Rund 70 Teilnehmer aus der Praxis waren der Einladung des Arbeitskreises Software-Qualität und -Fortbildung (ASQF) nach Minden gefolgt und lauschten auf dem 13. Automation Day den Erfahrungen von neun Referenten mit dem Einsatz von Linux. Dabei führten die Leiter der Fachgruppe Automatisierung des ASQF, Karl-Heinz John, Geschäftsführer Technik der Infoteam Software GmbH, und Siegfried Schülein, Entwicklungsleiter bei Baumüller Nürnberg, gemeinsam durch die Veranstaltung. Grundgedanke Open Source Den Kerngedanken der Open Source-Software Linux erläuterte Dr. Carsten Emde, Geschäftsführer der Open Source Auotmation Development Lab e.G. (OSADL): \“Was ist Open Source? Es ist eine Lizenz. Man gibt jemandem vier Freiheiten: das Recht, die Software zu nutzen, das Recht, die Software zu analysieren, dann das Recht, die Software zu verändern, und das Recht, die Software (verändert oder unverändert) weiterzugeben.\“ Erst bei der Weitergabe der Software entstünden die Pflichten: \“Jeder, der es empfängt, soll die gleichen Rechte haben, wie man sie selbst beim Empfang der Software hatte.\“ Wie er weiter ausführte, müssen dadurch nur Teile weitergegeben werden, die kein Alleinstellungsmerkmal der Firmen darstellen. Aber alles, was nicht alleinstellungsfähig sei, werde gemeinsam entwickelt. \“Das tut uns nicht weh, wenn wir das Betriebssystem gemeinsam entwickeln.\“ Die Software in Maschinen und Embedded Systemen müsse möglichst viele Prozessorarchitekturen unterstützen, leicht auf andere Prozessorarchitekturen portierbar sein. Sie müsse echtzeitfähig sein, an neue Hardware-Versionen anpassungsfähig sein und aktuelle Hardware-Konzepte unterstützen. Das alles könne Linux heute schon. Alternative zu IEC61131 Jürgen Gorka, Product Manager von Wago Kontakttechnik, stellte die Programmierung einer Kleinsteuerung als offene Plattform unter Linux der Variante gegenüber, bei der in IEC61131-3 als SPS programmiert wird. Nach Abwägung aller Vor- und Nachteile, so z.B. optimal abgestimmte Software-Tools unter Linux und der komfortable Zugriff auf Systemfunktionen einer SPS, erklärte er: \“Das ist mit Sicherheit ein Nebeneinander von SPS-Systemen und frei programmierbaren Systemen unter Linux.\“ Das entscheide sich je nach Anwendungsfall, was der Endanwender gerade brauche. \“Beides hat seine Berechtigung, man kann nicht eindeutig sagen, dass alles in eine Richtung geht oder alles in die andere Richtung. Die Welt bleibt weiterhin bunt.\“ Linux ist nicht kostenlos Im letzten Vortrag des 13. Automation Day sprach Frauke Frerichs-Waldmann von Systerra über die unterschiedlichen Varianten, wie Linux für langzeitverfügbare Embedded Systeme eingesetzt werden kann. \“Ich kann mein Linux über eine angepasste Standarddistribution realisieren\“, begann sie mit der ersten Möglichkeit. Diese sei zwar die günstigste, enthalte jedoch zahlreiche Software-Pakete, die für Server- und Desktop-Anwendungen optimiert seien. Zudem unterstütze eine Standarddistribution beispielsweise Anwendungen wie die für Embedded Systeme nicht benötigte Textverarbeitung. Jedoch unterstütze sie keine Touchscreens. Die zweite Möglichkeit – Embedded Distributionen – sind bereits für Embedded Anwendungen vorkonfiguriert und optimiert, aber natürlich teurer. Am umfangreichsten ist hingegen die kundenspezifische Distribution. Diese Variante, Beratungsleistung und Linux-Know-how einzuschalten, empfahl die Referentin \“jedem, der einsteigt, weil man einen großen Know-how-Transfer erhält.\“ Schließlich könne man die täglich neuen Erweiterungen nicht alle im Auge behalten. Allerdings ist das auch die teuerste Möglichkeit, Linux zu nutzen. Nach allen Vorträgen zog Siegfried Schülein die Schlussfolgerung: \“Linux ist also nicht kostenlos.\“ Echtzeitfähigkeit realisiert Wie Karl-Heinz John erklärte, ist an der Resonanz dieser Veranstaltungsreihe erkennbar, wie groß das Interesse an Linux in der Automatisierung ist. \“Wir hatten vor zwei Jahren Microsoft als Hauptthema beim Automation Day. Jetzt war es die Idee, das zweite große System hier einzuladen – Linux – was relativ starke Steigerungssraten hat.\“ An den 70 Teilnehmern in Minden sehe man, dass sich derzeit viele Leute über Linux informieren. Im Mittelpunkt stehen dabei hauptsächlich die Fragen, was die Anwender bei Linux beachten müssen, an wen sie sich wenden können und ob Linux überhaupt für ihre Anwendung taugt. Doch die sicherlich größte Hürde zum Einsatz in der Automatisierung ist seit dem vergangenen Jahr genommen – die fehlende Echtzeitfähigkeit. Dr. Emde erklärte dazu: \“Seit Sommer 2006 ist der so genannte RT-Preemt Patch eingebracht worden. Seitdem ist Linux ein echtzeitfähiges Betriebssystem, sodass auch von daher der weiteren Entwicklung und dem Einsatz von Linux nichts mehr im Wege steht.\“ Inzwischen hat Linus Torvalds, Initiator des Linux-Kernels, den Linux Kernel 2.6.20 freigegeben. Auf den folgenden Seiten zeigen wir Ihnen, wie weit Linux bereits in die Automatisierungsbranche vorgedrungen ist, angefangen bei Antriebssteuerungen mit Linux bis hin zu Kameras mit Linux Treiber-Kit und Linux-Interface.
Anbieter und Anwender diskutierten: Linux – Chance oder Risiko?
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