
Den Rahmen setzte Gründer und CEO Dr. Josef Waltl gleich zu Beginn mit einer Zahl. Bis 2030 wird nach Projektionen der UNIDO annähernd die Hälfte der weltweiten Industrieproduktion aus China kommen, 45 Prozent, während der Anteil der Hocheinkommensländer von drei Vierteln im Jahr 2000 auf gut ein Drittel fällt. Ein Zurück über zusätzliche Arbeitskräfte gibt es nicht, dafür fehlen in Europa und Nordamerika schlicht die Menschen. Waltls Schluss daraus fiel entsprechend knapp aus: Es brauche nicht mehr Hände, sondern schnellere Schleifen.
Dass diese Schleifen heute langsam sind, liegt an der Schicht darunter. Industrielle Steuerungen, nach konservativer Schätzung von SDA mindestens 50 Millionen weltweit, laufen auf einer Rechnerarchitektur, die älter ist als das Internet, und werden bis heute mit Werkzeugen aus den Neunzigern verwaltet: Ein proprietäres Tool pro Hersteller, Ingenieure, die mit USB-Sticks über Kontinente fliegen, und keinerlei Versionskontrolle für jenen Code, der am Ende Material bewegt.
Dass es dabei nicht nur um Effizienz geht, machte Waltl am Beispiel von Plymouth im US-Bundesstaat Minnesota deutlich. Ende Juli traf ein koordinierter Angriff die Betriebstechnik von mehr als 30 kommunalen Wassersystemen des Bundesstaats; in Plymouth mussten Geräte an Wassertürmen und Abwasserpumpstationen vom Netz genommen und die Anlagen von Hand weiterbetrieben werden. Ob Unordnung im eigenen Werk oder Angreifer von außen, in beiden Fällen bleibt nach Waltls Worten dieselbe Frage offen, nämlich was auf einer Steuerung tatsächlich läuft und was dort laufen sollte. Auf dem Weg zur Physical AI unterschied er zwei Routen. Die eine führt von oben über die Simulation und ist für Entwurf und Planung stark. SDA geht die andere, vom Code aus, auf realer Hardware und auf dem Bestand, wie er ist, denn dort entsteht in laufenden Werken heute der Wert.
Zwei Abstraktionen statt einer
Wie sich das ändern lässt, führte Waltl auf zwei Abstraktionen zurück, die aus Sicht von SDA zusammengehören. Die erste betrifft die Rechenleistung, damit sich Steuerungen wie Cloud-Instanzen ansprechen, sichern und aus der Ferne zurückrollen lassen. Die zweite betrifft den Code, der aus den proprietären Binärdateien der Hersteller extrahiert und in einem einzigen System of Record normalisiert wird, derzeit über dreizehn unterstützte Hersteller-Ökosysteme hinweg, von denen zehn im Produktivbetrieb laufen. Zusammengenommen ergibt das den State Layer for Physical AI, eine Schicht, die den Soll-Zustand einer Fabrik und ihren tatsächlichen Ist-Zustand nach Kenntnis von SDA erstmals an einer Stelle zusammenführt.
Was auf der Bühne passierte
Die Demonstration am Vormittag fand an laufender Hardware statt, an einer Maschine von SEW-Eurodrive. Ein KI-Agent verglich den vorgesehenen mit dem tatsächlichen Zustand, markierte die Abweichung und schlug eine Parameteränderung vor, woraufhin sich zunächst nichts bewegte: Die Übertragung auf die Steuerung bleibt eine menschliche Aktion, protokolliert mit Nutzer und Zeitstempel. Die KI schlägt vor, der Ingenieur entscheidet, und für SDA ist dieser Zwischenschritt keine Vorsichtsmaßnahme, sondern Teil der Architektur.
Was die Betreiber berichteten
Wofür man einen solchen Abgleich braucht, machte Henkel an einem einzelnen Fehler deutlich. Erik Stauvermann, Digital Transformation Manager des Konzerns, berichtete von einem kopierten Variablennamen, der eineinhalb Jahre lang unentdeckt blieb und pro betroffener Maschine rund 10.000 Euro sowie drei Wochen kostete. Niemand sucht nach einem Fehler, von dem er nicht weiß, dass es ihn gibt, und genau an dieser Stelle setzt der Soll-Ist-Vergleich an.
Dass es sich dabei um keinen Einzelfall handelt, zeigen die Daten der SDA-Plattform selbst: Allein im August lief in den angeschlossenen Werken 4.164-mal auf einer Steuerung etwas anderes als die freigegebene Zielversion, und keine dieser Änderungen war in einer Versionshistorie erfasst.
Welchen Hebel das im Konzernmaßstab entfaltet, wurde am Nachmittag greifbar. Manesh Patel, SVP und Chief Information Officer bei Sanmina, sprach von 70 Fabriken und machte es an einer Linie in Guadalajara konkret: Die Ausfallzeit pro Vorfall sank dort von 40 auf 5 Minuten, der Return on Investment lag nach Darstellung des Unternehmens beim Zehnfachen. Unter regulatorischem Druck wird dieselbe Aufgabe deutlich sperriger, und genau dort setzte Cytiva an, wo nach den Worten von Jesús H. Carrero jede Änderung in einer validierten Umgebung versioniert vorliegen muss. Die größere Hürde ist am Ende allerdings häufig organisatorischer Natur, was Frank Maurer von Boehringer Ingelheim am Beispiel lokal gewachsener OT-Silos zeigte, die sich zu global skalierbaren Services zusammenführen lassen, ohne bestehende Systeme auszutauschen.
Die Zulieferseite kam über SEW-Eurodrive zu Wort. Milan Licina und weitere Vertreter des Unternehmens beschrieben, wie aus einem Antriebshersteller ein Wegbereiter der software-definierten Fabrik wird, sobald er seine Schnittstellen öffnet. Die Maschinenbauer verschoben die Frage anschließend auf ihre Seite des Tisches. Clevertech liefert seine Anlagen nach Darstellung von David Tabacco und Stefano Bolognesi von Beginn an als Software aus, womit der Code vom ersten Tag an lesbar bleibt, statt Jahre später mühsam rekonstruiert werden zu müssen. Deutlich nüchterner fiel die Bilanz von Chris McComb aus, der für ATS Global aus der Erfahrung mit Brownfield-Projekten ziemlich unverblümt benannte, woran Werke scheitern, sobald es vom Pilotprojekt in die Fläche geht. Den Blick von außen steuerte Sebastian Trolli bei, Head of Research für Industrial Automation & Software bei Frost & Sullivan, der die Entkopplung von Software und Hardware einordnete und daran die Frage knüpfte, wohin der Fachkräftemangel die Branche in den kommenden Jahren treibt.
Sicherheit wird zur Voraussetzung
Was geschieht, wenn die Fabrik tatsächlich zu Code wird, bekam am Nachmittag einen eigenen Block. Carlo Pacifico und Rohit Verma von SDA argumentierten, dass OT-Sicherheit damit ihren Charakter verändert: Sie ist nicht länger eine Compliance-Übung am Ende des Projekts, sondern die Bedingung dafür, dass man einer KI überhaupt erlauben kann zu handeln. Wer nicht weiß, welcher Code auf einer Steuerung läuft, kann weder eine Abweichung erkennen noch eine Änderung verantworten. Patric Scholz von Flecs verschob den Blick danach auf die Edge-Ebene, wo sich dieselbe Frage noch einmal neu stellt, nämlich wer dort eigentlich die Kontrolle über die installierte Software behält.
Was SDA angekündigt hat
Neben dem State Layer stellte SDA fünf Erweiterungen seiner Plattform vor. Die gemeinsam mit Autonomy Logic entwickelte OpenPLC-Integration befindet sich derzeit in der Private Preview, die allgemeine Verfügbarkeit ist für Mitte Oktober vorgesehen. Werke können OpenPLC-Steuerungen damit direkt im Browser programmieren, bereitstellen und sichern, mit derselben Versionierung und demselben Audit-Trail wie bei proprietären Plattformen. Mit individuellen Images für IDE-as-a-Service erhalten Engineering-Teams ihre komplette Arbeitsumgebung samt IDE-Version, Bibliotheken und Lizenzen als persistente Cloud-Workstation. Der neue Octoplant-Import übernimmt bestehende Backup-Archive mit vollständiger Versionshistorie in SDA. Mit dem Local Client können Techniker in abgeschotteten Netzen offline arbeiten; die Synchronisation erfolgt automatisch, sobald wieder eine Verbindung besteht. Deployment Approvals schließlich verankern das Vier-Augen-Prinzip vor jeder Übertragung auf eine Steuerung: Keine Änderung erreicht die Maschine auf die Verantwortung einer einzelnen Person hin.
Offenheit als Bedingung
Bemerkenswert war, wie offensiv Waltl die Frage nach der Offenheit dieser Schicht selbst aufwarf. Eine Ebene von dieser Tiefe dürfe nicht zum nächsten proprietären Turm werden, was stabile Schnittstellen, agentenfähige Zugänge für Software-Agenten und den Verzicht auf jeden Daten-Lock-in voraussetze. Die alte Welt habe die Fabrik hinter einer Toolchain pro Hersteller eingeschlossen, und diesen Fehler wolle man nicht eine Ebene höher wiederholen. Wer eigene Anwendungen auf dem State Layer bauen will, ist ausdrücklich eingeladen. Wie ernst das gemeint ist, zeigte der Auftritt von Thiago Alves, Gründer von Autonomy Logic und Kopf hinter OpenPLC, der auf derselben Bühne für quelloffene Software auf der Steuerungsebene warb.
Zum Abschluss skizzierte Waltl, was auf dieser Grundlage als Nächstes entstehen soll, nämlich eine Fabrik, die sich in Teilen selbst optimiert. Ob es so weit kommt, entscheidet sich nicht auf Konferenzbühnen, sondern in den Werken der Betreiber, die an diesem Tag den größten Teil des Saals füllten. Der Abend endete in einem Oktoberfestzelt, was in München zum Terminkalender gehört und in diesem Fall ganz gut zum Anlass passte.


















