Stefanie Philipp: Frau Wardermann, Sie sagen, Requirements (Anforderungs-)Management nimmt im Produktlebenszyklus eine Schlüsselrolle ein. Warum? Angelika Wardermann: Wollen Unternehmen ihre Produkte, seien es Fotoapparate, Autos oder Flugzeuge, vermarkten, müssen sie sich an den Ansprüchen der Kunden orientieren. Anforderungen können allerdings auch von anderer Seite gestellt werden. Nach dem 11. September 2001 wurde es Pflicht, Sicherheitstüren in Flugzeuge einzubauen. Ein Unternehmen könnte auf ein kostengünstigeres Material in der Produktion umstellen oder ein Zulieferer nimmt ein Teilprodukt vom Markt und Ersatz ist notwendig. Es gibt vielfältige Situationen, in denen neue oder geänderte Anforderungen entstehen, die enorme Auswirkungen haben. Stefanie Philipp: Was kann passieren, wenn Unternehmen Anforderungen nicht vollständig aufnehmen und professionell steuern? Angelika Wardermann: Zunächst können Unternehmen ein Produkt auf den Markt bringen, dass von den Konsumenten ignoriert wird – einen Ladenhüter. Das will sich kein Unternehmen erlauben. Kommen im Laufe der Entwicklungen plötzlich neue Anforderungen auf die Entwickler zu, von gesetzlicher Seite oder ein weiterer Kundenwunsch, so verzögert sich der ganze Produktentstehungsprozess, was Unternehmen schmerzhafte Summen kosten kann. Es geht dabei nicht nur um höhere Entwicklungskosten, sondern um einen verlorenen Wettbewerbsvorsprung, den ein Unternehmen teuer bezahlen muss. Im schlimms- ten Fall schafft ein Produkt gar nicht den Markteintritt, weil es beispielsweise die erforderliche Zertifizierung nicht erreicht. Oder ein Produkt muss komplett vom Markt genommen werden, weil eine Umwelt- oder Sicherheitsrichtlinie nicht eingehalten wurde, denken wir nur an schadstoffhaltiges Kinderspielzeug aus China. Stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn Airbus den Sicherheitstest, den die amerikanische Flugbehörde FAA vorschreibt, nicht bestanden hätte. Mitte 2006 haben 800 Testpersonen einen Evakuierungstest durchgeführt, bei dem sie innerhalb von 90 Sekunden das Flugzeug verlassen mussten. Stefanie Philipp: Inwiefern ist also ausgereiftes Anforderungsmanagement bares Geld wert? Angelika Wardermann: Nehmen wir die Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Zulieferer als Beispiel. Ein gutes Anforderungsmanagement stellt sicher, dass die abgelieferte Leistung der erwarteten Qualität entspricht. Je ausgereifter der Satz an Anforderungen, und dazu gehört nicht nur eine Auflistung an Kriterien, sondern auch deren Priorisierung und Konsistenzprüfung, eine Änderungshistorie und Dokumentation der Freigaben sowie Lösungsszenarien, desto höher die Wahrscheinlichkeit für ein zufriedenstellendes Ergebnis. Im Gegenzug kann bei Minderleistung klar auf den Anforderungskatalog verwiesen werden. Allerdings ist Requirements Management nicht für ein paar Cent zu haben. Firmen müssen einiges investieren. Richtlinien, Prozesse und Methoden müssen klar vorgeben, wie Anforderungen zu entwickeln und zu verwalten sind. Eine entsprechende Organisation, die z.B. die Funktion des Anforderungsmanagers etabliert, ist notwendig. Schließlich bedarf es einer unterstützenden Software, z.B. Doors, und der Schulung aller Nutzergruppen. Es handelt sich dabei um eine Investition in die Zukunft, deren Erfolg zwar schwer messbar, aber nicht unmöglich ist. Umso wichtiger ist es also, das Management vom langfristigen Nutzen zu überzeugen. Stefanie Philipp: Wie vermitteln Sie diese Langfristigkeit? Angelika Wardermann: Am Beispiel einer Zahl: Bei der Entwicklung eines Kleinteils im Fahrzeug-Entertainment kommen mehrere tausend Anforderungen zusammen. Allein die Änderung einer Anforderung kann ganz schnell die gesamte Entwicklung beeinflussen. Es ist eine Art Schneeballeffekt. Versäumnisse im Anforderungsmanagement, die am Anfang des Zyklus begangen werden, ziehen sich durch die ganze Produktentwicklung und potenzieren sich am Ende. Faszinierend am Anforderungsmanagement ist, dass es den gesamten Lebenszyklus eines Produktes begleitet – wenn man so will: von der Wiege bis zur Bahre. Ändern sich beispielsweise die Gewichtsvorgaben eines Flugzeugsitzes, sind davon u.a. die Konstruktion von Trägern, die Lieferanten von Halterungen und der Einkauf betroffen, es müssen Machbarkeitsstudien durchgeführt und Produktionsanlagen neu eingerichtet werden. Nicht zuletzt kalkuliert eine Fluggesellschaft mit einem neuen Kerosinverbrauch. Stefanie Philipp: Stellen Sie sich vor, ein Unternehmer kommt zu Ihnen und will Anforderungsmanagement umsetzen. Wozu raten Sie? Angelika Wardermann: Zunächst kläre ich mit ihm, was er unter Anforderungsmanagement versteht. Es ist in keinem Fall ein Software-Tool, das, einmal installiert, den Erfolg schon mit sich bringt. Viel eher kommt es auf die Methode an; als Standard könnte man beispielsweise Capability Maturity Model Integration (CMII) nennen. Streng genommen ist es aber eine grundlegende Philosophie, die im Kern besagt: Der Kunde mit seinen Anforderungen steht im Mittelpunkt unserer Produktentwicklung – und nicht etwa die Vorstellungen des Ingenieurs, der Funktion um Funktion in das Produkt packen will. Es ist eine Frage der Unternehmenskultur. Stefanie Philipp: Wie werden die Anforderungen ermittelt? Angelika Wardermann: Anforderungen werden auf unterschiedlichen Ebenen definiert. Sie können das gesamte Produkt betreffen und heruntergebrochen bis zum einzelnen Bauteil gehen. Dabei unterscheidet man zwischen zwei Prozessen. In der Verwaltung von Anforderungen geht es darum, eine Planung aufzustellen, man analysiert und pflegt die Nachvollziehbarkeit, man stellt ein Reporting-System bereit, erstellt und verwaltet die zentrale Datenbank und steuert die Schnittstellen zu anderen Prozessen. In der zweiten Ebene, der Entwicklung von Anforderungen, werden diese beispielsweise durch Interviews, Workshops und Fragebögen erhoben. Damit man später keine Überraschungen erlebt, ist es in dieser Phase entscheidend, die Anforderungen abzustimmen, zu bewerten, freizugeben und Lösungsszenarien zu entwickeln. Stefanie Philipp: Und wie werden die Anforderungen dann festgehalten? Angelika Wardermann: Jede Anforderung muss eindeutig identifizierbar sein. Um überprüfen zu können, ob eine Lösung auch tatsächlich alle Anforderungen abdeckt, muss jede einzeln formuliert sein. So spiegelt das Beispiel \’Der Tisch soll rund sein\‘ eine eindeutige, realistische, nachprüfbare Anforderung wieder. Generell gilt: Keep it simple. Je anspruchsvoller ein Projekt, desto mehr Missverständnisse gibt es, vor allem, wenn noch unterschiedliche Kulturen und Ländersprachen ins Spiel kommen. So ist das gegenseitige Verständnis der allererste Schritt für erfolgreiches Anforderungsmanagement. Stefanie Philipp: Wir sind beim Thema Stolpersteine. Welche gibt es? Angelika Wardermann: Zunächst ist es ganz wichtig, dass der Kontext der Anforderungen richtig erschlossen wird. Warum fordert der Kunde genau diese Funktionalität? Will ein VIP-Kunde den Einbau eines Springbrunnens in seinen Privatjet aus ästhetischen Gründen, als Erfrischung oder aufgrund der beruhigenden Geräuschkulisse? Erst wenn der Zweck der Anforderung verstanden ist, können die Ingenieure passende Lösungsszenarien entwickeln. Hierbei ist es wichtig, dass nicht der Entwickler selbst die Anforderungen definiert, sondern der tatsächliche Endabnehmer oder dieser zumindest immer einbezogen wird. Sonst besteht das Risiko, dass Funktionalitäten als wichtig erachtet werden, die am Ende niemand braucht. Anforderungen müssen vollständig und eindeutig aufgenommen werden. Vergisst man beispielsweise eine Maßangabe bei einer Anforderung, so kann es passieren, dass ein Europäer von Meter ausgeht, ein Amerikaner aber von Zoll. Eine weitere Falle ist, dass neu hinzukommende oder nicht mehr benötigte Anforderungen nicht mit allen Konsequenzen im Entwicklungskontext berücksichtigt werden. Es gilt außerdem zu prüfen, ob ein geäußerter Kundenwunsch realistisch ist. Häufig wird dies zu spät erkannt und Zusagen sind bereits gemacht und müssen eingehalten werden. Ein Anforderungsmanager kann dazu beitragen, diese Stolpersteine zu vermeiden. Er stellt die Methodik, Prozesse und Werkzeuge bereit und steuert die Erfassung, Bewertung, Analyse, Dokumentation, Nachverfolgbarkeit der Anforderungen bis hin zu deren Umsetzung. Ist die Konsistenz der Anforderungsdokumentation gegeben und erfüllen die nach einem langwierigen Entwicklungszyklus entstehenden Lösungen noch die Kundenanforderungen? Er muss die Fähigkeit haben, interdisziplinär komplexe Strukturen im Gesamtbild zu sehen. Das ist eine Aufgabe für Experten.
Der Teufel steckt im Detail: Anforderungen gezielt steuern
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