SPS-Magazin: Keba ist unter den mittelständischen Steuerungsherstellern am längsten am Markt. Wo sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Gründe dafür, dass sich das Unternehmen so erfolgreich am Markt positioniert hat? Linde: Ein wesentlicher Punkt ist sicherlich der Technologievorsprung, das heißt ein hoher Anteil an Entwicklung, Innovationsmanagement und im Schwerpunkt unsere kundenspezifischen Lösungen. Also dem Kunden etwas zu adaptieren, was für ihn einen entscheidenden Vorteil bietet. Daraus resultiert auch das Key-Account-Geschäft. Das ist ein Geschäftsmodell, mit welchem wir für große Firmen Basismodule verwenden, diese aber in Hardware oder Software applikationsspezifisch so optimieren, dass für den Kunden nicht nur eine Kombination aus Katalogprodukten zur Verfügung steht, sondern ein System mit Mehrwerten in Bedienung- und Steuerungsfunktionen. SPS-Magazin: Es gibt bei Keba die Geschäftsbereiche Industrieautomation, Bank und Dienstleistungsautomation und die Energieautomation. Damit sind sie ja auch relativ breit aufgestellt mit drei Bereichen. Wie teilt sich das prozentual in etwa auf, was die Größenordnung und die Umsätze betrifft? Linde: Bank- und Dienstleistungsautomation sowie die Industrieautomation sind beide etwa gleich stark. Das heißt, beide stehen auf gleichstarken Säulen. Innerhalb der Industrieautomation gibt es vier Bereiche: Die Robotik, die Kunststoffmaschinensparte, die mobile Automation und die Energieautomation. Das Segment Energieautomation ist noch relativ jung und im Wachsen, daher teilen sich die anderen drei Bereiche jeweils anteilig den Umsatz. SPS-Magazin: Wie man weiß, hat Keba eine Kooperation mit Bosch. Wie hat sich diese Kooperation entwickelt und wie ist der aktuelle Stand? Linde: Ja, wir haben mit Bosch seit dem Jahr 2006 eine intensive Kooperation, da es viel Synergien gibt, von denen beide Unternehmen profitieren. Die Firma Bosch setzt unsere Steuerungstechnik im Bereich Kunststoff ein, wir setzen die Bosch-Antriebstechnik ein. Wir haben die Antriebstechnik funktional tief in unserem Automatisierungsbaukasten integriert. SPS-Magazin: Das Thema Programmierung ist eines der ganz zentralen Themen, wenn wir die Steuerungstechnik betrachten. Sie setzen hier aktuell, was die SPS-Programmierung anbelangt, auf CoDeSys. Worin besteht für Sie der Vorteil CoDeSys zu verwenden, verglichen mit einer eigenentwickelten Software für die SPS? Linde: Wir haben ein komplettes Automatisierungssystem entwickelt, das heißt innerhalb der Keba-Automatisierungslandschaft ist alles eigenentwickelt. Das bedeutet: von den Tools über die Programmierumgebung, die Diagnose, die Laufzeitsysteme, die Echtzeitumgebung bis hin zu den Schnittstellen gibt es die eigene Keba-IEC und alle möglichen Module dazu. Wie bereits erwähnt, fokussiert sich die Keba auf Technologiefunktionen wie beispielsweise die Robotik. In der Robotik besteht der größere Teil der Software aus Motion-Control-Funktionen. Z.B. zur Bahnsteuerung oder für das vorausschauende Fahren und für die entsprechende Präzision stellt Keba eigens entwickelte Bibliotheken zur Verfügung. Die SPS oder besser gesagt die IEC-Funktion ruft diese Motion-Funktionen lediglich auf. Und genau für diese einfachen Aufgaben im Ablauf der Steuerungstechnik haben wir entschieden, auf die Standard-SPS von CoDeSys zu setzen. SPS-Magazin: Den Teil, den Sie jetzt mit IEC-Teil meinen, ist der klassische SPS-Bereich? Linde: Ja, der Bereich mit der verknüpfenden Logik dahinter. Wir investieren unser Know-how ganz gezielt in Motion-Funktionen, um dem Kunden Technologiemehrwerte anzubieten. Und da macht es Sinn, einen Standard für die IEC zu verwenden. SPS-Magazin: Was das Bedienkonzept betrifft, wie einfach ist die Umsetzung für den Anwender? Linde: Das genau ist ein Schwerpunkt für die Produkte von Keba. Jede Motion-Aufgabe ist heute mit Standard-Automatisierungsprodukten lösbar. Die Frage ist, wie einfach und schnell ist die Aufgabenstellung lösbar. Und genau darum geht es! Einfach und schnell sind die zwei wichtigen Themen. Keba steckt soviel Intelligenz in seine Projektierungstools und deren Funktionen, dass eigentlich jeder befähigt wird, Robotik-Projekte eben einfach und schnell abzuwickeln. Der Anwender muss die vorprogrammierten Funktionen nur noch anwenden, und das verkürzt die Inbetriebnahmezeit und somit die Projektkosten erheblich. Die Steuerung wird intelligent und gleichzeitig weniger komplex. Das spart sowohl dem Bediener als auch dem Programmierer viel Zeit und hilft, Fehler zu vermeiden. SPS-Magazin: Das heißt in diesem Kernbereich steckt sehr viel Prozess-Know-how schon in Form von Software und Softwarebausteinen? Linde: Genau. In den Funktionen wie am Beispiel der Steuerung für Kunststoffmaschinen sind sogar Prozess-Datenbanken hinterlegt, die dann in der Parameterfindung und in der Prozessoptimierung dem Anwender die notwendige Unterstützung geben. Und speziell die Funktionen der Regelungstechnik sind dabei ein Schlüssel für hohe Performanceanforderungen der Automatisierungsaufgaben im Keba-System. SPS-Magazin: Ich komme noch mal zurück auf die Programmierung: Was ist der Grund, warum Sie noch nicht auf die CoDeSys Version 3.x setzen? Linde: Wir setzen auf 3.x. In Verbindung mit der Programmierumgebung ist die Version 3 für uns im Plan, zum Teil sind schon einige Dinge umgesetzt. Es gibt bereits Produkte dafür, weitere Integrationen sind bereits in Entwicklung. Ziel ist es mit 3.x auch mehr Offenheit in unser System zu bringen. Dazu gehört beispielsweise die Möglichkeit für Kunden eigene Diagnosewerkzeuge einzubinden und langfristig mit dem Keba-Tool auch eigene Steuerungssysteme zu kompilieren. Innerhalb der Keba bezeichnen wir dies auch als spezielle Tuning-Werkzeuge. SPS-Magazin: Sie betreiben also Tuning in der Steuerungstechnik? Linde: Besser gesagt, wir bieten zukünftig unseren Kunden Tuning-Werkzeuge. Hier geht Keba einen ganz neuen Weg. Was nicht heißen soll, dass wir in der Programmierung eine Keba-Speziallösung anstreben, nein. Wir sagen \’Ja\‘ zum Standard, und Standard ist etwas Stabiles, auf das jeder baut und als Basis für Entwicklungen benötigt wird. Es braucht die Funktionalität in der Differenzierung und es braucht auch noch einen zusätzlichen Freiraum extra für den Kunden. Dazu erfordert es Möglichkeiten für den Kunden, sein Prozess-Know-how zu integrieren und sein Know-how zu sichern. Daher wird es Tuning- sowie Spezialwerkzeuge geben. Das hört sich jetzt einfach an und ist einfacher formuliert, als es tatsächlich ist. In Wahrheit ist es hochkomplex, was die Stabilität des Endsystems anbelangt. Es ist aber in der Keba-Softwarearchitektur künftig möglich. SPS-Magazin: Welchen Stellenwert hat für Sie die objektorientierte Programmierung im Bereich der Automatisierungstechnik? Linde: In Verbindung mit der Strategie, die wir verfolgen, einen sehr hohen. Alles was wir hier realisieren, bzw. rund 80% unserer Funktionalität, ist objektorientiert umgesetzt. SPS-Magazin: Auch für die Kunden im Engineering? Linde: Die Kunden ergänzen das über eigene Funktionen, und im neuen System wird dies zukünftig noch besser unterstützt. Aber es ist eine klare Ausrichtung und auch die Art von Programmierung, die wir selbst tagtäglich verwenden. SPS-Magazin: Es führt also kein Weg daran vorbei? Linde: Nein. Aber vielleicht möchte das Herr Kampenhuber als KeMotion Produktmanager und Robotikspezialist noch ergänzen. Kampenhuber: Ich komme kurz auf das Beispiel von vorher zurück. Bei dieser Robotiksprache, die objektorientiert ist, wird eigentlich alles online programmiert. Und dasselbe gilt auch für den Plast-Bereich, wo die Spritzgießmaschine durch einen Assistenten konfiguriert wird. Es wird an sich nichts mehr voll kompiliert und runter geladen, sondern es passiert alles sehr dynamisch in der Laufzeit und besteht in Form vielfältiger Objekte, wie die HMI, dem Steuerungscode und den ganzen Konfigurationsdatenbänken. So ist eigentlich schon Jahrzehnte lang das Konzept bei Keba. Was uns zugutekommt, ist eben das neue System mit dem durchgängigen Gesamtkonzept, bei dem die Vorteile für den Kunden noch viel spürbarer werden. Kunden können dann beispielsweise selbst auch Code in Form von C++ integrieren. Linde: Eine wesentliche Kompetenz von Keba ist es, das Thema Softwarearchitektur so zu optimieren, dass man mit wenigen Komponenten viele verschiedenste Applikationen realisieren kann. Alles läuft auf einer CPU zentral. Das spart Kosten und macht die Diagnose einfach, es macht die Prozesse schnell und es ist die höchste Form der Optimierung. SPS-Magazin: Wohin entwickelt sich die Steuerungstechnik in den nächsten fünf Jahren aus Ihrer Sicht? Linde: Mehr Intelligenz in der Steuerung. Und auch das Thema dezentrale Intelligenz wird ebenso weiter an Bedeutung gewinnen. Mehr intelligente Sensorik wird in Zukunft die Automatisierungsaufgaben vereinfachen. SPS-Magazin: Kann man es so formulieren, dass es zwar physikalisch nach wie vor dezentralisiert wird, aber letztlich eine funktionale Integration stattfindet? Kampenhuber: Der Kunde will nicht unterschiedliche Engineering-Werkzeuge von unterschiedlichen Herstellern. Er will einen zentralen Zugang, mit dem er dann wirklich die ganze Maschine mit Peripherie, mit Kameras, mit Robotern usw. in einem Engineering-Tool projektieren und engineeren kann. Alles wächst zusammen und es wird in der Summe einfacher werden. Man will nicht einzelne Maschinenteile und Parameter manipulieren, sondern man will den Prozess als Ganzes definieren. Man geht künftig also eine Ebene weiter und beschreibt abstrakter, was sich zu tun hat. Das wird sich langfristig in der Programmierung niederschlagen. Sodass nicht einzelne Funktionsbausteine sehr komplex programmiert und zusammengeführt werden müssen, sondern dass eine einfache Ablaufsprache zur Verfügung steht, die das Ganze dann komfortabel löst. Linde: Ähnliches gibt es bei Keba bereits. Und ich bin überzeugt, dass sich das noch weiterentwickelt. Wir haben als Beispiel den Application Composer. Man kann in diesem Tool die einzelnen Maschinenfunktionen kombinieren und die Software selbst erstellt dann das SPS-Programm. SPS-Magazin: Unsere letzte Frage: wo sehen Sie Keba im Bereich der industriellen Automatisierungstechnik in fünf Jahren? Linde: Ganz klar als den Branchenspezialisten: Wir haben einen klaren Fokus auf einzelne Segmente, beispielsweise die Robotik bzw. ergänzende Robotik. Dieses Thema werden wir weiter ausbauen. Das betrifft alle Keba-Segmente. Easy-to-use steht bei Keba in allen Segmenten im Vordergrund. Dabei schaffen wir mit marktgerechten HMI-Lösungen in Soft- und Hardware immer wieder neue Innovationen. Vielleicht haben Sie es auch auf der Messe gesehen – die neuen mobilen Bediengeräte der KeTop T20 Serie mit der taktilen LCD-Tastatur: jede Funktion programmierbar, einfache Benutzerführung und viele unterschiedliche Geräte in einem. In den Bereichen mobiles Bedienen, Robotik, Plast und im Bereich des KeEnergy-Segments wollen wir der anerkannte Spezialist für Branchenlösungen sein und natürlich unseren Bekanntheitsgrad sowie die Marktanteile steigern. In zwei von vier Bereichen sind wir bereits Technologieführer und in den anderen beiden sind wir auf dem besten Weg dorthin. SPS-Magazin: Wir bedanken uns für das spannende Gespräch.
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