29.10.2013

Fliegen am Seil

Für ein Flugerlebnis der besonderen Art sorgt seit März heurigen Jahres die europaweit einzigartige Seil-Gleitfluganlage 'Zipline Stoderzinken' im steirischen Ennstal: Sitzend wie beim Paragleiten geht es vom Start in 1.550m Höhe insgesamt 2,5km weit 'fliegend' ins Tal. Das nahezu lautlose Schweben über die herrliche Landschaft ist eigentlich eine Fahrt auf wirbelstromgebremsten Seilrollen entlang eines Tragseils. Vier Personen können gleichzeitig an den parallel gespannten Stahlseilen abwärts sausen - und das mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 120km/h. Hinter dem vermeintlich einfachen Funktionsprinzip steckt in Wahrheit eine Menge sicherheitsgerichteter Automatisierungstechnik. Ob die 'Abflugregelung' am Start, die permanente Streckenüberwachung inklusive Windgeschwindigkeitsmessung oder das talseitige Bremssystem - der gesamte Flugbetrieb wird über das Automatisierungssystem 'PSS 4000' von Pilz gesteuert und überwacht. Die Programmierung der außergewöhnlichen Applikation führte einer der TÜV-zertifizierten Sicherheits-Experten von Pilz Österreich durch.

Autor: Ing. Thomas Reznicek, AlexanderVerlag.at GmbH.


Bild 1: Industrielle Sicherheitstechnik im Einsatz bei einer Seil-Gleitfluganlage.
Bild: Zipline/Martin Huber

Die Urlaubsregion Schladming-Dachstein ist um eine Attraktion reicher. In Gröbming am Fuße des Stoderzinken befindet sich neben dem Abenteuerpark (größter Klettergarten Österreichs) die 'Ground Control' der neu errichteten 'Zipline'-Seil-Gleitfluganlage. Nach erfolgter Anmeldung erhält der 'Fluggast' das im praktischen Rucksack verpackte Sitzgurtzeug und die auf sein Gewicht abgestimmte Seilroller-Einheit. Und dann geht es auch schon mit dem im Preis inkludierten Shuttlebus über die Panoramastraße rauf zum Start. "Die Anlage ist für den Ganzjahresbetrieb ausgelegt. Im Prinzip kann sie bei fast jedem Wetter benutzt werden - außer bei zu starkem Seiten- oder Rückenwind oder bei vereistem Seil", erklärt Werner Berger, der als Inhaber der Abenteuerparks auch die Betriebsleitung der 'Zipline' übernommen hat. Investoren des 2,5Mio.E-Projekts sind der Verein der Marktbürgerschaft Gröbming, die Abenteuerpark-Gesellschaft und die von der Anlage betroffenen Grundbesitzer. "Mit der Seil-Gleitfluganlage bauen wir unser Freizeitangebot für Familien aus und wollen so die Attraktivität der Region - insbesondere auch unseres Skigebiets am Stoderzinken - weiter steigern", begründet Werner Berger die Investition.

Spaß für die ganze Familie

Der 'Fluggenuss' über die Landschaft und der Spaß stehen bei der 'Zipline' im Vordergrund, auch wenn ein gewisser Adrenalinkick nicht fehlen darf. "Wir wollten nichts Extremes, wie etwa 'Bungee Jumping', das ist nicht jedermanns Sache. Auch liegend mit dem Kopf voran wie beim Drachenfliegen empfanden wir für uns weniger passend - solche Anlagen gibt es ja bereits. Vielmehr waren wir bestrebt, ein Flugerlebnis zu schaffen, das die Großmutter mit dem Enkerl gemeinsam erfahren kann und das zwar für einen gewissen Nervenkitzel sorgt, aber keine allzu große Überwindung braucht", betont Werner Berger die Philosophie der Betreiber. "Wir liegen auch preislich relativ günstig, denn ein 'Zipline'-Flug soll kein Abenteuer sein, das man sich nur einmal im Leben leistet bzw. für eine ganze Familie zu teuer wird." Konstruiert und errichtet wurde die Anlage von der Salzburger Firma Engineering - Mechatronics, deren Inhaber Thomas Liebmann das 'Rope Runner'-Konzept entwickelt und erstmalig 2010 in Serfaus/Tirol realisiert hat. Die zweite, im Vorjahr eröffnete Anlage steht in Hoch-Ybrig in der Schweiz. Im Unterschied zu diesen beiden Projekten hat die Gröbminger Seil-Gleitfluganlage nicht nur eine sondern gleich vier parallel verlaufende Seillinien - und das macht sie einmalig. Denn dadurch können mehrere Personen - etwa eine vierköpfige Familie - zugleich und nebeneinander 'fliegen'. Die Strecke teilt sich in zwei Sektionen auf: Die erste ist 1.500m lang, der höchste Luftstand beträgt hier 160m über Grund. Das Seil des zweiten Abschnitts misst 1.000m, verläuft steiler und sorgt daher für ein rasanteres Starterlebnis. "In Sektion 1 kommt der Gast auf den Geschmack und erfährt dann im zweiten Teil nochmals eine Steigerung. Die 'Landung' erfolgt sanft und ohne unangenehme Stöße oder Rückfederungen", beschreibt Werner Berger das 'Flugerlebnis'.

Sicherheit hat höchste Priorität

"Das 'Rope Runner'-Konzept von Thomas Liebmann hat uns aus mehreren Gründen besonders angesprochen - die Seilrollen mit integrierter Wirbelstrombremse, die sitzende Position, dass man als Gast nicht alleine unterwegs ist, der mögliche Ganzjahresbetrieb und vor allem das Sicherheitskonzept", begründet Werner Berger die Entscheidung für dieses System. "Durch den Einsatz moderner Steuerungstechnik werden menschliche Fehler weitgehend minimiert, das war ein ganz wichtiges Argument, welches mich, aber auch die Investoren letztendlich überzeugt hat. Maximale Sicherheit hat für uns oberste Priorität." Die gesamte Konstruktion, sämtliche Berechnungen und die Ausführung selbst erfolgten nach den einschlägigen Seilbahn- und Vergnügungsgeräte-Normen, die Anlage sowie das Gurtzeug und die Seilrollen sind TÜV-geprüft. Die Fahrgeschwindigkeit am Seil begrenzen die integrierten Wirbelstrombremsen in den beiden wartungs- und verschleißfreien Seilrollen je Seilroller. Um möglichst gleiche Geschwindigkeiten am Seil zu erreichen, stehen vier Roller-Größen für vier verschiedene Gewichtsklassen zur Verfügung. Die Elektro- und Steuerungstechnik der Anlage inklusive Einbindung der Wetterstation (Wind- und Temperaturmessung) sowie die Programmierung der Visualisierung realisierte die Tiroler Firma BST-Electronics, die gesamte sicherheitsgerichtete Steuerungstechnik und -programmierung kommt vom Komplettanbieter für die sichere Automation Pilz.

Die Sicherheitstechnik im Detail

Im Schaltschrank der Mittelstation laufen in der Steuerung PSSuniversal PLC des Automatisierungssystem 'PSS 4000' von Pilz sämtliche Daten der vollautomatischen Streckenüberwachung zusammen. Dezentral vor Ort bei den einzelnen Start- und Bremssystemen sind in beheizten Outdoor-Schaltschränken sichere PSSuniversal E/A-Stationen installiert. Die Kommunikation zwischen den Stationen läuft über das sichere Echtzeitethernet Safetynet p via Lichtwellenleiter im Tragseil. "Die vollautomatische Streckenüberwachung gewährleistet, dass erst dann, wenn der Fluggast das Landepodest in der Talstation verlassen hat, der nächste starten kann", erklärt Ing. Thomas Weiß von Pilz Österreich, der als zertifizierter Maschinen-Sicherheitsexperte die sicherheitstechnische Programmierung durchführte. Die Sicherheitsapplikation entspricht SIL3 gemäß IEC61508 bzw. Kat. 4/Performance Level e der EN ISO13849-1. Am Start überprüft der Instruktor den korrekten Sitz des Gurtzeugs und auch, ob alle Gurtbänder geschlossen sind, und hängt die Verbindungsschlaufen des Seilrollers in die beiden Karabiner ein. Erst dann setzt er den Seilroller in die Starteinrichtung resp. aufs Seil - zwei durch die Steuerung PSSuniversal PLC gesteuerte Schranken am Tragseil verhindern ein frühzeitiges Abrollen. Sobald der Gast im Gurtzeug sitzt und somit via Seilroller am Seil hängt, quittiert der Instruktor dies über einen Taster. Es sind sowohl Selektiv- als auch sogenannte Massenstarts - alle vier Starteinrichtungen zugleich - möglich. "Die jeweilige Seillinie wird erst dann freigegeben, wenn der vorige Gast die Talstation der Sektion verlassen hat und das Bremssystem in seine Ausgangsposition zurückgefahren ist - bis dahin ist die Bügelansteuerung und somit ein Start sicherheitstechnisch unterbunden", geht Ing. Thomas Weiß ins Detail. "Es ist daher ausgeschlossen, dass zwei Seilroller zugleich am Seil unterwegs sind - dafür sorgt die sichere Steuerung PSSuniversal PLC." Sie untersagt den Start auch dann, wenn mehr als 45km/h Seitenwind oder 15km/h Rückenwind gemessen werden.

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Der Betreiber ist zufrieden

"Das Sicherheitssystem funktioniert sehr gut und entlastet unsere Mitarbeiter an der Start-, Mittel- und Talstation ganz wesentlich", lobt Werner Berger das System. "Ohne das Automatisierungssystem PSS 4000 müssten die Instruktoren nach jeder Fahrt per Funk kommunizieren und das Seil frei melden. Abgesehen von eventuellen Verständigungsproblemen und Funkstörungen - ich möchte keinem diese Verantwortung aufbürden. Dafür gibt es moderne Sicherheitstechnik, die zuverlässig diese Aufgabe übernimmt, und die wir uns deshalb zu Nutze machen." Die Automatisierung liefert dem Betreiber zudem aufschlussreiche Daten, wie u.a. die Anzahl der Fahrten pro Seil/pro Tag, Geschwindigkeiten einzelner 'Flüge', 'Flugzeiten', Wetterdaten etc. Der Erfolg der ersten Monate gibt dem Konzept jedenfalls Recht, die neue Attraktion im Ennstal lockte bereits Tausende 'Piloten' an. Die maximale Kapazität beträgt 72 Personen pro Stunde bzw. ca. 500 Personen pro Tag, ein modernes Online-Buchungssystem erleichtert die Organisation. "Wir rechnen mit 25.000 bis 30.000 Besuchern in der Sommersaison", verrät Werner Berger abschließend. "Und wie es aussieht, werden wir dieses Ziel auch erreichen."

Die Ersterveröffentlichung dieses

Beitrags erfolgte in unserem Partnermagazin Austromatisierung.

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