SPS: Dr. Schmaderer, zunächst einmal gratulieren wir Ihnen vom SPS-Magazin zu Ihrer neuen Aufgabe bei ABB – Sie sind seit September Leiter des Global Lab Automation. Dr. Schmaderer: Nachdem ich nun sechs Jahre Leiter des ABB Forschungszentrum in Ladenburg war, bin ich seit September 2009 Leiter des \’Global Labs Automation\‘ und Leiter des ABB Forschungszentrums in Vaesteras, Schweden. SPS: Wie sieht jetzt Ihr neues Aufgabenfeld oder Ihr veränderter Arbeitsalltag aus? Dr. Schmaderer: Neben der operativen Leitung des schwedischen Forschungszentrums mit den Bereichen Energie- und Automationstechnik bin ich nun auch global zuständig für alle Forschungsschwerpunkte bzw. Forschungsprojekte im Bereich Automationstechnologien in der ABB Konzernforschung. Das betrifft entsprechende Aktivitäten in unseren Zentren in den USA, Schweden, Deutschland, Schweiz, Polen, Indien und China. SPS: Welche Rolle nehmen Forschungszentren innerhalb des Giganten ABB ein? Dr. Schmaderer: Eine sehr wichtige. Bei einem technologiebasierten Konzern wie ABB hängt der Geschäftserfolg sehr stark von Innovationen aus der Forschung und Entwicklung ab. Wir gliedern alle Forschungsprojekte thematisch in Forschungsprogramme, die die Kerntech nologiefelder von ABB repräsentieren. Jedes dieser Programme wird von einem Projektmanager geführt, der auch weltweit für das entsprechende Themenfeld verantwortlich ist, sowohl was das Projektportfolio betrifft, als auch das Budget. Die eigentliche Bearbeitung der einzelnen Projekte findet in unseren Forschungszentren in den USA, Europa und Asien statt. Nicht zuletzt sind Kooperationen mit Hochschulen und externen Forschungseinrichtungen sehr wichtig, die ebenfalls meist durch die Konzernforschung koordiniert und abgewickelt werden. SPS: Und in Zahlen ausgedrückt? Also wie viel Budget haben die Projektmanager zur Verfügung? Dr. Schmaderer: Der Konzern investiert insgesamt jährlich mehr 1Mrd. US-$ in die Forschung und Entwicklung. Der größte Teil davon wird für die Produktentwicklung in den Entwicklungsabteilungen der entsprechenden Geschäftseinheiten aufgewendet. SPS: Wie wichtig sind für das Unternehmen die Forschungsergebnisse? Sind das immer Produktentwicklungen? Dr. Schmaderer: Der Geschäftserfolg eines Technologiekonzerns wie ABB basiert auf seiner Technologieführerschaft in den Kernbereichen. ABB hat der Forschung und Entwicklung immer große Bedeutung beigemessen, was die erwähnten Investitionen in diesem Bereich auch zeigen. Dabei betreibt die Konzernforschung vor allem Technologieentwicklung, d.h. sie stellt die benötigten Technologien für die Produkte der Zukunft bereit. Die Produktentwicklung selbst findet hauptsächlich in den verantwortlichen Geschäftseinheiten statt, teilweise mit Unterstützung der Konzernforschung. SPS: Worauf haben Sie letztes Jahr in Ihren Projekten den Schwerpunkt gelegt? Sozusagen noch als Leiter des Forschungszentrums Ladenburg. Dr. Schmaderer: Schwerpunkte in Ladenburg waren im letzten Jahr Fabrikautomation, Servicetechnologien, Geräteintegration und Mechatronik. SPS: Letztes Jahr wurden auch besonders die Service-Entwicklungen in diesen Bereichen hervorgehoben. Warum das? Dr. Schmaderer: Das Service-Geschäft ist für ABB sehr wichtig und birgt bei einer installierten Basis von 168Mrd. US-Dollar, d.h. ABB-Produkte und -Systeme, die in Kundenanlagen verbaut sind, große Wachstumspotentiale. Bis 2011 wollen wir unseren Umsatz im Service von 5,3Mrd. US-Doller im Jahr 2008 auf 8,5Mrd. US-Dollar steigern. Im Forschungszentrum Ladenburg haben wir deshalb bereits vor einigen Jahren eine Forschungsgruppe zur Unterstützung dieses wichtigen Geschäftsfelds ins Leben gerufen. Diese Gruppe hat mittlerweile sehr gute Ergebnisse erzielt und in die Serviceeinheiten eingebracht, die nun auch erste messbare Geschäftserfolge zeigen. SPS: Inwiefern steht diese Gewichtung im Zusammenhang mit dem Krisenjahr 2009? Muss man in kritischen Zeiten noch mehr auf seine Serviceleistungen und den Kunden acht geben? Dr. Schmaderer: Man muss sich einfach immer fragen: Was erwartet der Kunde? Der Kunde erwartet, dass seine Produktionsanlagen problemlos laufen, also möglichst ohne ungeplante Stillstände. Außerdem ist der Kunde an einer möglichst hohen Produktivität, geringem Energieeinsatz und geringen Emissionen interessiert, bei gleichzeitig optimaler Qualität. Und das in guten wie in schlechten Zeiten, vielleicht in schlechten Zeiten etwas mehr. Das sind genau die Dinge, die das Servicegeschäft adressiert. SPS: Vielleicht können Sie ja kurz eine Neuentwicklung aus dem Bereich vorstellen? Dr. Schmaderer: Servls ist ein Beispiel für ein Entwicklungsprojekt für das Service-Geschäft. ServIs ist ein Portal, das Informationen aus unterschiedlichen Datenquellen über die weltweit installierte Basis zur Verfügung stellt. Damit können wir die Qualität des Service und die Kundenzufriedenheit enorm steigern. SPS: Welche Neuentwicklungen werden zukünftig in der Automatisierungsbranche an Stellenwert gewinnen? Dr. Schmaderer: Die Informations- und Kommunikationstechnologien nehmen an Bedeutung zu. Im Zusammenspiel mit unseren klassischen Stärken lassen sich so teils völlig neue Lösungen realisieren. Mithilfe der IT können Anlagen optimiert und vor allem zahllose Anwendungen integriert werden. SPS: Selbst im Krisenjahr 2009 bekamen wir auf der SPS/IPC/Drives auch nicht weniger solcher Neuheiten zu sehen als sonst. Kann man in unserer Branche von einem wahren Innovationsdruck sprechen? Dr. Schmaderer: Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, durch die Entwicklung innovativer Technologien und Produkte die Basis für die Erholung des Geschäfts zu schaffen. Wir sind der Meinung, dass in einem schwierigen Marktumfeld wettbewerbsfähige Produkte und marktgerechte Lösungen einen \’Königsweg\‘ aus der Krise darstellen. Vor diesem Hintergrund kann man durchaus von einem Innovationsdruck sprechen, der sich sogar nicht nur auf die Automatisierungsbranche beschränkt. SPS: Wie schafft es eine Invention bei ABB zur Innovation auf dem Markt? Was ist so der übliche Prozess? Dr. Schmaderer: Alle Projekte werden bezüglich der Marktchancen und zu erwartender Wertschöpfung kontinuierlich bewertet. Bereits beim Start der Technologieentwicklung muss der Empfänger der Technologie und deren Industrialisierung klar definiert sein. Die Projektdurchführung erfolgt nach einem Gate-Modell, das auch zur Verzahnung und Synchronisation von Technologie- und Produktentwicklung genutzt wird. Damit stellen wir sicher, dass die Übergabe der Forschungsergebnisse zum rechten Zeitpunkt und mit der notwendigen Qualität erfolgt. So können Innovationen am Markt in der Form erfolgreicher Produkte umgesetzt werden. Diesen Prozess nutzen wir bereits seit fast zehn Jahren mit großem Erfolg. SPS: Und hat sich dieser Prozess seitdem gar nicht verändert? Dr. Schmaderer: Wir arbeiten natürlich ständig an seiner Verbesserung, haben jedoch in den letzten fünf Jahren keine wesentlichen Änderungen vorgenommen. Ein Schwerpunkt in den letzten Jahren war die verbesserte Überprüfung der tatsächlichen Wertschöpfung, die üblicherweise zwei bis drei Jahre nach Markteinführung stattfindet und eine Kalibrierung der Projektbewertung ermöglicht. SPS: In welchen Bereichen denken Sie, können Herausforderungen nur mit Automationstechnik begegnet werden? Dr. Schmaderer: Ich denke generell überall dort, wo es darum geht, Dinge wie Energieeffizienz, Produktivität, Reduktion von Emissionen usw. zu optimieren. Zusätzlich gibt es natürlich sehr konkrete Bereiche, wie die Produktion in Hochlohnländern, Bereiche mit für Menschen unzumutbaren Arbeitsbedingungen, Bereiche mit Qualitätsanforderungen, die durch manuelle Arbeit einfach nicht erreicht werden können. SPS: Jetzt interessiert mich und die SPS-Leser natürlich noch, worauf sich die ABB-Forschung im nächsten Jahr konzentrieren wird. Wie viel können Sie schon verraten? Dr. Schmaderer: Generell sind die Themen Klimaschutz und Energieeffizienz nach wie vor hoch auf der Agenda. Ein wichtiges Thema der nächsten Jahre sind sicherlich intelligente Netze, sogenannte Smart Grids. Weitere Themen in der Automationstechnik sind ganzheitliche Lösungen für die Fabrikautomation und die umfassende Geräteintegration, inklusive der Integration elektrischer Geräte und Subsysteme sowie der Engineering-Werkzeuge. Im Bereich Robotik arbeiten wir kontinuierlich an der Thematik der sicheren Mensch-Roboter-Kooperation und werden hier in absehbarer Zeit weitere Innovationen präsentieren. (cnk) Kasten1: Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, durch die Entwicklung innovativer Technologien und Produkte die Basis für die Erholung des Geschäfts zu schaffen. Kasten2: Zur Person: Dr. Franz Schmaderer – In Karlsruhe Studium der Chemie und Promotion im Bereich Chemische Technik – Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Gruppen- und Abteilungsleiter im ABB Forschungszentrum Heidelberg – Aufbau und Leitung des polnischen Forschungszentrums der ABB in Krakau, Polen (\’96 – \’99) – Technologieverantwortlicher für den globalen Geschäftsbereich \’Utility Services\‘ (\’99 – 2001) – Aufbau des chinesischen ABB Forschungszentrum in Peking und Shanghai (2002 – 2003) – Leiter des ABB Forschungszentrum in Ladenburg, Deutschland (2003 – 2009) – Ab September 2009 Leiter des \’Global Labs Automation\‘ und Leiter des ABB Forschungszentrums in Vaesteras, Schweden.
ABB: Dr. Franz Schmaderer
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