SPS: Frau Professor Dr. Grünwied, was ist eigentlich Usability? Grünwied: Der inzwischen eingedeutschte Begriff Usability lässt sich am ehesten mit Gebrauchstauglichkeit übersetzen. Also mit der Eigenschaft eines technischen Gerätes, sich leicht, sicher und wirtschaftlich vom Benutzer bedienen zu lassen. Mit Usability-Engineering und Usability-Testing lässt sich die Gebrauchstauglichkeit in diesem Sinne optimieren und im Rahmen der Sorgfaltspflicht des Herstellers auch nachweisen. Das ist notwendig, um sichere und wirtschaftliche Funktionalität zu gewährleisten. Man muss immer auch bedenken, dass die Benutzungsfreundlichkeit ganz wesentlich von der Benutzerinformation geprägt wird: Bedienungsanleitung, Online-Hilfen und Benutzungsoberflächen von Bedienkonsolen spielen da eine große Rolle. SPS: Wie sind Sie persönlich zum Thema Usability gekommen? Grünwied: Nach meinem ersten Studium Elektrotechnik und Technische Informatik habe ich mich im Bereich Technische Redaktion und Kommunikation spezialisiert. Dort wird Technik für den Anwender verständlich gemacht in Form von Informationsprodukten wie benutzungsfreundliche Bedienungsanleitungen. Bei Software-Dokumentation ist das Spezielle, dass hier sehr nahe an der Bedien-Oberfläche gearbeitet wird, da die Oberfläche das Erste ist, mit dem der Nutzer in Berührung kommt. Und man kann hier sehr viel Hilfestellung, wir nennen das User Assistance, direkt an die Oberfläche bringen. Zum Beispiel durch Tooltips oder Agenten, die den Anwender durch die Prozesse führen. Oder die klassische Online-Hilfe, auch Software-Tutorials, kleine Videos und das unverzichtbare Software-Handbuch selbst. Die Grenzen verschwimmen ja bei der Software-Dokumentation zwischen den reinen Bedienungsanleitungen und der Software-Oberfläche. SPS: Welche Erfahrungen haben Sie im Umfeld von Maschinenherstellern bezüglich Usability gemacht und wo gibt es hier Defizite aus Ihrer Sicht? Grünwied: Die Aufgabenstellungen, die an mich von der Industrie herangetragen werden, sind sehr komplex im Spannungsfeld zwischen Produktengineering, Kommunikationsarchitektur und Oberflächengestaltung. Die Bediensituation an der Maschine ist zudem in vielen Fällen zeitkritisch, das bedeutet, dass gerade in Störfallsituationen die Bedienung intuitiv erfolgen muss. Für den Anlagenbauer und Steuerungstechniker gibt es nach meiner Kenntnis zudem kaum normative Vorgaben zur Gestaltung und zur Bedienung, auf die sich der Entwickler stützen könnte, um Gebrauchstauglichkeit zu \’garantieren\‘. SPS: Wie sieht es denn mit den Zielgruppenbedürfnissen bei den Maschinenbedienern aus? Grünwied: Hier hat ein Wandel eingesetzt, von den bisher immer sehr versierten Anwendern, die ausgebildete Techniker waren, hin zu mehr angelernten Arbeitskräften, die dann die Maschinen bedienen sollen. Gerade die Zielgruppe der reinen Bediener ist darauf angewiesen, dass sie gebrauchstaugliche Oberflächen hat. Früher kam man nicht um Programmierkenntnisse herum, um selbst kleine Eingriffe zu machen; das wird dem Benutzer heute weitgehend über grafische Benutzungs-Oberflächen abgenommen. Sobald aber ein richtiges Problem auftritt, oder man eben doch eine komplexere Einstellung machen muss, ist man eben sehr schnell in der Situation, tiefer eintauchen zu müssen. Nach unseren Erfahrungen arbeitet die Bediener-Zielgruppe sehr stark mit fotografischem Gedächtnis. Die Bediener merken sich die genaue Position einer Schaltfläche, z.B. rechts oben ist der Stopp-Button, links unten komme ich zurück ins Menü. Einen kritischen Knopf von rechts nach links zu verschieben ist also eine denkbar schlechte Idee des Entwicklers. SPS: Wo gibt es aus Ihrer Sicht echten Handlungs- oder Nachholbedarf im Bereich des Maschinen- und Anlagenbaus? Grünwied: Fangen wir hier mit einem konkreten Beispiel an: Handlungsbedarf besteht überall dort, wo wir mit Meldungen zu tun haben. Beispielswiese Status- und Fehlermeldungen, die endlich verständlich formuliert werden müssen. Es geht allgemein ganz stark hin zur Visualisierung über Zoom-Funktionen, über die man sich in die Details hineinzoomen kann. Das sehe ich als sehr wichtig, hier besteht Handlungsbedarf. Dann auch die Integration der sogenannten User-Assistance. Also nicht nur eine nackte Oberfläche, sondern auch Embedded Help – integrierte Hilfefunktionen, also kleine Hilfe-Tipps unmittelbar auf der Oberfläche. Zusätzlich aber auch eine Möglichkeit, sich längere Erläuterungen anzeigen zu lassen. Bei den Prozessen zwischen Anlagenhersteller und Steuerungsbauer, aber auch zwischen Hersteller und Anlagenbetreiber ist es wichtig, dass eine engere Zusammenarbeit stattfindet. Und das unterstützt durch internationale Standards und Normen, die gerade auf diesem Gebiet wie schon erwähnt in weiten Teilen fehlen. SPS: Sie meinen, dass es vom Anlagenbetreiber mehr Feedback oder Vorgaben an die Anlagenbauer geben sollte? Grünwied: Ja. Und hier bekomme ich auch oft zu hören, dass sich die produzierenden Unternehmen darüber beschweren, dass sie die Software schon fertig aus dem Katalog vorgesetzt bekommen. Auf der anderen Seite steht der Hersteller von Visualisierungssoftware. Hier sehe ich dringenden Handlungsbedarf für grundlegend neue Bedienkonzepte, wie diese z.B. Apple vorgibt. Hier ist es – wenn auch in anderen Anwendungsbereichen – gelungen, durch Komplexitätsreduktion komplett neue Wege zu gehen. Also weg von irgendwelchen hierarchischen Listen, wo man sehr weit nach unten scrollen muss oder sogar aufblättert, hin zu intuitiv bedienbaren Abläufen. Die dahinterstehende Maschine übernimmt dabei einen Großteil der Denkarbeit des Nutzers und fordert ihn nur, wenn es unumgänglich ist. SPS: Siemens hat erst kürzlich eine Automatisierungssoftware mithilfe von Usability-Experten und Anwendern entwickelt, die auf den ersten Blick sehr vielversprechend wirkt. Welche Maßnahmen können denn sonst noch konkret ergriffen werden? Grünwied: Die Expertensicht ist im Usability-Bereich die eine, die andere ist das Einbeziehen von echten Anwendern, und zwar in der typischen Anwendungssituation. Denn alles, was am Schreibtisch bei der Entwicklung noch gut und ergonomisch aussieht, kann sich in der Praxis bewähren – es muss aber nicht. Und insofern ist hier eine Verzahnung mit klassischen Benutzertests, in denen auch Zeitmessungen stattfinden und die subjektive Zufriedenheit erfragt wird, ganz wichtig. Um aussagefähige Usability-Ergebnisse zu erzielen, braucht es allerdings eine Menge einschlägiger Erfahrungen. SPS: Was wird denn von Ihrer Seite, im Rahmen ihrer Tätigkeit, speziell zum Thema Usability angeboten? Grünwied: Als Professorin an die Hochschule München betreue ich den Studiengang \’Technische Redaktion und Kommunikation\‘. Unser Studiengang beschäftigt sich damit, Technik und Bedienung zielgruppenorientiert zu vermitteln. Und hier sind das Produkt und die Bedienung am Produkt selbst natürlich auch sehr wichtig. Technik verständlich für die Zielgruppe zu kommunizieren, am Produkt selbst oder eben mit Dokumentation. Hier kann die Industrie an uns eine konkrete Aufgabenstellung herantragen. Wenn bekannt ist, dass es bestimmte Schwachstellen gibt, betreiben wir gezielt Ursachenforschung im Rahmen von Forschungsprojekten oder auch von studentischen Industrieprojekten. In unserem Labor, das derzeit eingerichtet wird, arbeiten wir mit Videokameras, Aufzeichnungsarbeitsplätzen und auch Eye-Tracking-Systemen zur Analyse. Die Eye-Tracking-Module kann man andocken an Steuerungskonsolen und dann genau ermitteln, wie denn der Blickverlauf beim Lesen von Displays funktioniert. Welche Stellen werden wahrgenommen, welche werden überflogen? Wie lange muss gelesen werden oder werden Stellen wiederholt betrachtet, weil sie schwer verständlich sind oder die Schrift zu klein ist? Das kann man dann sehr detailliert untersuchen. Ergänzend gibt es für Industrieberatung und -dienstleistung ein Steinbeis-Beratungszentrum. Das heißt \’Dokumentation und Usability – EVIDOC\‘ und wird von mir geleitet. SPS: Wie könnte man das Thema Usability noch vorantreiben, gemeinsam mit Hochschulen unter Einbindung der Endkunden? Grünwied: Ideal wäre es, wenn man alle Beteiligten an einen Runden Tisch setzen würde oder eine Fachpublikation, wie das SPS-Magazin, fungiert als Vermittler zwischen diesen einzelnen Parteien. Und dann können einfach gezielt die entsprechenden Maßnahmen wie studentische Projekte, Beratungsprojekte sowie Forschungskooperationen vermittelt werden. Verbände wie den ZVEI halte ich ebenfalls für sehr wichtig, da diese in der Lage sind, standardisierte Vorgaben herauszugeben. SPS: Möglicherweise würden hier ja Wettbewerbe und eine Prämierung weiterhelfen. Wäre das auch denkbar? Grünwied: Ich weiß nicht, wie groß das Interesse hier sein würde. Aber eine Best-Practise-Erfahrung weiterzugeben, ohne gleich in Konkurrenz mit anderen zu stehen und sich vergleichen zu müssen, halte ich für durchaus attraktiv für alle Beteiligten. SPS: Vielen Dank für das interessante Interview und die konkrete Darstellung von Aufgaben und Lösungsansätzen.
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