\“Die Integration schafft den Nutzen\“

SPS-MAGAZIN: Bevor wir über Technik reden vorweg eine Frage zu Ihrer Lage. Wie geht es B&R? Winter: Wir haben gut zu tun, und wir haben auf der Offensivseite im Markt noch viel mehr zu tun. Wir beobachten sehr genau die gegenwärtigen Bedrohungen, die durch die Einbrüche oder teilweise auch Zusammenbrüche von Märkten entstehen. Auf der anderen Seite sind wir – offensichtlich aufgrund der Arbeit, die wir vorher gemacht haben, und der Produkte, die wir vorher schon entwickelt haben – in der Lage, unsere Marktposition weiter auszubauen. SPS-MAGAZIN: Wo haben Sie ganz konkret noch Zuwächse? Winter: Ich werde Ihnen sicher nicht unsere ganzen Interna erzählen, aber nehmen Sie Aprol als Beispiel. Wenn unser Aprol-Vertrieb mit seinem Prozessleitsystem zum Einsatz kommt, dann kann es schon mal vorkommen, dass der Anwender auch noch 50 Industrie-PCs im Jahr bei uns ordert, weil wir als Systemlieferant heute dieses umfassende Portfolio abdecken. So macht sich die Arbeit der vergangenen Jahre bezahlt. SPS-MAGAZIN: Warum entscheiden die Kunden sich heute für ein bestimmtes Produkt? Man bekommt heute leicht den Eindruck, die Hardware ist mittlerweile weit weniger von Bedeutung für den Kunden. Ist es dann die Software? Winter: Eigentlich ist es die Integration, die den Nutzen ausmacht. Auf den ersten Blick sehen die Produkte für den Anwender vielleicht ähnlich aus. Nur wenn er sich Zeit nimmt, sieht er, was er vielleicht für das gleiche Geld für Vorteile hätte oder was er an Einbau-Aufwand sparen könnte. Die einzige wichtige Frage, die bleibt, ist: Ist der Baukasten wirklich voll integriert oder nicht? Die Antwort für das B&R-System kennt jeder, der sich jemals mit unserem Engineeringwerkzeug Automation Studio beschäftigt hat. SPS-MAGAZIN: Integration ist ein schönes Stichwort. Sie haben vor Jahren den Begriff Generic Motion Control eingeführt. Was bedeutet er für B&R? Winter: Generic Motion Control ist ein weiterer Schritt zur Vollintegration. Das bedeutet, dass wir auf einer Plattform sowohl Motion Control, CNC als auch Robotikanwendungen realisieren können. Bisher sind das in der Automatisierung drei getrennte Bereiche, für die es viele Spezialisten mit viel unterschiedlicher Hardware und unterschiedlicher Software gibt. Die gleichberechtigte Kombination dieser Funktionen, das ist Generic Motion Control. SPS-MAGAZIN: Welche Idee stand bei dieser Entwicklung Pate? Winter: Im Grunde sind es zwei Ideen, die dahinter stehen. Erstens Integration und zweitens Abstraktion. Zum ersten Punkt: Anwender benötigen heute nicht mehr nur Kurvenscheiben an einer Maschine oder Anlage. Ein Roboter im Prozess kann natürlich auch im Handshake angesteuert werden, aber dann ist er eben nicht vollintegriert. Den Durchsatz, den man sich erhofft, bekommt man damit nicht hin. Oder z.B. das Betrachten von Bewegungen im Raum wie bei Pick-and-Place-Anwendungen innerhalb eines Gesamtfertigungsprozesses: Die drei Welten MC, CNC und Robotik sind gleichberechtigt und Generic Motion Control bringt sie für den Anwender zusammen. Der zweite Punkt, die Abstraktion, ist der eigentlich noch größere Vorteil: Das, was an Funktion generiert wird, steht für die unterschiedlichste Aktuatorik zur Verfügung. Das heißt, wenn man weiß, dass die Maschine nicht ganz so schnell laufen muss, dann reicht vielleicht ein Umrichter. Wenn noch weniger Leistung ausreicht, dann setzt man vielleicht einen Stepper- oder einen DC-Motor an dieser Stelle ein. An der Funktion muss der Anwender nichts ändern. Wir abstrahieren also – wie bereits vor langer Zeit bei den Steuerungen – nun auch bei den Antrieben die Software von der Hardware. SPS-MAGAZIN: Ist die Oberfläche und das Programmierwerkzeug für alle drei Bereiche – Motion Control, CNC und Robotik – gleich? Winter: Das Programmierwerkzeug ist Automation Studio, so wie es das für Kurvenscheiben-behaftete Bewegungen oder überhaupt Bewegungsprofil-abfahrende Bewegungen auch schon war. SPS-MAGAZIN: Aber es sind dann andere Editoren innerhalb des Automation Studio Winter: Natürlich. Es gibt zahlreiche spezialisierte Funktionen, die einfach parametriert werden müssen, damit ich zu meiner Zielfunktion komme. Grundsätzlich nähert man sich einer Lösung in Entscheidungsbaum-Strukturen. Wenn man eine Entscheidung trifft, geht der nächste Editor auf, bis man zur Fein-Definition kommt. Das ist es schon. SPS-MAGAZIN: Bezieht sich die Integration auch auf Pneumatik und Hydraulik? Winter: Darin liegt ein wesentlicher Vorteil von Generic Motion Control. Wenn man eine Pneumatikkomponente ansteuert, z.B. ein Proportional-Ventil, dann braucht man eine Hardware, die dafür schon ausgelegt ist. Von dem Ven­til an sich müssen bestimmte Kriterien auch bezüglich der Sensorik erkannt werden. Das haben wir auf dem X20-System adaptiert. Damit können wir pneumatische bzw. hydraulische Ventilfunktionen, die zum Regeln eines gesamten Prozesses auch von mehreren Achsen genutzt werden, ansteuern. Wir können es auslesen, wir können es ansteuern und wir nehmen prinzipiell erstmal die gleichen Algorithmen für die Bewegung wie bei den anderen Bewegungsarten. Allerdings müssen wir berücksichtigen, dass pneumatische und hydraulische Komponenten bei der Bewegung andere Eigenschaften haben als eine Mechanik. Dieses Wissen haben wir in den Regelungsprozess bereits eingebracht, damit die Ergebnisse zuverlässig gleich sind. Dafür haben wir eine Gruppe von Entwicklern beschäftigt, die diese Regelalgorithmen vorantreiben, damit wir z.B. eine hydraulische Presse hoher Qualität ansteuern können. Und das können wir. Wir haben Kunden gewonnen in diesem Bereich genau mit dieser Hardware und mit diesen Regelungsfunktionen. Einen Schrittmotor gut zu bewegen, erfordert andere Kenntnisse als ein Servormotor, noch extremer ist es bei einer Hydraulik­achse. Aber die Grundalgorithmen, die drei Hydraulikachsen bewegen, um irgendetwas nachher im Raum zu erreichen, die Grundalgorithmen darüber sind die gleichen. SPS-MAGAZIN: Und Ihre Funktionsbausteine oder die Konfigurationswerkzeuge sind so flexibel, dass sie das alles berücksichtigen können? Winter: Zunächst definiert man seine Bewegung an sich, dann entscheidet man sich für die Hardware, die diese Bewegung ausführt. Damit das funktioniert, werden im Hintergrund die entsprechenden Korrekturalgorithmen vorhanden sein. Der Anwender merkt davon nichts. SPS-MAGAZIN: Können Sie uns ein Beispiel geben, wo diese besonderen Fähigkeiten eingesetzt werden? Winter: Naja, nehmen wir als Beispiel eine Spritzgießmaschine, in der elektrische und hydraulische Achsen kombiniert vorkommen. In der Vergangenheit immer problematisch, weil man die Abhängigkeiten beider Achsen zueinander nicht gut darstellen konnte. Letztlich hat man diese Achsen dann sehr isoliert zueinander betrieben. Jetzt können wir eine solche Anwendung vollintegriert betreiben. Das ist schon ein großer Fortschritt für die Produktionsqualität der Maschine. Übrigens auch aus dem Gesichtspunkt der Skalierbarkeit der Maschinenleistungen heraus. (kbn) HMI-Stand: Halle 15 Stand C04