Wie KI, Daten und Plattformen die Elektrokonstruktion verändern

Herr Hennings, Sie sind gelernter Elektriker, Elektrokonstrukteur und inzwischen einer der bekanntesten Content Creator rund um Eplan. Wie kam es dazu?

Hennings: Eigentlich eher zufällig. Ich habe im Schaltschrankbau gelernt und bin schon früh mit Eplan in Berührung gekommen. Später war ich in verschiedenen Unternehmen tätig und habe dort auch Auszubildende betreut. Irgendwann kam die Idee auf, bestimmte Themen per Video zu erklären, damit man dieselben Inhalte nicht immer wieder vermitteln muss. Während der Corona-Zeit habe ich dann angefangen, systematisch Inhalte für YouTube aufzubereiten. Dabei habe ich festgestellt, dass es für viele praktische Fragestellungen rund um Elektrokonstruktion und Schaltschrankbau kaum deutschsprachige Inhalte gab. Aus ein paar Videos wurden immer mehr. Heute erreiche ich über YouTube, LinkedIn und andere Plattformen eine internationale Community.

Sie bezeichnen sich bewusst aber nicht als Influencer…

Hennings: Nein. Mit dem Begriff kann ich wenig anfangen. Ich verstehe mich eher als Content Creator. Ich möchte kein Produkt verkaufen, sondern Wissen vermitteln. Mein Ziel ist es, Elektrokonstruktion und Schaltschrankbau praxisnah zu erklären und Menschen bei ihren täglichen Herausforderungen zu unterstützen.

Herr Michels, wie wichtig sind solche Stimmen aus der Praxis für Eplan?

Michels: Sehr wichtig. Die Anforderungen unserer Anwender entwickeln sich permanent weiter. Deshalb sind Rückmeldungen aus der Praxis für uns unverzichtbar. Natürlich erhalten wir Feedback aus Kundenprojekten, aus Beta-Tests oder über unsere Partner. Menschen wie Kai haben darüber hinaus einen sehr direkten Zugang zur Community. Dort verdichten sich Themen häufig schon früh. Dadurch erkennen wir Trends, Herausforderungen und Wünsche oft sehr schnell.

Ein wichtiges Thema auf dem Event war Smart Sourcing. Die Lieferketten haben sich zwar etwas entspannt, trotzdem bleibt Verfügbarkeit ein kritischer Faktor. Warum?

Michels: Weil Transparenz entscheidend geworden ist. Die Frage lautet heute nicht mehr nur, welches Bauteil technisch geeignet ist, sondern auch, ob es verfügbar ist. Genau dort setzt Smart Sourcing an. Ziel ist es, bereits während der Konstruktion Informationen über Verfügbarkeiten und Beschaffungsmöglichkeiten bereitzustellen. Dadurch lassen sich spätere Überraschungen vermeiden.

Hennings: In der Praxis ist das absolut relevant. Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren erlebt, wie schnell Lieferketten unter Druck geraten können. Und solche Situationen entstehen nicht nur durch globale Krisen. Oft reicht schon eine Störung an einer Stelle der Lieferkette. Deshalb hilft jede zusätzliche Transparenz. Der Konstrukteur bekommt dadurch eine bessere Entscheidungsgrundlage.

Wohin soll sich Smart Sourcing langfristig entwickeln?

Michels: Langfristig geht es darum, ein umfassendes Ökosystem aufzubauen. Heute werden Stücklisten hochgeladen und mit Beschaffungsinformationen angereichert. Perspektivisch sollen noch weitere Informationen von – immer mehr – Herstellern und Lieferanten bereits während der Konstruktion in Entscheidungen einfließen. Der Anwender soll möglichst früh erkennen können, welche Alternativen verfügbar sind und welche Auswirkungen bestimmte Entscheidungen haben.

Ein weiterer Schwerpunkt war die Eplan Plattform 2027. Was erwarten Anwender aus Ihrer Sicht wirklich: neue Funktionen oder weniger Reibungsverluste?

Hennings: Viele wünschen sich vor allem weniger Reibungsverluste. Der Elektrokonstrukteur von heute übernimmt deutlich mehr Aufgaben als früher. Neben der eigentlichen Konstruktion spielen Themen wie Datenmanagement, Dokumentation oder inzwischen sogar Beschaffung eine Rolle. Deshalb sind Funktionen wichtig, die Prozesse vereinfachen und Informationen durchgängig verfügbar machen. Besonders wichtig ist dabei die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen. Mechanik, Elektrotechnik und Software arbeiten oft noch zu stark nebeneinander. Mein Wunsch wäre, dass Änderungen künftig automatisch über die verschiedenen Bereiche hinweg sichtbar werden. Wenn der Mechanikkonstrukteur einen Sensor ändert, sollte die Information auch direkt beim Elektrokonstrukteur ankommen.

Michels: Genau deshalb verfolgen wir den Plattformgedanken. Es geht nicht nur um einzelne Funktionen, sondern um durchgängige Prozesse. Engineering wird zunehmend vernetzter. Dafür benötigen wir gemeinsame Datenmodelle, konsistente Informationen und Werkzeuge, die möglichst nahtlos zusammenarbeiten.

Kaum ein Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie künstliche Intelligenz. Welche Rolle spielt KI im Engineering?

Hennings: Das Potenzial ist enorm. Allerdings muss man realistisch bleiben. Viele aktuelle KI-Anwendungen basieren auf Sprachmodellen. Ein Schaltplan ist aber zunächst einmal keine Sprache, sondern eine technische Darstellung. Deshalb wird die Vision, eine Maschine vollständig per Texteingabe zu entwickeln, noch Zeit benötigen. Trotzdem gibt es bereits heute sehr interessante Anwendungen. Ich habe beispielsweise KI genutzt, um über die Eplan-API eigene Skripte erstellen zu lassen. Ohne tiefes Programmierwissen konnte ich dadurch Automatisierungen entwickeln, die mir im Alltag viel Arbeit abnehmen. Solche Anwendungsfälle sehe ich kurzfristig als besonders wertvoll an.

Herr Michels, wo sehen Sie den größten Nutzen des Eplan Copilot?

Michels: Zunächst einmal beim Zugang zu Wissen. Viele Anwender nutzen nur einen Teil der vorhandenen Möglichkeiten. Der Eplan Copilot kann dabei helfen, Funktionen schneller zu finden, Arbeitsabläufe zu erklären oder konkrete Fragen direkt zu beantworten. Darüber hinaus sehen wir großes Potenzial bei der Standardisierung und Automatisierung von Engineering-Prozessen. Man darf allerdings nicht erwarten, dass KI von heute auf morgen komplette Projekte erzeugt. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel verschiedener Technologien – von Bibliotheken über Konfiguratoren bis hin zu KI-basierten Assistenzsystemen.

Ein Thema, das die Branche seit Jahren begleitet, ist die Datenqualität. Warum bleibt das so schwierig?

Hennings: Weil unglaublich viele Standards, Formate und Anforderungen zusammenkommen. Hersteller müssen Daten für unterschiedlichste Systeme bereitstellen. Gleichzeitig haben Anwender individuelle Prozesse und Anforderungen. Das macht die Sache komplex. Trotzdem führt kein Weg an Standardisierung vorbei. Wer jeden Tag mit anderen Komponenten, Herstellern und Datenformaten arbeitet, wird langfristig kaum effizient arbeiten können.

Herr Michels, was müsste sich Ihrer Ansicht nach im Engineering sofort ändern?

Michels: Mehr Fokus auf die Durchgängigkeit der Informationen. Daten sollten entlang des gesamten Prozesses konsistent verfügbar sein – vom ersten Konzept bis in Betrieb und Service. Je intelligenter die Informationen strukturiert sind, desto intelligenter kann auch die Software damit umgehen. Daraus entstehen enorme Potenziale für Automatisierung und Effizienz.

Herr Hennings, Ihr Wunsch für die Zukunft?

Hennings: Ich würde mir wünschen, dass wir stärker in Funktionen statt in einzelnen Komponenten denken. Heute verbringen Elektrokonstrukteure noch sehr viel Zeit mit Datenblättern, Parametern und technischen Details. Künftig sollte es stärker darum gehen, Funktionen zu definieren und Systeme intelligent zusammenzustellen. Für mich müsste ein Schaltschrank irgendwann so einfach konfigurierbar sein wie ein Lego-System. Wenn uns das gelingt, wird Engineering deutlich effizienter.

Abschließend: Wie sieht Engineering im Jahr 2035 aus?

Michels: Deutlich stärker vernetzt, datengetriebener und automatisierter. Viele Routineaufgaben werden KI-unterstützt oder teilweise automatisiert ablaufen. Gleichzeitig wird die Bedeutung hochwertiger Daten weiter steigen.

Hennings: Ich glaube ebenfalls, dass Daten der entscheidende Faktor werden. Wer Informationen effizient nutzen kann, wird einen großen Wettbewerbsvorteil haben. Und wenn wir diese Entwicklung nicht selbst gestalten, werden andere Regionen der Welt sehr schnell Lösungen anbieten. Deshalb sollten wir die Chancen jetzt aktiv nutzen.