Energiewende im Antrieb

Stefan Flöck, Division President IEC Low Voltage Motors bei ABB, mit dem neuen LV Titanium
Stefan Flöck, Division President IEC Low Voltage Motors bei ABB, mit
dem neuen LV Titanium – Bild: ABB AG

Herr Flöck, was sind heute die Hauptanforderungen von Maschinen- und Anlagenbauern an Niederspannungsmotoren?

Das hängt von der Anwendung ab. Die grundlegenden Dimensionskriterien wie Drehmoment, Leistung und Drehzahl müssen passen. Aber zunehmend geht es um Energieeffizienz und die Frage, wie ein Motorenlieferant dem Kunden hilft, sich im Wettbewerb zu behaupten. Die Kosten sind ein immenser Faktor. Unsere Anforderung ist es, die Balance zu finden zwischen unserem Anspruch als Technologieführer und dem besten Paket für den Kunden. Qualität, Verfügbarkeit und Langlebigkeit stehen dabei an erster Stelle unserer Strategie.

Welche technologischen Entwicklungen haben die Energieeffizienz in den letzten Jahren am stärksten beeinflusst?

Das wurde durch Regularien getrieben, speziell in Europa. Allerdings kommt ein Standard-Asynchronmotor hier irgendwann an seine Grenzen. Über die Jahre hat man mehr Material in die Motoren gepackt, aber damit stößt man an physikalische Limits. Also musste man sich nach Alternativen umschauen. Wir bei ABB setzen auf die Synchronreluktanztechnologie, weil der Motor einfach herzustellen ist, das gleiche Design wie ein Standard-Asynchronmotor hat und vom Look&Feel austauschbar ist. Er ist einfach zu warten und benötigt keine kritischen Komponenten wie Permanentmagnete mit Seltenen Erden. Generell muss man sich fragen: Wie nachhaltig ist mein Produkt? Wie werden sich Preise und Verfügbarkeit entwickeln? Der Synchronreluktanzmotor bietet eine tolle Lösung, gerade in hohen Stückzahlen. Die Fertigungsphilosophie ist sehr nah an der Standard-Asynchronmotor-Produktion.

SynRM-Motoren benötigen aber einen Frequenzumrichter?

Richtig, das gilt für Permanentmagnet- und Synchronreluktanz-Lösungen. Der Vorteil bei uns: Wir haben die Expertise im Haus, können das auslegen und ganz genau auf den Kundenbedarf eingehen. Wir bieten ein Komplettpaket, sodass der Kunde nicht getrennt einkaufen oder die Auslegungsarbeit selbst machen muss.

Was sind die Alleinstellungsmerkmale von ABB?

Wir haben das breiteste Portfolio. Bei Synchronreluktanzmotoren fangen wir bei 750W an und gehen bis zur Baugröße 280. Wir haben das Angebot auch für explosionsgefährdete Umgebungen erweitert und bieten wassergekühlte Varianten für Performance-relevante Anwendungen wie Extruder. Es geht nicht nur um Energieeffizienz, sondern auch um Performance. Der Motor spart Platz und hilft, die Maschine kleiner zu dimensionieren.

Sie haben IE5-SynRM-Motoren vorgestellt. Wie ist der Status?

Die IE5-SynRM-Motoren erfreuen sich einer sehr starken und stetig wachsenden Nachfrage. Im September haben wir unser SynRM-Portfolio gezielt erweitert und kleinere Baugrößen auf den Markt gebracht. Diese Ergänzung ermöglicht es, die bekannten Vorteile der Synchronreluktanztechnologie – höchste Energieeffizienz, einfache Wartung und robuste Bauweise – auch in Anwendungen mit geringerer Leistung zu realisieren. Die Resonanz darauf ist ausgesprochen positiv: Kunden schätzen die Möglichkeit, die hohen Effizienzsteigerungen nun über das gesamte Leistungsspektrum hinweg nutzen zu können. Besonders bemerkenswert ist das große Interesse aus den Bereichen Pumpen und Lüfter, wo der Fokus klar auf Energieeffizienz und Betriebskostensenkung liegt. Aber auch bestehende Kunden, die bereits unsere größeren SynRM-Motoren einsetzen, können nun von den Effizienzvorteilen in kleineren Leistungsbereichen profitieren.

Eine kleine Auswahl aus dem umfassenden Spektrum an Niederspannungsmotoren von ABB.
Eine kleine Auswahl aus dem umfassenden Spektrum an Niederspannungsmotoren von ABB. – Bild: ABB AG

Vor welchen Herausforderungen stehen Maschinenbauer bei der Integration?

Bei Neuentwicklungen muss man sich andere Möglichkeiten offenhalten, um den Normen gerecht zu werden und sich vom Wettbewerb zu differenzieren. Wir müssen die Anwendung verstehen – nicht nur basierend auf Drehmoment oder Drehzahl. Basierend auf einer Plattform können wir unterschiedliche Technologien kombinieren oder unseren LV Titanium mit integriertem Umrichter nutzen. Die Chance ist, nicht einfach ein Katalogprodukt auszuwählen, sondern dass ein Maschinenhersteller mit einer spezifischen Anforderung zu uns kommt.

Beim LV Titanium haben sie einen Permanentmagnetmotor mit Frequenzumrichter kombiniert. Was waren die Beweggründe?

Das war ein Kundenbedarf, besonders aus China, wo es einen starken Trend zu Permanentmagnettechnologie bei hocheffizienten Motoren gibt. Wir haben den Motor zusammen mit Kunden entwickelt. Der große Unterschied: Der Umrichter ist nicht oben drauf montiert, sondern wirklich integriert. Das Look&Feel ähnelt mehr einem Motor als einer Huckepack-Lösung und bringt Vorteile bei Platzbedarf und Luftflow.

Warum ist die integrierte Lösung so wichtig?

Mit dem LV Titanium haben Sie eine IE5-Lösung und müssen sich zunächst keine Gedanken machen, wo Sie den Umrichter montieren – er ist integriert. Das ist der Riesenvorteil für eine schnelle Modernisierung im Betrieb. Look&Feel ist gleich und einfach in Betrieb zu nehmen. Für normale Anwendungen eine sehr gute Lösung.

Sind auch andere Technologien wie SynRM für den Titanium geplant?

Wenn der Bedarf da ist, sind wir in der Lage, das sehr schnell zu machen. Wir haben bei ähnlichen Kundenanforderungen schon andere Technologien kombiniert. Basierend auf unserer Flexibilität ist das möglich. Wenn ein Kunde eine Anforderung beschreibt und wir eine passende Technologie im Haus haben, können wir mit unserer Entwicklungs- und Projektabteilung das umsetzen.

Wie sieht das Portfolio beim LV Titanium aus?

Wir haben ein Portfolio bis 30kW, was für einen integrierten Motor relativ groß ist. Viel größer wird es nicht werden, weil Sie dann eine komplexere Steuerung und einen umfangreicheren Umrichter brauchen – dann ist man eher bei der Schaltschranklösung.

Welche Trends sehen Sie für die nächsten Jahre?

Energieeffizienz wird Schlüsseltreiber bleiben. Wir arbeiten daran, unser Portfolio zu optimieren. Beim Synchronreluktanz in hohen Baugrößen haben wir IE5, beim Asynchron können wir ebenfalls IE5 sagen – das ist ein Direct-Online-Motor ohne Umrichter. Es geht um Optimierung: Produktion, Kosten, Energieeffizienz, globale Märkte richtig bedienen – beispielsweise gibt es alleine in China rund 3.000 Motorenhersteller – diesen Anforderungen werden wir uns stellen. Performance, Verfügbarkeit und die richtige Balance aus Qualität, Wahrnehmung und Energieeffizienz – das wird der Fokus bleiben.