
Git, CI/CD-Pipelines, automatisierte Builds, Code-Reviews im Team: in der Softwareentwicklung seit Jahren Standard, in der SPS-Programmierung bisher kaum umsetzbar. Projekte liegen in proprietären Binärdateien, die Entwicklungsumgebung läuft nur auf Windows, automatisierte Build-Prozesse erfordern Workarounds. Mit CODESYS 4 erscheint Ende September 2026 eine Entwicklungsumgebung, die diese Lücke schließt, ohne die bewährte Grundlage der SPS-Programmierung aufzugeben. (Bild 3)
Warum jetzt eine neue Entwicklungsumgebung?
Das CODESYS Development System ist seit über zwanzig Jahren im Einsatz: bewährt, funktional umfassend und bei über 300.000 Anwendern weltweit im täglichen Gebrauch. Doch bestimmte Anforderungen lassen sich innerhalb der bestehenden Architektur nicht mehr adressieren, ohne die Kompatibilität für Hunderttausende bestehender Installationen zu gefährden.

Vor allem diese 4 Gründe sprechen dafür, CODESYS auf neue Füße zu stellen: Die Bindung an Windows als einzige Plattform ist problematisch, weil Soft-SPSen und virtuelle Steuerungen zunehmend auf Linux laufen, die Entwicklungsumgebung aber auf Windows beschränkt bleibt. Das Fehlen eines nativen CI/CD-Workflows, der bisher nur über die CODESYS-Scripting-Schnittstelle realisierbar ist. Binäre Projektdateien, die sich nur begrenzt versionieren oder in externen Tools verwenden lassen. Und ein Einzelplatzkonzept ohne Multi-User-Betrieb für Teams, die gemeinsam an versionierten Projekten arbeiten wollen.
Die architektonische Antwort
CODESYS 4 adressiert diese Punkte durch einen Neuanfang bei der Architektur. (Bild 1) Backend und Frontend sind konsequent getrennt: Das Backend läuft auf Windows und Linux, das Frontend in jedem modernen Browser. Drei Einsatzvarianten stehen bereit: Desktop-Anwendung, Multi-User-Server und Kommandozeilen-Tool für Pipelines.
Entscheidend für die Zielgruppe Automatisierung: IEC 61131-3 bleibt der Programmierstandard. Editoren für Strukturierten-Text und Ladder gehören von Anfang an zum Funktionsumfang. CODESYS 4 macht IT-Methoden für die SPS-Programmierung nutzbar, ohne dass Anwender ihre Domäne verlassen müssen.

Konkretes Szenario: Bibliothek in der Pipeline
Was sich in der Praxis ändert, zeigt ein durchgängiges Beispiel. Eine Bibliothek in Strukturiertem Text wird in CODESYS 4 entwickelt. Das Projekt liegt als Verzeichnis mit Textdateien auf dem Dateisystem: JSON und XML für Abhängigkeiten und Konfiguration, nativer Strukturierter Text für die Programmlogik. Alles versionierbar mit Git, vergleichbar in Diffs.
Ein Tag-Push im Repository löst die CI/CD-Pipeline aus. Der Build-Agent checkt den getaggten Stand aus und ruft das Kommandozeilen-Tool auf; ein Befehl wie c4 library save-compiled genügt. Die Bibliothek wird headless als Compiled Library abgespeichert und versioniert abgelegt. Abhängigkeiten sind über Lock-Dateien reproduzierbar aufgelöst: Identische Quellstände erzeugen identische Ergebnisse, auch bei Re-Builds Monate später. Die fertige Compiled Library lässt sich sowohl in CODESYS 4 als auch im CODESYS Development System 3 verwenden.
Reproduzierbare Builds als regulatorische Grundlage
Die Nachvollziehbarkeit automatisierter Builds gewinnt auch regulatorisch an Bedeutung. Der Cyber Resilience Act und die aktualisierte Maschinenverordnung erhöhen die Anforderungen an die Dokumentation von Entwicklungsprozessen. Reproduzierbare Build-Pipelines, in denen jeder Schritt automatisiert, protokolliert und über Versionskontrolle rückverfolgbar ist, liefern die erforderlichen Nachweise. CODESYS 4 ist mit seiner CI/CD-Architektur darauf ausgelegt, diese als Teil des normalen Entwicklungsprozesses zu erzeugen. (Bild 2)
Was die erste Version abdeckt
Die erste Version adressiert zwei Anwendungsfelder: Bibliotheksentwicklung in Strukturiertem Text mit CI/CD-Anbindung und einfache Applikationsentwicklung mit Modbus-IO auf CODESYS-eigenen Runtimes. Compiler, Runtime und Bibliotheken sind dieselben wie im CODESYS Development System 3, d. h. übersetzter Code läuft auf derselben Runtime.

Funktionen wie Online-Change, Debugging mit Breakpoints, weitere Feldbusse und Visualisierung folgen in späteren Releases. Für diese Szenarien bleibt das CODESYS Development System 3 das richtige Werkzeug; beide Umgebungen werden parallel weiterentwickelt.
Verfügbarkeit und Einstieg
CODESYS 4 erscheint Ende September 2026, nicht als Beta, sondern als produktionsreife Erstversion für die genannten Anwendungsfelder. Neue Versionen folgen in etwa alle zwei Monaten mit einem Upgrade der Hauptversion. Bis Ende 2028 ist CODESYS 4 kostenfrei nutzbar.
Interessierte können sich für das Early-Adopter-Programm anmelden.
















