23.07.2014

Vom Flaschenhals zum Flaschengeist

Möglichst alles selber machen oder an die Mitarbeiter Verantwortung abgeben? Für viele Unternehmer in der Automatisierungsbranche ist dieser Spagat eine existenzielle Anschauung. Dabei gibt es genügend Beispiele, die zeigen, dass es nur richtig gut funktioniert, wenn der Chef vom Flaschenhals zum Flaschengeist mutiert. Dieser Beitrag hilft Ihnen zu erkennen, wo Sie selbst stehen und was Sie tun können, um sich zum Katalysator zu entwickeln.

Autor: Christian Kalkbrenner, Dipl.-Kfm. (univ.) verhilft Unternehmen mit seinem prämierten Strategieansatz


Bild: Robert Neumann - Fotolia.com

Der Engpassfaktor: "Seit 15 Jahren geht das nun so. Sieben Tage die Woche, 16 Stunden und maximal eine Woche Urlaub im Jahr. Ich dachte, das sei normal und mache auch meiner Frau, die im Geschäft mitarbeitet, nichts aus. Das dachte ich, bis meine Frau, neben mir im Bett liegend, nachts um 1 Uhr Weinkrämpfe bekam. Immer häufiger. Bis zum Burnout. Und so stellte sich mir von heute auf morgen die Frage, wie es nun weitergeht?", so der Inhaber eines kleinen Unternehmens für Antriebstechnik. Der Katalysator: "Viel Strategie und wenig Kontrolle. Das liegt mir und macht mir Spaß. Neue Dinge andenken. Aber nicht selbst umsetzen, sondern durch meine Statthalter vor Ort. Mein Monatsablauf ist klar strukturiert: Zwei Wochen bin ich vor Ort, eine Woche nutze ich, um weltweit neue Kundenkontakte zu generieren und eine Woche bin ich in meiner Finca auf Mallorca, um mir Neues zu überlegen", so der Inhaber eines Elektronikunternehmens mit vier Niederlassungen in Europa. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen werden sich die meisten Unternehmer wiederfinden. Doch wie kommt es zu dieser unterschiedlichen Entwicklung?

Wie man sich bettet, so liegt man

Abgesehen von unterschiedlichen Persönlichkeiten gibt es eine handfeste Ursache: es ist der finanzielle Spielraum, den das Unternehmen bieten muss, um sich den entsprechenden Unterbau zu leisten. Und der beginnt mit der Kalkulation. Viele Familienbetriebe erwirtschaften Gewinne nur, weil die eigene Verwandtschaft für einen Hungerlohn mitarbeitet, während andere die Preise nicht nur an die zu deckenden Kosten anpassen, sondern auch einen angemessenen Gewinn mit einrechnen. So fährt der eine dann auch einen in die Jahre gekommenen Pkw, während der andere ein neues, edles Modell vor der Türe stehen hat. Und auch die entsprechende Klientel anzieht.

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Der Chef als Engpassfaktor nervt alle

Tritt der Chef als Engpassfaktor auf, der alles besser weiß und nach dessen Vorstellungen alles laufen muss, so ergibt sich ein gravierender Nachteil: Keiner der Angestellten traut sich, etwas selbständig zu entscheiden, wenn er mal nicht da ist, weil keiner dazu berechtigt ist oder weil keiner einen Fehler machen will, um nicht anschließend den Kopf hinhalten zu müssen. Als Folge schleicht sich bei den Mitarbeitern ein gewisses Wurstigkeitsgefühl ein, denn wozu sollen sie sich engagieren, wenn es nicht gewünscht ist? Dass diese Art, ein Unternehmen zu führen, unvernünftig ist, ist allgemein bekannt. Und doch ist sie in der Praxis weit verbreitet. Was kann man nun raten? Wie kann sich der Unternehmer vom Engpassfaktor zum Katalysator entwickeln?

Der Weg zum Katalysator

Als erstes sollte er erkennen, dass die Gewinne, die auf Kosten seiner Familie gemacht werden, in Wirklichkeit keine Gewinne sind, und meist zu wenig übrig bleibt, um das Unternehmen zukunftsfähig zu halten und entsprechend zu investieren. Als zweites sollte er sein Führungsverhalten überdenken. Denn Freiräume gewähren und Delegieren hat viel mit Führung und Vertrauen zu tun hat. Fähigkeiten, die nicht jedem im gleichen Ausmaß in die Wiege gelegt wurden.

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Die sich selbst erfüllende Prophezeiung

Unternehmer, die sich mit Delegation schwer tun, haben sich meist durch ihr Führungsverhalten bereits bei der Auswahl der Mitarbeiter sowie der Art und Weise, wie sie mit ihnen umgehen, ein Umfeld geschaffen, das sie in ihrer bisherigen Wahrnehmung bestätigt: dass es keinen Sinn hat, zu sehr auf die Mitarbeiter zu vertrauen, weil diese den Anforderungen am Ende doch zu wenig gewachsen sind. Im Gegensatz dazu hat der Katalysator, der auf seine Führungsqualitäten vertraut, meist die Gabe, andere mitzureißen und ihre Talente durch die frühe Übergabe von Verantwortung zu entfalten. Wohlwissend, dass jeder Mensch bemüht sein wird, sein Bestes zu geben. Prof. Götz Werner, der Gründer der dm-Drogeriemärkte, hat mir in einem Interview vor ein paar Jahren verraten, dass der Glaube an die Eigenmotivation im Menschen, daran, seine Kräfte für ein gemeinsames Ziel aktivieren zu können, das große Erfolgsgeheimnis seines Unternehmens sei. Wie sonst würde es ihm gelingen, pro Woche im Schnitt zwei bis drei neue Standorte zu eröffnen?

Selbstcheck: Flaschenhals oder Katalysator

Wenn man wissen möchte, wie stark man sich noch zum Katalysator weiter entwickeln könnte, hilft der folgende Selbstcheck (Bild 2). Der Selbstcheck soll kurz zum Innehalten animieren, aber auch ein paar konkrete Ansatzpunkte aufzeigen, wo und wie man besser werden können.

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Die Auswertung

  • • 10 bis 18 Punkte @Kopie von Aufzählung: Glückwunsch, Sie sind ein Katalysator. Sie arbeiten mehr 'am' als 'im' Unternehmen und stellen damit langfristig die richtigen Weichen.
  • • 19 bis 25 Punkte @Kopie von Aufzählung: Sie sind auf dem Weg zu einem Katalysator. Es würde Ihrem Unternehmen gut tun, wenn Sie noch mehr loslassen könnten. Analysieren Sie die Punkte, an denen Sie noch besser werden können und legen Sie los. @Kopie von Aufzählung:
  • • 26 bis 32 Punkte @Kopie von Aufzählung: Trotz vieler guter Tendenzen 'klammern' Sie noch zu stark. Achten Sie darauf, mehr Freiräume zu gewinnen und entwickeln Sie für diesen Weg ein strategisches Programm über zwei Jahre.
  • • über 32 Punkte @Kopie von Aufzählung: Sie agieren noch deutlich zu stark als Flaschenhals. Wenn Sie Ihr Unternehmen besser aufstellen und sich selbst stärker zurücknehmen wollen, sollten Sie ein paar grundsätzliche Weichen stellen: von der Kalkulation über die Positionierung Ihres Unternehmens bis hin zu Ihrer Führungsarbeit. Gehen Sie in zwei Schritten vor und streben Sie zunächst einen Wert von 25 Punkten und dann von 18 Punkten an. So kommen Sie am raschesten aus der gegenwärtigen Gefahrenzone.

Wer immer im eigenen Süppchen köchelt, wird ungenießbar

Unternehmer, die ihr Unternehmen als Engpassfaktor führen, haben sich meist ein Umfeld geschaffen, in dem kein Platz für Visionen, Strategien, Erweiterungspläne oder Teamarbeit ist. Und genau deshalb sind Unternehmer als Engpassfaktoren nicht nur stark gefährdet, im eigenen Saft zu schmoren, sie werden auch langweilig für ihre Kunden, weil sie zu wenig Innovationen und Attraktionen bieten. Insofern ist der Chef als Engpassfaktor trotz kurzfristiger Erfolge kein langfristiger Erfolgsfaktor. Er sät zu wenig. Hier ist ihm der Katalysator-Chef um Längen voraus - auch wenn er auf seine Art nicht weniger anstrengend und fordernd ist. Doch er bewegt nicht nur mehr, sondern verteilt sein Denken und Handeln auf mehrere Köpfe und Hände - so geht die Saat auch richtig auf. Auf Ihrem persönlichen Weg zum Katalysator wünsche ich Ihnen viel Erfolg - der Markt hat Sie verdient!

Ihr

Christian Kalkbrenner

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