23.07.2019

Interview mit Morten Wierod, President des Geschäftsbereichs Antriebstechnik bei ABB

Im Team zum ganzheitlichen Angebot

Durch die kürzliche Neuausrichtung will sich ABB als Technologieführer für digitale Industrien positionieren. Konkret heißt das: Die vier definierten Geschäftsbereiche Elektrifizierung, Industrieautomation, Antriebstechnik sowie Robotik & Fertigungsautomation sollen jeweils Nummer eins oder zwei in den jeweiligen Märkten sein. Über die dafür nötigen Werkzeuge und weitere Ziele spricht Morten Wierod im SPS-MAGAZIN.


Herr Wierod, Sie sind in der neuen Struktur von ABB für die Antriebstechnik verantwortlich. Was sprach dafür, diesen Bereich auf eigene Füße zu stellen?

Morten Wierod: Es gab vor allem zwei Gründe für die Aufteilung. Zum einen, um die Strukturen im Konzern einfacher und damit ABB agiler sowie profitabler zu machen. Zum anderen wollen wir uns ganz klar auf die jeweiligen Kernkompetenzen und Stärken konzentrieren. Für meinen Geschäftsbereich liegt der Fokus auf Antriebstechnik und Motion Control sowie dem Lösungsanspruch unserer Kunden nach einem durchgängigen Antriebsstrang.

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Aber erfordert nicht gerade dieser Lösungsanspruch häufig eine disziplinübergreifende Herangehensweise?

Wierod: Auf dem Papier trennt unsere neue Struktur die Antriebstechnik von der Industrie- und Fertigungsautomation. Das bedeutet aber nicht, dass wir in Zukunft aufhören, mit den Kollegen der anderen Bereiche eng zusammenzuarbeiten. Aus der Konzernperspektive richtet sich unser Motion-Angebot z.B. sehr stark an den Prozessbereich, sprich Pulp&Paper, Öl&Gas oder Metallherstellung und -verarbeitung. Und in diesen Branchen ist die Automatisierungskompetenz von ABB oft ein wichtiger Türöffner für die Antriebstechnik. Auch andere Branchen wie der Maschinenbau oder die Verpackungs- und Getränkeindustrie fordern zunehmend integrierte Lösungen, die Steuerungs- und Elektrotechnik, Motion sowie Robotik aus einer Hand kombinieren. Trotz der neuen Struktur sind also nach wie vor Teamgeist und Zusammenarbeit bei ABB gefragt.

Wie lässt sich das kombinieren: Fokus auf die Kernkompetenz und Teamgeist?

Wierod: Das funktioniert sehr gut. Wir stellen uns im Bereich Motion eigenständig und selbstbewusst auf, um dann gemeinsam mit anderen Konzernbereichen exakt passende Lösungen für ganz unterschiedliche Anwendungen und Branchen zu generieren. Das ganzheitliche ABB-Angebot bleibt also bestehen und unsere Ausrichtung wird noch kundenorientierter.

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Welchem Bereich wird das antriebstechnische Angebot von B&R zugerechnet?

Wierod: B&R ist Bestandteil des Geschäftsbereichs Robotik & Fertigungsautomation. Deshalb werden wir speziell hier übergreifend eng zusammenarbeiten, um den Kunden exakt abgestimmte Lösungen aus einer Hand zu liefern - ohne dabei organisatorische Hürden innerhalb des Konzerns nehmen zu müssen. Die vereinfachten Strukturen sind also generell ganz im Sinne des Kunden.

Die Lösungsdenke auf Anbieterseite ist ja nichts neues. In wie weit hat sie sich denn auch bereits im Bewusstsein des Kunden festgesetzt?

Wierod: Unsere Kunden drängen ganz klar in Richtung Lösungen. Warum, lässt sich gut am Beispiel der Energieeffizienz festmachen. Ob man einen IE3- oder IE4-Motor einsetzt, ist kein sehr großer Unterschied. Das wirkliche Potenzial zeigt sich erst, wenn alle Komponenten im Antriebsstrang aufeinander abgestimmt sind. Und die Reise geht noch weiter: mit unseren neuen smarten Sensoren, die den Zustand an Motoren, Getrieben oder Lagern überwachen. Sie ermöglichen die nächste Stufe der Effizienz - aber auch der Produktivität. Und das kommt bei unseren Kunden natürlich sehr gut an.

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Ist das dann bereits echte Industrie 4.0?

Wierod: Auf jeden Fall. Denn dieses Level lässt sich nur mit den modernen Möglichkeiten der Digitalisierung erreichen. Und nur im System. Bei Industrie 4.0 geht es eben nicht um einzelne Komponenten. Deswegen bieten wir unseren Kunden und den OEMs komplette Lösungspakete. Auf Wunsch sogar mit individuellem Engineering, Konfiguration und Auslegung sowie inklusive Remote-Anbindung und permanentem Monitoring. Sogar eine Anpassung der Parameter aus der Ferne lassen unsere Lösungen während des laufenden Betriebs zu. Der nächste Schritt wäre es dann, die Antriebe über KI und die integrierte Steuerungstechnik so smart zu machen, dass sie gar nicht mehr überwacht werden müssen, sondern sich permanent selbst optimieren. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Wie tief wird die Digitalisierung denn den Motion-Bereich prägen? Ein Motor lässt sich schließlich nicht durch ein Software Tool ersetzen.

Wierod: Aber das gesamte Umfeld wird von der Digitalisierung verändert, und zwar über den kompletten Lebenszyklus hinweg vom Engineering bis zum Service. Früher war eine SPS als Instanz unverzichtbar. Heute kann der Anwender durch die antriebsintegrierte Intelligenz und Rechenleistung in vielen Fällen auf eine separate Steuerung verzichten. Gerade in Verbindung mit Lösungen aus unserem Portfolio ABB Ability. Dann lassen sich die im Antrieb erfassten Daten direkt in Mehrwert wandeln. Voraussetzung ist, dass man die traditionellen Denkansätze ein Stück weit zugunsten neuer Ideen verlässt, etwa der des digitalen Zwillings. Dann sind zukünftig bei Effizienz und Verfügbarkeit noch ganz andere Level erreichbar.

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Wie reagieren denn die Anwender auf die neuen Möglichkeiten und das wachsende digitale Angebot von ABB?

Wierod: Die Industrie will übergreifend die Vorzüge der Digitalisierung nutzen. Aber eine Menge unserer Kunden benötigen dabei Hilfe und Unterstützung, die wir gerne anbieten. Letztlich treffen wir dabei auch auf skeptische Sichtweisen, z.B. was die IT- und Datensicherheit angeht. Diesen Zweifeln müssen wir aufmerksam und ernsthaft begegnen - und offen. Denn die Anwender wollen keine proprietären und geschlossenen Systeme mehr. Deswegen gilt bei ABB Ability der Grundsatz: Die Daten gehören dem Kunden. Zudem kann der Anwender unsere digitalen Lösungen stets nahtlos in seine bestehende Produktions- und IT-Infrastruktur einbinden.

Die Grundlage für diese digitalen Lösungen bleibt aber das physische Automatisierungs- und Antriebsportfolio?

Wierod: So ist es. Und unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass alle Hardware- und Softwarebausteine aus dem ABB-Angebot bestmöglich zusammenpassen, und unsere Kunden - egal ob Maschinenbauer oder OEM - darin die exakt benötigte Basis finden. Selbstständig oder mit unserer Unterstützung. Eben genau so, wie es der Anwender wünscht. (mby)

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