Vom Automatisieren zum Agieren

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Bild: ZVEI e.V.

In einer ZVEI-Umfrage im vergangenen Herbst hat ein Fünftel der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe angegeben, dass sie Industrial AI bereits produktiv in ihrer Wertschöpfung einsetzen. Waren Sie überrascht?

Nein, das war nicht überraschend. Wir sehen auch in der Praxis, dass KI-Lösungen stark nachgefragt sind und die Diskussionen dominieren. Industrial AI ist seit 2025 kein Randthema mehr. Und dieser Schritt ist auch notwendig. Denn wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel in der Automatisierung, bei dem Software und die smarte Steuerung von Prozessen zum wichtigsten Effizienzhebel werden.

Auch unsere Diskussionen im ZVEI zeigen, dass immer mehr Player in der Industrie KI bereits produktiv einsetzen, direkt im Werk. Und diejenigen berichten sehr konkret von Effekten: stabilere Prozesse, weniger Ausschuss, schnellere Anpassung an neue Varianten. Deshalb hat mich auch nicht überrascht, dass die Unternehmen massive Investitionen in industrielle KI-Lösungen planen. Wenn jedes vierte dieser Unternehmen mehr als 20 Prozent seiner Gesamtinvestitionen dafür aufwendet, verändert das für den Standort Deutschland im globalen Wettbewerb die strategische Perspektive.

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Bild: ZVEI e.V.

Sie spielen auf ein ZVEI-Whitepaper an, das Sie ‚Vom Automatisieren zum Agieren‘ genannt haben. Wird sich die Automation so grundlegend verändern, dass man von einem Paradigmenwechsel sprechen kann?

Ja, davon bin ich fest überzeugt. Aber nicht im Sinne eines radikalen Bruchs, sondern im Sinne einer neuen Evolutionsstufe. Die klassische Automation folgt einer klaren Logik: Ein Prozess wird definiert, programmiert und dann möglichst stabil abgearbeitet. Das hat uns enorme Produktivität gebracht. Aber diese Logik stößt an Grenzen, wenn Variantenvielfalt, Lieferkettenstörungen oder Fachkräftemangel zunehmen.

Was jetzt entsteht, ist etwas anderes: In der Software Defined Industry, wie wir es nennen, führen Produktionssysteme nicht nur Befehle aus, sondern reagieren situativ. Sie erfassen ihre Umgebung, erkennen Abweichungen und schlagen innerhalb definierter Leitplanken eigenständig Lösungen vor. Man könnte es auch so sagen: Bisher haben wir Maschinen gesagt, was sie tun sollen. Künftig beschreiben wir stärker, welches Ziel erreicht werden soll, und das System organisiert den Weg dorthin selbst.

Was dabei strukturell geschieht, haben wir in dem Whitepaper beschrieben. Die Trennung von Hardware und Steuerungslogik wird konsequenter. Funktionen werden softwarebasiert orchestriert, Maschinenfähigkeiten als standardisierte Skills beschrieben, digitale Zwillinge bilden den gesamten Lebenszyklus ab. Dadurch wird die Fabrik wandlungsfähig. Nicht durch Umbau, sondern durch Software. Ist das ein Paradigmenwechsel? Ich würde sagen ja, weil sich die Rolle der Automation verschiebt. Sie ist nicht mehr nur Effizienzmaschine im Shopfloor, sondern Entscheidungsunterstützer in vernetzten Prozessen. Man muss aber die Kirche auch im Dorf lassen. Die Mehrheit der Unternehmen ist noch nicht in der breiten Umsetzung. Wir stehen nicht am Ende einer Entwicklung, sondern am Anfang einer industriellen Evolution.

Wo steht die deutsche Industrie bei dem Thema? Und welche Grundlagen fehlen noch, damit Industrial AI erfolgreich sein kann?

Technologisch ist die Industrie weiter als mancher denkt. Die Bausteine der Software Defined Industry sind da: digitale Zwillinge, standardisierte Schnittstellen, leistungsfähige Edge- und Cloud-Infrastrukturen. Die erste Phase von Industrie 4.0 hat das Fundament gelegt. Aber jetzt beginnt eine neue Stufe. Aus meiner Sicht fehlen noch drei Dinge:

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