
Industrial DevOps Plattform für Automatisierungsingenieure: Software Defined Automation (SDA) denkt industrielle Abläufe neu, indem Fabriken in dynamische, intelligente und sichere digitale Ökosysteme verwandelt werden sollen. – Bild: Software Defined Automation GmbH 
Automatisierungsingenieure werden zu den Heroes der Zukunft. Josef Waltl, SDA – Bild: Software Defined Automation GmbH 
SDA standardisiert SPS-Backup, Versionskontrolle, Dokumentation, SPS-Engineering und sicheren Fernzugriff über Herstellergrenzen hinweg. – Bild: Software Defined Automation GmbH
Herr Waltl, Sie sagen, Software werde zum wichtigsten Wettbewerbsfaktor von Maschinen. Warum steht die Automatisierung gerade jetzt an diesem Wendepunkt?
Früher wurde eine Maschine entwickelt, ausgeliefert und lief dann viele Jahre nahezu unverändert beim Kunden. Heute erwarten Anwender kontinuierliche Verbesserungen, neue Funktionen und kürzere Innovationszyklen. Dieses Prinzip kennen wir aus der IT oder von modernen Fahrzeugen. Niemand geht heute noch davon aus, dass die Software eines Autos 20 Jahre unverändert bleibt. Genau diese Entwicklung erreicht jetzt auch den Maschinenbau. Gleichzeitig wächst der internationale Wettbewerbsdruck enorm. Wer seine Maschinen schneller weiterentwickeln kann, verschafft sich einen echten Wettbewerbsvorteil. Deshalb wird der Software-Stack einer Maschine immer wichtiger – und damit auch die Art und Weise, wie Software entwickelt und verwaltet wird.
Viele Unternehmen verwalten ihre SPS-Projekte heute noch sehr klassisch. Wo liegen dabei die größten Risiken?
In vielen Betrieben ist der aktuelle Softwarestand einer Anlage noch immer erstaunlich schwer nachvollziehbar. Da existieren USB-Sticks, lokale Netzlaufwerke oder der berühmte Laptop eines ehemaligen Mitarbeiters, auf dem die letzte Version gespeichert ist. Solange nichts passiert, fällt das kaum auf. Kommt es aber zu einem Cyberangriff oder fällt eine Steuerung aus, wird fehlende Versionskontrolle plötzlich zum echten Geschäftsrisiko. Hinzu kommen regulatorische Anforderungen wie NIS2, die Unternehmen verpflichten, ihre Softwarestände nachvollziehbar zu verwalten. Das ist längst kein Komfortthema mehr, sondern Teil einer modernen Sicherheitsstrategie.
Mit Software Defined Automation wollen Sie genau an diesem Punkt ansetzen. Was unterscheidet Ihren Ansatz von klassischen Engineering-Werkzeugen?
Wir übertragen bewährte Prinzipien der Softwareentwicklung auf die industrielle Automatisierung. Dazu gehören eine zentrale Versionsverwaltung, automatisierte Backups und eine durchgängige Nachvollziehbarkeit aller Änderungen. Gleichzeitig arbeiten wir herstellerübergreifend. Unsere Plattform verwaltet nicht nur eine Steuerungswelt, sondern unterschiedliche Automatisierungssysteme innerhalb einer Fabrik. Das schafft Transparenz und reduziert den Aufwand erheblich. Ziel ist nicht, bestehende Engineering-Systeme zu ersetzen, sondern sie sinnvoll miteinander zu verbinden und auf eine gemeinsame Datenbasis zu stellen.
Warum wird diese Herstellerunabhängigkeit immer wichtiger? Git, CI/CD-Pipelines, automatisierte Builds, Code-Reviews im Team: in der Softwareentwicklung seit Jahren Standard, in der SPS-Programmierung bisher kaum umsetzbar. ‣ weiterlesen
SPS-Entwicklung trifft DevOps: Wie CODESYS 4 IT-Methoden in die Automatisierung bringt
Die Realität in den Fabriken besteht heute aus gemischten Landschaften. Dort finden sich Siemens-, Beckhoff-, Rockwell-, Mitsubishi- oder Codesys-Steuerungen oft nebeneinander. Kein produzierendes Unternehmen standardisiert sämtliche Werke auf einen einzigen Hersteller. Genau deshalb stoßen herstellerspezifische Lösungen an Grenzen. Wir möchten diesen ‚Zoo‘, wie ich ihn gerne nenne, beherrschbar machen. Der Anwender soll unabhängig vom Steuerungshersteller dieselben Prozesse nutzen können – vom Backup über die Versionsverwaltung bis hin zur Analyse von Änderungen.
Sie sprechen häufig von einer ‚Software-defined Factory‘. Was verstehen Sie darunter?
Wir betrachten die Fabrik zunehmend als Softwareprodukt. Natürlich bleiben Mechanik und Hardware unverzichtbar. Aber die eigentliche Differenzierung entsteht immer stärker über Software. Deshalb sollten Produktionsanlagen künftig ähnlich verwaltet werden wie moderne Cloud-Infrastrukturen. Software muss versioniert, kontinuierlich verbessert und sicher betrieben werden können. Genau das verstehen wir unter Software-defined Automation. Es geht nicht nur um virtuelle SPSen, sondern darum, sämtliche softwarebasierten Elemente einer Fabrik professionell zu managen.
Welche Rolle spielt dabei künstliche Intelligenz?
KI ist für uns kein Selbstzweck. Der erste praktische Nutzen bestand darin, historisch gewachsene SPS-Projekte verständlich zu machen. Viele Unternehmen verfügen über Programme mit unvollständiger Dokumentation oder Variablennamen in unterschiedlichen Sprachen. Unsere KI kann daraus automatisch verständliche Beschreibungen erzeugen und Zusammenhänge erklären. Das spart enorm viel Zeit. Im nächsten Schritt unterstützt KI auch bei kleineren Programmänderungen oder schlägt Optimierungen vor. Entscheidend bleibt aber: Der Automatisierungsingenieur behält jederzeit die Kontrolle und entscheidet selbst, welche Vorschläge übernommen werden.
Sie betonen, dass KI zunächst eine saubere Datenbasis benötigt. Warum ist das so wichtig?
KI kann nur so gut arbeiten wie die Informationen, die ihr zur Verfügung stehen. Deshalb haben wir mit unserem Codegraph einen herstellerübergreifenden Datenlayer aufgebaut, der den kompletten Softwarestand einer Maschine kennt. Erst dadurch kann eine KI Zusammenhänge verstehen – beispielsweise zwischen SPS-Programmen verschiedener Hersteller oder zwischen Softwareständen und aktuellen Prozessdaten. Ohne diese Grundlage bleibt KI Stückwerk. Maschinen kommunizieren, reagieren und steuern Prozesse. Nur ihr Licht wird oft noch als passive Komponente behandelt. Dabei zeigen SPS-Anbindung, IO-Link und Signalfunktionen: Intelligentes Licht kann längst mehr als leuchten. ‣ weiterlesen
Wie intelligent ist Licht?
Wird KI künftig komplette SPS-Programme schreiben?
Langfristig wird KI sicher immer leistungsfähiger werden. Ich glaube aber nicht, dass der Mensch dadurch überflüssig wird. Gute Automatisierungsingenieure müssen ihre Anlagen weiterhin verstehen und Entscheidungen bewerten können. KI wird Routineaufgaben übernehmen und Vorschläge liefern, die letztlich vom Menschen validiert werden. Das ist vergleichbar mit dem autonomen Fahren: Die Systeme werden immer besser, trotzdem möchte man heute noch ein Lenkrad im Auto haben.
Sie sprechen mit großer Begeisterung über den Beruf des Automatisierungsingenieurs. Warum?
Weil ich überzeugt bin, dass dieser Beruf in Zukunft noch wichtiger wird. Automatisierungsingenieure verbinden Software mit realen physikalischen Prozessen. Sie verstehen Maschinen, Produktionsabläufe und industrielle Wertschöpfung. Mit modernen Werkzeugen und KI können sie künftig wesentlich produktiver arbeiten und einen deutlich größeren Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen leisten. Ich glaube sogar, dass Automatisierungsingenieure zu den spannendsten Berufen der kommenden Jahre gehören werden.
Wie sieht aus Ihrer Sicht die Software-defined Factory im Jahr 2030 aus – und welche Rolle möchte SDA dabei spielen?
Ich wünsche mir Fabriken, in denen sämtliche Steuerungen, Roboter und weiteren softwarebasierten Systeme vollständig in einer gemeinsamen Plattform verwaltet werden. Softwarestände sind jederzeit nachvollziehbar, Sicherheitslücken lassen sich schnell schließen und neue Funktionen kontrolliert ausrollen. Automatisierungsingenieure konzentrieren sich dann nicht mehr auf Routineaufgaben wie das Verwalten von Softwareständen, sondern auf Innovation und Optimierung. Unsere Aufgabe sehen wir darin, dafür die technologische Grundlage bereitzustellen. Wir möchten den Unternehmen Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie ihre Fabriken schneller, sicherer und zukunftsfähiger machen können – unabhängig davon, welche Automatisierungstechnik sie heute bereits einsetzen.
Herr Waltl, viele Unternehmen erkennen den Handlungsbedarf durchaus, scheuen aber den Einstieg. Welchen Rat geben Sie Maschinenbauern und Produktionsunternehmen?
Viele Unternehmen denken zunächst an große Transformationsprojekte. Ich würde genau das Gegenteil empfehlen. Klein anfangen, einen klar abgegrenzten Anwendungsfall auswählen und den Automatisierungsingenieuren die Möglichkeit geben, neue Werkzeuge selbst auszuprobieren. Wenn sie den Mehrwert erkennen, entsteht der nächste Schritt fast von allein. Wir brauchen wieder mehr Mut zum Ausprobieren und kürzere Innovationszyklen. Ich nenne das gerne ‚German Speed‘. Nicht monatelang analysieren, sondern pragmatisch starten, Erfahrungen sammeln und daraus lernen. Denn eines ist aus meiner Sicht klar: Wer heute zu lange wartet, wird morgen von schnelleren Wettbewerbern überholt.














