Unter anderem mit dem auf Profinet basierenden ProfiEnergy-Protokoll steht heute grundsätzlich eine Technologie zur Verfügung, mit der bestimmte Anlagenteile einer Produktion gezielt abgeschaltet und wieder hochgefahren werden könnten. Allerdings ist in den Unternehmen wenig Know-how darüber vorhanden, welche Teile in einer produktionsfreien Phase problemlos stromlos geschaltet werden können und wie sie sich im Falle des Wiederanlaufens verhalten. Diese Frage ist Teil eines auf drei Jahre angelegten Forschungsprojekts innerhalb der Innovationsallianz \’Green Carbody Technologies\‘. Startzeitpunkt war Dezember 2009. Nach mehr als einem Jahr können die Beteiligten aus Betreiber, Automatisierung und Forschung erste Ergebnisse präsentieren. Dazu wurde im ersten Schritt bei Volkswagen in Wolfsburg eine reale Karosseriebauanlage umfangreich mit Messtechnik ausgestattet. Green Carbody Technologies: Energieeffizienter produzieren Ein hohes Ziel hat sich die Innovationsallianz gesetzt: Etwa 50% der Produktionsenergie soll während der Karosseriefertigung eines Fahrzeugs eingespart werden. \“Das sind ehrgeizige Pläne und es ist klar, dass diese Einsparmöglichkeiten nicht in jedem Teilbereich des Fertigungsprozesses gleich sind. Wir müssen also zunächst einmal herausfinden, wo die Effizienzpotenziale stecken\“, erläutert Marc Weist von der Volkswagen AG in Wolfsburg, der das Teilprojekt für Volkswagen begleitet. \“Unser Ziel ist es, dass sich unsere Automobilproduktion ebenso ressourcenschonend entwickelt wie unsere Fahrzeuge\“, erklärt Weist weiter. Frank Knafla vom Projektpartner Phoenix Contact und Leiter des Teilprojekts umreißt das Green Carbody-Projekt so: \“Das Teilprojekt umfasst drei Teilgebiete. Erstens den Prozess an sich: Hier geht es um Einsparungen von Energie und Rohstoffen durch Veränderung und Verbesserung der Arbeitsschritte und Verfahrensweise. Der zweite Aspekt betrifft die Leichtbaupotenziale für Betriebsmittel und Fügeprozesse und das dritte Teilgebiet behandelt die Frage, wie Automatisierungstechnik genutzt werden kann, um Energie und Ressourcen einsparen zu können. Alle drei Forschungsgegenstände sind wiederum miteinander verbunden.\“ Die Aufgabenstellung Das Thema des Teilprojekts 4.2.2 \’Konfigurierbares Energiemanagementsystem einer Karosseriebaulinie\‘ soll im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen. Ziel ist es hier, ein konfigurierbares Energiemanagement für eine Karosseriebaulinie zu entwickeln. Aus Sicht von Volkswagen-Projektleiter Weist lässt sich die Aufgabenstellung so zusammenfassen: \“Eine Anlage zu programmieren, die Türen fertigt, ist verhältnismäßig einfach. Eine Anlage zu bauen, die Türen fertigt und dabei noch energieeffizient arbeitet, ist eine große Herausforderung. Wir wollen also herausbekommen, wie das funktioniert.\“ In diesem Teilprojekt arbeiten neben Volkswagen und Phoenix Contact noch das Fraunhofer IWU sowie die Unternehmen Rittal und Lütze mit. Assoziierte Mitglieder sind darüber hinaus Audi, Kuka, Siemens und Trumpf. Vorgehensweise \“Schon in den ersten Projekttreffen war klar, dass wir die Energieverbräuche einer real existierenden Anlage zunächst einmal messtechnisch vollständig erfassen müssten\“, erläutert Weist die Vorgehensweise. Die Wahl fiel auf eine Türfertigungsanlage für das aktuelle Golf-Modell. Die gepressten Türteile werden in dieser Anlage durch ein umfangreiches Repertoir an Technologien, wie Kleben, Lasern, Löten und Schweißen, zusammengefügt. Daher ist auch die Erfassung der Energiedaten alles andere als trivial. Im Projektteam wurden die zu messenden Kenngrößen festgelegt. Dazu gehören neben den elektrischen Kennwerten wie Strom, Spannung, Wirk-, Blind- und Scheinleistung und Cosinus Phi auch der Verbrauch von Druckluft, Wasser, Schutzgasen und Kühlleistung. Diese Werte werden im 10ms-Raster erfasst. Dazu sind fünf RFC-Steuerungen aus dem Hause Phoenix Contact im Einsatz, die parallel die Daten erfassen und mit einem Zeitstempel versehen in ein Datenbanksystem schreiben. \“Insgesamt gibt es in der Anlage ca. 470 physikalische Messpunkte. Dazu kommen noch einmal ungefähr 1.500 Prozessgrößen aus der SPS wie \’Steuerung Ein\‘, Vorwahl der Roboterfolge, Folgestart des Roboters, Position von Zylindern usw., sodass man von etwa 200.000 Datensätzen pro Sekunde ausgehen kann.\“ Weltweit dürfte es sich damit um die einzige produzierende Anlage handeln, deren Energieverbräuche derart genau dokumentiert werden. Sowohl Teile der eigentliche Anlage als auch die Messtechnik-Applikation kommunizieren übrigens über Interbus. Schaltschrankklimatisierung Wie genau die Vermessung dieser Anlage tatsächlich ist, vermittelt ein weiteres Teilprojekt der Innovationsallianz, das von Rittal und Lütze betreut wird: In einem Schaltschrank geben über 40 Temperaturmessfühler Auskunft über die Temperaturverläufe im laufenden Betrieb und im Ruhezustand. Die gewonnenen Daten können dazu dienen, die derzeitigen Modelle zur Simulation von Temperaturverläufen in Schaltschränken zu verbessern. Das hätte positive Auswirkungen auf die Auslegungsberechnungen der Schaltschrankklimatisierung und würde übergroße Sicherheitsaufschläge vermeiden. Auswertung der Daten Innerhalb von 14 Tagen werden in der Türenanlage insgesamt mehr als 240Mrd. Energiedatensätze ermittelt. Mit einem klaren Auswerteraster ergänzt durch moderne Methoden des Data-Minings werden diese Daten weiter verdichtet. So ist es ohne Weiteres möglich, den Gesamtverbrauch der Energie auf eine produzierte Tür umzurechnen. Auch der Energieverbrauch pro Arbeitsstation ist ein interessantes Ergebnis. Es gibt Untersuchungen, die davon ausgehen, dass noch etwa 60% der Energie aufgewendet werden muss, um eine Anlage im \’Standby-Modus\‘ zu halten. Insbesondere von der Auswertung der Produktionsstillstände versprechen sich die Projektteilnehmer daher interessante Ergebnisse, denn sie können die Potenziale einer Abschaltung von Anlagen oder Anlagenteilen aufzeigen. Genau an dieser Stelle setzt beispielsweise Profinet mit dem Profil ProfiEnergy an: Das Profil auf Basis von Profinet sorgt dafür, dass ProfiEnergy-fähige Komponenten gezielt \’deaktiviert\‘, vor allem aber rechtzeitig wieder \’aufgeweckt\‘ werden können. Die detaillierte Art der Verbrauchsmessung ist eine wesentliche Voraussetzung für das effiziente Abschalten von Anlagen oder Anlagenteilen. Durch die Messung aller Energieverbräuche, also auch der Druckluft usw., sind zudem voraussichtlich auch Aussagen darüber möglich, inwieweit sich die Substitution von pneumatischen durch elektrische Aktoren aus Sicht des Energieverbrauchs lohnt. Ergebniserwartungen Kurzfristig geht es darum, die Produktion durch das gezielte Abschalten und Wiederanfahren von Anlagen und Anlagenteilen energieeffizienter zu gestalten. Das Besondere an der Vorgehensweise in der Türenanlage ist die Betrachtung aller genutzten Energieformen. Diese Ergebnisse können insbesondere bei der Enwicklung von Neuanlagen genutzt werden. Die Umrüstung bestehender Anlagen ist aus Kostengründen eher unwahrscheinlich, weil für die Anwendung des ProfiEnergy-Profils die komplette Kommunikationsstruktur ersetzt werden müsste. Das Projektziel ist die Entwicklung eines Energiemanagementsystems, welches Automobilbauern einen effizienten Energieeinsatz in ihren Fertigungsanlagen ermöglicht. Dazu ist es notwendig, durch zuverlässige Simulation von Energieverbräuchen geeignete Planungswerkzeuge zu entwickeln. Fazit Noch bis Ende 2012 läuft das Forschungsprojekt. \“Derzeit befindet sich die Messtechnik-Applikation in der Inbetriebnahme-Phase\“, beschreibt Frank Knafla den Fortschritt des Projekts. Schon jetzt ist klar, dass die Vorgehensweise eine solide Basis für die nächsten Schritte legt. \“Ein wesentliches Ergebnis des Projekts ist die flächendeckende Ausmessung der Energieverbräuche über die unterschiedlichen Energiearten hinweg. Daraus können belastbare Modelle für eine realitätsnahe Verbrauchsbetrachtung entwickelt werden,\“ erläutert Knafla. Marc Weist kann ihm da nur beipflichten und lobt die Zusammenarbeit innerhalb der Projektgruppe: \“Diese Gemeinschaft aus Wissenschaft und Industrie hat ein sehr großes Potenzial, die im Projekt angestrebten Ziele zu erreichen.\“ Am Ende des Forschungsprojekts soll die Entwicklung eines Energiemanagementsystems stehen. Wie sich das Projekt bis dahin entwickelt, darüber werden wir weiter berichten. (kbn) Kasten: Green Carbody Technologies: Energieeffizienter produzieren
Interview mit VW & Herrn Knaffler
-
-
Skalierbare IPC-Plattform
Spectra bietet mit der MD-3000-Serie von Cincoze eine modulare Embedded-Computer-Plattform an, die speziell für Machine-Vision-Anwendungen ausgelegt ist.
-
Retrofit für die Industrie 4.0
So lassen sich alte Steuerungen wirtschaftlich OPC-UA-fähig machen
Viele Produktionsanlagen arbeiten noch mit Steuerungen, die seit Jahrzehnten zuverlässig ihren Dienst verrichten. Für Industrie-4.0-Anwendungen müssen diese Systeme jedoch zunehmend in moderne Datenarchitekturen eingebunden werden. Retrofit-Lösungen ermöglichen es,…
-
KI perfektioniert Phishing-Angriffe – von personalisierten Mails bis zu Voice Cloning
Wenn Maschinen Vertrauen imitieren
Die KI generiert nicht nur immer neue Hacker-Tools, sondern verbessert die Glaubwürdigkeit von Phishing Mails durch perfide Tricks. Doch auch die Gegenseite rüstet sich mit KI-Tools gegen digitale…
-
Interview: Wie neue EU-Regularien Maschinenbauer zu sicheren Kommunikationsarchitekturen zwingen
„Cybersecurity ist heute keine Option mehr“
Mit neuen regulatorischen Vorgaben wie dem Cyber Resilience Act steigt der Druck auf Maschinenbauer und Gerätehersteller, Cybersecurity systematisch in ihre Produkte zu integrieren. Gleichzeitig eröffnet eine sichere Kommunikationsinfrastruktur…
-
ABB Robotics ernennt neuen Cluster-Manager für DACH-Region
ABB Robotics hat Marc-Oliver Nandy zum Cluster-Manager für die DACH-Region ernannt.
-
Für sichere Maschinennetzwerke
Industrial Security-Gateway und Maschinenfirewall
Sichere Maschinennetzwerke werden mit den aktuellen Vorgaben der Europäischen Maschinenverordnung und der IEC62443…
-
Für die DACH-Region
Schneider Electric: Neuer Vice President Secure Power
Schneider Electric hat Marco Geiser zum neuen Vice President Secure Power DACH ernannt.
-
Yaskawa strukturiert Führungsspitze in Europa um
Yaskawa hat eine Neustrukturierung der Geschäftsführung in seiner europäischen Zentrale vorgenommen.
-
Lebensmittelkonformer Oberflächenschutz
Aluminium-Antriebe
Mit NXD Tuph von Nord Drivesystems können Anwender auch in hygienesensiblen Applikationen von…
-
Für datenintensive Industrieumgebungen
1HE-Rack-PC
Für PXI-Testsysteme, Echtzeitanwendungen und die Industrieautomation sind hohe Datenraten, geringe Latenzen und flexible…
-
Spürbarer Dämpfer in den Bestellungen
Maschinenbau-Auftragseingang im Februar
Der Auftragseingang im Maschinenbau ist im Februar abermals gesunken und die Stimmung der…
-
Feldbuskoppler
Feldbus und Anzeige konsequent integriert
In Profinet-basierten Anlagen übernimmt das PN220 von Motrona die Funktion eines Feldbuskopplers und…
-
Seit März
Hannover Messe erhält eigenen Geschäftsbereich
Zum 1. März hat die Deutsche Messe einen eigenständigen Geschäftsbereich eingerichtet, der sich…
-
Ifo-Konjunkturumfrage
Unternehmen planen mit höheren Preisen
Deutlich mehr Unternehmen in Deutschland planen mit höheren Preisen.
-
Ann Fairchild neue CEO
Siemens USA unter neuer Leitung
Siemens hat Ann Fairchild zur neuen Geschäftsführerin von Siemens USA ernannt.
-
IO-Link Safety: Sicherheit vernetzt im Feld
Die Automation ändert sich rasant – sicherheitstechnische Anforderungen ebenso. Mit IO-Link Safety entsteht…
-
Mit integrierter Sicherheitstechnik
MDR-Controller für die Intralogistik
Die IP54-geschützten MDR-Controller EP741x von Beckhoff sind je nach Bedarf mit und ohne…
-
Professor Dr. Jörn Müller-Quade
Wibu-Systems beruft Kryptografie-Experten in Aufsichtsrat
Wibu-Systems hat Professor Dr. Jörn Müller-Quade in den Aufsichtsrat berufen.
-
IFR stellt Preisträgerinnen vor
Women in Robotics 2026
Um Frauen in der Robotikbranche mehr Sichtbarkeit und Anerkennung zu verschaffen, hat die…
-
Gemeinsam zum vollständig integrierten Automatisierungs-Stack
Salz Automation und Tele vereinbaren Partnerschaft
Salz Automation und Tele Haase Steuergeräte gehen in ihrer Partnerschaft einen entscheidenden Schritt…
-
3D-Druck
Harting eröffnet Zentrum für 3D-Druck
Harting hat in seinem Werk Rahden ein „Center of Competence Additive Manufacturing“ eröffnet.
-
Mikko Soirola
Neuer CEO für Elisa Industriq
Mikko Soirola startet als neuer CEO bei Elisa Industriq.
-
Drehkreuz in Südamerika
Wika eröffnet neues Werk in Brasilien
Wika hat Mitte März ein neues Werk am Standort Boituva in Brasilien eröffnet.
das könnte sie auch interessieren
-
Warum KI im Mittelstand einen neuen Ansatz braucht
Vom Hype zur Wirkung
-
Klaus Conrad – Unternehmer, Visionär, Möglichmacher
90 Jahre Pioniergeist
-
Miniatur-Sensoren realisieren hohe Reichweiten
So weit, so klein
-
Dank Binnenmarkt
Deutsche Elektroexporte mit Plus auch zum Jahresbeginn
















