
Das Besondere am Standort Kirchheim unter Teck von Murrelektronik liegt in seiner Funktion als Reallabor. Kunden können eigene Applikationen mitbringen oder simulieren lassen, um zu sehen, wie Lösungen im konkreten Fall funktionieren. Im Application Park stehen derzeit Beispiele aus Automotive, Packaging und Logistik bereit – also genau jenen Branchen, in denen sich die Dezentralisierung der Automatisierung in ihrer ganzen Breite zeigt.
Marco Bosch und Christian Knoop beschreiben den Ort als Umgebung, in der man losgelöst vom Druck des Tagesgeschäfts neue Konzepte schmieden kann. Gerade das ist wichtig, weil Maschinen beim Kunden selten im luftleeren Raum entstehen. In der Praxis sprechen Konstruktion, Elektrokonstruktion, Inbetriebnahme und Produktion oft nebeneinanderher. Kirchheim hebt diese Trennung auf oder macht zumindest sichtbar, wie viel einfacher es wird, wenn Mechanik, Elektrik, Software und Montage nicht länger als getrennte Welten gedacht werden.
„Wir wollen ein Kundenerlebnis schaffen“, sagt Bosch. „Wenn ein Kunde ein Problem hat und z.B. seine Maschine schaltschranklos umrüsten möchte, bieten wir ihm hier die Möglichkeit. Gemeinsam können wir auch mal Prozesse simulieren oder Technologien neu denken.“ Genau dieser Ansatz mache den Unterschied: Hier könne man Konzepte schmieden, Versuche fahren und technologisch alles prüfen – „ohne diesen Endkundendruck zu haben“.
Automatisierung zum Anfassen
Im Mittelpunkt der gezeigten Beispiele steht Vario-X. Das modulare System bringt Steuerung, Stromversorgung, I/Os und Sicherheitstechnik direkt an die Maschine und reduziert damit Schrankvolumen, Verdrahtungsaufwand und Installationszeit. Murrelektronik versteht sich dabei ausdrücklich nicht nur als Komponentenlieferant, sondern als Partner für ein komplettes Automatisierungssetup – von der Leitung über die Module bis zur Software. Genau hier setzt das Engineering an: nicht erst bei der fertigen Maschine, sondern schon im digitalen Entwurf der Maschine.
Besonders eindrücklich wirkt der Verweis auf umgebaute Anlagen wie die Montratec-Maschine, die auf der Logimat gezeigt worden ist. Dort sind die ursprünglichen Elemente komplett ausgebaut und durch eine Murrelektronik-Lösung ersetzt worden. Dadurch lässt sich demonstrieren, dass der Ansatz nicht in PowerPoint endet. Was im Showroom steht, ist funktionsfähig, real verkabelt und als Dienstleistung mit dem Kunden zusammen umsetzbar. Das ist auch die eigentliche Botschaft des Standorts: Nicht erklären, was denkbar wäre, sondern zeigen, wie es läuft.

„Man bekommt keine PowerPoint oder 3D-Animation gezeigt, sondern sieht es wirklich live in Aktion“, erklärt Knoop den Unterschied zu klassischen Präsentationen. Genau diese Kombination aus sichtbarem Aufbau und nachvollziehbarer Funktion mache den Ansatz greifbar. Der Kunde sieht, wie aus einer bestehenden Maschine mit Schaltschrank eine dezentrale Lösung wird – und das ohne theoretische Umwege. Git, CI/CD-Pipelines, automatisierte Builds, Code-Reviews im Team: in der Softwareentwicklung seit Jahren Standard, in der SPS-Programmierung bisher kaum umsetzbar. ‣ weiterlesen
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Der Nutzen im Detail
Aus dem Gespräch bleibt vor allem ein Gedanke hängen: In der dezentralen Automatisierung können ausgerechnet die scheinbar banalsten Dinge den größten Engineering-Aufwand erzeugen. Leitungen sind dafür das beste Beispiel. „Sie transportieren nur Strom oder Daten und ist in Anführungsstrichen ein einfaches Produkt, da es keine Logik enthält wie ein IO-Modul oder eine SPS. Vom Planungsaufwand ist es jedoch mit das komplizierteste“, sagt Bosch. Denn während sich die Anzahl der Ein- und Ausgänge schnell berechnen lasse, werde die Frage nach Leitungslängen, T-Stücken und Verlegewegen schnell zur eigentlichen Herausforderung. Wird an dieser Stelle pauschal mit Sicherheitsreserven gearbeitet, summieren sich Material- und Montageaufwand sowie Platzbedarf in der Maschine schnell zu nennenswerten Kosten.
Bei dem System zur geführten Installation, erhält jede vorkonfektionierte Leitung eine Betriebsmittelkennzeichnung mit QR-Code. Wird dieser beim Anschließen gescannt, entsteht automatisch ein digitaler Zwilling der Verdrahtung. Bei Komponenten von Murrelektronik geht das System sogar noch weiter betont Bosch „Der passende Port am I/O-Modul beginnt zu blinken, sodass die Leitung nicht verwechselt werden kann. Wird sie dennoch an der falschen Stelle gesteckt, meldet die Software einen Fehler, den die installierende Person kommentieren und bestätigen kann, etwa wenn eine Leitung objektiv zu kurz für den vorgesehenen Port ist.“ Die Änderung fließt automatisch in den digitalen Schaltplan zurück. Damit verschiebt sich das Thema vom fehleranfälligen Nachziehen im Schaltschrank hin zu einer geführten, digitalen Installationslogik. Das Ziel ist ein konsistenter Maschinenzwilling, der nicht irgendwann im Ordner verschwindet, sondern die Realität der Anlage verlässlich abbildet.
Vom Stepmodell zum Zwilling
Auffällig ist, wie stark Murrelektronik den Projektstart an das Stepmodell koppelt. Mit Vario-X benötigt das Team statt eines klassischen Schaltplans ein Stepmodell. Die mechanische Konstruktion liefert damit bereits alle Maße, aus denen sich exakte Kabellängen samt Bill of Material ableiten lassen, inklusive der passenden I/O-Module, Netzteile und Steuerungstechnik. „Im Prinzip steht das Konzept bereits nach dem zweiten Kundentermin“, so Knoop. Dabei werden auch technische Details wie Mindestbiegeradien, die bei einer rein rechnerischen Längenmessung leicht übersehen werden, berücksichtigt. Gerade für den Vertrieb ist das wertvoll, weil sich nicht nur technische, sondern auch wirtschaftliche Argumente früh belegen lassen.

Denn der Blick auf den Total-Cost-of-Ownership-Effekt gehört ausdrücklich dazu. Ein kleinerer Schaltschrank ist nur ein Teil der Rechnung; dazu kommen Klimatisierung, Wartung, Energiebedarf und Platzkosten. In großen Produktionshallen kann der Verzicht auf eine zusätzliche Schaltschrankebene schnell Millionenbeträge beim Bau und im Betrieb sparen. Der hardwareseitige Aufpreis dezentraler Systeme relativiert sich damit, sobald die Maschine als Gesamtsystem betrachtet wird. Genau diese Argumentation will man in Kirchheim mit Fakten, Modellen und realen Umbauten untermauern. Maschinen kommunizieren, reagieren und steuern Prozesse. Nur ihr Licht wird oft noch als passive Komponente behandelt. Dabei zeigen SPS-Anbindung, IO-Link und Signalfunktionen: Intelligentes Licht kann längst mehr als leuchten. ‣ weiterlesen
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Software statt Angst
Die Gespräche in Kirchheim machen deutlich, dass Murrelektronik den Wandel zur dezentralen Automatisierung nicht als reines Technologie-, sondern auch als Akzeptanzthema begreift. Viele Kunden bringen Skepsis mit: wegen neuer Programmierumgebungen, wegen Safety-Fragen, wegen möglicher Mehrkosten oder schlicht wegen der Angst, bewährte Prozesse aufzugeben. Deshalb arbeitet man mit abgestuften Modellen – vom Training über Teilprogrammierung bis zur kompletten Automatisierung als Dienstleistung.
Besonders wichtig sind dabei fertige Libraries und Bausteine. Wer etwa aus der Siemens-Welt kommt, soll nicht auf einmal vor einem unüberschaubaren Codesys-Ökosystem stehen. Die Software muss helfen, nicht abschrecken. Murrelektronik setzt deshalb auf parametrierbare Bausteine, die die Hürde senken, ohne die Tiefe der Lösung zu verlieren. Auch bei IO-Link oder anderen Partnerprodukten geht es darum, Herstellerlogik zu abstrahieren und dem Anwender eine einheitliche Oberfläche zu geben.
„Wir haben unterschiedliche Bausteine in der Software. Im Expert Level kann man jedes einzelne Bit setzen. Bei den Basic-Bausteinen heißt es jedoch parametrieren statt programmieren. Nach ein paar Konfigurationsklicks läuft die Anlage meist schon“, erläutert Knoop. Genau dieser Schieberegler-Ansatz ermögliche es, Kunden dort abzuholen, wo sie stehen – ob als erfahrene Programmierer oder als Umsteiger, die sich erst in der neuen Welt zurechtfinden müssen.
Diagnose, Service, Zukunft
Ein weiterer Schwerpunkt des Standorts ist die Veranschaulichung der Diagnosemöglichkeiten die Vario-X bietet. LED-Ringe an Motoren, Zustandsanzeigen rundum, digitale Rückmeldungen über Cloud, HMI oder Servicezugang: All das dient dazu, Fehler schneller einzugrenzen und Inbetriebnahme wie Betrieb überschaubarer zu machen. Gerade bei komplexen Zellen mit vielen Antrieben hilft eine von allen Seiten sichtbare Anzeige mehr als eine schlecht zugängliche LED an einer ungünstigen Stelle. Das ist kein spektakuläres Detail, aber ein typisches Beispiel für den praktischen Nutzen des Systems.

Hinzu kommt die Offenheit für unterschiedliche Kommunikationswelten. Ethercat, Profinet, Ethernet/IP oder andere Feldbusse lassen sich softwareseitig umschalten, ohne die Hardware zu tauschen. Für den internationalen Maschinenbau ist das ein starkes Argument, weil sich Anlagen so mit derselben Plattform in verschiedenen Märkten einsetzen lassen. Im Zusammenspiel mit virtueller Inbetriebnahme, Condition Monitoring und Fernwartung entsteht daraus ein Baukasten, der den Standort in Kirchheim weit über den Charakter eines Technologievorführraums hinaushebt.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Ortes, an dem nicht bloß Komponenten gezeigt, sondern Denkweisen verschoben werden. Kirchheim steht damit für einen sehr praktischen Anspruch: Automatisierung soll einfacher, transparenter und näher an der Maschine werden. Und genau das ist hier nicht nur zu sehen, sondern im besten Sinne zu erleben.
















