Die wirklich durchgängige Integration

SPS-Magazin: Wir beschäftigen uns als SPS-Magazin intensiv mit dem Thema \’Engineering\‘. Uns interessiert sehr, wo Rockwell Automation die Zukunft der Steuerungstechnik sieht, insbesondere mit Blick auf Tools, Software und Integration. Meine erste Frage bezüglich der IEC Programmierung: Welchen Stellenwert gibt Rockwell Automation der IEC61131-3 und deren Weiterentwicklungen? Wippermann: Die IEC61131-3 ist primär voll integriert und voll abgebildet und auch die Weiterentwicklung werden wir aktiv vorantreiben. Standardisiert und offen, das sind unsere Themen. Dazu gehört auch, das Ganze normungstechnisch komplett abzubilden. SPS-Magazin: Daraus ergibt sich dann auch die Frage im Zusammenhang mit dem Thema Objektorientierte Programmierung. Diese Programmiertechnologie scheint sich in der Automatisierungstechnik immer mehr durchzusetzen. Wie steht Rockwell Automation zum Thema \’Objektorientiertes Programmieren\‘, speziell im Bereich der Steuerungstechnik? Wippermann: Die Systeme von Rockwell Automation sind bereits sehr objektorientiert, vom Engineeringbereich her kommend. Hier haben wir die \’Logix\‘-Familie und damit auch das \’RS Logix\‘ Engineering-Werkzeug, das 1999 auf den Markt gekommen ist. Von Anfang an wurde hier tag-basierend gearbeitet. Beim Anlegen einer Variable, eines Tag, mit der Engineeringsoftware, muss sich der Anwender nicht darum zu kümmern, wo die Tags abgelegt werden. Der Anwender kann beim Anlegen eines Tag dessen Eigenschaften festlegen. Von diesem Ansatz her ist unser Engineeringtool schon sehr stark objektorientiert designed. Gleiche objektorientierte Methoden gelten auch für komplexere Funktionen wie z.B. Add-on-Instructions: Bausteine/Funktionen, in denen unsere Kunden ihr Know-how kapseln können. Auch diesen Objekten können in Form von Sichtbarkeit, Zugriffsrechten und Datenaustausch Objekteigenschaften mitgegeben werden und der Anwender kann entscheiden, auf welcher Ebene er die Informationen freigeben möchte. Leider stellen wir noch sehr oft fest, dass unsere Kunden die Funktionalität noch gar nicht in vollem Umfang für das Design ihrer Maschinen ausnutzen. Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass viele Maschinenbauer nach wie vor mehrere Systeme handhaben, um sich am Markt positionieren zu können. Wenn diese alten Systeme eins zu eins abgebildet werden, sehen wir oft das Problem, dass der Umstieg sehr schwer fällt. Die neuen Funktionalitäten werden dann gar nicht so richtig ausgeschöpft. Das ist ein Umbruch, mit dem wir uns jetzt schon seit Jahren beschäftigen. Das heißt, unsere Implementierung ist von Anfang an vom Design her stark in Richtung Objektorientierung gegangen. SPS-Magazin: Ohne dass Sie es objektorientiert nennen? Wippermann: Wir nennen es nicht so, aber die Gedankenwelt ist wirklich objektorientiert. SPS-Magazin: Diese Prozesse, die Sie schildern, sind in der ganzen Branche zu erkennen. Es ist auch eine generationsbedingte Veränderung an dieser Stelle. Wenn wir uns die für die Automatisierung zur Verfügung stehenden Sprachen betrachten, wo sehen Sie in Bezug auf die Programmiersprache die Zukunft? Wippermann: Der Weg wird ganz klar über die grafische Verschaltung gehen. Diese Tendenz ist klar erkennbar. Aber wie Sie schon selbst mit dem Generationswechsel ansprachen, ist die \’Denke\‘ stark von der Grundbildung und der Applikation abhängig, also davon wie ein Anwender in das Thema reingewachsen ist. Processanwender nutzen gern grafische Verschaltungen, wohingegen ein Anwender, der eine Safety-Applikation implementiert, eher in diskreten Formen denkt und die klassischen KOP-Strukturen nutzt. Aber letztendlich entscheiden die Bedürfnisse der Applikation über die Sprachanforderung und darüber, welche Abbildung für den Anwender die schnellste Implementierung und schnellste Engineering-Methode darstellt. Die Bedürfnisse einer Safety-, einer Motion- und einer Prozess-Applikation sind nun mal sehr unterschiedlich. Da wir mit unserer SPS die Skalierbarkeit wie auch multidiziplinäre Anwendungen wie Diskret, Motion, Safety, Batch und Process, mit nur einem Engineering-Tool abdecken, werden wir alle Sprachelemente optimal für unsere Kunden implementieren. Das Schöne an diesen Sprachelementen in unserem System ist, dass Sie auf Funktionsebene beliebig mischen können und somit auch kleinste Teilapplikationen optimal integrieren können. SPS-Magazin: Was ich jetzt gar nicht höre, sind eher textuelle Sprachen, im Sinne von strukturiertem Text oder von C++ und ihren modernen Derivaten? Spielt das aus ihrer Sicht bei ihren Kunden eher eine untergeordnete Rolle? Wippermann: Das möchte ich nicht unbedingt sagen. Strukturierter Text ist im vollen Umfang implementiert. In unserem Haus galt bei den Steuerungen schon immer die Philosophie, mit unseren Engineering-Werkzeugen immer alle Themenfelder abzudecken. Außerdem sind sehr viele technologische Funktionen als Bausteine kostenlos verfügbar. Bei einem PID-Regler geht es nicht mehr darum, den Text zu schreiben oder die Arithmetik an dieser Stelle abzubilden. Man konnte mit unseren Systemen z.B. schon immer arithmetische Funktionen abbilden und benutzen. SPS-Magazin: Wenn Sie nun in einem Zeitraum von fünf Jahren denken, wie werden die Kunden dann programmieren? Was können Sie sich da vorstellen? Wippermann: Wir haben ja vorher darüber gesprochen, ich denke der Schwerpunkt wird in fünf Jahren auf der grafischen Verschaltung liegt. Textuell ja, wenn es um arithmetisch komplexe mathematische Funktionen oder um großes Datenhandling geht. Aber sonst sehe ich den Schwerpunkt in der Zukunft weg von einfachen Verschaltungen (KOP), hin zu grafischen Verschaltungen. SPS-Magazin: Vielen Dank – so weit erst einmal meine Fragen zum Thema Programmierung. Wippermann: Wobei das nur einen Teil abdeckt, für mich gehört zum Programmieren und Projektieren von Automatisierungsgeräten bzw. einer Anlage vor allem auch, wie Systeme zusammen integriert und anlagenweit Daten zur Verfügung gestellt werden. Nicht das eigentliche Programmieren, was wir jetzt thematisch abgedeckt haben, sondern wie man Maschinenteile zusammen betreibt, verschaltet oder wie man Anlagendaten zusammenführt treibt die Anwender und Anlagenbetreiber. Und hier denke ich, dass offene und objektorientierte Systeme ein wichtiges Element in der Automatisierungstechnik darstellen. SPS-Magazin: Das Thema Integration wird bei den Steuerungsanbietern recht häufig gebraucht. Wenn man dann etwas näher hinschaut, dann merkt man doch, dass dieses Stichwort unterschiedlich interpretiert wird. Wie würden Sie, im Sinne von Engineering und Steuerungssystemen, als Rockwell Automation dieses Stichwort \’Integration\‘ mit Bedeutung füllen? Wippermann: Integration in welche Richtung? SPS-Magazin: Was bedeutet für Sie das Thema Integration? Ich denke da an Themen wie unterschiedliche Steuerungsplattformen, Antriebstechnik, Datenhandling, Usability, also alles, was in der Produktion stattfindet. Wippermann: Für mich sind es zwei Themen, die dort treiben. Einmal ist es das Netzwerk selbst, über das Informationen zu Verfügung gestellt werden. Da geht unser Trend ganz klar in eine Richtung, nämlich ein durchgängiges Netzwerk in der horizontalen genauso wie in der vertikalen Integration zu haben. Das ist bei uns typischerweise Ethernet/IP. Damit können wir ein nicht proprietäres System ohne Programmieraufwand anbieten, das auch auf einem offenen Standard basiert. Und damit können Anwender von der Anbindung der Sensorik über die Datenverteilung bis hoch in die ERP-Ebene und quer über alle Automatisierungsebenen kommunizieren. Daher ist die offene Kommunikation ein ganz wichtiges Thema, es ist wichtig offene Standards zur Verfügung zu stellen. Dann unterscheide ich auch bei den Applikationen nicht, ob ich z.B. in einer Prozesswelt oder in einer Motion-Welt bin. Und das zeigt eigentlich auch sehr schön, welchen Weg wir hier gehen. Wir bieten auch in kleinen Steuerungen durchgängig Echtzeitfähigkeit für Motion oder fahren Ethernet-Protokolle für Safety-Protokolle über Standard-Ethernet. Das ist der Weg, zur wirklichen durchgängigen horizontalen und vertikalen Integration. SPS-Magazin: Sie sagten zwei Aspekte für Integration, der eine war Kommunikation und der andere? Wippermann: Durchgängige und einfache Projektierungswerkzeuge, die sich durch ihre Usability auszeichnen. Das Handling der Oberflächen muss für die User einfacher werden, das anlagenweite Datenhandling bedienerfreundlich sein und die Tools müssen alle integriert werden. Die offene Fragestellung: Warum habe ich für Visualisierung und Programmierung unterschiedliche Tools? Warum ist das nicht einheitlich auf einer Datenbasis und zur Verfügung gestellt – Das geht für mich noch einen Schritt weiter in den Bereich \’Motion\‘. Was muss ich hier tun, um die Mechanik und Elektrik zusammenzubringen? Das ist eine große Schnittstelle, die nicht einfach ist. Wie designe ich heute eine Maschine? Wann fange ich mit den mechanischen Teilen an wie z.B. mit den 3D-Simulationen, und wie bekomme ich dann die Auslegung meiner Maschine und die Programmierung dahinter? Da ist in unseren Engineeringwerkzeugen schon viel zusammengewachsen und wird es in Zukunft noch weiter tun – In der Handhabung von mechanischen elektrischen Werkzeugen, genauso wie in der Usability. Usability heißt für mich nicht nur die leichte Programmierung, sondern auch die Handhabung und Integration. SPS-Magazin: Was erwartet den Kunden zur Messe SPS/IPC/Drives 2011? Wippermann: Auf der SPS/IPC/Drives spielt das Downsizen von Performance auf der SPS-Seite eine wichtige Rolle, um möglichst skalierbar durchgängige Funktionalität anbieten zu können. Wir werden eine völlig neue Steuerungs-Familie der CompactLogix vorstellen. Mit dieser Mid- range-Steuerung – mit skalierbaren, richtig dimensionierten Steuerungssystemen – können Preis und Performance der Maschine besser an die Erwartungen des Kunden angepasst werden. Maschinenbauer haben die Möglichkeit, die Steuerungsarchitektur ihrer Kunden passgenau zu dimensionieren. Diese kann dann mühelos von großen bis kleinen Applikationen skaliert und für spezielle und interdisziplinäre Anwendungen gleichermaßen eingesetzt werden. Diese SPSen basieren auf einem Multi-Core-Prozessor. Ein Prozessor ist speziell für die schnelle Abarbeitung von Motion-Aufgaben designed. Damit bekommen Sie eine Leistungsklasse in einer einfachen und mittleren Steuerungsebene, wodurch Sie hohe Performance und weit mehr Funktionalitäten integrieren können. Und wir bringen echtzeitfähiges Ethernet on board. SPS-Magazin: Sie haben das Thema Motion angesprochen. Es ist festzustellen, dass im Markt der klassischen SPS-Hersteller, komplexe Motion Aufgaben wie Funktionalitäten die in Richtung CNC oder Robotersteuerung gehen, immer stärker in Geräte die man als SPS bezeichnet integriert werden. Was hat Rockwell Automation an dieser Stelle heute schon zu bieten und wo geht die Entwicklung hin? Wippermann: Wir haben in unserer SPS Bausteine, die diesen Bereich komplett abdecken. Wir nennen diese Funktionalität \’Kinematics\‘. Unsere Kunden können damit u.a. 3-Achs-Delta-Roboter mit einfachen Parametern steuern und regeln. Dies ist nun durchgängig in den SPSen der Logix-Familie möglich. Für die ControlLogix haben wir dies vor zwei oder drei Jahren auf der SPS/IPC/Drives vorgestellt. Sie können dann Kinematics, Robotersteuerung mit vorgefertigten Bausteinen aus Teilen des Betriebssystems, komplett mit diesen Midrange-Steuerungssystemen betreiben. Die einzige Unterscheidung, die wir in den unterschiedlichen SPS-Plattformen vornehmen, ist die Performance-Abstufung, also wie viele Achsen ich mit der jeweiligen SPS betreiben kann. Deswegen sprechen wir von einer Familie: Die kleinste Steuerung der CompactLogix kann zwei Achsen, die nächstgrößere kann dann vier und schließlich 16 Achsen steuern. In der Steuerungsfamilie der ControlLogix können Sie bis zu 100 Motion-Achsen über echtzeitfähiges Ethernet/IP betreiben. Das Wichtige ist bei der CompactLogix jetzt auch das Echtzeit-Ethernet, sodass wir ein durchgängiges Netzwerk haben. SPS-Magazin: Sind Tool und Programmiersprache bei allen Systemen identisch? Wippermann: Es ist alles identisch, auch zur Prozess-Ebene und zur ControlLogix hin. Es gibt hier keinen Bruch, es ist ein durchgängiges, komplettes System. Traditionelle Architekturen erfordern separate Steuerungs-Infrastrukturen für die meisten Anwendungen im Bereich der Anlagenautomatisierung. Dabei ist es egal, ob es um Sicherheits-, Achs- oder Prozesssteuerungen geht. Der von uns getriebene Steuerungsansatz unterstützt Maschinenbauer dabei, auf eine einheitliche Steuerungsarchitektur zu standardisieren. Außerdem unterstützen wir die Verwendung einer gemeinsamen Programmier- und Konfigurationsumgebung, unabhängig von der Art der Applikation und der Komplexität der zu bauenden Maschine. Die Maschinenbauer stellen dabei oft fest, dass sie mit dieser Standardisierung die Designflexibilität steigern und die Möglichkeit haben, das Steuerungssystem rasch nach oben, nach unten oder von einer Applikation zur anderen zu skalieren. So können sie nicht nur ein umfangreiches Anforderungsspektrum abdecken, sondern sie können ihren Kunden auch dabei helfen, sich wechselnden Markt-anforderungen anzupassen. SPS-Magazin: Die Zielsetzung ist also, OEM-Maschinenbauer zu adressieren? Wippermann: Diese Steuerungsfamilie ist für den europäischen Markt designed, mit einem Fokus auf Maschinenbauern und Anlagenbauern mit verteilten Applikationen. Aber auch Skid-Applikationen für den Process-Bereich können damit gelöst werden. SPS-Magazin: Wir danken Ihnen für das interessante Gespräch. SPS/IPC/Drives: Halle 9, Stand 205