No-Code/Low-Code: Wo steht die Automatisierung?

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Inwiefern bieten Sie in Ihren Produkten oder Engineering-Tools bereits No-Code- oder Low-Code-Funktionalitäten an?

Michael Werner, B&R: Wir bieten in mehreren Produkten und Engineering-Tools No-Code- und Low-Code-Funktionalitäten an. Mit Automation Studio 6 und AS Code Copilot steht dem Anwender eine KI-gestützte Unterstützung zur Verfügung, die die Code-Erstellung, Funktionssuche und Projektkonfiguration durch natürliche Spracheingaben und intelligente Kontextvorschläge erleichtert. Zudem ermöglicht die Mapp Technology den Einsatz vorgefertigter, parametrierbarer Funktionsbausteine (Mapp Components) für Bereiche wie Motion, Visualisierung, Safety oder Kommunikation. Hier steht das Prinzip ‚Konfigurieren statt Programmieren‘ im Vordergrund, sodass nur noch wenig eigener Code erforderlich ist. Mit MappView bieten wir einen grafischen Editor für Visualisierungen, der durch Drag&Drop-Funktionalität überzeugt. Auch in den Engineering-Workflows selbst wird Drag&Drop genutzt, z.B. für Visualisierungen sowie das Achs- und Geräte-Setup. Ergänzt wird das Angebot durch Wizards, die Anwender bei der Hardwarekonfiguration, Achsparametrierung, Kommunikation und Safety-Einrichtung unterstützen.

 
"Drag&Drop und 
Wizards machen 
Engineering für jeden zugänglich."
Michael Werner, 
B&R 
"Drag&Drop und 
Wizards machen 
Engineering für jeden zugänglich."
Michael Werner, 
B&R

„Drag&Drop und Wizards machen Engineering für jeden zugänglich.“ Michael Werner, B&R – Bild: B&R Industrie-Elektronik GmbH

Dr. Josef Papenfort, Beckhoff Automation: Die SPS-Produkte von Beckhoff bieten natürlich die grafischen Sprachen der IEC61131-3 an. Das ist sicherlich eine Art Low-Code-Programmierung. Im Bereich Analytics steht mit den Twincat-Analytics-Produkten eine Möglichkeit der einfachen zeilenorientierten Programmierung von Abläufen für die Datenanalyse zur Verfügung. Hierbei kann blockorientiert programmiert werden.

Martin Naumann, Keba Industrial Automation: Produkte zu entwickeln, die eine gute Usability bieten und somit einfach bedienbar sind ist seit langem Teil unserer Strategie, dazu gehören auch No-Code- und Low-Code-Funktionalitäten. Beispiele dafür sind unser Visualisierungsframework KeView Style, mit dem der Bediener Anlagenvisualisierungen per Drag&Drop erstellen kann. Ein anderes Beispiel sind in die Keba-Projektierungslösung integrierte Wizards, die es ermöglichen Steuerungsprojekte, z.B. für eine Robotersteuerung, Schritt für Schritt dialogbasiert zu konfigurieren und somit die Steuerung zu erstellen ohne Code schreiben zu müssen. Dazu passend gibt es als Teil der Automatisierungsplattform Kemro X auch Drag&Bot als explizite No-Code-Programmierlösung für Roboterapplikationen, die es auch Nicht-Experten ermöglicht, Roboterprogramme anzupassen und Roboter somit flexibel einzusetzen.

Jan-Philipp Liersch, Mitsubishi Electric Industrial Automation: In unseren Lösungen, insbesondere mit Melsoft iQ Works, GX Works und GT Works, setzen wir gezielt auf grafische und intuitive Engineering-Ansätze. Drag&Drop-Konfigurationen, Bibliotheken mit modularen Funktionsbausteinen und integrierte Wizards ermöglichen Anwendern eine schnelle und visuell geführte Projektierung. Das reduziert komplexe Programmierungen auf übersichtliche Prozesse und beschleunigt die Inbetriebnahme erheblich. Zusätzlich bieten wir grafische Programmierung von komplexen Bewegungsabläufen und Motion-Control-Aufgaben direkt in der Software-Umgebung an, um den Einstieg in die Antriebstechnik zu erleichtern.

Marko Paulat, Phoenix Contact: Unser Standard-Engineering-Tool PLCnext Engineer zum Programmieren der Steuerungen PLCnext Control unterstützt die Programmiersprachen, die in der IEC61131-3 definiert sind. Mit den Sprachen FUP und KOP sind hier bereits grafische Sprachen mit einfacher Syntax integriert. Über den PLCnext Store bieten wir zudem Apps an, die vorgefertigte Lösungen für bestimmte Anwendungsfälle liefern. Die Lösungen müssen nur noch über die eingebundenen Konfigurationsoberflächen, die mittels Standard-Webbrowser erreichbar sind, parametriert werden. In diesen Fällen sind keine Programmiertätigkeiten erforderlich. Im PLCnext Store können auch Drittanbieter ihre Lösungen dem Markt zur Verfügung stellen. Außerhalb des Echtzeitkontexts arbeiten die Steuerungen PLCnext Control ebenfalls NodeRed-Programme ab.

 "Low-Code bietet gerade in Instand-haltung und Wartung große Vorteile."
Dr. Josef Papenfort, Beckhoff Automation
„Low-Code bietet gerade in Instand-haltung und Wartung große Vorteile.“
Dr. Josef Papenfort, Beckhoff Automation
Bild: Beckhoff Automation GmbH & Co. KG

Franz Aschl, Sigmatek: Im objektorientierten All-in-One-Engineering-Tool Lasal gibt es schon seit Jahren Low-Code-Funktionalitäten, die den Entwickler entlasten und es ihm ermöglichen, ohne tiefgehende Programmierkenntnisse zum Ziel zu kommen. Wir leben den objektorientierten Ansatz, mit dem der Maschinenbauer Hardware-Unabhängigkeit erreicht und Software grafisch, modular und strukturiert aufgebaut wird. In den Lasal Libraries stehen getestete, Ready-to-Use-Klassen bereit, die nur noch geladen und konfiguriert werden müssen. In unserem HTML5-Visualisierungstool Lasal VisuDesigner lässt sich die Logik hinter den grafischen Elementen ohne tiefes Programmier-Knowhow aus puzzleähnlichen Elementen zusammensetzen. Zudem gibt es viele moderne Grafik- und Bedienelemente, die einfach ans Corporate Design des jeweiligen Unternehmens anpassbar sind. Bei der Inbetriebnahme von Bedienpanels begleiten Wizards den Benutzer durch den Prozess. Im Motionbereich stehen Libraries, Autotuning und Motion Diagnostic View bereit, die Inbetriebnahme und Diagnose verkürzen.

Welche Zielgruppen profitieren Ihrer Erfahrung nach von vereinfachten Engineering-Ansätzen?

Michael Werner, B&R: Von den vereinfachten Engineering-Ansätzen profitieren unterschiedliche Zielgruppen entlang des gesamten Automatisierungsprozesses. Besonders Maschinenbauer und OEMs sehen Vorteile, da sie ihre Time-to-Market verkürzen können und gleichzeitig mit deutlich geringerem SPS-Programmieraufwand arbeiten. Inbetriebnehmer wiederum profitieren davon, Basis-Funktionen schnell aktivieren und testen zu können – etwa beim Start eines Roboters oder bei der Durchführung grundlegender Bewegungen – ohne dafür selbst Code schreiben zu müssen. Auch Instandhalter und Service-Techniker mit begrenztem SPS-Knowhow erhalten Unterstützung, da sie notwendige Anpassungen über Parametrierung statt durch aufwendige Programmierung umsetzen können. Schließlich erleichtern die vereinfachten Ansätze auch Neueinsteigern in die Automatisierung den Einstieg, indem geführte Setups und vorgefertigte Module einen schnellen Zugang ermöglichen.

"No-Code-Lösungen senken Einstiegshürden und machen 
Experten effizienter."
Martin Naumann, 
Keba Industrial Automation
„No-Code-Lösungen senken Einstiegshürden und machen Experten effizienter.“ Martin Naumann, Keba Industrial Automation – Bild: Keba Industrial Automation GmbH

Dr. Josef Papenfort, Beckhoff Automation: Gedacht sind die SPS-Programmiersprachen insbesondere für die Instandhaltung und Wartung von Anlagen. Mit Twincat Analytics adressieren wir eher den Maschinenbauer ohne Programmierkenntnisse oder sogar den Endkunden.

Martin Naumann, Keba Industrial Automation: Von vereinfachten Engineering-Ansätzen profitieren alle. Für Unternehmen ohne eigenes Knowhow auf einem bestimmten Gebiet – meist KMUs – sinkt die Einstiegshürde. Und ist die No-Code-/Low-Code-Lösung gut gemacht, werden Unternehmen mit Knowhow effizienter bei der Umsetzung und können die eigenen Experten für die wirklich anspruchsvollen Aufgaben einsetzen. Zudem können Probleme bei der Inbetriebnahme und im Produktionsbetrieb nötige Anpassungen einfacher gelöst werden, ohne jedes Mal einen Experten hinzuziehen zu müssen.

Jan-Philipp Liersch, Mitsubishi Electric Industrial Automation: Vereinfachtes Engineering unterstützt besonders Anwender in ihrer Eigenständigkeit und Nutzung von KI-gestützten Anwendungen. Maschinenbauer profitieren von einer beschleunigten Markteinführung durch einfache Konfiguration und reduzieren Projektlaufzeiten. Auch kleine und mittelständische Unternehmen finden so einen unkomplizierten Einstieg in die Automatisierung und Digitalisierung – ohne aufwendige Schulungen. Diese Zielgruppen können ihre Wettbewerbsvorteile durch höhere Effizienz und schnellere Projekterfolge weiter ausbauen.

Marko Paulat, Phoenix Contact: Von vereinfachten Engineering-Ansätzen profitieren vor allem Anwender mit wenig Erfahrung. Dabei kann es sich um begrenztes Knowhow in der speziell zu lösenden Aufgabenstellung handeln, in der Programmierung im Allgemeinen oder in den besonderen Eigenheiten der Automatisierungswelt. Die Zielgruppen sind daher berufliche Neueinsteiger oder Programmierer, die eher aus der IT-Welt kommen und die spezifischen SPS-Sprachen nicht beherrschen. Letztere ziehen in unserem offenen Ecosystem PLCnext Technology neben No-Code und Low-Code einen Nutzen aus den einfachen Möglichkeiten, ihre Lösungen in Hoch- und Skriptsprachen zu entwickeln.

"Grafische Projek-
tierung reduziert 
komplexe 
Programmierung 
auf übersichtliche 
Prozesse."
Jan-Philipp Liersch, 
Mitsubishi Electric 
Industrial Automation
„Grafische Projektierung reduziert komplexe Programmierung auf übersichtliche Prozesse.“
Jan-Philipp Liersch, Mitsubishi Electric Industrial Automation – Bild: Mitsubishi Electric Europe B.V.

Franz Aschl, Sigmatek: Vereinfachtes Engineering ist generell für jeden Anwender ein Gewinn, speziell aber für Softwaredesigner, die über keine tiefgehenden Kenntnisse in der Programmierung oder Erfahrung in der Automatisierung verfügen. Wird Code gemeinsam – also von mehreren Mitarbeitern – geschrieben, ist es nicht nötig, den Code der anderen Teammitglieder zu lesen oder zu verstehen. Der Entwickler gibt Schnittstellen vor, die von jedem nutzbar sind und grafisch zur Verfügung stehen. Mit einem Low-Code-Ansatz bleibt Code auch nach Jahren und bei eventuellem Mitarbeiterwechsel lesbar und einfach anpassbar. Automatisierungstechniker profitieren davon, wenn sie Anwendungen einfach konfigurieren und anpassen können, ohne tief in die Softwareentwicklung eintauchen zu müssen. Grafische Tools tragen dazu bei, dass sich die Applikation intuitiver und übersichtlicher realisieren lässt. Und natürlich ist es wichtig, einfache Tools für eine fehlerfreie Inbetriebnahme und Wartung zur Verfügung zu stellen, die das Personal unterstützt, Diagnosen und Fehlerbehebungen vorzunehmen, ohne mit dem Code in Berührung zu kommen.

Wo sehen Sie derzeit die größten Potenziale für No-Code/Low-Code in der industriellen Automatisierung?

Michael Werner, B&R: Die größten Potenziale für No-Code- und Low-Code-Ansätze in der Automatisierung sehen wir in mehreren zentralen Bereichen. Im Bereich Visualisierung ermöglicht MappView die schnelle Erstellung webbasierter HMIs, ohne dass tiefgehende HTML- oder JavaScript-Kenntnisse erforderlich sind. Auch in der Motion-Steuerung lassen sich Standardbewegungen ebenso wie komplexe Kinematiken komfortabel per Parametrierung mit MappMotion umsetzen. Weiteres Potenzial liegt in der Datenintegration und im IIoT, wo mit MappConnect die einfache Anbindung an Cloud- und Edge-Systeme gewährleistet wird. Im Bereich Safety können Anwender Sicherheitsfunktionen grafisch konfigurieren und so den Aufwand erheblich reduzieren. Ergänzend unterstützt der Copilot mit KI-gestützter Fehlerdiagnose im Bereich Wartung und Service, wodurch sich Stillstandszeiten verkürzen und die Effizienz steigern lassen.

Dr. Josef Papenfort, Beckhoff Automation: Wir sehen als Einsatzfeld der Low-Code-Programmierung hauptsächlich den Instandhaltungs- und Wartungsbereich. Hinzu kommt die Managementebene beim Endkunden, der über Twincat-Analytics-Funktionen einen selbst ‚programmierten‘ Einblick in die Produktion erhalten möchte.

Martin Naumann, Keba Industrial Automation: Ich sehe Potenzial für No-Code/Low-Code-Lösungen in allen Bereichen der industriellen Automatisierung.Sie sind eine Möglichkeit, um dem zunehmenden Fachkräftemangel in Verbindung mit zunehmendem internationalem Wettbewerb und der damit einhergehenden Notwendigkeit zur Rationalisierung durch Automatisierung zu begegnen. Zudem eröffnen einfacher anpassbare Automatisierungslösungen auch wirtschaftliche Automatisierung in High-Mix-Low-Volume-Szenarien und somit die Erschließung neuer Kundengruppen.

"Vereinfachte 
Engineering-Ansätze machen 
Automatisierung 
für Einsteiger 
zugänglich."
Marko Paulat, 
Phoenix Contact
„Vereinfachte Engineering-Ansätze machen Automatisierung für Einsteiger zugänglich.“ Marko Paulat, Phoenix Contact – Bild: Phoenix Contact GmbH & Co. KG

Jan-Philipp Liersch, Mitsubishi Electric Industrial Automation: Die größten Potenziale sehe ich in der Visualisierung und HMI-Erstellung, wo Nutzer ohne Programmierkenntnisse intuitive Bedienoberflächen gestalten können. Auch einfache Steuerungsfunktionen lassen sich schnell und flexibel umsetzen. Besonders kann Low-Code-Programmierung die Flexibilität und Anwenderfreundlichkeit erhöhen, wie in unserer Erfolgsgeschichte des Unternehmens BHB Waschanlagen und unserem Partner Atina Ingenieurbüro. Zusätzlich bieten modulare Sicherheitsfunktionen große Vorteile: Sie lassen sich regelkonform und ohne komplexen Code konfigurieren. Diese Anwendungen ermöglichen schnelle Erfolge und machen industrielle Automatisierung deutlich zugänglicher.

Die größten Potenziale sind außerhalb des Echtzeitkontextes zu finden, wo Performance und deterministische Abarbeitung eine untergeordnete Rolle spielen. Der transparente Austausch von Daten zwischen den verschiedenen Systemen eines Unternehmens gewinnt immer mehr an Bedeutung. Aktuelle Produktionsdaten müssen analysiert werden, um vor- und nachgelagerte Prozesse effizient steuern zu können. In der Fertigung muss flexibel auf geänderte Situationen im Geschäftsumfeld reagiert werden können. No-Code- und Low-Code-Ansätze bieten hier einfache Möglichkeiten, Daten direkt am Entstehungspunkt in der Anlage vorzuverarbeiten und mit übergeordneten Leitsystemen oder Cloud-Services auszutauschen. Es gibt fertige Open-Source-Lösungen zur Verbindung unterschiedlicher Kommunikationsprotokolle, so dass die Vernetzung verschiedener Systeme keine Hürde mehr darstellt.

"Low-Code hält 
Anwendungen auch nach Jahren lesbar und anpassbar."
Franz Aschl, 
Sigmatek
„Low-Code hält Anwendungen auch nach Jahren lesbar und anpassbar.“ Franz Aschl, Sigmatek – Bild: Sigmatek GmbH & Co KG

Franz Aschl, Sigmatek: No-Code/Low-Code-Ansätze bieten großes Potenzial für die Automatisierung, da eine Automatisierungssoftware in der Praxis über Jahre entwickelt wird und auch das eigentliche Knowhow des Maschinenbauers ist. Alles, was den Softwareingenieur entlastet und automatisiert im Hintergrund läuft, sorgt für Effizienz und Freiraum. Das beginnt bei der Steuerungstechnik, wo Funktionen im Baukastensystem zusammengefügt werden können oder Software-Varianten mittels Scripting automatisch generiert werden. Sicherheitsfunktionen lassen sich per Drag&Drop aus einer Safety-Funktionsbibliothek mit bereits vorzertifizierten Funktionsbausteinen erstellen. Eine skalierbare Safety-Software, die flexibel mit der Anwendung mitwächst, bietet entscheidende Vorteile. Auch im Bereich Motion erleichtern Autotuning und das Konfigurieren vorgefertigter Motion-Module, z.B. für Mehrachsbewegung im Raum, Roboter-Kinematiken oder G-Code den Anwendungstechnikern das Leben.

In Ausgabe 11 folgt Teil 2 unserer Umfrage zu No-Code/Low-Code in der Automatisierung‘. Dort geht es um die strategische Bedeutung in der Produktentwicklung, welche Rolle dabei der Wettbewerb um neue Kunden spielt, was die größten Hürden bei der Einführung sind und wie groß die Nachfrage nach solchen Lösungen im Markt ist.