
Während einige Hersteller früh auf sichere Drehgeber setzten, zeigte sich zunächst ein klassisches Henne-Ei-Problem: Produkte waren verfügbar, doch passende Steuerungen oder Anwendungen fehlten. Erst mit zunehmender Marktreife und besserem Systemverständnis auf Kundenseite konnte sich Safety breiter etablieren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass ein einzelner sicherer Drehgeber nicht ausreicht – entscheidend ist immer das Gesamtsystem.

Normen, Anwendungen und Marktanforderungen
Ein wesentlicher Treiber ist die regulatorische Entwicklung. Neue und angepasste Normen (insbesondere C-Normen im Maschinenbau) rücken funktionale Sicherheit stärker in den Fokus. Parallel steigen die Anforderungen durch komplexere Maschinen und Anwendungen. Gleichzeitig beobachten die Hersteller eine zunehmende Diskrepanz: Während die technischen Anforderungen steigen, sinkt die Zahlungsbereitschaft der Kunden. Safety-Funktionalität wird zunehmend als selbstverständlich angesehen. Hersteller reagieren darauf mit skalierbaren Produktportfolios und abgestuften Sicherheitslevels (z.B. SIL2 statt SIL3), um Kosten und Nutzen besser auszubalancieren. Ein weiterer Trend ist die stärkere Kundenorientierung: Statt rein marktgetriebener Entwicklungen setzen viele Anbieter auf applikationsspezifische Lösungen, um Differenzierung zu erreichen und den Total Cost of Ownership zu optimieren.

Globalisierung der funktionalen Sicherheit
Safety ist historisch stark europäisch geprägt, insbesondere durch regulatorische Anforderungen der EU. Dennoch zeigt sich eine zunehmende Internationalisierung:
- In Asien und Nordamerika wächst das Interesse, häufig getrieben durch Exportanforderungen nach Europa
- Erste eigene Normungsinitiativen entstehen, etwa in den USA
- Globale Hersteller treiben die Verbreitung standardisierter Sicherheitskonzepte voran
Allerdings bleibt Safety außerhalb Europas oft stärker pragmatisch geprägt. Während in Europa häufig sehr umfassende Sicherheitskonzepte umgesetzt werden, setzen andere Regionen stärker auf wirtschaftlich optimierte Lösungen.

Kommunikation und Schnittstellen
Ein zentrales Diskussionsthema bleibt die Kommunikationstechnologie. Während Ethernet-basierte Safety-Protokolle heute dominieren, verlaufen neue Ansätze wie BiSS Safety bislang schleppend. Ursache ist erneut das Henne-Ei-Problem zwischen Sensorik und Steuerung. Auch OPC UA FX Safety wird als vielversprechend wahrgenommen, hat aber aktuell noch keine breite Marktdurchdringung. Die Branche zeigt sich offen, wartet jedoch auf konkrete Nachfrage und wirtschaftliche Skaleneffekte. Grundsätzlich wird erwartet, dass sich neue Protokolle nur sehr langsam etablieren – oft über Zeiträume von 15 bis 20 Jahren. Parallel existieren mehrere Technologien dauerhaft nebeneinander.

Technologische Trends
Technologisch zeigt sich eine breite Diversifikation. Neben klassischen optischen Drehgebern etablieren sich:
- magnetische Systeme
- kapazitive Technologien
- induktive Sensorik
- lagerlose Drehgeber
Besonders lagerlose Konzepte gewinnen an Bedeutung, etwa in der Robotik oder bei kompakten Antriebslösungen. Für Singleturn-Anwendungen sind verschiedene Technologien bereits sicher umsetzbar. Im Multiturn-Bereich bleibt hingegen Entwicklungsbedarf, insbesondere bei innovativen Ansätzen wie Wiegand-Technologie in sicherheitsgerichteten Anwendungen.

Software und Entwicklung
Die steigende Komplexität der Safety-Anforderungen führt zu einer deutlichen Professionalisierung der Softwareentwicklung. Moderne Safety-Produkte entstehen heute:
- auf Basis strukturierter Entwicklungsprozesse (z.B. V-Modell)
- mit spezialisierten Tools und Teams
- zunehmend auf gemeinsamen Plattformen
Ein zentraler Trend ist, dass neue Produkte von Beginn an als ’safe-ready‘ entwickelt werden. Der nachträgliche Umbau eines Standardsensors zum Safety-Produkt gilt als ineffizient und riskant. Plattformstrategien ermöglichen es zudem, Standard- und Safety-Produkte effizient abzuleiten und Entwicklungsaufwände zu reduzieren.

Vom Premiumprodukt zur Commodity
Ein klarer Trend ist die Entwicklung von Safety-Drehgebern vom Premium- zum Standardprodukt. Gründe dafür sind:
- steigende Stückzahlen
- bessere Integration in Halbleiter und Sensorik
- standardisierte Entwicklungsprozesse
- wachsender Wettbewerb
Während heute noch Preisaufschläge üblich sind, gehen die Experten davon aus, dass sich der Unterschied zwischen sicheren und nicht-sicheren Drehgebern in den kommenden Jahren deutlich reduzieren wird. Gleichzeitig erwarten sie, dass sich Anbieter zunehmend über Zusatznutzen wie Systemintegration, Beratung oder spezifische Applikationslösungen differenzieren werden.

Safety als Teil der Systemstrategie
Die Rolle von Safety verändert sich: Weg vom reinen Schutzmechanismus hin zu einem integralen Bestandteil der Maschinenperformance. Dementsprechend gewinnen neue Konzepte wie ’sichere Produktivität‘ an Bedeutung. Beispiele dafür sind:
- reduzierte Stillstandszeiten
- Wegfall von Referenzfahrten
- sichere Bewegung statt vollständigem Stillstand
- höhere Prozessgeschwindigkeit bei gleichzeitigem Schutz
Damit wird Safety zunehmend zu einem Enabler für Effizienzsteigerung.
Blick in die Zukunft
Für die kommenden sieben bis zehn Jahre erwarten die Teilnehmer mehrere Entwicklungen:
- weitere Verbreitung und Internationalisierung von Safety
- stärkere Standardisierung, idealerweise auch bei Protokollen
- zunehmende Verschmelzung von Safety und Cybersecurity
- wachsende Bedeutung von Daten und Zusatzinformationen
Gleichzeitig bleibt die Skepsis gegenüber einer direkten Cloud-Anbindung von Sensoren bestehen. Stattdessen wird die Intelligenz weiterhin eher auf Steuerungs- oder Systemebene verortet. Einigkeit besteht bei den Diskussionsteilnehmern darin, dass Safety künftig selbstverständlich sein wird. Der Fokus verschiebt sich damit zunehmend auf Mehrwert durch Daten, Integration und Systemverständnis.
Fazit
Die Diskussion zeigt deutlich: Safety-Drehgeber haben sich von einer Nischenlösung zu einem zentralen Bestandteil moderner Automatisierung entwickelt. Technologisch ist das Feld breiter und reifer geworden, während sich gleichzeitig neue Herausforderungen in Bezug auf Kosten, Standardisierung und Integration ergeben. Die Zukunft wird weniger von einzelnen Technologien geprägt sein als von deren Zusammenspiel im Gesamtsystem. Safety bleibt dabei nicht nur Pflicht, sondern entwickelt sich zunehmend zum strategischen Differenzierungsmerkmal.
Teilnehmer
Fraba Group – Jörg Paulus,
General Manager, Posital EMEA
Hengstler – Shrishail Joshi,
Senior Director R&D
Kübler – Florian Sauter,
Produktmanager Industrial
Ethernet Sensor Systems
Sick – Michael Pfister,
Head of Product Management Motor Feedback Systems
Siko – Mathias Roth,
Manager BU Mobile Automation
TWK – Robert Steinebach,
Produktmanager
Prof. Dr. Johann Pohany
(Moderator)
















