13.09.2019

Interview mit Sigmatek-Geschäftsführer Alexander Melkus

"Weder von Aktionären noch Banken abhängig"

Wie stellt sich Sigmatek den jüngsten Entwicklungen auf dem Automatisierungsmarkt? Und welche Neuheiten und Neuigkeiten hat der österreichische Anbieter aktuell in der Pipeline? Geschäftsführer Alexander Melkus gibt im SPS-MAGAZIN Einblicke, was sich im Anwendungsspektrum sowie in Bereichen wie HMI und Robotik tut, und kommentiert aktuelle Technologietrends.


Wie läuft es bei Sigmatek und wie schätzen Sie die aktuelle Marktsituation ein, Herr Melkus?

Bild: Sigmatek GmbH & Co KG

Alexander Melkus: Rückblickend können wir sagen: 2018 war ein gutes Jahr. Sigmatek ist deutlich gewachsen - zwar 'nur' einstellig - aber wir sind trotzdem sehr zufrieden. Leider hat sich im ersten Halbjahr 2019 der Trend zur Abkühlung des Automatisierungsmarktes, der sich schon im zweiten Halbjahr 2018 andeutete, weiter manifestiert. Er ist meines Erachtens aber mehr auf Unsicherheiten, denn auf wirklich handfeste Entwicklungen zurückzuführen. Egal ob Handelsstreitigkeiten, der Brexit oder die Diskussion um Emissionsnormen von Verbrennungsmotoren: Der Markt agiert verhalten und vorsichtig. Viele Anwender haben ihre Lagerstände heruntergefahren und arbeiten erstmal die Aufträge aus dem letzten Jahr ab. Nichtsdestotrotz bin ich guter Dinge, dass sich die Branche anschließend wieder schnell erholt.

Wie verhält sich Sigmatek als Automatisierungsanbieter in dieser Situation?

Melkus: Ich sehe die Situation nicht wirklich tragisch. Natürlich beobachten wir den Markt sehr genau, handeln entsprechend vorsichtig und prüfen geplante Investitionen. Für harte Maßnahmen wie Einstellungsstopp, Kurzarbeit oder ähnliches besteht aber überhaupt kein Grund. Denn als mittelständiges Familienunternehmen sind wir sehr gut aufgestellt und glücklicherweise weder von Aktionären noch von Banken abhängig. Wir lassen uns von unserem Weg durch eine leicht schwächelnde Konjunktur also nicht so schnell abbringen.

Welche Anwendungen bedienen Sie denn mittlerweile mit Ihrer Steuerungs- und Antriebstechnik?

Melkus: Das Anwendungsspektrum unserer Lösungen ist sehr breit. Ein historischer Schwerpunkt liegt bei uns auf der Kunststoffindustrie - wobei sich auch hier die Applikationen verändern bzw. vielschichtiger werden. Es beginnt bei klassischen Spritzgussmaschinen, deren großen etablierten Anbieter wir ja schon lange bedienen. Mittlerweile werden aber auch vor- und nachgelagerte Anwendungen in deren Umfeld sowie Peripheriegeräte zunehmend mit unserer Steuerungs-, Safety- und Antriebstechnik ausgerüstet. Dazu gehören Trockner, Granulierer oder Recycling-Anlagen. In diesen Bereich fallen einige der erwähnten Neukunden. Neue Kunden gibt es zudem im Bereich des 3D-Drucks. Dieses Marktsegment ist zwar noch relativ neu für uns - wir haben es erst im vergangen Jahr als Zielbranche definiert. Die Erfolge haben sich aber bereits eingestellt.

Wie sieht es abseits des Kunststoffs aus?

Melkus: Abseits dieses Marktsegments sind die Anwendungen von Sigmatek ausgesprochen vielfältig: Die Liste reicht von Textil- und Verpackungsmaschinen über die Nahrungsmittelindustrie bis hin zu Handling- und Robotiklösungen. Auch Großanlagen und Logistiksysteme werden immer öfter mit Sigmatek-Technik ausgestattet. So haben wir auch einige Neukunden im Bereich der fahrerlosen Transportsysteme gewonnen.

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Welche Eigenschaften kommen dabei zum Tragen?

Melkus: Eine Grundvoraussetzung ist die geforderte Miniaturisierung - hier passt unsere kompakte, vibrationsfeste Steuerungs- und Motiontechnik einfach perfekt. Auch unser Wireless-Bedien-Panel kommt bei mobilen Lösungen im Materialfluss sehr gut an. Last but not least ist bei fahrerlosen Transportsysteme anspruchsvolle und leistungsfähige Sicherheitstechnik gefragt. Diesem Anspruch begegnet Sigmatek nicht nur mit seinem Hard- und Softwareportfolio, sondern ebenso mit umfangreichem eigenen Applikations-Knowhow und der Erfahrung bei der Sicherheitsbetrachtung mobiler Lösungen. Kurzum: Wir stehen auch den neuen Kunden aus diesem Markt gerne beratend zur Seite.

Und was tut sich im Feld der Robotik?

Melkus: In Summe können wir dem Anwender ein passendes Gesamtpaket für die Robotik schnüren, bestehend aus Steuerungstechnik, Safety, HMI und Motion. Wir bedienen mit unserer Antriebs- und Endstufentechnik fast alle Anwendungen der Industrierobotik. In den kommenden ein bis zwei Jahren werden wir eine neue Drive-Generation und Sicherheitssteuerung auf den Markt bringen, die das Robotik-Segment perfekt abdecken.

Wie kommt das bereits angesprochene Wirelesspanel bei Ihren Kunden an? Gibt es auch hier Neuheiten?

Melkus: Ja. Aus den Kundenanwendungen heraus entwickeln wir unser drahtloses Bedien-Panel stetig weiter. Aktuell ist es in mehreren Versionen verfügbar: Zum einen in der klassischen Variante mit Sicherheitselementen wie Not-Halt, Zustimmtaster und Schlüsselschalter. Zum anderen bieten wir das Panel aber auch ohne jegliche Safety-Funktionalität an. Parallel ist es jetzt neu mit Potentiometer-Rädchen verfügbar, über die der Nutzer Maschinen- oder Roboterachsen direkt verfahren kann. Mit dieser Version haben wir gerade verschiedene Pilotanwendungen sehr erfolgreich umgesetzt. Insgesamt ist unser Wireless Panel also im Markt etabliert und vielfach im Einsatz. Nicht nur in industriellen Anwendungen, sondern z.B. auch in der Medizin- oder Bühnentechnik oder im Modelldesign des Automobilbaus. Es ist ein Türöffner für Sigmatek - denn die Kunden erkennen schnell, welches Zukunftspotenzial in der drahtlosen Bedienung von Maschinen steckt.

Springen die Marktbegleiter auf diesen Zug auf?

Melkus: Es wäre ja das erste Mal, dass eine gute Produktidee nicht vom Wettbewerb aufgenommen wird. So werden wir auch mit dem Wireless Panel wohl nicht alleine auf dem Markt bleiben. Aber da ein ziemlich großer Zertifizierungsaufwand dahinter steckt, haben wir doch noch etwas Vorsprung.

Lassen Sie uns noch ein paar Technologietrends anschneiden: Viel diskutiert wird aktuell die künstliche Intelligenz. Wie schätzen Sie deren Potenzial für die Automatisierung ein?

Melkus: Der Nutzwert von KI zeigt momentan stark in Richtung Condition Monitoring und Predictive Maintenance. Mit dem dortigen Potenzial beschäftigen wir uns intensiv und arbeiten auch bereits mit Startups zusammen. Bis zu einfach einsetzbaren und sich selbst optimierenden KI-Trainingsroutinen ist es in der Automatisierung aber noch ein gutes Stück weit hin. Und selbst dann bleibt KI stets eine umfangreiche Zusammenstellung von Regelwerken und Algorithmen.

Kommen wir zur Kommunikation: Wie werden OPC UA und TSN den Maschinenbau prägen?

Melkus: Diese neue Kommunikationsgeneration steckt noch in den Kinderschuhen. Aber dahinter steht eine spannende Vision für einen leistungsstarken und durchgängigen Standard. Sobald dieser wirklich marktreif und wirtschaftlich attraktiv ist, wird er auch bei Sigmatek nicht zur Diskussion stehen. Aber er muss dann auch alle Vorteile bieten, die wir heute mit unserem Industrial-Ethernet-Standard Varan abdecken.

Ist Single Pair Ethernet - kurz SPE - in der Praxis schon weiter?

Melkus: SPE ist in der Industrie noch sehr neu, aber wegen der Robustheit und dem minimierten Installationsaufwand hochinteressant. Auf der Hannover Messe gab es ja schon erste industriell ausgelegte Anschlusslösungen dafür zu sehen. Der Knackpunkt liegt hier wieder in den Kosten sowie der Verfügbarkeit. Prinzipiell passt Single Pair Ethernet aber ausgezeichnet zum Angebot von Sigmatek - vor allem in Hinsicht auf die Miniaturisierung unserer Steuerungs- und Antriebslösungen.

Aktuell geht es in der Automatisierung mit großen Schritten in Richtung Messeherbst. Können Sie schon einen Ausblick geben, was unsere Leser als nächstes aus dem Hause Sigmatek erwarten dürfen?

Melkus: Bereits spruchreife Highlights für den Herbst sind die IIoT-Lösungen Remote Acces Plattform oder Cloud Logging. Darüber hinaus haben wir auch eine neue Remote Access App gelauncht. Mit ihr kann der Anwender über sein Smartphone Prozesse überwachen, Steuerungen parametrieren oder Maschinen aus der Ferne bedienen - geschützt durch moderne Sicherheitsmechanismen wie VPN-Tunnel und SSL-Verschlüsselung. Auf der SPS-Messe wird es aber sicherlich auch wieder um die Neuzugänge unserer S-DIAS Serie mit z.B. einem Energieerfassungsmodul sowie Motorendstufen für Bürstenmotoren und zudem um die neue HTML5-Web-Visualisierungssoftware von Lasal gehen, deren erstes Release seit April im Einsatz ist. (mby)

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