03.09.2014

Sicherheit für Industrie 4.0

Belden ist eines der beteiligten Unternehmen an der Smart Factory des DFKI. Im Rahmen einer Belden User Conference in Prag hatten wir die Möglichkeit, Dr. Herold zu dieser Beteiligung und zur Belden-Sicht auf das Thema Industrie 4.0 zu befragen.


Bild: Belden Electronics GmbH

Wie weit ist Industrie 4.0 tatsächlich schon beim Anwender angekommen?

Herold: Unser Eindruck ist, dass die Anwender zunächst noch einmal die Möglichkeiten von Industrie 4.0 in der Tiefe erkennen müssen; das heißt, konkrete Anwendungsfälle müssen überhaupt erst im Detail definiert werden. Wir sehen einen starken Druck, vor allem bei den Anbietern, den Automatisierern. Dieser Druck ist sehr viel stärker als möglicherweise noch der Sog von den Anwendern. Wir haben gerade auf der Hannover Messe gesehen, dass es sehr viele Leute gibt, die über das Thema reden und gerne auf den Zug mit aufspringen wollen. Wir müssen dabei aufpassen, dass Industrie 4.0 nicht als bloße Marketingschlacht ausgenutzt wird. Wir sind davon überzeugt, dass es die Industrie verändern wird, wobei sich die nutzbringenden Geschäftsmodelle erst noch entwickeln müssen. Deswegen ist es ein zentraler Punkt von unserer Seite aus zu zeigen, was mit Industrie 4.0 und derzeitigen Technologien möglich ist. Wir wollen auch zeigen, in welche Richtung sich das Ganze entwickelt. Um das besser zu verstehen, haben wir uns dazu entschieden, bei der sehr praxisorientierten Initiative 'SmartFactory' mitzumachen und unseren Beitrag dazu zu leisten.

Können Sie noch einmal kurz umreißen, welchen Part Belden dort spielt?

Herold: Ganz im Sinne von Industrie 4.0 arbeiten bei der 'SmartFactory' unterschiedliche Hersteller zusammen. Das heißt, es treffen auch ganz unterschiedliche Systeme und Protokolle intern in jedem Produktionsmodul und modulübergreifend aufeinander. Die von unseren Unternehmen Hirschmann und Lumberg Automation entwickelte Infrastrukturlösung 'Connected Security' setzt sich zusammen aus sicherer Netzwerktechnik, managementfähigen I/O-Modulen, Steckverbindern, Steuerleitungen und einer Überwachungssoftware. Alle Elemente sind dabei optimal aufeinander abgestimmt. Darin sehen wir unseren Beitrag, eine wirklich durchgängig sichere Lösung anzubieten. Wir stellen sicher, dass fehlerhafte Kommunikation in einzelnen Produktionsmodulen nicht zu Ausfällen der Gesamtanlage führen kann. Darüber hinaus schützen wir selbstverständlich auch vor Angriffen von außerhalb und liefern somit die Sicherheitshaube für die gesamte Anlage. Dabei verfolgen wir einen sehr dezentralen Ansatz in den einzelnen Komponenten, sodass diese bereits alle schon mit eigenen Sicherheitsfunktionen versehen sind. Im Bereich Software geht es darum, das Ganze visualisierbar zu machen. Das sind Themen wie: 'Wo entstehen die Probleme?', 'Wo gibt es eventuell Sicherheitslücken und wie mache ich diese sichtbar?', 'Wo gibt es in der laufenden Produktion Veränderungen?' und das unsere Software auch in der Lage ist, das 'on the fly' abzubilden.

Wie weit glauben Sie, dass Security-Funktionalitäten auch in Automatisierungs-Geräte selbst mit einfließen müssen?

Herold: Wo die SPS überhaupt in Zukunft sitzen wird, wäre da ja auch noch eine Frage, ob sie sich möglicherweise sogar auflöst oder andersartig darstellt. Deswegen glauben wir schon, dass Security möglichst in jeder Komponente vertreten sein muss - da wird sicherlich der Trend hingehen. Nicht unbedingt in jedem einzelnen Sensor, aber auf der nächsten Stufe dann.

Also dort, wo die eigene Intelligenz und die Software und Programme ablaufen?

Herold: Das zum einen, absolut richtig. Und dort, wo unterschiedliche Themenfelder und Hersteller aufeinander stoßen. Ab da sehen wir die Notwendigkeit der einsetzenden Security, denn das wäre ja fatal, wenn sich solche fehlerhaften Protokolle oder Signale übertragen und dazu führen, dass ganze Segmente und Bereiche ausfallen. Da sehen wir den Security-Ansatz weit unten. Natürlich in abgestufter Form wo es notwendig ist - das ist individuell für jede Ebene der einzelnen Komponenten zu gestalten.

Von welchen Fragen und Technologien wird das Thema Industrie 4.0 noch zurückgehalten?

Herold: Sicherlich ein großes Thema ist die Standardisierung, das haben wir auch bei der 'SmartFactory' erkannt und gesehen. Unterschiedliche Standards können durchaus zu Lösungen führen, die suboptimal sind. Das heißt auch in unserem Haus sehen wir Bedarf, einzelne Komponenten von Anfang an aufeinander abzustimmen. Wir müssen vermeiden, dass manche Signale gar nicht empfangen werden können, die einzelnen Komponenten also gar nicht miteinander sprechen können - das hat etwas mit Standardisierung und klarer Festlegung zu tun. Auf der anderen Seite haben wir aber auch gesehen, dass es keinen Engpass von der Sicherheitstechnik aus gibt. Wir können also rein theoretisch schon alles abdecken, was notwendig ist - wir wissen nur noch nicht, was notwendig ist. Das ist genau der nächste Punkt und damit kommen wir wieder zu den Geschäftsmodellen, die sich noch entwickeln müssen. Was bedeutet es? Was will der Kunde und welche Vorteile sieht er dabei und kann er generieren? Letztendlich wird er Industrie 4.0 nicht nur einsetzen, weil alles flexibler und besser wird, sondern irgendwie muss sich das Ganze auch für ihn rechnen - wo sind also die monetären Vorteile?

Ich denke, dass sich da vieles auf dem Weg ergeben wird, dass man viele Erfahrungen sammeln muss und sich dann viele Dinge davon ableiten, vielleicht auch wieder neue Technologien und Standards definieren muss - oder?

Herold: Ich glaube auch, dass es vorerst mit einzelnen Insel-Geschäftsmodellen anfangen wird, die sagen: 'Wir haben hier einen Vorteil generiert.' Das wird sich dann zunehmend immer weiter durchsetzen. Bis man dann von einer gesamten, 100% Industrie 4.0-gemäßen und durchgängigen Wertschöpfungskette sprechen kann, von dem Zulieferer bis zum Endabnehmer. Wir sind auch davon überzeugt, dass es keinen gibt, der sagt: "Das ist die Komplettlösung!", sondern das werden einzelne Modelle sein. Und da ist die Frage, wie sich die einzelnen Anbieter positionieren, wo die großen Automatisierer sind, ob es Anbieter von kleineren, standardisierten Lösungen gibt. Wir sehen hier ja schließlich auch Wettbewerber, die von der IT-Welt kommen und die eventuell ganz andere Standards und Protokolle mitbringen. Möglicherweise stellt man dann fest, dass diese gar nicht so schlecht sind und man die auch im Industrie-Umfeld verwenden kann.

Denken Sie, dass es wirklich einen industriellen Standard geben wird, oder glauben Sie eher, dass man sagen wird, wir adaptieren zumindest Teile, die aus der IT-Welt kommen?

Herold: Ich glaube schon, dass Standards notwendig sind. Ob es allerdings den einen Standard geben wird, daran habe ich meine Zweifel. Ich habe auf der Hannover Messe auch mit jemandem aus der IT-Welt gesprochen der mir sagte, er habe von OPC dort das erste Mal gehört. Er kommt also von einer reinen Office-Seite und hat gesagt: 'Was ist denn das?'. Nichts gegen OPC, aber da ist schon meine Überlegung, ob es das Einzige sein wird oder ob sich parallel noch andere Möglichkeiten entwickeln werden. Ich glaube, das wird sehr schnell der Nutzen zeigen. Dass Anwender sagen: "Ich brauch das alles gar nicht, solange es funktioniert, mir ist das egal, ob OPC oder was auch immer es ist." Wir wollen möglichst flexibel bleiben und sicherstellen, dass wir mit mehreren unterschiedlichen Standards leben können. Aber die Erkenntnis ist ganz klar: Wir brauchen eine Abstimmung, wir brauchen Standards.

Welchen Platz sehen Sie für Belden im Zeitraum der nächsten fünf Jahre in diesem Gesamtkomplex von Industrie 4.0, einmal abgesehen von der Smart Factory?

Herold: Zunächst ist die SmartFactory für uns eine ideale Plattform, um mit Mitbewerbern sowie vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsketten sprechen zu können. Damit ergibt sich für uns sowohl ein Ohr am Markt als auch eine Möglichkeit die Industrie 4.0 Entwicklung voranzutreiben. Wir stellen uns für die Zukunft vor, dass wir ein führender Partner sind beim Thema der vernetzten Sicherheit, sprich der Connected Security. Wir sehen in der Verzahnung und Abstimmung von smarten Komponenten im Industrie 4.0 Umfeld einen großen Bedarf mit einem Multimillionen-Dollar-Markt. Wir sind fest davon überzeugt, uns für dieses Geschäft richtig aufzustellen und für unsere Kunden optimale Lösungen anbieten zu können.

Herzlichen Dank für das Interview.

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