In den letzten Jahren standen die Bemühungen im Vordergrund, die Nutzenaspekte von PLM-Lösungen vor deren Einführung vorherzusagen bzw. monetär quantifizieren zu können. Heute steht die Bewertung der PLM-Lösungen nach deren Einführung mittels Kennzahlen im Fokus der Betrachtung. Kennzahlen geben komplexe Sachverhalte in einfacher (z.B. Anzahl Änderungsanträge in der Produktentwicklung) und verdichteter (z.B. Früherkennungsgrad redundanter Änderungsanträge) Form wieder. Ein Indikator ist eine Kennzahl, die vom Anwender anhand vorgegebener Werte (Soll-, Ist- oder Zielwert) interpretiert werden kann. Der Indikator kann sich auf den Erfolg, die Leistung oder Auslastung des Betriebs, seiner einzelnen organisatorischen Einheiten oder einer Maschine beziehen. Daher haben sich in der Produktion viele sinnvolle Indikatoren hauptsächlich für Maschinen und Anlagen ergeben, die beispielsweise im VDMA-Einheitsblatt 66412-1 MES-Kennzahlen zusammengeführt wurden. Doch wie kann die Definition des Indikators auch auf das Umfeld der Produktentwicklung übertragen werden? In der Produktion hat z.B. der Indikator Personalproduktivität (Verhältnis produktive Arbeitszeit zur Anwesenheitszeit) durchaus seine Berechtigung, dagegen macht es in der Produktentwicklung keinen Sinn, die produktive Arbeitszeit z.B. anhand der Anzahl der erstellten Zeichnungen oder 3D-CAD-Modellen pro Tag auf diese Weise zu betrachten. Denn hier spielen darüber hinausgehende Einflüsse eine Rolle:
- Angefangen bei den ständig sich wechselnden Kundenanforderungen, die erst in Änderungsanträgen und nach einer (wirtschaftlichen) Bewertung in Änderungsaufträgen münden,
- einfach konfigurierbare Produkten, damit der Kunde genau das Produkt bekommt, das er gerne möchte,
- bis hin zu effektiv organisierten Produktentwicklungsprojekten in Projektteams, die neue und komplexe Lösungen in immer kürzerer Zeit entwickeln müssen.
Dies erfordert auch die Zusammenarbeit auf Komponentenebene der Produkte zwischen internen und externen Produktentwicklungspartnern, um möglichst schnell und nachvollziehbar Entscheidungen herbeizuführen. Daher haben die Projektpartner von Pipe Indikatoren für die Prozesse Anforde-rungs-, Änderungs-, Konfigurations- und Projektmanagement sowie Collaboration Management entwickelt. Um Unternehmen die Identifikation von Optimierungspotenzialen im Produkt-entstehungsprozess mittels standardisierter Prozessindikatoren zu erleichtern, liegt der Fokus dieser Initiative daher auf dem Kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP), der durch Reorganisation, verbesserten Methoden (z.B. Abläufe) und Werkzeugen (IT-Systeme wie CAx- oder PDM-Systeme) in der Produktentwicklung zu erreichen ist. Zur Methodenverbesserung können auch Schulungsmaßnahmen einen wertvollen Beitrag leisten, weil z.B. einheitliche Modellierungsmethoden am 3D-CAD-Arbeitsplatz die Zusammenarbeit verbessern. Ein Prozessindikator unterstützt bei:
- Entscheidungen (Problemerkennung, Darstellung, Informationsgewinnung),
- der Kontrolle (Soll-Ist-Vergleich),
- der Dokumentation (Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Prozesse) und/oder
- der Koordination (Verhaltenssteuerung) wichtiger Sachverhalte und Zusammenhänge im Produktentstehungsprozess eines Unternehmens.
Die Beschreibung der Prozessindikatoren erfolgte in Anlehnung an das VDMA-Einheitsblatt 66412-1 MES-Kennzahlen. Die Daten für einen Prozessindikator können für die Ist-Aufnahme entweder manuell zusammengetragen oder aus vorhandenen IT-Systemen (z.B. PDM-Systemen) in einer vorher zu bestimmenden Zeitperiode (monatlich, quartalsweise, Geschäftsjahr, pro Projekt) ausgelesen werden. Die Prozessindikatoren sind so aufgebaut, dass beide Fälle berücksichtigt werden. Einige Prozessindikatoren umfassen Formelzusammenhänge von Variablen (erkennbar an der Formulierung z.B. …verhältnis, …grad), andere umfassen aufsummierte Anzahlwerte anhand von Merkmalen oder Merkmal-Clustern (z.B. Änderungsgrund, Produkt, Unternehmenszuständigkeit). Durch Summierung beispielsweise der Änderungsanfragen kann bei der Auswertung eine Häufung über die Produktlebenszyklusphasen erkannt werden, die auf Schwachstellen in Produkten, Prozessen oder Unternehmensbereichen hinweisen. Dies erfolgt mit der Pivot-Methode anhand von Tabellen, da Daten einer Tabelle in verschiedenen Arten in verdichteter, zusammengefasster Form dargestellt und ausgewertet werden können. Weitere Informationen eines Prozessindikators beinhalten dessen Nutzen, Aufzeigen von Verbesserungspotenzialen, Anwendungsfall und Bewertung mit Hilfe einer Trendaussage (z.B. je höher, desto besser) und weiteren Auswertungshinweisen und Erklärungen sowie dessen Zuordnung zu Unternehmenszuständigkeiten bzw. Abteilungen eines Unternehmens, Unternehmensebene bzw. Verantwortlichen, den dieser Indikator betrifft, und zu den Pipe-Prozessen. Ein Beispiel der Beschreibung eines Prozessindikators ist in Bild 1 dargestellt. Nach erfolgreichem Abschluss dieser Initiative stehen nun mit dem VDMA-Leitfaden Process Indicators for Product Engineering (Pipe) 24 Prozessindikatoren mit 37 Auswertungsmöglichkeiten zur Verfügung, die alle relevanten Disziplinen (wie Änderungs-, Anforderungsmanagement) im Product Lifecycle Management betrachten. Der Nutzen liegt in einer einheitlichen Bewertungsmethodik. Dadurch entfällt eine langwierige Ist-Aufnahme. Um die Umsetzbarkeit der Ergebnisse zu demonstrieren, wurde auf Excel-Basis ein Pipe-Werkzeug entwickelt. Das Pipe-Werkzeug ermöglicht die visuelle Auswertung der Prozessindikatoren mittels einer Ampelfunktion. Nachdem die unternehmensspezifischen Werte (Soll-/Zielwerte) für die einzelnen Prozessindikatoren zusammengestellt und festgelegt sind, erfolgt der Vergleich mit den Ergebniswerten des jeweiligen Prozessindikators. Die Ampelfarbe grün besagt, dass sich der berechnete Wert für die Unternehmenszuständigkeit(en) und PEP-Phasen im zulässigen Bereich bewegt, sodass keine kontinuierliche Verbesserung im Prozess unbedingt erfolgen muss. Die Ampelfarbe gelb besagt, dass der berechnete Wert in einem Toleranzbereich außerhalb des unternehmensspezifischen Wertes für die Unternehmenszuständigkeit(en) und PEP-Phasen liegt; hier sollte eine kontinuierliche Verbesserung für die jeweilige(n) Unternehmenszuständigkeit(en) und jeweilige PEP-Phasen angedacht werden. Die Ampelfarbe rot besagt, dass der berechnete Wert weit außerhalb des Toleranzbereichs des unternehmensspezifischen Wertes für die Unternehmenszuständigkeit(en) und PEP-Phasen liegt; hier muss eine kontinuierliche Verbesserung für die jeweilige(n) Unternehmenszuständigkeit(en) und jeweilige PEP-Phasen erfolgen. Ein Beispiel ist in Bild 2 für das Anforderungsmanagement dargestellt. Danach erfolgt eine Gesamtauswertung aller Prozessindikatoren in den jeweiligen Pipe-Prozessen anhand der in der Arbeitsmappe Ergebnis erreichten Anzahl der Ampelfarben grün, gelb und rot dargestellt, ein Erfüllungsgrad auf Basis der Anzahl der Indikatoren für jeden Pipe-Prozess berechnet (Bild 3) und in einem Spinnennetzdiagramm dargestellt (Bild 4). Dieses spiegelt den aktuellen Stand eines Unternehmens wider. Dies bedeutet jedoch nicht, dass, koste es, was es wolle, mithilfe der Methoden des Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses ein 100%-Status (das heißt, bei allen Prozessindikatoren werden die unternehmensspezifischen Werte übertroffen) erreicht werden muss. Die ermittelten Prozessindikatoren wurden mithilfe des Pipe-Werkzeugs bei einigen Anwenderfirmen auf ihre Anwendbarkeit und Umsetzbarkeit geprüft. Für weitere Informationen stehen die Partner der Initiative Pipe gerne zur Verfügung.
















