Sicherheitsanforderungen in der Automatisierungstechnik Vertrauen ist gut, Kontrolle verlangt der Gesetzgeber

Zuerst einmal gilt es zu klären, was eigentlich unter dem Begriff Sicherheit zu verstehen ist. Der angelsächsische Sprachgebrauch beispielsweise differenziert zwischen \’Safety\‘ und \’Security\‘. Letzteres meint Schutz vor zielgerichteten und böswilligen Angriffen von innen und außen, während unter \’Safety\‘ z.B. Systemausfälle, Leitungsausfälle, Verschleiß, Bedienungsfehler, kurz gesagt: \’Technisches und menschliches Versagen\‘ einzuordnen sind. Der deutsche Begriff \’Sicherheit\‘ bietet diese Differenzierung nicht, sondern man versteht darunter zunächst einmal ganz allgemein einen Zustand, der frei von unvertretbaren Risiken und Gefährdungen ist.

Jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied

Sicherheit kann sich folglich auf ganz Unterschiedliches beziehen, auf einzelne Individuen ebenso wie auf unbelebte Objekte und Systeme, aber auch auf abstrakte Sachverhalte, z.B. Geldanlagen. Wer die Sicherheit in einem dieser Bereiche erhöhen, also Gefahren und Risiken minimieren oder gar eliminieren will, braucht ein auf eben diesen Bereich abgestimmtes und in sich schlüssiges Sicherheitskonzept. Um z.B. die Sicherheit des Systems \’Schaukel\‘ zu erhöhen, bringt es in puncto Sicherheit nichts, nur die Seile besonders stark auszulegen. Wenn die Haken oder das Sitzbrett zu schwach sind, wird es trotzdem zum Unfall kommen. Man muss also das Gesamtsystem sicherer machen, denn jede Kette ist bekanntlich ja nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Ein Sicherheitskonzept ist dann erfolgreich, wenn die getroffenen Maßnahmen dazu führen, dass sowohl erwartete als auch unerwartete Gefährdungen ausgeschlossen bzw. hinreichend unwahrscheinlich werden. Beim Beispiel der Schaukel bedeutet das, alle Komponenten angefangen vom Gestell über die Haken und Seile bis hin zum Brett müssen so ausgelegt sein, dass sie dem Gewicht des Schaukelnden standhalten. Der Schaukelnde muss sich außerdem an die \’Bedienungsvorschriften\‘ halten. Beim freihändigen Schaukeln beispielsweise kann die beste Schaukelkonstruktion ihn nicht vor einem Unfall bewahren. Soweit das Beispiel. Die darin angesprochenen Sachverhalte lassen sich auch auf industrielle Bereiche übertragen, wenn die Details dann auch ein wenig komplizierter sind:

Das Risikopotenzial im Anlagen- und Maschinenbau

Das Risikopotenzial im Anlagen- und Maschinenbau wird gemäß der IEC 61511 ermittelt. Werden zur Risikoreduzierung Automatisierungskomponenten eingesetzt, so müssen diese die Anforderungen der IEC 61508 erfüllen. Beide Normen unterteilen Anlagen und risikoreduzierende Maßnahmen in jeweils vier Sicherheitsstufen: von SIL 1 für ein geringes Risiko bis SIL 4 für ein sehr hohes Risiko. Das Kürzel SIL steht für Safety Integrity Level, wobei der SIL-Wert die spezifizierte Sicherheitsfunktion im Fehlerfall beschreibt. Dabei gilt, je höher das Risiko, desto zuverlässiger müssen die Maßnahmen zur Risikoreduzierung durchgeführt werden und um so zuverlässiger müssen die eingesetzten Komponenten sein. Zur Risikoabschätzung einer Anlage wird ein SIL-Assessment durchgeführt, das feststellt, welchem Sicherheitsstandard ein Sicherheitskreis zu entsprechen hat. Hierzu wird in der IEC61508 der Risikograf verwendet. Er berücksichtigt das potentielle Schadensausmaß, die zu erwartende Aufenthaltsdauer von Personen im Gefahrenbereich und die Möglichkeiten zur Gefahrenabwendung. Bühnentechnik ist demzufolge recht kompliziert, wenn man sie unter sicherheitstechnischen Aspekten betrachtet. Kulissen oder Scheinwerfer müssen schließlich auch dann bewegt werden, wenn sich Personen in unmittelbarer Nähe befinden. Ähnliches gilt z.B. auch für Elektrohängebahnen in der Industrie. Die Produktionsprozesse machen es hier häufig erforderlich, dass auch während des Transports Personen Zugang zu Maschinen oder Anlagenteilen haben. Man kann also den Bereich, in dem gefährliche Bewegungen stattfinden, nicht einfach sperren und z.B. mit Sicherheitslichtschranken oder Sicherheitslichtgittern absichern. In Bezug auf den Risikograf bedeutet das, dass sich z.B. Personen hier häufig bis dauernd im Gefahrenbereich aufhalten. Für solche Bereiche sind demzufolge Steuerungssysteme notwendig, die nach SIL3 zertifiziert sind oder ausschließlich nach SIL3 zertifizierte Komponenten enthalten. Profisafe beispielsweise ist ein nach IEC61508 zertifiziertes Profil für Profibus und Profinet. Mit SIL3 (Safety Integrity Level) bzw. Kategorie 4 nach EN 954-1 erfüllt Profisafe als Kommunikationsmedium die höchsten Sicherheitsanforderungen für die Prozess- und Fertigungsindustrie.

Steuerungssysteme in der Bühnentechnik

Bei einer Bühnensteuerung müssen nun natürlich alle eingesetzten Komponenten diesen hohen Sicherheitsanforderungen genügen. Zu den für den Aufbau einer Bühnensteuerung notwendigen Komponenten gehören nicht nur das Kommunikationsmedium, sondern auch die Steuerung selbst, der Umrichter, der Antrieb mit Bremse, der Drehgeber zur Positionserfassung und die Seilwinde, die Kulissen, Schweinwerfer usw. Das schwächste Glied dieser \’Kette\‘ war bisher der Drehgeber, denn z.B. im Gegensatz zu Steuerungen waren Drehgeber mit entsprechender Zertifizierung bis vor kurzem nicht verfügbar. Man musste sich also bei der Positionserfassung zur Steuerung von drehenden Achsen, Aufzügen und Winden anders behelfen: Oft wurden beispielsweise einfach zwei Geber verwendet. Beide Geräte brauchen in diesem Fall nicht zertifiziert zu sein, da sie gemeinsam im eingeschalteten Zustand ein redundantes System bilden. Typische Kombinationsmöglichkeiten sind hier z.B. zwei Absolutwertgeber, ein Absolutwertgeber und ein Inkrementalgeber oder auch eine Kombination aus Drehgeber und Nockenschaltwerk, wobei die Einstellung des Nockenschaltwerks in der Regel allerdings recht kompliziert ist. Die redundanten Signale beider Positionsgeber werden dann auf zwei Rechner oder Steuerungen geführt und miteinander verglichen.

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