Ende der Massenfertigung?
Bringt die Industrie 4.0 das Ende der Massenfertigung? „Sicher nicht“, sagt Jendryschik. Er geht davon aus, dass zunächst die jeweiligen Produkte im oberen Preisdrittel von der Individualisierung erfasst werden: „Es ist eine Frage der Kosten.“ Aus dieser Sicht werden Produktionsstandorte wie im Niedriglohnsektor nicht bedroht sein. Die Individualisierung wird sich also zunächst im oberen Preissegment abspielen. „Ich glaube nicht, dass in kurzer Zeit eine Massenproduktion ablösbar ist durch Unikatsprozesse.“ Die Frage werde entscheidend sein, inwieweit die Konsumenten in die Lage versetzt werden, sich diese hochindividualisierten Produkte zu gestalten. Bei der Beantwortung dieser Frage haben die Verkaufsportale im Internet eine große Bedeutung. „Auch spielen ethische Fragen wie Löhne, Arbeitsschutz oder Brandschutz bei der Entscheidung der Konsumenten für oder gegen ein bestimmtes Produkt eine immer wichtigere Rolle. Dieser Trend wird vermutlich weiter zunehmen,“ so Jendryschik. Einzig die Produktion von Grundstoffen wird wohl von der Individualisierung unberührt bleiben. Doch schon der nächste Bearbeitungsschritt könnte individualisiert erfolgen. Die Herstellung von Orangensaft wird auch im Zeitalter von Industrie 4.0 ein Massenprozess sein. Der nächste Schritt jedoch, also die Frage, was daraus gemacht wird, könnte bis auf den Einzelkunden hinunter individualisiert werden. Das geht weit über die Wahl der Verpackungsart oder der Konservierung hinaus. Auch wenn uns der Gedanke heute noch befremdet: Es gibt ganz konkrete Ideen, diesem Orangensaft auf der Grundlage von Nährstoffanalysen des Blutes von Menschen ganz gezielt Nahrungsmittelzusätze oder Medikamente zuzusetzen, die genau auf deren Ernährungsgewohnheiten bzw. Krankheiten abgestimmt sind.
B2C wird zu C2B
Bei der Entwicklung hin zur Industrie 4.0 trifft Jendryschik eine klare Unterscheidung zwischen dem B2B- und dem B2C-Segment: „Große Internetshops, wie wir sie aus dem B2C-Markt kennen, können aufgrund ihres großen Kundenstamms und der sehr genauen Kenntnisse über das Konsumverhalten ihrer Kunden sehr genaue Erwartungsprofile erstellen. Daraus können sie Produkte ableiten. Das wird es im B2B-Bereich so schnell nicht geben.“ Vielmehr gebe der Hersteller auch auf längere Zeit den Rahmen einer individuellen Konfiguration vor. Der Hersteller hat also einen Lösungsraum geschaffen, innerhalb dessen sich der Verwender der Produkte bewegen muss. Alles ist hier bereits vorgedacht. Das sei allerdings lediglich eine Produktkonfiguration und keine Hochindividualisierung: „Für mich ist die Produktkonfiguration die höchste Form der klassischen Fertigungsweise, aber sie ist keine Industrie 4.0. Die einfache Konfiguration wird für Produkte wie hochindividualisierte Kleidung nicht reichen, und zwar weder im Bezug auf die Größen noch auf das gesamte Design.“ Jendryschik ergänzt hier ein Beispiel von Mercedes Benz: „Im Bereich der S-Klasse reichen die Möglichkeiten der Konfiguration aufgrund der individuellen Kundenwünsche dieses Segments nicht mehr aus, um den Anforderungen dieses Segmentes gerecht zu werden. Das hat Konsequenzen bis in die Fabrikorganisation hinein.“
Der Faktor Mensch
Jendryschiks Fabrik sieht den Menschen in der Produktion durchaus nicht als Auslaufmodell: „Es wird immer Arbeitsschritte geben, bei denen der Mensch in seiner Gesamtheit, also mit all seinen sensorischen, taktilen und denkenden Fähigkeiten, einer Maschine oder einem Roboter überlegen ist.“ Dort wo Feinfühligkeit gefragt ist oder Bewegungen notwendig sind, die man mit der menschlichen Hand einfacher realisieren kann, werde der Mensch in den Produktionsabläufen weiterhin gefragt sein. „Es ist eine Frage des Aufwands und der technologischen Entwicklung“, erläutert Jendryschik. „Auf längere Sicht wird es effizienter sein, bestimmte Vorgänge von einem Menschen ausführen zu lassen, als von einem hochkomplexen kinematischen Gebilde, sprich einem Roboter.“ Allerdings prognostiziert auch er: „Alles was ein Mensch an Bewegungsabläufen kann, wird früher oder später auch ein Roboter können.“
















