Eigentlich wollte Karl Fisch nur seine Kollegen ins Grübeln bringen. Deshalb stellte er für die etwa 150 Lehrer an der Arapahoe High School im US-Städtchen Centenniel unter dem harmlosen Titel \’Did you know?\‘ eine nette, kleine Präsentation zur aktuellen Entwicklung menschlichen Know-hows zusammen und zog am Ende eine pointierte Schlussfolgerung: \’Shift happens – der Wechsel geschieht\‘. Was als Diskussion in einem Lehrerzimmer in Colorado begann, erhitzt heute längst weltweit die Gemüter. Die Präsentation nämlich verbreitete sich wie ein virtuelles Lauffeuer unter Eltern und Lehrern, Professoren und Studenten – allein auf YouTube wurde sie mehr als zwei Millionen Mal angeklickt. Inzwischen dürfte \’Did you know?\‘ als Pflichtlektüre in den Bildungsministerien der gesamten westlichen Hemisphäre gelten. Denn gerade für diese Region sind die darin enthaltenen Fakten und Zahlen in der Tat alarmierend. Die wichtigste Botschaft: Wenn die noch führenden Industriestaaten ihre Ausbildungsprogramme nicht umgehend an die neuen Realitäten des Informationszeitalters anpassen, verliert unser Nachwuchs unweigerlich den Anschluss an die Zukunft. Schon heute verdoppelt sich beispielsweise die absolute Menge an technischen Informationen etwa alle zwei Jahre – bis 2010 könnte sich die Halbwertszeit des Wissens auf ganze 72 Stunden reduzieren. Darauf müssten schnellstens passende Antworten gefunden werden, so Fisch, sonst wären bald nicht mehr die USA, sondern China und Indien die vorherrschenden englisch sprechenden Länder auf der Erde. Eine Nummer kleiner, aber nicht minder besorgniserregend sind die Zahlen, die hiesige Verbände zur Nachwuchssituation im Bereich der Ingenieurwissenschaften melden. Nach einer Befragung von 3.300 Unternehmen durch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) blieben 2006 noch rund 13.000 Ingenieurplätze unbesetzt – 2008 errechnete der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) bereits mehr als 95.000 vakante Stellen. Dass sich das in der Automatisierungsbranche, dem mit insgesamt etwa 250.000 Beschäftigten größten Teilbereich der Elektrotechnik, besonders gravierend auswirkt, versteht sich von selbst. Dabei ist der Beruf inzwischen so attraktiv wie nie zuvor. Mehr denn je winken qualifizierten Ingenieuren heute nicht nur in Großkonzernen, sondern auch innerhalb der \’Jobmaschine Mittelstand\‘ internationale Einsatz- und Karrierechancen. \“Bei uns z.B. erwarten die Kandidaten hochinteressante multidirektionale Entwicklungsmöglichkeiten\“, sagt Florian Ochs, Personalchef beim weltweit aufgestellten AS-Interface-Mitglied Pepperl+Fuchs. \“Das reicht von Forschung und Entwicklung über Produktmanagement, Marketing und Vertrieb bis zur Produktion und zum Supply Chain Management.\“ Dennoch beobachtet die Herstellerorganisation AS-International auf nahezu allen Kontinenten einen dramatisch wachsenden Mangel an Fachkräften – sowohl in den eigenen Reihen der weltweit rund 300 Mitgliedsunternehmen wie auch bei Kunden und Anwendern. \“Deshalb haben wir uns entschlossen, etwas zu tun\“, sagt Geschäftsführer Rolf Becker. \“Als führendes System an der Basis der Automation gehört es zu unseren vornehmsten Aufgaben, uns für Zukunftssicherheit zu engagieren. Ab sofort machen wir das eben nicht mehr ausschließlich im Hinblick auf die Technik, sondern auch auf die Menschen.\“ Der Startschuss zur Know-how-Offensive von AS-Interface fiel an der HTWK Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig, wo in diesem Jahr eine komplette AS-i-Demoanlage im Wert von rund 50.000 Euro montiert wurde. Weiter geht es derzeit an der Technischen Schule im hessischen Gelnhausen, die ebenfalls kostenloses Equipment und dazu noch eine Geldspende erhält. \“Bisher ist das natürlich kaum mehr als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein\“, meint Becker. \“Aber wenn unser Beispiel im wahren Sinn des Wortes Schule macht, dann lässt sich durch gezielte Förderung am Ende des Tages eine Menge bewegen.\“
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