„Resilienz wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil der Industrie“

Herr Mayr, Digitalisierung, KI und geopolitische Unsicherheiten verändern die Industrie derzeit grundlegend. Wo spüren Sie diesen Wandel im operativen Geschäft?

Andreas Mayr: So sehr hat sich unser Geschäftsmodell gar nicht verändert. Die größeren Veränderungen erleben wir seit einigen Jahren vielmehr in der Supply Chain. Früher stand hier vor allem Effizienz im Vordergrund. Heute geht es darum, Lieferketten so aufzustellen, dass sie auch unter schwierigen Rahmenbedingungen funktionieren. Entscheidend ist für uns die Nähe zum Kunden, um hohe Variantenvielfalt und kurze Lieferzeiten anbieten zu können. Dieses Prinzip bleibt bestehen – unsere Produktionswerke haben wir ohnehin nie ausschließlich unter Kostengesichtspunkten aufgebaut. Gleichzeitig haben wir unsere Beschaffung konsequent weiterentwickelt. Für kritische Komponenten setzen wir heute auf Dual Sourcing, also auf Lieferanten in unterschiedlichen Regionen. Und durch die Digitalisierung tauschen wir viele Bedarfs- und Bestandsdaten in Echtzeit mit Logistikpartnern aus. Dadurch können wir bei Störungen in der Lieferkette oder politischen Veränderungen deutlich schneller reagieren. Die vergangenen Jahre – von der Pandemie über die Blockade des Suezkanals bis hin zu aktuellen Handelskonflikten oder dem Krieg am Persischen Golf – haben gezeigt, wie wichtig diese Flexibilität ist. Heute können wir Lieferströme innerhalb weniger Tage anpassen. Diese Fähigkeit ist für uns ein wesentlicher Bestandteil von Resilienz.

Viele Unternehmen sprechen heute von Resilienz statt maximaler Effizienz. Hat sich Ihr Ziel dadurch verändert?

Effizienz bleibt wichtig, aber sie ist nicht mehr das einzige Ziel. Lieferfähigkeit und Anpassungsfähigkeit haben deutlich an Bedeutung gewonnen. Während der Pandemie haben wir beispielsweise Lagerbestände für kritische Komponenten erhöht, um unsere Liefertermine zuverlässig einhalten zu können. Heute sind wir bei den Beständen zwar weitgehend wieder auf dem Niveau vor Covid angekommen, die strukturellen Veränderungen bleiben jedoch bestehen. Dazu gehört das bereits erwähnte Dual Sourcing. Ebenso wichtig sind langfristige Partnerschaften mit unseren Lieferanten. Wir versuchen nicht, bei jeder Preisverhandlung den letzten Cent herauszuholen. Gerade in Krisenzeiten hat sich gezeigt, dass belastbare Beziehungen entscheidend sind. Wenn beide Seiten die Ziele und Herausforderungen des anderen verstehen, entstehen Lösungen, von denen alle profitieren.

Endress+Hauser steht seit Jahrzehnten für Messtechnik. Wie verändert sich der Nutzen von Messtechnik in einer zunehmend datengetriebenen Industrie?

Unsere Kunden wollen eigentlich keinen Druck oder Durchfluss messen, sondern ihre Prozesse besser steuern und fundierte Entscheidungen treffen. Genau darin liegt heute der Mehrwert moderner Feldgeräte. Diese liefern viele weitere Daten neben dem eigentlichen Messwert, die Auskunft geben über den Prozess oder den Sensor. Wir können zusätzlich zum Durchfluss auch Temperatur, Dichte oder Viskosität bestimmen oder neben dem Füllstand auch erfassen, ob sich Schaum bildet auf der Oberfläche. Wir können feststellen, ob der Sensor ordnungsgemäß arbeitet oder sich im Messrohr Ablagerungen aufbauen. Damit lässt sich Predictive Maintenance realisieren und das Asset Management optimieren. Das Potenzial ist groß, aber noch immer werden viele Anlagen klassisch über 4 bis 20mA angebunden. Digitale Kommunikation nimmt zwar zu, doch bis moderne Konzepte flächendeckend eingesetzt werden, wird noch Zeit vergehen. Neue Technologien wie Ethernet-APL schaffen dafür die Voraussetzungen. Sie machen zusätzliche Daten unabhängig von der eigentlichen Prozesssteuerung verfügbar, bringen Ethernet-Geschwindigkeit ins Feld, sind für Ex-Zonen geeignet und brauchen keine komplexe Infrastruktur.

Industrial AI gilt als nächster Entwicklungsschritt der Industrie. Woran entscheidet sich aus Ihrer Sicht, ob diese Anwendungen in der Praxis funktionieren?

Der entscheidende Faktor ist aus meiner Sicht Standardisierung. Industrieunternehmen betreiben heute ihre Anlagen mit Produkten unterschiedlicher Hersteller. Pumpen, Ventile, Sensoren oder Antriebe stammen selten aus einer Hand. Wenn jeder eigene Datenmodelle und Plattformen verwendet, wird es schwierig, daraus funktionierende KI-Anwendungen aufzubauen. Deshalb engagieren wir uns intensiv bei Themen wie der Asset Administration Shell oder dem digitalen Zwilling. Entscheidend ist, dass Daten unabhängig vom Hersteller in einer standardisierten Form verfügbar sind. Erst dann können KI-Anwendungen ihr Potenzial entfalten. Intern nutzen wir KI bereits beispielsweise für Produktions- und Bedarfsprognosen. Dadurch lassen sich Materialflüsse und Kapazitäten deutlich besser planen. Auch hier gilt: Der Nutzen entsteht nicht durch die KI selbst, sondern durch die Qualität der zugrunde liegenden Daten.

Technologischer Wandel bedingt auch organisatorischen Wandel. Welche Kompetenzen gewinnen dabei besonders an Bedeutung?

Natürlich müssen wir alle lernen, mit den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz umzugehen. Und was weiterhin wichtig bleibt, sind gut ausgebildete Fachkräfte. Bei Endress+Hauser investieren wir deshalb seit vielen Jahren konsequent in die eigene Ausbildung. Unser Ziel ist, weltweit rund fünf Prozent unserer Mitarbeitenden als Auszubildende oder dual Studierende selbst zu qualifizieren. Dieses Modell bauen wir inzwischen nicht nur in Deutschland und der Schweiz aus, sondern auch in den USA, Indien und China. Gerade in technischen Berufen sehen wir darin einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Wer Menschen selbst ausbildet, gewinnt nicht nur qualifizierte Fachkräfte, sondern meistens auch Mitarbeitende, die dem Unternehmen langfristig verbunden bleiben.

Europa wird häufig als Produktionsstandort infrage gestellt. Wie bewerten Sie die Wettbewerbsfähigkeit Europas?

Ich bin überzeugt, dass Unternehmen in Europa auch künftig wettbewerbsfähig produzieren können. Wir investieren weiterhin konsequent in unsere Standorte in Deutschland und der Schweiz, gleichzeitig aber auch in China, Indien oder den USA. Für uns gehört beides zusammen: globale Präsenz und regionale Kundennähe. Größere Sorgen als um die Produktion mache ich mir allerdings um die Innovationsgeschwindigkeit. Gerade in Asien erleben wir derzeit eine enorme Dynamik. Dort werden Entwicklungen oft deutlich schneller umgesetzt. Diese Geschwindigkeit wird für Europa zur eigentlichen Herausforderung.

Zum Abschluss: Nachhaltigkeit steht bei vielen Unternehmen inzwischen nicht mehr so stark im Vordergrund wie noch vor wenigen Jahren. Welche Rolle spielt das Thema künftig?

Nachhaltigkeit allein ist aus meiner Sicht kein Kaufargument. Kunden investieren nicht, weil ein Produkt nachhaltiger ist, sondern weil es ihre Aufgaben besser löst. Deshalb müssen Nachhaltigkeit und Kundennutzen zusammen gedacht werden. Wenn wir beispielsweise Messgeräte leichter machen und dadurch Material eingespart wird, profitiert der Kunde unmittelbar – gleichzeitig sinken Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen. Genau dort entsteht nachhaltiger Fortschritt. Nachhaltigkeit ist also kein Selbstzweck, sondern sie entfaltet ihren größten Wert dann, wenn sie gleichzeitig wirtschaftlichen Nutzen schafft. Dann wird Nachhaltigkeit zur Chance.