Die Jetter Story Von der Prozess-SPS zum JetWeb

1999 – das Netz ist die Steuerung. So betitelte damals die Fachpresse die bahnbrechende Innovation aus dem Hause Jetter. Unter dem Namen JetWeb leitete Martin Jetter und seine Mannschaft den Paradigmenwechsel in der Automatisierungstechnik für das kommende Jahrtausend ein. Viele Branchenkenner erinnern sich daran, dass in den folgenden Monaten der Automatisierungsmarkt kräftig durchgeschüttelt wurde und dass sich die Fachwelt gegenüber der neuen Idee zuerst skeptisch und kurz danach fast euphorisch öffnete. Wie alles begann … Ein junger Ingenieur gründete ein Büro für Mikroelektronik und erhielt von einem Kunden eine interessante Aufgabe, die lautete: Entwickle mir eine Steuerung, die auf einfache und für Laien verständliche Weise programmierbar ist. Nun ja, man könnte sich auf dem Markt umsehen und schauen, was es da bereits gibt. Oder man lässt das Umschauen eben sein und entwickelt eine solche Steuerung. Martin Jetter definierte \’einfach zu programmieren\‘ neu, indem er nicht wie der Wettbewerb, von dem er zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht viel wusste, eine Sprache entwickelte, die eine Hardware abbildet wie KOP oder FUP. Seine Sprache orientierte sich am Prozess. Das Ergebnis war genial einfach: SOBALD DANN WARTEZEIT usw. So wie man einen Ablauf beschreibt, so wird er auch programmiert. Die damalige Idee bildet also die Grundlage der heutigen Programmiersprache JetSym STX, wenngleich der Sprachumfang in den damaligen Zeiten gegenüber den heutigen Möglichkeiten deutlich reduziert war. Was geblieben ist, ist die Philosophie oder auch das Credo, welches sich über all die Jahre wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht: Jetter will dem Programmierer das Leben erleichtern. Im Jahre 1982 stießen erste Mitarbeiter zu der Firma, u.a. auch Andreas Kraut, heutiger Entwicklungsvorstand der Jetter AG und Mitbegründer der Ethernet-Organisation Iaona. Die Integration aller Automatisierungsfunktionen Die Integration von allen Automatisierungsfunktionen erfüllte die Steuerung PASE-E nicht etwa erst nach dem Jahr 2000. Die PASE-E wurde im Jahre 1985 als erstes vollmodulares System als Serienprodukt aus dem Hause Jetter auf den Markt gebracht. Ausbaubar bis zu 512 Ein-/Ausgängen und bis zu 32 Servoachsen war die PASE-E auf dem Automatisierungsmarkt ein Unikum. Die Integration von klassischen digitalen und analogen Ein-/Ausgängen, Schritt-und Servoachsen bis hin zu den Bediengeräten erfolgte nicht nur auf der Hardware-, sondern ganz besonders auch auf der Software- beziehungsweise auf der Programmierebene. Der Sprachumfang wurde entsprechend erweitert für Servoachsen, Paramet­rierbefehle oder für Textanzeigen mit Befehlen wie DISPLAY TEXT oder BEDIENEREINGABE. Außerdem wurde die Sprache auf bis zu 32 unabhängige Tasks erweitert. Das erste Mal erschien für diese Sprache auch der Name Sympas (für \’symbolisch programmierbare Ablaufsteuerung\‘). Damit die Zykluszeit bei Anwendungen mit mehreren Achsen oder Reglern nicht maßgeblich verringert wurde, setzte Jetter auf \’intelligenten\‘ Modulen, also Achs- oder Reglermodulen, schon damals Co-Prozessoren ein. Der Hauptprozessor übernahm die klassischen Steuerungsfunktionen und verwaltete die intelligenten Module, indem er die notwendigen Parameter übergab und auch wieder abfragte. Den Zyklus selbst bearbeitete jedes Modul autonom. Es gab zu diesem Zeitpunkt auch schon Steuerungen mit ähnlichem Funktionsumfang – gerade was Regelkreise anbelangt. Diese mittels Hochsprache programmierbaren Prozesssteuerungen befanden sich jedoch in einem ganz anderen, wesentlich höheren Preissegment. Da die Jetter Steuerungstechnologie eine Brücke zwischen der klassischen SPS und der Prozesssteuerung schlug, wurde sie Prozess-SPS genannt. Auch weil sie sich von der klassischen SPS schon durch die Programmierung mit einer Hochsprache unterschied. Die Prozess-SPS-Technologie wurde zum ersten Mal 1986 auf der HMI präsentiert. Marktfestigung durch Innovationen Die Firma Jetter bewies in all den Jahren einen guten Riecher für die richtigen Trends im Automatisierungssektor. Als Ende der 80er- Jahre ein Teil der Technologiebranche glaubte, ohne Fuzzy-Logic lasse sich in Zukunft kaum mehr eine Regelung bewerkstelligen und selbst schon Staubsauger mit Fuzzy-Logic auf den Markt kamen, hielt sich Jetter vornehm zurück. Er steckte seine Entwicklungsressourcen, die ohnehin begrenzt waren, nicht in diesen Trend, sondern konzentrierte sich weiter auf seine eigenen Innovationen, wie z.B. den volldigitalen Servoregler. Die erste Version erschien anfang der 90er-Jahre auf dem Markt, als immer mehr bürstenlose Synchronmotoren für Positionierungen eingesetzt wurden. Die DIMA 2, so hieß der erste volldigitale Regler aus dem Hause Jetter, hatte gegenüber herkömmlichen Systemen den Vorteil, dass alle Parameter im Steuerungsprogramm der CPU gespeichert waren. Dies hatte erhebliche Vorteile bei der Inbetriebnahme oder bei einem Ausfall, da der Servicetechniker nur die Hardware zu tauschen brauchte und auf Einstellarbeiten verzichtet werden konnte. Auf der Steuerungsseite wurde das Sortiment erweitert und vor allem auch nach unten abgerundet. Es folgten die PASE-J und darauf das System Mikro. Gerade die letztgenannte Steuerung besaß einige interessante integrierte Funktionalitäten für Achsansteuerungen, wie z.B. die Funktion \’fliegende Säge\‘ oder auch das \’elektronische Getriebe\‘. Mitte der 90er-Jahre kamen die Systeme Nano und Delta auf den Markt. Die Nano überzeugte die Kunden durch ihre Kompaktheit, Modularität, Flexibilität und die Skalierbarkeit der Leistung. Alle diese Systeme waren auf dem Markt erfolgreich und fanden überall dort Anwendung, wo die herkömmliche SPS-Technologie erhebliche Nachteile aufwies. Die schnittstellenfreie Integration aller Automatisierungsfunktionen in eine Sprache bewies ihre Vorzüge bei Anwendungen wie Fensterproduktionsanlagen, Halbleiter-Produktionsmaschinen oder Fertigungsanlagen in der Uhrenindustrie. Eine ganz spezielle Anwendung war die komplette Bühnensteuerung des Musicals \’Miss Saigon\‘ in Stuttgart. Mit dem wachsenden Kundeninteresse wurden weltweit Niederlassungen gegründet: Jetter UK 1991, Jetter US 1992, Jetter CH und Cybex Singapur 1994. Vom Außenseiter zum Trendsetter Es war nie die Kultur bei Jetter, sich auf den vielzitierten Lorbeeren auszuruhen. So erschien es Martin Jetter, dass sich die Automatisierungstechnologie in einer Sackgasse befindet. Um aus dieser wieder herauszukommen, braucht es den großen Schritt und den Mut, alle bisher gängigen Konventionen hinter sich zu lassen. Mit dem JetWeb wurde anlässlich der HMI 1999 die ganze Automatisierungswelt aufgerüttelt und Jetter war in aller Munde mit dem Slogan \’Das Netz ist die Steuerung\‘. Die Fachwelt stimmte erstaunlich schnell Martin Jetter zu, dass ein Paradigmenwechsel ansteht und die Verschmelzung von Automatisierungswelt und IT-Welt mit Ethernet TCP/IP der richtige Weg für die Zukunft ist. Mit mehreren Partner, die in die gleiche Richtung dachten, wurde die Iaona gegründet, die auf bis zu 160 Mitglieder wuchs. In verschiedenen Fachgremien wurden Themen wie Safety, Protokolle, Verkabelung und Stecker angegangen und konstruktive Lösungen erarbeitet. Im gleichen Zeitraum ging Jetter an die Börse, da dieser große Schritt auch entsprechenden Finanzmittel voraussetzte. Entscheidung für Ethernet Zurückblickend erwies sich der Gedanke, Ethernet als einziges Kommunikationsnetz von der Zell- bis zur Feldebene einzusetzen, als absolut richtig. Ein Traum bleibt dennoch bis zum heutigen Zeitpunkt unerfüllt: der Kommunikations-Standard. Es war der Automatisierungswelt nicht möglich, sich auf einen Standard festzulegen, da größere Anbieter eine Gefahr in der Kundenbindung sahen und somit jeder wieder sein eigenes Süppchen kochte. JetWeb ist zum jetzigen Zeitpunkt eines der wenigen Systeme, das komplett auf dem Standart TCP/IP aufgesetzt ist und somit dem Anwender die Möglichkeit bietet, die IT-Funktionalitäten voll zu nutzen. Kooperation mit Emhart Glass Im Frühjahr 2002 suchte ein Ingenieur des weltweit größten Herstellers für Behälterglas-Produktionsmaschinen, der Firma Emhart Glass, einen Motor für eine spezielle Anwendung und traf so mehr oder weniger zufällig auf die Firma Jetter. Nach kurzer Zeit und einigen Gesprächen stellte das Management der Firma Emhart Glass fest, dass Jetter weit mehr zu bieten hat als einen Motor, und sah in der JetWeb-Technologie die Chance, ihre eigene Steuerung gegenüber der ihres Wettbewerbs bezüglich Integrität und Flexibilität abzuheben. Emhart Glass, die zum Bucher Konzern gehört und ih­ren Sitz in Baar (Schweiz) hat, gab der Firma Jetter den Auftrag, für sie eine komplett neue Steuerungsgeneration mit JetWeb zu entwickeln. Das Resultat war und ist immer noch einzigartig. Weit über 100 Servoachsen werden bei einer voll ausgebauten Behälterglas-Produktionsmaschine NIS miteinander koordiniert. Die Anforderungen sind extrem, da über mehrere Jahre hinweg ein 24h/365 Tage Dauerbetrieb gefordert ist. Basis bildet die JetControl 647 mit den volldigitalen Servorreglern JetMove 215. Die gesamte Anlage ist über Ethernet TCP/IP vernetzt. Somit kann ein Servicetechniker von einem beliebigen Ort aus in das System \’hineinschauen\‘ und über Ferndiagnose allfällige Störungen eruieren und dem Anwender mitteilen, was zu tun ist. Um diesen hohen Anforderungen gerecht zu werden, spielt einerseits die Hardware, jedoch nicht minder die Software eine wichtige Rolle. Mit JetSym ST(X) hat der heutige Softwareentwickler ein Tool zur Verfügung, das diesen Ansprüchen gerecht wird. Mit dieser Hochsprache können bis zu 100 Tasks programmiert werden. Sie beinhaltet eine ganze Reihe vorgefertigter Technologiefunktionen. Die eingeleitete Kooperation zwischen der Firma Emhart Glass und Jetter ist bis zum heutigen Zeitpunkt für beide Seiten eine Erfolgsstory. Um eine Kontinuität in dieser Partnerschaft zu sichern, beteiligte sich der Bucherkonzern im Jahre 2005 mit 20% der Aktien an der Jetter AG und verpflichtete Martin Jetter als neuen Präsidenten von Emhart Glass. Positive Aussichten