90 Jahre Pioniergeist

 Klaus Conrad an seinem Schreibtisch in Hirschau - von hier aus stellte er früh die Weichen für EDV-gestützte Prozesse, internationale Beschaffung und den Ausbau einer der leistungsfähigsten Logistikstrukturen im europäischen Technikhandel.
Klaus Conrad an seinem Schreibtisch in Hirschau – von hier aus stellte er früh die Weichen für EDV-gestützte Prozesse, internationale Beschaffung und den Ausbau einer der leistungsfähigsten Logistikstrukturen im europäischen Technikhandel.Bild: Conrad Electronic SE

Auf seiner Geburtstagsfeier blickte Klaus Conrad auf eine unternehmerische Biografie zurück, die eng mit der Entwicklung der deutschen Elektronikdistribution und industriellen Beschaffung verknüpft ist. Bereits 1954, im Alter von 18 Jahren, tritt er nach einer Banklehre in das von seinem Vater Werner Conrad geführte Unternehmen ein. Die frühen Jahre sind geprägt von Improvisation und Sparsamkeit. Kartons werden bei Lebensmittelhändlern gesammelt, Paketschnüre sorgfältig wiederverwendet – typische Bilder einer Nachkriegsökonomie, in der Effizienz aus der Not geboren wird. Doch Klaus Conrad denkt früh weiter. Während sein Vater konsequent auf den Versandhandel setzt, entwickelt der Sohn parallel ein Faible für den stationären Handel und baut in den 1960er-Jahren ein Netz Technischer Kaufhäuser (TeKa) in der Oberpfalz auf.

Mut zur Transformation

1976 übernimmt Klaus Conrad im Alter von 40 Jahren die Unternehmensleitung. Conrad beschäftigt zu diesem Zeitpunkt bereits 240 Mitarbeiter. Im selben Jahr beginnt der Bau der ersten großen Logistik in Hirschau – gegen erhebliche Widerstände im eigenen Haus. Es ist ein symbolträchtiger Moment: Der Generationenwechsel steht für den Übergang von handwerklich geprägtem Versandgeschäft zu industriell organisierter Logistik. Nur ein Jahr später verlassen statt 150 bereits 1.000 Pakete täglich das Firmengebäude – ermöglicht durch eine moderne EDV-Anlage, die die händische Karteiverwaltung ablöst. Die Investition von 200.000 DM in Computertechnik sorgt zunächst für familiäre Turbulenzen. Doch sie markiert den Einstieg in eine systematisierte, datengetriebene Prozesswelt – lange bevor Begriffe wie Digitalisierung oder Industrie 4.0 geprägt werden.

Internationalisierung und Skalierung

Ab Mitte der 1980er-Jahre treibt Klaus Conrad die Expansion konsequent voran. In der Hochphase existieren europaweit 30 Filialen. 1988 folgt mit CEI Hongkong die Gründung einer eigenen Einkaufsgesellschaft in Fernost, um sich von Importeuren unabhängiger zu machen. Parallel entstehen neue Logistikdimensionen: 1995 wird das Logistikzentrum in Wernberg-Köblitz eröffnet, später mehrfach erweitert. 2014 geht ein vollautomatisches Shuttlelager in Betrieb. Heute verlassen durchschnittlich rund 50.000, in Spitzenzeiten bis zu 75.000 Pakete pro Tag das Logistikzentrum. Was hier sichtbar wird, ist unternehmerische Skalierungslogik: Prozessautomatisierung, Internationalisierung, vertikale Integration und frühzeitige IT-Implementierung bilden die strategischen Eckpfeiler. Conrad entwickelt sich vom Katalogversender zur europäischen Sourcing-Plattform mit zehn Millionen Produktangeboten und maßgeschneiderten E-Procurement-Lösungen. Gerade für industrielle Kunden und Automatisierungsunternehmen ist diese Transformation relevant: Beschaffung wird nicht mehr nur als Einkauf, sondern als integrierter Prozessbaustein innerhalb digitaler Wertschöpfungsketten verstanden.

Verantwortung als unternehmerisches Prinzip

Doch Klaus Conrad definiert Unternehmertum nie ausschließlich über Wachstum. 1992 übernimmt er die Burg Wernberg, saniert sie aufwendig und macht sie zu einem renommierten Hotelstandort. Bereits 1985 wird die Conrad Sportförderung ins Leben gerufen, die insbesondere den Jugendsport in der Region unterstützt. 2001 gründet er gemeinsam mit seiner Frau Gertrud die ‚ Klaus und Gertrud Conrad-Stiftung‘ unter dem Leitmotiv ‚Helfen, wo es wichtig und notwendig erscheint‘. Nationale und internationale Hilfsorganisationen profitieren ebenso wie regionale Einrichtungen – vom Pflegeheim bis zum Waldkindergarten. Das häufig von ihm zitierte Grundgesetz-Motto ‚Eigentum verpflichtet‘ ist keine rhetorische Floskel, sondern gelebte Praxis.

Ein Unternehmer über Generationen

2023 feierte Conrad 100 Jahre – und Klaus Conrad erlebt dieses Jubiläum persönlich mit. Damit schließt sich ein Kreis: vom Flüchtlingskind, das 1945 in der Oberpfalz eine neue Heimat findet , bis zum Träger zahlreicher Auszeichnungen – darunter das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Klaus Conrad steht exemplarisch für eine Unternehmergeneration, die Technik, Handel, Logistik und gesellschaftliche Verantwortung als zusammenhängendes System verstanden hat. Sein Wirken zeigt: Technologischer Fortschritt braucht unternehmerischen Mut – und regionale Verankerung. Skalierung braucht Werte. Und Digitalisierung beginnt nicht mit Schlagworten, sondern mit Entscheidungen.

3 Fragen an Klaus Conrad

Herr Conrad, Sie haben bereits in den 1970er-Jahren konsequent in EDV und automatisierte Logistik investiert. Welche Rolle spielt für Sie technologische Weitsicht im unternehmerischen Entscheidungsprozess?
Der Mut zur Veränderung und technologische Weitsicht sind in der DNA unseres Unternehmens seit mehr als 100 Jahren fest verankert. Schon mein Großvater Max Conrad hat das Potenzial des Radios erkannt und mein Vater die Revolution des Fernsehens mit angeschoben. Dieser Pioniergeist wurde uns quasi in die Wiege gelegt. Bis heute begreifen wir bei Conrad Wandel als Chance und haben dementsprechend aktuelle Trends wie Digitalisierung oder künstliche Intelligenz ganz oben auf unserer Agenda. Da ich nach wie vor jeden Tag im Büro bin, habe ich das große Privileg, den Spirit dieser neuen Technologien und die damit verbundenen Veränderungen zumindest am Rande aktiv mitzuerleben. Und es erfüllt mich mit Stolz, dass wir mit der Transformation zur B2B-Beschaffungsplattform einmal mehr unserer Zeit voraus waren.

Conrad hat sich vom klassischen Versandhaus zur digitalen Sourcing-Plattform entwickelt. Was war aus Ihrer Sicht der entscheidende strategische Wendepunkt in dieser Transformation?
Mit Blick auf die Digitalisierung unseres Unternehmens gab es drei Wendepunkte: Die Einführung der EDV 1976, der Schritt ins Internet mit einem eigenen Online-Shop 1997 und die Eröffnung unseres digitalen B2B-Marktplatzes im Jahr 2017. Alle drei Meilensteine markieren wichtige Schritte in Sachen Sortimentserweiterung und Verfügbarkeit unseres Angebots. Basis unserer Entscheidungen war und ist stets die Überzeugung, den Kunden mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt zu stellen. Wir wollen Lösungen liefern, die unseren Kunden wirklich weiterhelfen. In der heutigen Zeit bedeutet das die Möglichkeit, Einkaufsprozesse zu digitalisieren und möglichst alles aus einer Hand beschaffen zu können. Wir unterstützen unsere Kunden darüber hinaus aber auch mit Sonderbeschaffung und Beratung. Weil wir nach wie vor davon überzeugt sind, dass ein großes Sortiment allein nicht ausreicht, sondern es Anforderungen gibt, für die es Menschen und deren Fähigkeiten braucht.

Sie sprechen häufig davon, dass Eigentum verpflichtet. Welche Verantwortung tragen Unternehmen heute – gerade in Zeiten digitaler und gesellschaftlicher Umbrüche?
Jedes Unternehmen hat Verantwortung für die Zukunft. Mehr denn je tragen wir Verantwortung für unsere Umwelt. Die Schonung von Ressourcen, die Reduktion von CO2-Emissionen und die Unterstützung der Kreislaufwirtschaft sind wichtige Aufgaben, denen wir uns bei Conrad bereits seit vielen Jahren widmen. Angefangen bei der Energiegewinnung aus Biomasse bis hin zum Wiederverkauf gebrauchter Produkte. Auch die Sorgfalt mit Blick auf unsere Lieferketten ist ein wichtiges Betätigungsfeld. Moderne und zukunftsorientierte Unternehmen müssen proaktiv agieren. Und dabei geht es nicht in erster Linie um den eigenen Geschäftserfolg, sondern um die Verantwortung für die Welt und die Menschen, die in ihr leben.