Erschienen am: 17.09.2018, Ausgabe SPS-MAGAZIN 9 2018

Interview mit Richard Habering, Leiter des Geschäftsbereichs Smart Plastics bei Igus

Wettbewerbsvorteil für alle



Herr Habering, was war für Igus die Motivation, mit dem Isense-System jetzt an den Markt zu gehen?

Richard Habering: Die vorausschauende Wartung wird in Zeiten vernetzter Industrien immer mehr als Möglichkeit angesehen, einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen. Dabei geht es darum, effizienter sowie ressourcenschonender zu produzieren und somit Kosten zu sparen. Wie es bei einem Auto heute größtenteils Gang und Gäbe ist, dass es mich auf den nächsten Inspektionstermin aufmerksam macht, so wird es meiner Meinung nach in drei bis fünf Jahren auch im Industriesektor schwierig sein, Produkte zu verkaufen, die keinerlei Informationen über ihren Zustand geben. Mit unserem Condition-Monitoring-System erhalten Kunden die Möglichkeit, kritische Komponenten genau zum richtigen Zeitpunkt auszutauschen. Oder salopp gesagt: Ohne Isense verbrennt ein Kunde Geld: Entweder, weil er grundsätzlich die Komponenten zu früh austauscht, oder weil er wartet, bis ein Teil defekt ist und dann die Folgekosten zu tragen hat.

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In welchen Branchen sehen Sie einen besonders hohen Bedarf, vorzeitig über den Ausfall kritischer Komponenten informiert zu werden?

Habering: Herauskristallisiert hat sich hier vor allem die Automobilindustrie inklusive ihrer Zulieferer. Insbesondere in der Motoren-, Getriebe- und Antriebsstrang-Fertigung haben wir es häufig mit verketteten Bearbeitungszentren und Portalen zu tun, bei denen ein Ausfall schnell einmal 800 bis 1.000 Euro pro Minute kosten kann. Aber auch bei Krananlagen in Häfen oder Produktionsmaschinen mit langen Verfahrwegen wie in der Holzverarbeitung ist Condition Monitoring ein wichtiges Thema.

Woher weiß das System, das ein Ausfall droht?

Habering: Die Zustandsberechnung z.B. einer Energiekette setzt sich aus drei Größen zusammen. Zunächst einmal haben wir aufgrund unseres Testlabors einen ungeheuren Erfahrungsschatz, was Daten hinsichtlich der Lebensdauer unserer Produkte anbelangt. Bei den Leitungen sind dies rund 27 Jahre, bei den Energieketten sogar noch etwas mehr. Seit rund acht Jahren bieten wir unseren Kunden daher einen Online-Lebensdauerrechner, mit dem sie die Lebensdauer ihrer eingesetzten Igus-Komponenten genau kalkulieren können. Die zweite Größe im Isense-System besteht aus einem auf der Energiekette montierten Gyrosensor, mit dem wir Beschleunigung, Zeit und Geschwindigkeit messen und so ein Bewegungsprofil der Kette ermitteln können. Diese Bewegungsdaten werden mit einem Machine-Learning-Algorithmus bearbeitet und extrapoliert. Als dritte Größe dient ein Sensor, der permanent den aktuellen Abrieb der Kettenseitenteile ermittelt. Aus der intelligenten Kombination all dieser Daten erhält der Anwender dann eine tagesgenaue Angabe hinsichtlich der Restlaufzeit seiner Energiekette.

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Ist eine Weiterentwicklung des bestehenden Systems geplant oder wird diese vorwiegend in Form einer Selbstoptimierung anhand immer größerer Datenmengen vonstattengehen?

Habering: Beides trifft zu. Isense ist ein dynamisches und selbstlernendes System, das sich, vor allem wenn es in seiner intelligentesten Ausbaustufe Isense Online eingesetzt wird, fortwährend und automatisch verbessert. Es wird aber auch Weiterentwicklungen bei Sensorikkonzepten geben. Zurzeit messen wir, wie erwähnt, den Abrieb an den Kettenseitenteilen. Auf der Hannover Messe haben wir ein Sensorikkonzept vorgestellt, das den Verschleiß eines Kunststoff-Kettengliedes direkt prozentual messen kann. Wir arbeiten aktuell an Lösungen, die diese Entwicklung noch wesentlich voran bringen werden.

Welche Bedeutung wird den Isense-Condition-Monitoring-Lösungen in Ihrem Hause beigemessen?

Habering: Smart Plastics ist bei Igus nicht als Projekt angelegt, das irgendwann beendet sein wird, sondern es ist ein eigener, im Januar diesen Jahres, gegründeter Geschäftsbereich, der sukzessive ausgebaut werden soll. Wo die Reise dabei genau hingehen wird, hängt ganz wesentlich von der Marktakzeptanz ab. In Hannover war die Resonanz des Fachpublikums bereits mehr als vielversprechend. Die Energiekette kostet in Relation zur Maschine relativ wenig und ist daher nicht unbedingt im Fokus des Interesses. Sie ist aber eine neuralgische Komponente, deren Ausfall erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen kann. Dinge wie Machine Learning und Künstliche Intelligenz sind noch in der Startphase und müssen hinsichtlich ihrer Akzeptanz noch Vertrauen gewinnen, aber allmählich wird der konkrete Nutzen solcher Entwicklungen erkennbar. Zurzeit sind Endanwender wie etwa produzierende Unternehmen diejenigen, die diese Systeme im Hinblick auf ihre Wettbewerbsfähigkeit einfordern, und Maschinen- und Anlagenbauer sind eher die Getriebenen. Wenn Letztgenannte aber erkennen, welchen Vorteil sie ihren Kunden und sich selber durch den Einsatz moderner Technik verschaffen, wird sich dies rasch ändern, davon bin ich überzeugt.

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