30.07.2013

Denn sie tun nicht, was sie wissen

In der Rubrik 'Führung & Management' beschäftigt sich das SPS-MAGAZIN mit Themen, die für Führungskräfte relevant sind - unter anderem im Rahmen einer neunteiligen Serie mit dem Titel 'Führungswissen für den Alltag'. Diese schließen wir mit diesem Heft in Form eines Interviews mit dem Autor der Serie, Marcus Hausner, ab.


Bild 1: Marcus Hausner trainiert und begleitet seit 1999 Führungskräfte. Seine Schwerpunkte sind Führung, Kommunikation, Zusammenarbeit, Teamarbeit und Konfliktmanagement.
Bild: Hausner Management Services

Mit diesem Interview endet eine von Ihnen publizierte Artikelserie im SPS-MAGAZIN mit der Überschrift 'Führungswissen für den Alltag'. Was sind die häufigsten Hinderungsgründe, dass es bei Führungskräften vom Wissen nicht zur gelebten Praxis kommt?

Hausner: 'Denn sie tun nicht, was sie wissen' lautet ein beliebter Vortrag von mir. Man könnte viele Aspekte und Ursachen dafür nennen. Jeder Mensch und jede Organisation ist einzigartig und damit unterschiedlich. Gleichzeitig nehme ich mir nach mehr als zehn Jahren Erfahrung in Coaching und Begleitung von Führungskräften die Freiheit und sage: Man kann diese Frage auf ein Wort reduzieren: Prioritäten. Es ist eine Frage der Wertigkeit. Bin ich wirklich bereit eine neue Gewohnheit, einen neuen Stil einzuüben und Teil meines Lebens und Arbeitens werden zu lassen? Damit hängt auch zusammen, dass die Arbeit, die mit Lernen und Wachstum und Veränderung verbunden ist, unterschätzt wird. Das gilt für einzelne Personen, wie für Organisationen. Mit einem Seminar ist noch kein Chef geboren und mit einer 'Qualitätsoffensive' noch lange kein exzellentes Unternehmen. Die Bereitschaft den langen Weg zu gehen und auf ein Pferd zu setzen, auch wenn sich nicht vorschnell Erfolge einstellen, ist dazu entscheidend.

Wo sehen Sie generell die größeren Defizite bei Führungskräften in Deutschland: Beim nicht vorhandenen Wissen oder bei der mangelnden Umsetzung?

Hausner: Also zuerst einmal darf man sagen: Wir haben in dieser Frage ungemein viel erreicht in den letzten 15 Jahren. Mitte der 90er-Jahre war ich Vertriebsleiter eines Fachverlages für Personal- und Organisationsentwicklung. Berater, Trainer und Coaches waren meine Hauptansprechpartner. Damals von einer 'Führungs-Wüste' zu sprechen wäre keine Übertreibung gewesen. Die Nachwuchskräfte bringen heute veränderte Menschenbilder und auch schon ein gewisses Handwerkszeug mit in die beruflichen Positionen. In vielen Betrieben gibt es - wenn auch nur ansatzweise - eine systematische Förderung von Führungskräften. Das alles ist ein großer Fortschritt. Nun, wo liegen Defizite? Wir leben heute im Informationszweitalter. Somit ist Wissen nicht mehr der Engpass. Wissen ist Ressource und ist verfügbar. Beinahe überall. Entscheidend für Führungskräfte heute sind Fragen der Reflexion und der Inspiration. Was meine ich damit? Wie grassierende Krebszellen verbreiten sich Hetze, Geschwindigkeit und Arbeitsanforderungen. Menschen sehen sich gezwungen - oder meinen es zumindest - immer mehr in immer weniger Zeit erledigen zu müssen. Räume für das Nachdenken, Zeit für Auswertung besteht kaum mehr und wird vorschnell für neue Aufgaben geopfert. Gerade das aber ist kontraproduktiv, weil die Aufgaben selbst eine hohe Komplexität haben. Gerade hier die 'Vogelperspektive' einzunehmen ist für Führungskräfte entscheidend. Zweiter Engpass: Inspiration. Führungskräfte sind alleine. Je höher in der Hierarchie, desto mehr. Gesprächspartner auf Augenhöhe werden selten oder fehlen ganz. Hier gilt es Räume zu schaffen für Erfahrungsaustausch, Ermutigung, Korrektur und damit Lernen und Entwicklung zu ermöglichen. Hier arbeite ich mit sog. ERFA-Gruppen oder Lern-Gruppen je nach Anforderung. Es geht dabei nicht um Anhäufung von Wissen, sondern um eine gegenseitige Anleitung.

Sie halten Seminare und coa-chen Führungskräfte. Welchen Stellenwert hat aus Ihrer Sicht die persönliche Begleitung durch einen Coach?

Hausner: Im Grunde geht es um Nachhaltigkeit. Wie kann ich das, was ich weiß, umsetzen in meinem Alltag? Gute Trainings und Seminare verabreichen bedürfnisorientiert Wissen und ermöglichen auch erste praktische Erfahrungen mit einem Thema. Und sie machen Lust sich mit den aufgeworfenen Fragen zu beschäftigen. Mehr nicht. Können sie auch nicht. Coaching setzt hier an. Ein Coach hilft nun dem Coachee seine Situation realistisch einzuschätzen, machbare Ziele zu formulieren und ist Gesprächspartner auf dem Weg zur Umsetzung. Manchmal tun es auch die Gespräche mit einem guten Freund oder Mentor. Manchmal sind die Aufgaben jedoch zu komplex oder zu pikant. Dann braucht es einen systematischen Prozess.

Wie kann es einem Unternehmen gelingen, eine einheitliche Führungskultur zu etablieren?

Hausner: Eine Kultur entsteht dort, wo sich Menschen gemeinsamen Werten und Normen verpflichten und diese dauerhaft leben. Für eine einheitliche Führungskultur bedeutet dies zum einen, dass alle am Prozess Beteiligten diese Kultur entstehen lassen können, sich also dazu äußern und diese mitformen können, beispielsweise durch regelmäßige Mitarbeiterbefragungen oder Gespräche. Zum anderen die Bereitschaft der Führenden in einen Top-down-Prozess diese Normen auch selbst über einen langen Zeitraum, fünf Jahre und mehr, zu leben und zu fördern, auch wenn sich nicht vorschnell Erfolge einstellen. Wenn dieses Zusammenspiel von Top-down- und Bottom-up-Prozessen gelingt, entsteht ein unternehmensweiter Dialog in Sachen Führung. Dieser hilft Verständnis aufzubauen, zu ändern was nicht funktioniert und die besten Ideen umzusetzen, egal, aus welcher Hierarchieebene sie kommen.

Verändern sich die Themenschwerpunkte in Sachen Führung im Laufe der Jahre und wenn ja, wo sehen Sie die aktuellen Schwerpunkte?

Hausner: Der große und unumstößliche Haupttrend unseres Metiers ist und bleibt: Es gibt nichts Neues unter der Sonne! Die Prinzipien wirksamer Führung, die Grundsätze einer soliden Organisation und die Voraussetzungen für persönliches Wachstum sind bereits bei Platon, Seneca, Paulus oder anderer Weisheitsliteratur nachzulesen. Was sich ändert - zumindest zyklisch - sind die Rahmenbedingungen. So hat nun jede Generation, das bedeutet heute alle zehn Jahre, diese Prinzipien für sich selbst nutzbar zu machen. Die Aufgabe guter Berater und Begleiter ist es, Zugänge zu schaffen und Menschen immer wieder neu zu inspirieren, sich dem Abenteuer des persönlichen und unternehmerischen Wachstums zu stellen. n

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