassische Hardware-Geschäft mit Antrieben und Steuerungen wird sich auf absehbare Zeit also nicht auflösen?

Baumüller: Nein, obwohl bei unseren Geräten und bei deren Entwicklung der Software-Anteil steigt, ist die Digitalisierung meiner Meinung nach ein wichtiges On-Top-Thema. Denn hier gibt es zusätzliche Möglichkeiten der Effizienzsteigerung, die auf klassische Weise nicht zu heben sind. Ohne unser Applikations- und Automatisierungs-Know-how wäre dies jedoch in vielen Fällen nicht möglich. Insofern darf man die Digitalisierung nicht um ihrer selbst treiben, sondern muss stets den Nutzen fokussieren.

Wie schätzen Sie die zunehmende Gefahr von Cyberattacken und Malware durch die zunehmende Digitalisierung ein?

Baumüller: Nun, die Industrial Security ist eine Aufgabe, der sich nicht mit einem einzelnen Produkt begegnen lässt, sondern nur mit umfassenden Strategien und Sicherheitskonzepten. Unsere Lösung Ubiquity kann in einem solchen Konzept eine wichtige Rolle einnehmen. Insgesamt sollte man die Security so aufsetzen, dass sie einen möglichst großen Teil der Wertschöpfung abdeckt, aber gleichzeitig die Prozesse und die Lieferkette stabil und wirtschaftlich bleiben - selbst dann, wenn man an einer Stelle des Systems eingreifen oder Änderungen vornehmen muss. Unterm Strich bleibt dem Anwender also nichts anderes übrig, als sich intensiv mit dem Thema auseinander zu setzen und entsprechendes Know-how aufzubauen.

Ist es denn dann überhaupt möglich langfristig wirksame Security-Lösungen zu realisieren, oder bleibt es ein ständiger Wettlauf zwischen Angreifern und den Sicherheitsanbietern?

Baumüller: Die Angriffe auf Industrieanlagen werden potentiell weiter zunehmen, da darf man sich nichts vormachen. Und deshalb bringt es auch nichts, ein Sicherheitskonzept nur einmalig aufzusetzen. Stattdessen muss man es, wie auch schon aus der IT bekannt, regelmäßig prüfen und weiterentwickeln. Diese Anforderung zieht sich zudem komplett durch das Unternehmen, denn es muss ja nicht nur das jeweilige IoT-Gateway geschützt sein, sondern alle Zugriffsmöglichkeiten auf die Anlage und deren Schnittstellen. Dieses Bewusstsein ist sicherlich relativ neu für die meisten Maschinenbauer und Anwender.

Herr Baumüller, wie wirkt sich die Digitalisierung auf Ihre Ausrichtung und die adressierten Anwendungen und Branchen aus?

Baumüller: Der Fortschritt sorgt immer schon für einen kontinuierlichen technologischen Wandel im Bereich der Antriebstechnik und Automatisierung. Entsprechend haben sich auch die Marktumgebungen in den 88 Jahren, die es das Unternehmen Baumüller gibt, stetig verändert. So haben die Anforderungen und Möglichkeiten der Regelungen, Ethernet-basierte Schnittstellen, das Internet, etc. die Einsatzmöglichkeiten stetig erweitert und verändert. Diese Entwicklung wird auch in Zukunft anhalten. Baumüller entwickelt dafür seit Jahren und auch zukünftig ein Produkt- und Lösungsspektrum, mit welchem wir für eine Vielzahl von Branchen attraktive Mehrwerte bieten. Wenn auch jedes Unternehmen den exakt richtigen Weg für sich selbst finden muss, bleibt allen gemein: Man muss sich kontinuierlich weiterentwickeln - wenn man stehen bleibt, dann hat man verloren.

Welche Herausforderungen sind als nächstes für Baumüller zu stemmen? Wo geht die Reise Ihres Unternehmens hin?

Baumüller: Neben Produktentwicklung und Digitalisierung liegt ein weiterer Schwerpunkt darauf, unsere Märkte weiter auszubauen. Dabei müssen wir uns auf die spezifischen Anforderungen der jeweiligen Märkte und Kunden einstellen und unser Produkt-, Lösungs- und Dienstleistungsangebot kontinuierlich darauf abstimmen. Im Blick haben wir dabei mit unserem Portfolio die Realisierung von Anwendungen für die Antriebs- und Automatisierungstechnik sowie digitale Lösungen sowohl bei Neu- als auch bei Bestandsmaschinen und Anlagen. Dies gelingt uns mit unserem intelligent und wirtschaftlich aufgebauten und sich stetig weiterentwickelnden Produkt- und Lösungsportfolio. Es besteht bei Baumüller heute und in Zukunft aus Hard- und Software sowie dem passenden Dienstleistungsangebot.

Anzeige