\“Die Engineeringplattform spielt die zentrale Rolle\“

SPS: Welche Eigenschaften unterscheiden eine heutige SPS von einer Steuerung aus den Kindertagen der speicherprogrammierbaren Steuerungen? Es ist schwierig, hier einen Vergleich anzustellen. Die SPS von damals hat fast nichts mehr mit einem modernen und zeitgerechten Automatisierungssystem zu tun. Die klassische SPS, die als Relaisersatz verwendet wurde, gibt es praktisch nicht mehr. Ein B&R System bietet heute durchgängige Automatisierung, von der Steuerung über Antriebstechnik, Visualisierung, Kommunikation bis hin zu integrierten Technologiefunktionen wie Regelungstechnik und Hydraulikansteuerung. Alle diese Funktionalitäten werden mit dem durchgängigen und offenen Automation Studio projektiert und programmiert, sowie mit Powerlink vernetzt und synchronisiert. Natürlich darf da auch die integrierte Sicherheitstechnik nicht fehlen. Man sieht also, eine Vervielfachung der Technologien im Automatisierungssystem, weshalb eben der Vergleich mit den Ursprüngen der SPS nicht möglich ist. SPS: Wie entwickelte und entwickelt sich die Performance der SPSen? Wächst diese in gleichem Maße, wie die Geschwindigkeit der Prozessoren? Mittlerweile sind jede Menge Technologiefunktionen in das Automatisierungssystem integriert. Da viele davon in Software abgebildet sind, entwickelt sich die Steuerung mit der besseren Leistungsfähigkeit der Prozessoren nach vorne. Dennoch ist die Performance der Prozessoren nicht das einzig Ausschlag gebende Element für schnelle Automatisierung. Dezentrale Architektur, Synchronität aller Komponenten, ein schnelles Netzwerk mit der Möglichkeit zur direkten Kommunikation zwischen einzelnen Teilnehmern und dezentrale Intelligenz sind ebenso wichtig. Dadurch wird das System in seiner Leistungsfähigkeit skalierbar. SPS: Welchen Einfluss werden Multi-Core-Prozessoren auf die klassische Steuerungstechnik mit SPSen haben? Das parallele Abarbeiten von Automatisierungsaufgaben ist für B&R nichts Neues. Bereits vor 25 Jahren haben wir in den Steuerungen multiple Prozessoren eingesetzt, um die Leistungsfähigkeit des Systems zu steigern. So ist die Verteilung von Aufgaben auf verschiedene Rechner seit langer Zeit integraler Bestandteil unseres Angebotes. SPS: Auch die Baugröße der SPSen hat sich geändert, das spart Platz im Schaltschrank. Wie weit kann die Miniaturisierung sinnvoll getrieben werden? Es gibt physikalische Grenzen. Wo Strom fließt wird auch ein Querschnitt der Leitungen benötigt. Neben den physikalischen Grenzen ist jedenfalls auch die Ergonomie zu beachten. Der Platzbedarf in den Schaltschränken wird sich nicht nur wegen der Miniaturisierung reduzieren, sondern Dank der Dezentralisierung von Komponenten. Mit dem X67-System sehen wir seit Jahren einen Trend, I/Os außerhalb des Schrankes zu betreiben, mit der neuen Serie ACOPOSmulti65 wird diese Richtung auch für die Antriebstechnik weiter verfolgt. SPS: Wie hat sich die Einbindung der SPSen in die Leitebene verändert? Kann eine B&R-SPS Stand heute nativ auf SQL-Datenbanken zugreifen, wird sie das können? Ist das überhaupt sinnvoll? Der Zugriff von der B&R Steuerung auf Datenbank Systeme ist mit einfachen Aufrufen machbar. Damit ist der Zugang zu allen Daten auf Servern eröffnet. Dabei ist nicht nur der lesende Zugriff zur einfacheren Verwaltung von Rezepturdaten, sondern besonders das Schreiben von Produktionsdaten interessant. Qualitätsdaten können lückenlos direkt auf den Produktionsrechnern aufgezeichnet und später analysiert werden. Über den Umfang der Datenbankzugriffe entscheidet der Anwender selbst, technologisch sind alle Möglichkeiten gegeben. SPS: Werden die Funktionen anderer Disziplinen wie Motion Control oder die der Bildverarbeitung zunehmend in die Steuerung wandern? Sind die PAC-Konzepte, die von einigen Herstellern bereits seit längerem propagiert werden die Vorboten hierfür? Diese Frage stellt sich für B&R so nicht. Unser Leitsatz \’Integrierte Automatisierung\‘ trennt die Disziplinen in unseren Produkten seit mehr als 10 Jahren nicht mehr. Wir verlagern Prozesse und Funktionen in dezentrale Einheiten oder führen die Programme auf einem Rechner, der zentralen Steuerung, zusammen. Entschieden wird das vom Kunden beim Programmieren. Die Anzahl der möglichen I/Os, Achsen, Kommunikationskanäle und CPU Systeme ist nicht begrenzt. Diese Flexibilität schätzen unsere Kunden sehr. SPS: Welche Rolle spielt die Programmierumgebung in Zukunft. Wird die Steuerungshardware zunehmend beliebig? Ist irgendwann alles \’embedded\‘? Bereits heute und verstärkt in der Zukunft wird die Projektierung und Programmierung im Vordergrund stehen. Wir haben das bereits vor langer Zeit erkannt und sehr viel in die integrierte Entwicklungsumgebung investiert. Automation Studio deckt heute alle Anforderungen der modernen Automatisierung ab. Neben den integrierten Funktionen sind auch offene Schnittstellen zu Versionskontroll-Systemen, Matlab-Simulink oder UML-Tools für objektorientierte Programmierung verfügbar. SPS: Die Programmierung in Hochsprachen und die Einbettung der SPS-Programmierumgebung in die Microsoft-Entwicklungsumgebungen wird derzeit diskutiert. Ist der Ansatz Ihrer Meinung nach richtig? Die Programmierung in Hochsprachen ist auf B&R Systemen seit mehr als 15 Jahren möglich. ANSI C und C++ als voll integrierter Teil des Automatisierungssystems sind für uns Standard. Die Verwendung von Microsoft-Entwicklungsumgebungen ist für uns kein Thema da unsere Kunden in der Automatisierungsbranche tätig sind und nicht in der IT Welt. Kompatibilität und Kontinuität der Umgebung sind dabei wesentliche Erfolgsfaktoren, und diese können nur durch Eigenentwicklungen sicher gestellt werden. SPS: Eine große Herausforderung ist die Entwicklung eines Systems, das den Datenaustausch zwischen den verschiedenen Entwicklungssystemen – beispielsweise des Antriebs und der Steuerung – ermöglicht. Mit FDT/DTM sind die ersten Schritte in dieser Richtung gegangen. Wird sich das durchsetzen? Die Möglichkeit Fremdgeräte einzubinden mag zwar verlockend sein. Der Einsatz unterschiedlicher Geräte führt aber zu unterschiedlichen Konfigurationsmasken, die vom Anwender beherrscht werden müssen. Für spezielle Geräte mag der dadurch entstehende Aufwand gerechtfertigt sein. Für einen breiten Einsatz müssten die Konfigurationsmasken aber standardisiert werden. Das Automation Studio ist jedenfalls mit einem universellen FDT Container ausgestattet, der über eine Plug-In Schnittstelle beliebige Device Type Manager einbindet. Feldbusgeräte, die mit einem DTM ausgeliefert werden, integrieren sich so direkt in die Topologie unseres Steuerungssystems. SPS: Die SPS ist über vierzig Jahre alt. Ist sie ein Auslaufmodell? Die Welt der SPS hat sich über die Jahre verändert. Die Leistungsfähigkeit der Systeme ist gestiegen, B&R hat mit der Integration aller Automatisierungsaufgaben in der SPS die Möglichkeiten der SPS immer wegweisend erweitert. So gesehen ist die SPS kein Auslaufmodell. Durch viel Innovation und die Integration neuer Technologien hat sich die SPS enorm weiter entwickelt. Diese Entwicklung ist ja nicht nur an der SPS zu sehen, viele andere Technologien haben sich ebenfalls weiter entwickelt. Und was die SPS oder aus heutiger Sicht die Automatisierung angeht, ist das Ende noch lange nicht erreicht. Wir arbeiten zielstrebig an vielen Neuerungen, um weiterhin die Welt der Automatisierung mit innovativer Technologie prägen zu können. (kbn) Das Interview entstand im November 2010.