Weniger Varianten, näher am Markt

Könnten Sie uns die Kernziele der Omron-Strategie Shaping the Future 2030 erläutern und wie diese Strategie den langfristigen Kurs des Unternehmens bestimmt?

Stéphane Chômienne: Shaping the Future ist für uns eine langfristige Strategie bis 2030. In den vergangenen Jahren haben wir mehrere Krisen erlebt – von Covid über Lieferengpässe bis hin zu geopolitischen Unsicherheiten. Das hat unsere Strategie spürbar beeinflusst. Im Kern geht es heute stärker denn je um Flexibilität: Wir wollen uns so aufstellen, dass wir schneller und robuster auf Kundenbedarfe und Marktschwankungen reagieren können.

Ein wichtiger Baustein dabei ist die Reduzierung unserer Abhängigkeit von China. Wir verfolgen das Ziel, jedes Produkt in mindestens zwei Werken in unterschiedlichen Regionen der Welt fertigen zu können. So schaffen wir mehr Resilienz in der Produktion und in der Supply Chain. Gleichzeitig wollen wir unser Produktportfolio fokussieren: Wir haben heute rund 70.000 aktive Typteilenummern. Ziel ist ein Kernportfolio von 30.000 bis 40.000 Teilen. Das erreichen wir durch Variantenreduktion, Parametrierbarkeit und breitere Abdeckung bei neuen Produkten.

Das heißt, weniger Varianten, aber mehr Flexibilität?

Genau. Für den Kunden soll es einfacher werden. Wenn er mit weniger Typnummern auskommt und trotzdem unterschiedliche Maschinenkonfigurationen abdecken kann, ist das ein Vorteil auf beiden Seiten. Gleichzeitig sichern wir die Verfügbarkeit besser ab.

Hinzu kommt: Unsere Produkte sollen insgesamt einfacher werden – einfacher zu bedienen, einfacher zu integrieren und einfacher in bestehende Maschinen- und Automatisierungsumgebungen einzubinden. No-Code-Ansätze, automatische Codegenerierung und Digital-Twin-basierte Entwicklung werden dabei immer wichtiger. Das hilft auch angesichts des Fachkräftemangels, weil dadurch komplexe Anwendungen zugänglicher werden.

Welche Märkte oder Themen prägen diese Strategie besonders?

Unsere fünf Zielindustrien bleiben dabei klar definiert: Mobility, Food and Commodity, Logistik, Digital und Medical. Besonders dynamisch sind derzeit Digital mit AI-Chips und Mobility mit der Batteriefertigung – dort wollen wir mit unseren Technologien gezielt unterstützen.

Omron hat den geografischen Fokus zuletzt angepasst. Was bedeutet das für Europa und die DACH-Region?

In den vergangenen Jahren lag der Fokus der gesamten Branche sehr stark auf China. Das bleibt zwar ein wichtiger Markt, aber die Gewichtung verschiebt sich. Europa und Nordamerika gewinnen an Bedeutung – auch wegen geopolitischer Entwicklungen und dem Wunsch nach mehr technologischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Für uns ist Europa zentral, und innerhalb Europas ist Deutschland der wichtigste Markt. Die DACH-Region hat eine hohe Innovationskraft. Wir wollen hier noch enger mit Kunden, Partnern und unseren Entwicklungsabteilungen in Japan zusammenarbeiten – um die Wege zu verkürzen und schneller von Marktanforderungen zu konkreten Produktanpassungen zu kommen.

2025 wurde das Automation Technology Center in Stuttgart eröffnet. Welche strategische Rolle spielt dieser Standort für Omron?

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Das ATC Stuttgart ist für uns weit mehr als ein Showroom. Es soll ein Kollaborationsraum sein, in dem wir mit Kunden an konkreten Applikationen und Fertigungsthemen arbeiten. Die Entscheidung für Stuttgart hatte auch mit dem lokalen Ökosystem zu tun – im Umfeld gibt es viele OEMs und Industrieunternehmen, die für unsere Zielmärkte relevant sind. Wir wollen dort Projekte gemeinsam entwickeln, testen und zur Marktreife bringen. Dafür bauen wir die Teams vor Ort, vor allem in Entwicklung und Applikation, gezielt aus.

Die Kunden profitieren von einem Ort, an dem sie nah an kompetenten Ansprechpartnern sind und konkrete Themen direkt bearbeiten können. Es geht um Entwicklung in Kundennähe, nicht um Produktpräsentation in einem neutralen Raum – das ist ein entscheidender Unterschied. Ein Beispiel ist die Bildverarbeitung in der Medizintechnik: Neue Prüfverfahren und Softwarelösungen können in Stuttgart gemeinsam entwickelt und getestet werden, hardware- wie softwareseitig. Das Feedback der Kunden ist bisher sehr positiv.

Sind weitere Standorte geplant?

Wir haben mit Barcelona ein historisches ATC, das weiterhin bestehen bleibt. Dort liegen die Schwerpunkte u.a. in der Nahrungsmittelindustrie sowie in der Antriebs- und Steuerungstechnik. Zusätzlich haben wir zwei Technologiezentren mit Robotik-Fokus, eines in Dortmund für Fixed Robotics und eines in Frankreich für Mobile Robotics.

Ob wir das Netz in Europa weiter ausbauen, ist offen, aber natürlich Teil unserer Überlegungen. Italien ist dabei durchaus ein interessanter Kandidat, weil dort ein starkes industrielles Ökosystem und wichtige Zielmärkte vorhanden sind.

Wie sieht Ihr technologischer Fokus für die nächsten Jahre aus?

Ein zentraler Schwerpunkt ist die Digitalisierung. Ende letzten Jahres haben wir mit DX1 eine neue Controller-Plattform auf den Markt gebracht, die die Digitalisierung bestehender Fertigungsanlagen unterstützt. Der Controller arbeitet nach einem No-Code-Ansatz und kann Daten von Maschinen und Steuerungen anderer Hersteller erfassen, ohne dass umfangreiche Programmierung notwendig ist. Damit können Anwender Informationen aus ihren Anlagen einfacher auswerten, etwa für KPI-Analysen oder zur Konsolidierung über mehrere Werke hinweg. Gerade weil viele Unternehmen heute noch mit fragmentierten Lösungen arbeiten, stoßen wir damit auf großes Interesse.

Parallel dazu erweitern wir unser Sensorportfolio. Dabei geht es nicht nur um eine größere funktionale Abdeckung, sondern auch um mehr Standardisierung. Neue Sensoren für Durchfluss und Temperatur sind Beispiele dafür. Ziel ist eine One-Stop-Lösung, die sich einfacher integrieren lässt. Wo früher mehrere Produktvarianten nötig waren, soll heute möglichst ein Standardprodukt genügen – über Parametrierung und Software abgebildet. Schnittstellenstandards wie IO-Link spielen dabei eine wichtige Rolle.

Welche Rolle spielen Datenanalyse, Machine Learning und KI in Ihren Automationslösungen?

Gerade in der Bildverarbeitung ist das ein großes Thema. Mit unserem neuen FH-Vision-System setzen wir auf automatische Parametrierung. Der Anwender muss also nicht mehr wie bisher alle Parameter als Experte manuell einstellen. Das System unterstützt die Anwendung deutlich einfacher und schneller.

Auch in der mobilen Robotik ist KI zentral, vor allem bei der Navigation. Dort sind selbstlernende und intelligente Verfahren ein wesentlicher Teil der Systemarchitektur. Wir sehen KI also nicht als isoliertes Schlagwort, sondern als Funktion, die in konkrete Produkte einfließt.

Wie wichtig ist die offene Systemintegration, etwa über OPC UA oder andere Standardprotokolle?

Sehr wichtig. Unsere Kunden erwarten Offenheit. Die Frage lautet heute immer seltener, ob ein Produkt von Hersteller A, B oder C kommt. Viel häufiger geht es darum, ob es in ein OPC-UA-Umfeld oder in ein Echtzeitnetzwerk integriert werden kann. Deshalb setzen wir konsequent auf die Unterstützung der gängigen Standards.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen im Zuge der Digitalisierung der Produktion?

Die größte Herausforderung ist Cybersecurity. Unsere Produkte müssen sicher sein und unsere Kunden vor externen Angriffen schützen. Der Cyber Resilience Act spielt dabei eine große Rolle. Wir arbeiten schon seit geraumer Zeit daran, unsere Produkte und Plattformen auf diese Anforderungen auszurichten. Das betrifft auch die mobile Robotik, wo wir unsere gesamte Plattform hardware- und softwareseitig überarbeiten mussten. Das sind keine kleinen Anpassungen, aber wir sind früh damit gestartet.

Was ich dabei beobachte: Viele Unternehmen beschäftigen sich immer noch zu spät mit dem Thema. Dabei wird es nicht reichen, erst kurz vor der Frist zu reagieren.

Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und CO2-Reduktion in Ihren Automatisierungs- und Produktentwicklungsplänen?

Eine sehr wichtige Rolle. Digitalisierung bedeutet für uns nicht nur Effizienzsteigerung, sondern auch Transparenz beim Energieverbrauch. Wir wollen nicht nur neue Maschinen unterstützen, sondern auch bestehende Anlagen und Prozesse modernisieren. Dafür arbeiten wir eng mit OEMs und Systemintegratoren zusammen. Gemeinsam können wir Lösungen anbieten, die den CO2-Footprint senken und die Lebensdauer von Anlagen verlängern.

Wie sieht Omron die zukünftige Rolle des Menschen in vernetzten, autonomen Produktionsumgebungen?

Das ist eine interessante, fast philosophische Frage. Die Idee der Dark Factory war vor einigen Jahren vor allem bei Automobilherstellern ein großes Thema. Ich glaube allerdings nicht, dass wir morgen oder übermorgen überall dunkle Fabriken sehen werden. Vielmehr werden viele manuelle Tätigkeiten schrittweise von Robotern übernommen. Die Rolle des Menschen verschiebt sich dabei: vom Bedienen hin zum Überwachen, Steuern und Optimieren. Digitale Werkzeuge und moderne Automatisierung helfen, diesen Übergang zu gestalten.

Wo sehen Sie Omron in drei bis fünf Jahren?

Wir wollen die Position von Omron in der DACH-Region und in Europa weiter stärken – eng verknüpft mit den Bedürfnissen des Marktes. Unser