
„Es geht nicht darum, isolierte Komponenten auszuwählen, sondern die gesamte elektrische Architektur einer Maschine strukturiert zu planen.“ Daniel Siegenbrink, Produktmanager MX-System, Beckhoff – Bild: Beckhoff Automation GmbH & Co. KG 
Mit dem MX-System Designer lassen sich Systemarchitekturen bereits in einer frühen Projektphase grafisch modellieren und auf technische Konsistenz überprüfen. – Bild: Beckhoff Automation GmbH & Co. KG 
Mit dem dezentralen MX-System von Beckhoff ist es erstmals möglich, Maschinen und Anlagen vollständig schaltschranklos zu automatisieren. – Bild: Beckhoff Automation GmbH & Co. KG
Das MX-System gibt es seit rund vier Jahren. Was war die Motivation, jetzt den MX-System Designer auf den Markt zu bringen?
Daniel Siegenbrink: Wir sehen in der Praxis immer öfter, dass das MX-System den Prozess der Elektrifizierung von Maschinen und Anlagen fundamental verändert. Da war es für uns ein logischer Schritt, unseren Kunden ein Tool zur Verfügung zu stellen, das die vorgelagerte Planung deutlich erleichtert und in das digitale Zeitalter überführt. Ein Treiber war zudem die eigene Erfahrung in der Projektierung modularer Anlagen. Wir haben in den letzten Jahren fast 1.000 Kundenanfragen bearbeitet. Um dieses Volumen bewältigen zu können, gab es bereits frühzeitig eine interne Software. Ohne sie hätten wir die individuellen Lösungen nicht effizient planen und für die Kunden nachvollziehbar aufbereiten können. Ein weiterer zentraler Faktor ist, dass wir uns durch den Designer einen enormen Multiplikator für die MX-System-Syntax am Markt erhoffen. Wir vereinfachen die Umsetzung einer Lösung drastisch. Ab jetzt kann jeder Anwender individuelle Lösungen ganz schnell und einfach selbst erstellen.
Was waren für Beckhoff die besonderen Herausforderungen bei der Erstellung des Tools?
Wir bieten erstmalig ein tiefgreifendes Engineering-Werkzeug an, das direkt im Webbrowser aufgerufen und genutzt werden kann. Dafür mussten wir ein intuitives Bedienkonzept entwickeln und umsetzen. Auch der konzeptionelle Ansatz ist komplett neu: Der MX-System Designer ist bewusst kein klassischer Produktkonfigurator. Es geht nicht darum, isolierte Komponenten auszuwählen, sondern die gesamte elektrische Architektur einer Maschine strukturiert zu planen – von der Leistungs- über die Steuerungs- und I/O-Ebene bis hin zur angebundenen Peripherie. Die technischen Herausforderungen der Implementierung haben sich in Grenzen gehalten, da die physikalische Logik des MX-Systems – standardisierte Schnittstellen, auf Baseplates gesteckte und verschraubte Module – eine hervorragende Basis für ein digitales Planungsmodell bietet. Wir stehen hier aber erst am Anfang. Die größte architektonische Aufgabe war es, das digitale Fundament so stabil und skalierbar zu gießen, dass wir künftig problemlos weitere Features implementieren können. Es ist meistens eben anspruchsvoller, auf ein bestehendes Haus ein drittes Stockwerk aufzusetzen, als von vornherein ein dreistöckiges Gebäude zu planen.
Müssen Anwender für die Handhabung des Tools spezielle Engineering-Kenntnisse mitbringen? Gibt es bei Bedarf Unterstützung seitens Beckhoff?
Spezielle Software- oder IT-Kenntnisse sind für die Nutzung des Tools definitiv nicht nötig. Das Tutorial-Video auf der Internetseite von Beckhoff ist völlig ausreichend. Der Anwender muss seine Maschine und deren geforderte Funktionalität kennen – also wissen, welche Aktoren, Motoren und Sensoren benötigt werden. Den Rest, also die Übersetzung in die Systemarchitektur, übernimmt der Designer weitgehend intuitiv. Wir stellen fest: Die Kunden, die das Tool bereits nutzen, kommen auf Anhieb sehr gut damit zurecht. Sollten dennoch Fragen zur Topologie bleiben, unterstützen unsere Spezialisten natürlich jederzeit. Automatisierungstechnik von Beckhoff ermöglicht die effiziente Entwicklung ressourcenschonender Verpackungsmaschinen, verkürzt Konstruktionszeiten und senkt Kosten – für innovative Lösungen und nachhaltige Produktionsprozesse. ‣ weiterlesen
Vorsprung im Packaging
Ist das Tool kostenpflichtig? Und was müssen Anwender bei der Nutzung berücksichtigen?
Der MX-System Designer ist ein reines Online-Tool, das auf unseren Servern läuft. Eine lokale Installation auf dem Rechner des Anwenders ist somit nicht erforderlich. Das ist ein immenser Vorteil, da die Software damit weltweit in identischer, aktueller Form verfügbar ist und eine einheitliche Planungsbasis für Maschinenbauer, Projektleiter und Elektroplaner schafft. Die Nutzung ist komplett kostenfrei. Es bedarf lediglich eines regulären MyBeckhoff-Accounts auf unserer Homepage, der selbstverständlich ebenfalls kostenlos ist.
Liegt mit der Software die Auslegung des gesamten Systems in den Händen des Maschinenbauers oder spielt Beckhoff hier auch noch seinen Part?
Die Hoheit über die Systemarchitektur wird immer in den Händen des Maschinenbauers liegen. Beckhoff liefert mit dem MX-System Designer jetzt quasi das digitale Gerüst und die Intelligenz im Hintergrund. Das Tool befähigt den Kunden, autark, schnell und fehlerfrei zu agieren, reduziert nachgelagerte Anpassungen im Engineering-Prozess und visualisiert die Systemstruktur.
Was kann mit dem MX-System Designer geplant werden?
Zunächst natürlich das MX-System selbst, also die Baseplates und alle darauf befindlichen Funktionsmodule. Die gesamte Bandbreite an IPC-, Antriebs-, System- und I/O-Modulen ist bereits vollständig integriert. Darüber hinaus binden wir auch unsere dezentrale Peripherie ein – etwa die Ethercat-P-Boxen in IP67. Ein besonders wichtiger Aspekt ist die strukturierte Kabelauslegung. Der MX-System Designer ermöglicht die Auswahl passender, vorkonfektionierter Leitungen. Wir sprechen hier von knapp 2.000 verschiedenen Steckerkombinationen, die in diversen Längen für Verbindungen zwischen MX-System-Modulen und Motoren oder Sensoren vorgeschlagen und ausgewählt werden können. Das macht die Verkabelung schon in der Konzeptphase maximal transparent.
Enthält das Software-Werkzeug eine Plausibilitätsprüfung mit Blick auf die Erstellung des Gesamtsystems?
Ja, tiefgreifende Plausibilitätskontrollen sind ein zentraler Teil des Funktionsumfangs und ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Das System überprüft automatisch die wesentlichen Aspekte der elektrischen Systemauslegung. Das fängt bei offensichtlichen Abhängigkeiten an: Wird z. B. ein 48V-Servoantrieb auf die Baseplate gezogen, weist der Designer sofort darauf hin, dass auch ein 48V-Netzteil verbaut werden muss. In der Hitze des Gefechts werden solche Details in der Projektierung oft übersehen. Das Tool geht aber weit darüber hinaus in die tiefere Physik: Es berechnet den Gesamtstrombedarf des Systems, prüft die Lastverteilung innerhalb der Baseplate, überwacht die Leistungsgrenzen einzelner Module und berechnet sogar Spannungsabfälle über die definierten Leitungslängen. So stellen wir sicher, dass Anwender ausschließlich technisch zulässige und funktionsfähige Kombinationen generieren.
Ist die Software modular aufgebaut und planen Sie, im Laufe der Zeit weitere Funktionen zu ergänzen? Falls ja: Welche könnten dies sein?
Wie bei allen neuen Technologien von Beckhoff fangen wir mit einer soliden, funktionalen Basis an, bauen diese kontinuierlich aus und ergänzen neue Features. Die Nutzung von künstlicher Intelligenz ist für uns ein naheliegendes Thema – hier wollen wir den Schritt vom reinen Drag&Drop hin zu einer Prompt-basierten Systemgenerierung gehen. Der Anwender beschreibt dann sprachlich, was die Maschine leisten soll, und die KI generiert den ersten Systementwurf. Ebenso stehen Themen wie der automatisierte Export von 3D-CAD-Modellen der fertig konfigurierten MX-System-Station auf der Roadmap. Das ultimative Ziel ist aber eine maximale vertikale Durchgängigkeit: Die strukturierte Visualisierung aus dem Web-Tool soll künftig nahtlos in unsere Engineering-Umgebung Twincat überführt werden können, um eine direkte Brücke von der elektrischen Hardwareplanung zur Softwareparametrierung zu schlagen.















