Wie sich Europas größte Hub-Drehbrücke sicher bewegen lässt

 Gesamtansicht des aufgedrehten mittleren Brückenteils 
mit beleuchteten Dalben, die die Fahrrinne markieren.
Gesamtansicht des aufgedrehten mittleren Brückenteils mit beleuchteten Dalben, die die Fahrrinne markieren. – Bild: Actemium

1876 wurde die erste Friesenbrücke, damals noch Emsbrücke Hilkenborg, über die Ems eröffnet. Nach Neubauten 1926 und 1950/51 sowie einer Schiffskollision im Jahr 2015 steht nun rund 150 Jahre nach der ersten Brücke die vierte Konstruktion bei Weener in Niedersachsen. Der Neubau ist mit umfangreicher Elektrotechnik für Versorgung und Brückensteuerung einschließlich des beweglichen Drehteils ausgestattet. Dieses kann für größere Schiffe hydraulisch angehoben und um 90° gedreht werden. Nach dem Spatenstich Mitte 2021 erhielt Actemium, die Industriemarke von Vinci Energies, Ende 2023 den Auftrag zur Planung und Installation der Elektro- und Steuerungstechnik. Sie umfasst die Energieversorgung, Kabelanlagen und Trassen, die Brückensteuerung mit Leitstand, Sensorik und Messtechnik, Schifffahrtszeichen und Kommunikationseinrichtungen sowie die Brückenschnittstelle zur Leit- und Sicherungstechnik der Bahn. Besondere Herausforderungen waren die großen Entfernungen bei der Kabelverlegung – u.a. durch einen Mediendüker unter der Ems – sowie flexible Energieketten für die Bewegungen der Brücke.

 Bauleiter André Lunau (r.) im Gespräch mit
Monteur Krzystof Skibinski
Bauleiter André Lunau (r.) im Gespräch mit Monteur Krzystof Skibinski – Bild: Actemium

Energie für die Brücke

Eine Netzersatzanlage kann im Notstromfall mit einer Scheinleistung von 650kVA die gesamte Spannungsversorgung der Friesenbrücke übernehmen. Neben der Netzstation mit den Transformatoren befindet sich ein Niederspannungshauptverteiler mit zehn Feldern. Hinzu kommen Niederspannungsverteiler mit vier Feldern im Drehpfeiler und zwei Feldern im Brückenwärterhaus. Dort sind außerdem zwei größere unterbrechungsfreie Stromversorgungen mit jeweils 40kVA installiert. Mehrere separate 230V-USV sind einzelnen Schaltschränken zugeordnet. Für die Hydraulik des Hauptaggregats installierte Actemium Frequenzumrichter für insgesamt sechs Motorpumpen mit jeweils 75kW. Damit lassen sich die rund 1.800t des 145m langen Drehteils bewegen. Insgesamt 42 anlagenspezifische Unterverteilungen bzw. Schaltschränke verteilen sich über die Anlage, u.a. für Schifffahrtszeichen, Hydraulik und Kommunikation. Acht davon befinden sich als Schrank-in-Schrank-Lösung im Außenbereich: Während der Innenschrank die Bedienelemente aufnimmt, schützt ihn ein klimatisierter Außenschrank vor Witterungseinflüssen.

Mittels Kraftmessdosen wird sichergestellt, dass die Schienen nach dem Schließen der Brücke exakt zueinander ausgerichtet sind.
Mittels Kraftmessdosen wird sichergestellt, dass die Schienen nach dem Schließen der Brücke exakt zueinander ausgerichtet sind. – Bild: Actemium

Komplexe Wege für Energie und Daten

Von der zentral in der Netzstation gelegenen Kabelanlage führen zwei große Kabelwege zum Drehpfeiler und zum Brückenwärterhaus. Die Verbindung zum Drehpfeiler besteht aus fünf Kabelsträngen mit jeweils 240mm² Querschnitt auf einer Länge von 300m. Im Drehpfeiler versorgt ein komplexes Trassensystem die Hydraulik und weitere maschinenbauliche Komponenten. Für das bewegliche Brückenteil mussten zudem zwei Energieketten mit flexiblen Kabeln installiert werden. Eine nimmt die hydraulische Hubbewegung von rund 1,3m auf, die andere die anschließende Drehbewegung um 90°. Die Verbindung von der Netzstation zum Brückenwärterhaus führt durch einen bereits 2022 gebauten Mediendüker unter der Ems, rund 300m nördlich der Brücke. Auf diesem Weg wurden über insgesamt 1.100m drei Kabelstränge mit ebenfalls 240mm² verlegt. Weitere Kabelwege führen zu den übrigen Verbrauchern. Dazu zählt eine von der Bahn zertifizierte Kabeltrasse aus glasfaserverstärktem Kunststoff entlang des Dienstwegs.

 Projektleiter Thorben Klüver 
inspiziert eine Signalanlage - eines der zahlreichen Sicherheitsmerkmale der Friesenbrücke.
Projektleiter Thorben Klüver inspiziert eine Signalanlage – eines der zahlreichen Sicherheitsmerkmale der Friesenbrücke. – Bild: Actemium

Steuern und überwachen

Der Leitstand befindet sich im Brückenwärterhaus und verfügt neben dem Hauptarbeitsplatz über einen reduzierten Nebenarbeitsplatz, von dem aus die Brücke ebenfalls gesteuert werden kann. Für den Fall, dass der Leitstand nicht zugänglich ist, steht zusätzlich an anderer Stelle ein redundanter Bedienplatz zur Verfügung. Dieser dient zugleich den Anlagenverantwortlichen dazu, z.B. bei Störungen das System zu überprüfen. Für die Brückensteuerung kommen vier zentrale SPSen zum Einsatz: eine für die Hydraulik mit Ventilen und Sensoren, zwei für die Brückenschnittstelle sowie eine weitere für Peripheriebereiche wie Ampeln, Schranken und Schifffahrtssignale. Ergänzend wurden 22 dezentrale SPSen vom Typ IT200M an den jeweiligen Anlagenbereichen und acht weitere für die Brückenschnittstelle installiert. Sie sind in einem ringförmigen RWL-Netz angeordnet und kommunizieren über Profinet. Rund 90 Sensoren überwachen die Endlagen verschiedener Komponenten. Hinzu kommen u.a. ein Drehgeber zur Erfassung des Öffnungswinkels und ein Laserdistanzmesser an der Brückenspitze. Dieser misst beim Wiederabsetzen des beweglichen Brückenteils das noch vorhandene Spiel. Eine besonders sicherheitskritische Aufgabe übernehmen Kraftmessdosen an der Schienenübergangskonstruktion. Beim Wiederverbinden des beweglichen und festen Brückenteils kontrollieren sie den Druck zwischen den Schienen. So lassen sich Hindernisse erkennen und gleichzeitig sicherstellen, dass die Schienen exakt zueinander ausgerichtet sind.

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